Ohne Worte.

Die Bahn fährt gerade in den Tunnel, als ich die Treppen zum Gleis hinabsteige. In 7 Minuten kommt erst die nächste. Ferienfahrplan und alles. Ich schlendere die U-Bahnstation entlang, wenigstens ist es hier unten schön kühl.

Patsch, macht es plötzlich. Ich schaue mich um. Sehe eine Frau auf der Wartebank sitzen, ein Kleinkind im Buggy vor sich. Neben ihr ein Typ, ins Handy vertieft.

Patsch, macht es wieder, und diesmal sehe ich: Die Frau schlägt ihrem Kind auf sein nacktes Bein. Ich rücke unauffällig näher. So nah, dass ich in normaler Lautstärke zu der Frau sprechen könnte, sollte ich das denn wollen. Oder wagen.

Die Frau steht auf und beugt sich über den Buggy, das Kind wirkt plötzlich so klein. Es sei schon wieder so anstrengend mit ihm, keift die Frau. Ja, sie keift. Dass sie wohl wieder andere Saiten aufziehen müsse! Dass sie ihm den Hintern versohlen werde, wenn sie erstmal zu Hause sind! Jeden Tag, bis er sie wieder respektiert! Dann hätte er wirklich mal Grund zum Heulen! Der Typ schaut von seinem Handy hoch, nur kurz, um anzumerken: Hörst Du, was Deine Mutter sagt! Reiß Dich zusammen jetzt!

Ich schaue die kleine Familie an. Versuche Blickkontakt aufzunehmen. Keiner merkt es.

Die Frau nimmt eine Trinkflasche aus dem Wagen und stößt sie ihrem Sohn grob in die Hände. Setzt sich wieder hin. Der kleine Junge grinst verunsichert. Das provoziert die Frau erneut – er solle nicht so unverschämt grinsen, sonst würde sie ihm jetzt und hier eine kleben!

Ich stehe daneben wie eingefroren. In 4 Minuten kommt die Bahn. Ich schwitze, dabei ist es doch so schön kühl hier unten. Was soll ich machen? Soll ich was machen? Und was? Ich will dem kleinen Kind so gern helfen. Es ist kaum drei Jahre alt. Was soll ich machen? Kann ich was machen? In meinem Kopf formuliere ich Sätze, schreibe sie um, entwerfe sie neu. Was könnte ich zur der Frau sagen, dass sie sich nicht angegriffen fühlt, aber irgendwie versteht, dass das nicht okay ist, was sie da macht? Sie strahlt eine solche Wut aus.

Ich finde keinen Satz, suche weiter, überlege. Sie wird das nicht toll finden, wenn ich was sage, wie umsichtig ich das auch formulieren mag. Sie wird meine unterdrückte Wut in meinem Tonfall hören, und meine Verachtung, und meine Selbstgerechtigkeit. Noch 3 Minuten bis zur Bahn.

Ich finde es ungeheuer wichtig, dem Jungen irgendwie zu vermitteln: Das ist nicht richtig, was Dir hier passiert. Ich sehe das. Ich bin erwachsen, wie Deine Mama, und ich sehe das und finde es nicht okay. Es ist nicht Deine Schuld. In diesem Moment gibt es nichts, was mir sehnlicher wünsche, als diesem Jungen ein klein wenig Integrität zu vermitteln. Und doch entscheide ich: Ich sage nichts.

Ich sage nichts, weil ich glaube, dass die Frau jegliche Einmischung als demütigend empfinden wird. Dass meine gut gemeinte Intervention ihre Wut schüren wird. Dass sie diese Wut zuhause an ihrem Sohn auslassen wird, dem vermeintlich Schuldigen für diese öffentliche Erniedrigung. Das ist Spekulation, aber ich halte dieses Szenario für wahrscheinlich genug, um den Mund zu halten. Die heruntergeschluckte Ohnmacht legt sich schwer auf mein Herz.

Die Bahn fährt ein. Ich gehe einen Schritt vor und schaue den Jungen direkt an. Er merkt das und schaut zurück. Ich lächele und winke ein bisschen, ein geheimes, sachtes Winken. Er reagiert nicht, wendet aber den Blick nicht ab. Ich steige in die Bahn und zwinkere ihm aus dem Fenster zu. Die Bahn fährt an, der kleine Junge bleibt in seinem Buggy auf dem Gleis zurück. Er hebt seine Hand und winkt der Bahn ganz zaghaft nach.

Ich muss weinen und setze meine Sonnenbrille auf. So schön kühl hier unten.


