Geisterstunde.

2016-10-14-18-22-46

„Komm, wir machen eine Kerze an“, hätte sie gesagt und die Heizung noch ein bisschen weiter aufgedreht.

Heute ist der Geburtstag meiner Großmutter. Sie ist vor 6 Jahren gestorben, aber es ist (ist!) immer noch ihr Geburtstag. Überhaupt fällt es mir schwer zu sagen: Sie war. Weil sie für mich: ist. Sie ist der Fels für die Brandung in meinem Kopf. Sie ist das Adamantium, das mich inmitten nuklearer Explosionen zusammenhält, wie Wolverine; das ist übrigens sehr cool. Sie ist also da, aber dann auch wieder nicht, nicht genug, immer nur so um Haaresbreite an meinen Fingerspitzen vorbei, immer nur so ein Windstoß. Das reicht nicht, aber es muss ja.

In meinem Schrank liegt eine alte Handtasche von ihr, mit Reißverschluss. Ein hässliches Ding, wie alle ihre Handtaschen. Den Reißverschluss mache ich manchmal auf und stecke den Kopf rein. Und atme tief ein, und weiß nicht genau, ob ich immer noch ihre scheußlichen Hustenbonbons riechen kann oder mir das nur einbilde. Dann mache ich den Reißverschluss wieder zu, damit in der Tasche alles so bleibt, wie es immer war. Wenigstens das.

Als sie starb, wohnte ich schon lange woanders. Siebenhundertdreizehn Kilometer zwischen uns. Ihr Tod ist für mich abstrakt, auch wenn ich mich von ihr verabschiedet habe. Oder gerade deswegen, denn ich erinnere mich nicht mehr an ihre oder meine letzten Worte, nur an die seltsamen Interferenzen ihrer flackernden Persönlichkeit im Krankenhauszimmer. Ihr Tod ist der fehlende Anruf am Freitag Nachmittag. Die ausbleibenden Päckchen mit in Servietten verpackten Süßigkeiten. Die nicht gesprochenen Worte.

Wenn ich heute das vertraute alte Haus betrete, um meinen Großvater zu besuchen, schreien mir ihre verwaisten Küchenschubladen empört ins Gesicht. Stasis überall. Es ist immerzu Herbst in diesem Haus, und zwar November. Vielleicht haben die anderen Familienmitglieder sich an die herumgeisternde Vergangenheit gewöhnt; sie sehen die Leerstelle nicht mehr so deutlich, während ich heimlich angeschlagene Keramiktassen streichele und mich in muffige Kleiderschränke setze. Oder vielleicht reden wir auch alle nicht drüber, während ein Hologramm meiner Oma mitten im Raum steht und fragt, wer noch ein Stück von der Eisbombe will.

 

 

 

 

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15 Gedanken zu “Geisterstunde.

  1. Ich vermisse meine Oma auch ganz doll. Omas sind irgendwie etwas besonderes… Ich hoffe, dass meine Mama auch so eine Oma für meine Tochter wird.
    Zuhause bewahre ich eine alte Teekanne aus Porzellan von ihr auf. Daraus habe ich jedes Mal Pfefferminztee bekommen. Sie hat schon immer gekleckert, aber das gehörte irgendwie dazu.

    Ich hätte meiner Oma noch gerne meine Tochter gezeigt, leider ist sie vor 3 Jahren gestorben.

    Solche Erinnerungen sind wichtig, auch wenn sie traurig machen!

    LG

    Kaya

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  2. Julia schreibt:

    Die Geister spuken auch hier. In Form von Gerüchen und Düften aus Handtaschen, in Hauseingängen, auf der Straße mittags um 12Uhr, wenn die Kartoffelsuppe von den Nachbarn in meine Nase, mein Hirn, mein Herz steigt.
    Vielen Dank, dass Du Deinen Geist und Deine Liebe in so schöne Worte und Bilder gefasst hast und mich damit in meiner Mitte triffst. Das ist ein tolles Geschenk!