An dieser Stelle möchte ich auf ein wichtiges, großartiges Buch hinweisen: Es heißt „Klein“ von Stina Wirsén und ist im Klett Kinderbuch Verlag erschienen. In schlichten Illustrationen und klarer Sprache geht es darum, wie es ist, als kleines Kind zuhause Gewalt und Aggression zu ertragen. Wenn Kiddo demnächst in einen neuen Kindergarten wechselt, werde ich dieses Buch als Willkommensgeschenk in die Einrichtung mitbringen. Weil der Junge in der Bahnstation kein Einzelfall ist. Weil ich so sehr hoffe, dass ein Buch wie dieses einem Kind hilft, Worte zu finden.

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42 Gedanken zu “Ohne Worte.

  1. ‚Total schwierig sich einzumischen. Traue ich mich auch nicht. Wahrscheinlich hast Du Dir in die Tasche gelogen mit der vermuteten Reaktion des Kleinen. Aber was hättest Du auch machen können.
    Letzthin hatte ich den Impuls einer Mutter am Zigarettenautomaten zu sagen, dass ich es ja nicht cool finde, wenn sie ihrem Kleinen beibringt, wie das geht… aber habe es auch gelassen.

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    • maike schreibt:

      Ich sehe einen großen Unterschied zwischen dem Zigarettenautomaten und körperlicher Gewalt gegen Kinder. Das eine ist wirklich eine herablassende Einmischung, wo dem Kind nichts droht oder angetan wird, außer vielleicht ein zweifelhafter Lebensentwurf vorgelebt wird, aber sich da immer einzumischen, ist doch irgendwie gehässig. Ich habe den Post auch nicht so verstanden, dass sich hier nicht getraut wurde, sondern es die berechtigte Annahme gab, dass man was fürs eigene Gewissen tut und das Kind es ausbaden muss. Und in die Tasche gelogen klingt komisch in meinem Ohren. Ich hatte solche Kontaktmomente auch schon mit Kindern, was lügt man sich denn da in die Tasche?

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  2. Wenn kinder, die nicht meine sind gewalt ausübten, war ich die ersten male tief verunsichert, ob ich eingreifen kann, darf, sollte,… dann trafen wir in einem kindercafe auf ein kind, es war ein mädchen, das allen kindern auf grausame art und weise weh tat, denen es einfiel auf sichtweite an es herran zu treten. Die anderen elternteile waren zu tiefst verunsichert, sowas hatte keines von uns jeh erlebt. Ich gewann unglaubliche selbstsicherheit, als ich es so um die 10 mal von kindern runter holte, seine krallenden finger von armen, rücken und haaren lößte und zu ihm, wie zu meinen kindern sanft sagte, dass die anderen kinder heile bleiben wollen und es friedlich bleiben soll. Ich sprach klar und ruhig mit ihm. Vielleicht eine neue erfahrung.
    Es schaute mich mit großen augen an und ging jedes mal fort, um sich das nähste opfer zu suchen. Nachgedacht, wie das kind sich zu hause verhalten wird habe ich nicht.
    Mal pädagogisch betrachtet, warum sollten wir mit erwachsenen strafmündigen menschen nachsichtiger umgehen, als mit kindern? Weil, wie du ganz klar benennst, das kind den eltern ausgeliefert ist. Sie ihre gefühle an ihm auslassen und nach einem muster fühlen in dem ihr verhalten legetimiert ist. Dieses muster ist das grundproblem. Ich denke, dass dieses muster durchbrochen werden kann, wenn wir alle unsere gesellschaftliche pflicht leben, schutzbefohlenne zu schützen und anmerken, dass das gar nicht geht, was dem kind geschieht.
    Ich schäme mich sehr, dass ich weiter gegangen bin, nachdem ich einer frau begegnet war, die eine fast drei jährige in einem buggy festgeschnallt und ihr mit einem gürtel die beine gefesselt hatte, das kind schrieh, schon heiser und knallrot. Ich hatte der freu klar gesagt, dass ich entsetzt bin und sie das mit dem kind nicht tun darf. Sie hatte mich angekeift, dass ich ja die bullen rufen könne, wenns mich stört.
    Das ist jetzt 10 jahre her, ich war zu spät dran, viel zu spät, ich hatte kein handy, ich sah mich nach der nächsten telefonzelle um, über die große kreuzung stand eine, ich sah dem kind nach, das schnell weggeschafft wurde, ich ging weiter…
    Nachdem meine tochter gestorben ist, habe ich mich manchmal gefragt, ob es die strafe dafür ist, dass ich weiter gegangen bin. Ich habe in diesen 10 jahren sehr oft an dieses kind gedacht, das werde ich mein beben lang.
    Seit dem rufe ich die bullen, wenn ich gewalt sehe, in die ich mich nicht traue selbst ein zu greifen. Auch, wenn ich die polizei nicht leiden kann und von ihnen mehr gewalt gesehen habe, als von sonst irgendwelchen menschen in zivil.
    Ich habe seit dem nicht eine einzige körperverletzung von erwachsennen an kindern gesehen, aber wenn das noch ein mal vorkommt, dann erstatte ich anzeige, dann kommt das jugendamt und schaut und wenn das kind dann wirklich glück hat, profitiert es davon, ich bin auch kein fan vom jugendamt.
    Wenn ich psychische gewalt sehe, dann liegt mir immer auf der zunge, hey, du, mach das nicht, was ist, wenn du es morgen nicht mehr gut machen kannst, ich würde nicht damit leben können, wäre ich mit meinem kind je so umgegengen?! Schon jedes schreien aus übervorderung frisst mich auf.
    Aber die überwindung ist zu groß und die tränen rollen zu früh…
    Lovis

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    • „nachdem ich einer frau begegnet war, die eine fast drei jährige in einem buggy festgeschnallt und ihr mit einem gürtel die beine gefesselt hatte, das kind schrieh, schon heiser und knallrot. “

      Bei der Vorstellung bleibt mir grad meine Schokolade im Hals stecken. So, so traurig.

      „Nachdem meine tochter gestorben ist, habe ich mich manchmal gefragt, ob es die strafe dafür ist, dass ich weiter gegangen bin. Ich habe in diesen 10 jahren sehr oft an dieses kind gedacht, das werde ich mein beben lang.“

      (((Lovis))) *dicke fette Jedi-Hugs*

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  3. LadyBee schreibt:

    Eigentlich sitze ich meist leise kichernd hier, wenn ich Deine Texte lese. Jetzt leise weinend.
    Falls es Dir hilft: Ich glaube, Du hast gut daran getan, Dich nicht einzumischen. Ich habe mich einmal eingemischt. Bei meinen Nachbarn, die ihr Kind oft ähnlich lieblos behandeln. Und da ist es am Kind ausgelassen worden. Jetzt fühle ich mich immer nur schlecht, aber mache nichts mehr.

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    • Ich habe mal einen Vortrag eines Psychologen gehört, der sich mit Opfern von Gewalt im öffentlichen Raum beschäftigt. Er riet, immer das Opfer anzusprechen, nicht den Täter. Das helfe oft, eine Eskalation zu vermeiden. Daran dachte ich in dem Augenblick. Aber das Kind anzusprechen, dazu ein so kleines, dafür habe ich einfach keinen Weg gefunden. Ich grübele immer noch, was richtig gewesen wäre, aber ich weiß es nicht.

      Siehst Du das Kind Deiner Nachbarn regelmäßig? Würde es vielleicht helfen, ihm irgendeine Form von Verständnis, Gesehen-werden, was weiß ich zukommen zu lassen? Ach, ich weiß auch nicht, es ist so schwer.

      Und mir wurde wieder klar, wie schmal der Grat ist zwischen Eingreifen und Nicht-Eingreifen. Rufe ich die Polizei oder das Jugendamt, weil Leute gemein zu ihren Kindern sind? Wo fängt strafbare Handgreiflichkeit an? Wo ist der Punkt, an dem Behörden tatsächlich etwas unternehmen können? Mensch…

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      • Ich antworte hier mal für euch beide:

        Das Opfer anzusprechen funktioniert vermutlich nur bei annähernd Erwachsenen Menschen. Kinder sind viel zu sehr auf ihre Eltern angewiesen und habe keine Chance, sich gegen sie zu wenden. Manche vertreten sogar die Meinung, dass man Kindern in solchen Situationen nicht zeigen sollte, dass das, was ihre Eltern tun, nicht okay ist. Sie können es nicht ändern und sich auch nicht wehren, es würde eventuell nur schwerer werden, das auszuhalten, wenn man weiß, dass das nicht normal ist und stürzt die Kinder in Loyalitätskonflikte.

        Was man immer machen kann, ist, das Jugendamt verständigen, gerne auch anonym. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund wollen das viele nicht, obwohl man da echt keine Angst haben muss. Die Mitarbeiter_innen überprüfen das Ganze und leiten gegebenenfalls Hilfen in die Wege. Das Problem, wenn man solche Situation in der Öffentlichkeit beobachtet, ist natürlich, dass die Personen hinterher nicht aufzufinden sind. Bei der Angabe „In Frankfurt schreit eine blonde Frau ihr 3-4jähriges Kind an“ kann das Jugendamt logischerweise kaum heraufinden, um wen es sich da handelt. Aber wenn es die eigenen Nachbarn sind, von denen man logischerweise die Adresse kennt? Das sind meiner Meinung nach die Momente, wo man nicht wegschauen sollte, sondern eingreifen muss.