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  3. Melanie schreibt:

    Das berührt mich sehr. Mein Opa war bei uns immer der Bäcker. Und als ob er es geahnt hätte, hat er mir kurz vor seinem Tod noch seine Teigschüssel vermacht (ein riesiges Teil das im Keller lagert) und mir noch gezeigt wie unser Weihnachtskuchen geht. Jedes Jahr an Weihnachten mache ich jetzt den Kuchen und zeige meinen Kindern wie das funktioniert. Heimat – aber auch immer feuchte Augen.

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  4. Mir ging es auch immer so, wenn ich das Haus meiner Großeltern nach ihrem Tod betreten habe. Selbst als die Möbel schon alle raus waren, schienen die Wände noch ihre Aura zu beherbergen. Und selbst jetzt, wo das Haus nicht mehr steht, und dumme Menschen ein hässliches Fertighaus auf das alte Bauerngut gebaut haben, scheint meine Oma noch in den Grashalmen der Wiese drum herum weiter zu leben.

    Die Erinnerung aber überkommt mich tagtäglich, wenn ich den alten Buffetschrank öffne, der früher in ihrem Wohnzimmer stand und nun in meinem trohnt. Es ist mir ein Rätsel, wie sie es geschafft hat, dass der ganze Schrank nach Moncherry riecht. Ich esse überhaupt kein Moncherry, aber es gab keine andere Option, als in diesem Schrank wieder die Süßigkeiten aufzubewahren, so wie es bereits meine Oma getan hat.

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  5. Meine Großmutter war räumlich oft weit weg, aber geistig präsent. Nach ihrem Tod habe ich sehr daran geknabbert, dass diese Unterstützung und unbedingte Liebe nicht mehr da war. Ich wünschte, ich hätte auch eine Handtasche von ihr!

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  6. Ganz ehrlich, ich kenne dich nicht, aber ich liebe dich!!! jedenfalls deine Bilder bei Instagram. deine Tweets und vorallem deine Texte hier!!! Aus meiner Seele gesprochen dieser wunderbare Beitrag :-)( Tausend dank das es dich und deinen Blog gibt!
    Julia aus Hamburg ❤

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  7. Toller, trauriger Text und er spricht mir aus der Seele. Meine (eine) Oma ist jetzt seit bald 7 Jahren tot. Ich habe sie nicht oft gesehen, weil sie weit weg wohnte, aber ich habe sie wirklich, wirklich lieb gehabt, inklusive der in Servietten verpackten Süßigkeiten. Weihnachten ist fest mit ihr verbunden, sie war eigentlich jedes Jahr bei uns, obwohl sie 8 weitere Enkelkinder in anderen Ecken Deutschlands hat. Es sind noch über 3 Monate hin, bis zu ihrem Geburts- und Todestag (sie ist einen Tag vor ihrem Geburtstag gestorben, das Jahr davor hat sie gesagt, dass sie nicht noch älter werden will und so war es auch), aber diese Woche habe ich berufliche Termien für diese Zeit geplant. Und natürlich war mein erster Gedanke „Da kann ich nicht, da hat doch Oma… moment… ach man.“

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  8. Hier auch… Und ich hab umso mehr Herzeweh, weil keine Omas wie meine Omas nachwachsen in meiner Familie. Weil meine Jungs das nicht mehr werden kennen. Und ja, ich habe auch den Geruch der Küche noch immer in der Nase, wie sich die Schürze meiner Oma anfühlt oder dass es kein Essen ohne Soße geben kann und über allem weht ein Hauch Tosca…
    Und Liebe.
    Danke für diesen Text ❤

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  9. Janine schreibt:

    Und ich dachte, nur ich bin so komisch drauf und bewahre typische Alltagsgegenstände meiner Großeltern auf… Eine Kittelschürze meiner Oma, ein total abgeschrammter Hut meines Opas und das (defekte) Nähkästchen meiner anderen Oma. Den anderen Opa konnte ich leider nicht mehr kennenlernen, aber ich vermute, es wäre noch ein Nudelholz zu meiner „Sammlung“ dazugekommen…

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