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      • Birte schreibt:

        Ich bin froh, dass du zu dem kleinen Jungen Kontakt aufgenommen hast. Wirklich! Aus eigener Erfahrung, ich wiederhole mich hier, sorry, meine ich aber außerdem: Dem Kind kann es die Welt bedeuten, wenn jemand ihm direkt sagt, „das dürfen die Großen nicht“. Dass auch ein noch nicht mal Dreijähriger verstehen kann, wenn jemand das sagt – und noch hinzufügt, „DU hast nichts falsch gemacht“, würde ich auch meinen. Unter zwei, schwierig. Gab übrigens vor einiger Zeit hier einen Text dazu: „http://www.tragzeit.de/blog/was-tun-wenn-kind-in-der-offentlichkeit-geschlagen-oder-gedemutigt-wird/“ Ich zitiere: Was mir aber am wichtigsten ist, ist dem Kind zu sagen, dass so etwas NIEMAND, auch nicht die Eltern mit ihnen machen dürfen. Das es verboten ist. Sie sind wertvolle Menschen und verdienen es, dass freundlich und ehrlich mit ihnen umgegangen wird. Bleiben wir allerdings daneben stehen und tun nichts, bleibt das Gefühl beim Kind, dass es wirklich so ist, wie die Eltern mit ihnen umgehen.“

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    • Martha schreibt:

      Gibt es in solchen Fällen keine Möglichkeit ein Amt einzuschalten? In der Schweiz kann man in solchen Situationen eine annonyme Gefährdungsmeldung machen, dann MUSS abgeklärt werden, wie’s dem Kind in der Familie geht.

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      • Nadine schreibt:

        Ich beziehe mich hier auf den Kommentar von Birte, auf den ich allerdings grad irgendwie nicht direkt antworten kann.
        So, wichtig wie ich es auch finde, dass dem Kind gesagt wird, dass auch seine Eltern es nicht schlagen dürfen, so kritisch sehe ich das aber, wenn dieser Satz von jemanden Wildfremden kommt, den das Kind dann auch nicht wieder sieht… Was soll das denn bringen? Mal angenommen, dass das Kind einem glaubt, dann steht es erstens vor einem ziemlich heftigem Gewissenskonflikt und hat zweitens niemanden, der ihm weiterhelfen kann.
        Ich finde es daher wichtiger, dass solche Themen z.b. auch in den Kitas mit den Kindern besprochen werden und dort dann die Kinder auch die Möglichkeit haben, sich den Erzieher*innen anzuvertrauen, die ihnen (und den Eltern) dann auch weiterhelfen können.

        Tendenziell denke ich, ist es besser, wenn man die Eltern auf eine verständnisvolle Weise anspricht (sie erstmal in ihrem Ärger abholt) und dann evtl. darauf lenkt, dass Schläge keine Lösung sind…

        Alles Liebe ♥
        Nadine

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  4. Ich kenne das Ganze sowohl aus beruflicher Perspektive und bin auch schon privat Zeugin von diversen unschönen Vorfällen geworden.
    Und so unschön das alles war, möchte ich dir hiermit ganz offiziell bestätigen, dass du nichts falsch gemacht hast. Es gibt nichts, was man als Fremder in solchen Momenten tun kann, um die Situation für das Kind zu verbessern (und tatsächlich besteht dafür die Gefahr, sie zu verschlimmern). Oft wissen die Eltern, dass das, was sie tun, nicht richtig ist und können einfach nicht anders. Aus Überforderung oder weil sie es selber auch nicht anders kennen. Das ist keine Entschuldigung, aber wenn sie eh schon wissen, dass es falsch ist, und es trotzdem tun, werden sie es nicht ändern, nur weil eine Passantin das sagt.
    Wenn Eltern so mit dem Kind umgehen, gibt es so viele Probleme in der Familie, dass die nicht durch Passanten im Vorbeigehen zu ändern sind. Leider…

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    • Danke für Deine Perspektive! Ja, das ist es eben, was ich mir dachte: Wenn die Frau dieses Verhalten so verinnerlicht hat, dass sie es in aller Öffentlichkeit ausübt, wird sie auf meine Worte hin kaum denken „Ach ja, das ist falsch, das lasse ich jetzt.“

      Andererseits ist da die kleine Hoffnung, dass irgendwas passiert im Kopf, ein Nachdenken später, ein „Wieso hat diese Tussi sich eingemischt, was war denn deren Problem“ oder was weiß ich. Aber wahrscheinlich mach ich mir da was vor.

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      • So traurig das ist, aber ich befürchte, da machst du dir wirklich was vor 😉 Diese Menschen denken halt nicht wie die meisten anderen. Manche denken in einem langen Prozess irgendwann um und kriegen die Kurve und manche auch niemals.

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      • ich kann nur aus eigener erfahrung sagen: ich bin einmal auf mein gewaltvolles verhalten einer andere_n person gegenüber in anwesenheit von kind im öffentlichen raum angesprochen worden, und das hat in der situation sehr wohl geholfen und mich/uns sofort aufhören/ uns schämen/nachdenken lassen. auch noch danach zuhause.das ist klar nicht auf jede*n übertragbar, aber gleichzeitig denke ich ein nicht einmischen ist auch nicht (immer) der richtige weg. ich selbst stehe bei solchen beobachtungen auch meist ratlos, angewurzelt und ohnmächtig da. aber ich finde da auch oft die frage hilfreich: was würde man tun, wenn das kind eine erwachsene person wäre? puh, kack welt ey. danke fürs teilen!

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    • LadyBee schreibt:

      Danke!
      Mein Einmischen war genau, das Jugendamt einzuschalten – anonym, mir sind die Leute ja auch nicht geheuer, weil sie sich so wenig im Griff haben. Und genau das wurde dann dem Kind zu Last gelegt. Seitdem darf das Kind auch nicht mehr mit meinem Kind oder anderen Nachbarskindern spielen. Somit habe ich auch keine Gelegenheit mehr, dem Kind Verständnis oder dergleichen entgegen zu bringen. Das war tatsächlich auch meine vorherige Strategie. Dabei finde ich miamenschenkinds Beitrag zu den Loyalitätskonlikten sehr bemerkenswert…

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      • Das ist dann fürs Kind natürlich so ungünstig wie irgendwie möglich gelaufen. Hat das Jugendamt irgendwelche Maßnahmen ergriffen? Wobei man als Nachbarn vermutlich nicht mitbekommt, ob die nun einen Elternkurs besuchen oder regelmäßig beim Jugendamt antanzen müssen…

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  5. ich habe gänsehaut bekommen. die ganze zeit dachte ich beim lesen. sag was! sag was! und dann, aber was bitte? und, ja. macht das nicht alles noch schlimmer? der ansatz einer vorkommentatorin, an das kind heranzutreten, finde ich gut. vielleicht wäre eine blödelei möglich? oder irgendein idiotisches nachfragen oder kommentieren zu den eltern!? damit die situation an sich entschärft wird? keine ahnung. das eigentlich schlimme ist ja, dass ich erst jetzt darüber nachdenke, wie man in solchen grenzwertigen situationen reagieren soll. bei den eindeutigen, ja, da ist es klarer. aber diese vielen grauen momente. das ist wie beim streit der nachbar*innen – ab wann rufe ich die polizei? danke dir sehr für deinen text, den denkanstoß, den buchtipp ❤

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    • Interessanter Gedanke – vielleicht etwas völlig anderes ansprechen bei den Eltern, so in einem Moment der Pause, als wüsste man gar nichts von dem Konflikt. Sich als Touristin ausgeben und nach dem Weg fragen vielleicht, bei der Gelegenheit das süße Kind loben, eine Frage stellen…keine Ahnung. Irgendwas, das ein bisschen Freundlichkeit und Respekt in die Situation bringt. Und sei es nur vorübergehend.

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      • Hey,

        ich kenne solche Situationen leider auch, möchte nicht nichts tun, aber auch nicht dazu beitragen, dass sich die Wut potenziert. Was ich mal in der Bahn gemacht habe und deiner Wegfrag-Methode meiner Meinung nach sehr nahe kommt: Mit dem (kleinen) Kind „Kuckuck“ spielen. Das Kind hörte auf zu knöttern, fing an zu lächeln, lachte. Die Mutter, die das Kind vorher anschrie und mit erhobener Hand drohte, ignorierte mich erst bewusst. Als ihr Kind lachte, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, erst dann konnte sie mich ansehen. Es kostete mich wahnsinnige Überwindung, aber ich blickte ihr länger in die Augen und murmelte so etwas wie „Es gibt so Tage…“. Die Wut schien zumindest erst mal raus zu sein. Bei einem größeren Kind bin ich auch schon mal dazwischengeplatz und hab gefragt, ob es Fußballsticker sammelt, die bei mir in der Tasche rumflogen. So konnte ich das Kind in ein kurzes Gespräch verwickeln. Der Vater beruhigte sich und erzählte mir dann ganz stolz, dass sein Sohn auch schon ganz toll Fußball spielt.
        Ich will das nicht verklären, aber ich glaube, diese Eltern sind in solchen Situationen oft in der gleichen Situation, wie du mit dem Kiddo auf der Verkehrsinsel vor dem Karstadt am Hermannplatz damals, nur dass sie wahrscheinlich nicht gelernt haben, anders als mit Gewalt zu reagieren. In solchen Momenten brauchen sie eher einen Riegel Kinderschokolade, keine Belehrungen oder Sprüche von Fremden. Und ich bin keine Sozialpädagogin, die umfangreich intervenieren kann, nur ein anderer Elternteil, bei dem auch mal die Nerven blank liegen.

        Bei den Nachbarn, die sich lautstark streiten, rufe ich die Polizei bei „Aua“, „Hilfe“ oder Schreien, die Schmerz signalisieren; hört man Kinder dazwischen, schon früher. Das musste ich in unserem Haus zum ersten Mal im Leben und seit dem leider auch öfter.

        Die Polizei weiß manchmal auch schon, um wen es sich handelt, weil sich oft doch mehr Leute kümmern und anrufen, als man denkt. Als auf der Müllerstraße im Wedding eine Mutter ihr Kind prügelte, wussten die schon die Merkmale und fragten nur noch, ob ich ebenfalls diese Person meine. Das zu der Befürchtung, dass der Anruf bei der Polizei ja nichts bringe, wenn man die Person nicht kennt. In U-Bahnstationen gibt es ansonsten ja auch diese Infosäulen, wo man „bedrohliche Situationen“ melden kann. Ist für das Kind ja schließlich eine bedrohliche Situation.

        Den Mut, mich (leider nur verhalten) eunzumischen, habe ich leider auch erst, seit es mal für mich schwanger in der Bahn brenzlig wurde (und sich niemand einmischte).

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  6. Oh Mann, das Thema ist so so traurig! Danke, dass du darüber geschrieben hast. Die armen Kinder! Ich habe neulich vom anderen Ende der Straße ein so unglaublich lautes Klatschen gehört und dann hat ein ca. 6-jähriges Mädchen neben seiner Mutter angefangen zu weinen und sich die Wange gehalten. Sie hatte echt Schmerzen, das hat man gehört. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs und bin ihnen noch kurz gefolgt, habe überlegt, ob ich was sagen soll. Aber die Mutter hatte noch ein Kind im Buggy dabei und sah einfach so unglaublich fertig und gereizt aus, dass ich mir recht sicher war, sie würde die Einmischung am Kind auslassen. Vor allem da die Ohrfeige ohnehin schon sehr heftig und vermutlich routiniert war. Aber die Situation lässt mich auch nicht los… Was kann man machen? Handyfoto und eine Website der „Schande“…? Ansonsten fällt mir bei unbekannten nicht viel ein. Aber der Gedanke an die hilflosen kleinen Kinder, die sich auch noch selber die Schuld geben, ist so schlimm!

    Liebe Lovis, bitte bitte hör auf zu denken, dass der Tod deiner Tochter eine Strafe für dein Handeln war! Bitte ! Ich weiß, wieso der Gedanke da ist, einfach weil du bereust, nicht geholfen zu haben. Aber die Schuldige war die Mutter der 3-jährigen, nicht du! Du bist ein guter Mensch, sonst würdest du nicht immer noch daran denken. Und nach den anderen Kommentatorinnen hättest du vermutlich ohnehin nicht helfen können. Bitte versuche das Bild aus dem Gedächtnis zu bekommen und versuche dir das kleine Mädchen jetzt als den starken, frechen und lustigen Teenager vorzustellen, der sie (hoffentlich) geworden ist!

    Danke für den Tipp mit dem Buch. So werde ich es auch machen!

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  7. Das klingt klasse, so plötzlich aus der situation gerissen, fällt den eltern vielleicht auf, dass sie gerade total aggressiv sind.
    Aber das mit den loyalitätsproblem, sehe ich anders, mein freies zu hause war immer mal wieder eine rettungsinsel, für kinder, die psychischer und körperlicher gewalt ausgesetzt waren. Drei mal standen freundinnen vor meiner tür, die ausgerissen waren. Und wichtig ist für diese kinder vor allem, dass sie die denkstruktur und die welt- und selbstsicht ihrer eltern auf sich nicht übernehmen, da stärkt es die kinderseele, damit der gedanke, dass das falsch ist wachsen kann, sowie damit auch das selbstvertrauen.
    Eine freundin habe ich behutsam darauf angesprochen, dass sie sobald ihr kind zickig oder unkooperativ ist, zu ihm sagt:“ Es ist schrecklich mit die!“ Sie sagt dann noch mehr, aber dieser satz taucht jedes mal auf.
    Meine freundin ist zusammengebrochen und hat bitterlich geweint, genau diesen satz hatte ihre mutter ihr immer gesagt, wenn sie wieder nicht genügte. Es war ihr nicht bewusst gewesen. Und was ich wirklich unglaublich fand, ab da hörte ich diesen satz von ihr nie wieder, wirklich, zumindestens in meiner gegenwart, kein einziges mal mehr! Wenn wir mit menschen bekannt sind, können wir auf jeden fall denkanstöße setzen.
    Als wir schuhe kaufen waren, war die kleine sehr interessiert an einer situation, in der ein elternteil nur böse worte für seine kinder kannte und hauptsächlich befehle, als die kleine sehr nahe an den menschen heran ging, weil sie sowas noch nie gesehen hatte, sagte ich zu ihr,“Kleine, komm mal her, ich möchte nicht, dass du so nah an den da ran gehst, er ist total aggressiv, an aggressive menschen gehen wir nicht so nah ran, bitte komm mal her, maus, der ist mir wirklich viel zu aggressiv.“
    Das hat gut geklappt, ich habe nicht sein verhalten gegenüber seinen kindern kritisiert, so konnte er ihnen nicht die schuld für die kritik geben. Er wurde deutlich ruhiger…

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  8. Martha schreibt:

    Das sind so schwierige Situationen, auch mir fällts schwer, dazwischen zu gehen. Einmal hab ichs gut hingekriegt. Die Mutter kannte ich sehr flüchtig und mir war schon aufgefallen, dass sie sehr grob mit ihrem Kind (damals ca 2 Jahre) umgeht, das Kind wiederum (wen wunderts) recht auffällig und aggressiv war.
    Auf dem Spielplatz stand ich neben ihr, sie gab ihrem Kind einen heftigen Klaps, nachdem das Kind an ein anderes geraten war.

    Da schritt ich ein: „Nicht hauen!“…. sie kuckte irritiert und verschämt.
    Ich sagte (in etwa): „Es ist anstrengend für dich mit ihm grad, hm?“
    Sie (erleichtert): „Ja, sehr …das Kind ist (dann folgte was das Kind alles tut oder eben nicht).“
    Ich: „Meine Eltern haben mich auch gehauen. Möchtest du wissen, wie mein Verhältnis zu ihnen ist?“
    Sie: „Nicht gut…?…bei mir auch, meine Eltern haben auch geschlagen… ich will nicht, dass mein Kind auch so ein schlechtes Verhältnis zu mir bekommt.“

    Ich hab ihr dann die kostenlose Familienberatung empfohlen. Ich weiss nicht, ob sie hingegangen ist. Aber was ich für mich gelernt hab ist, dass es in dieser Situation der richtige Weg war, sie nicht zu verurteilen, sondern, offen zu sein.

    Muss gestehen, in geschilderten Fällen würde mir das wahrscheinlich nicht gelingen, aber da war’s eben gut. In ähnlichen Situationen würde ich das immer wieder tun.

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  9. ojemine schreibt:

    Jetzt hab ich auch mitgeweint..stimme dem letzten Beitrag von Lovis zu, wegen dem Loyalitaetskonflikt. Kinder kennen doch nur die Realitaet, die ihnen ihre Eltern bieten,besonders kleine Kinder. Und wenn diese eine gewaltaetige, ungerechte ist, dann brauchen sie doch die Bestaetigung der Aussenwelt, dass die Gewalt, die sie erfahren, nicht richtig ist, um zu wissen, dass sie nicht selbst Schuld sind.
    Natuerlich besteht immer die Gefahr, dass man was sagt und dann muss das Kind dafuer buessen. Aber das muss es doch sowieso, weil es die Milch verschuettet hat, weil die Eltern muede sind, warum auch immer, hoffe ihr versteht was ich meine.

    Ich war auch mal in so einer Situation, ein Vater, der mit seinem vielleicht Achtjaehrigen hinter mir geht, der Junge albert ein bisschen rum, der Vater: „Hoer auf, oder ich hau dir eine rein“ Und der Junge darauf, in einem Tonfall zwischen Trotz und Angst: „Du sollst mir keine reinhauen“ Hab die Stimme immer noch im Ohr, ist schon Jahre her, und ich koennte immer noch heulen deswegen. Hab ueberlegt, in dem Moment, ob ich richtig gehoert hab, ob ich mich umdrehen soll, was sagen, war ganz starr vor Schreck.
    Nichts hab ich gesagt, haette ich aber machen sollen. Dem Jungen sagen: Du hast recht, er soll dich nicht hauen, er darf das nicht, niemand darf das.

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  10. johanna _brln schreibt:

    Das Buch ist wirklich ausgezeichnetl! Ich werde unserer Kita auch ein paar Exemplare spendieren – in den Haushalten, wo es nötig wäre, gibt es das ja nicht.

    Der Deutsche Kinderschutzbund empfiehlt, immer klar zum Ausdruck zu bringen, dass das Verhalten gesehen wird und nicht in Ordnung ist. Wegschauen ist mit Billigung gleichzusetzen – sowohl als Signal für die Eltern, aber auch für das Kind.
    Ich finde das auch unheimlich schwierig und weiß nicht, ob ich es könnte und was ich sagen sollte. Aber ich nehme das jetzt mal zum Anlass, mir etwas auszudenken und dann parat zu haben. „Einmischen“ hat sowas von „nichts angehen“. Aber es geht mich was an. So, das beschließe ich jetzt einfach.

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  11. Anne schreibt:

    Ich finde das auch eine sehr schwere Situation, die ich so und ähnlich auch erlebt habe. Auch mir hat sich tief eingeprägt, dass es für Kinder wichtig sei, zu erfahren, dass andere Menschen das Tun nicht billigen, indem sie es bemerken und nichts tun. Aus einem Workshop für Zivilcourage habe ich den Satz mitgenommen (sicher, ruhig und bestimmt): „Hören Sie auf damit!“. Wie Johanna schreibt, es soll helfen, sich den Satz vorher immer wieder einzuprägen, und in der Situation nicht zu lang zu zögern, denn umso ,mehr steigt die Wahrscheinlichkeit, sich gar nicht mehr zu trauen.

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  12. Ich hab Gänsehaut am ganzen Körper, hätte mich vermutlich genauso verhalten wie du und mir nachher wochenlang den Kopf darüber zerbrochen. Die Idee etwas ganz anderes anzusprechen finde ich für die Situation genial, wäre ich niemals drauf gekommen… Rettet aber leider wohl nur den Moment und regt nicht zum nachdenken an. Hoffen wir für den kleinen Mann einfach nur dass es in seinem Umfeld Leute gibt die ganz nah dran sind, die die Situation beurteilen können und eingreifen wenn so etwas regelmäßig passieren sollte und beten wir dass ihm so etwas nicht regelmäßig passiert.

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  13. MittwochMitRübchen schreibt:

    Seltsam, dass mir solche Geschichten erst richtig nahe gehen, seit ich selbst einen kleinen Sohn habe. Vorher war ich mehr über die Eltern empört, habe mich gefragt, was in deren Leben schief gelaufen sein mag. Heute denke ich vor allem, wie furchtbar ist es für das Kind, so ausgeliefert zu sein. So lieblos behandelt zu werden, noch dazu von einem Menschen den man liebt. Nicht gesehen zu werden ist schlimm. Für Kinder ist es sicher mehr als das; es zerstört einen Teil ihrer selbst.
    Ich war viele Jahre mit einem Mann zusammen, der als Kind regelmäßig von seinem Stiefvater geschlagen worden ist, teilweise mit schweren Verletzungen. Glücklicherweise ist er zu einem Menschen herangewachsen, der Gewalt kategorisch ablehnt und das, was ihm widerfahren ist, als falsch erkennt. Wir haben einmal auf einem Zeltplatz eine Szene mit angehört, bei der ein kleiner Junge, etwa fünf Jahre, von seinen Eltern beschimpft und geschlagen worden ist, weil er nicht schlafen gehen wollte. Mein damaliger Freund und ich lagen schon im Zelt, wir waren müde und schon fast eingeschlafen. Er ist aufgestanden, zu der Familie neben uns gegangen und hat in ruhigem Ton gesagt, dass er es nicht richtig findet, dass die Eltern ist Kind schlagen. Ich denke, er hätte sich in seiner Kindheit mehr Menschen gewünscht, die sich „einmischen“. Ich wünsche mir eine ebensolche Courage, wenn ich einmal so etwas beobachten sollte.

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  14. Lilli schreibt:

    Ich glaube auch, dass diese Familie ein „hoffnungsloser Fall“ ist. Eine so dunkle, von beiden Seiten gestützte Grundhaltung kann man mit einem Kommentar nur weiter härten. Nach dem Motto „wir normalen gegen die verweichlichten Ökomuttis“.

    Als ich meine erste Studenten WG mittem im Wedding hatte, lebte gegengüber eine Roma Familie mit 7 Kindern. Völlig egal wo sie herkommen und wer sie sind- das sei hier bitte betont, so etwas kann in allen Kulturkreisen vorkommen. Alle Kinder waren extrem verwahrlost und die ganze Nachbarschaft kannte die unfassbare Gewalt die dort vorherrschte, wir haben es alle gehört. Es gab eine Familienbetreuerin des Jugendamtes. Ständig meldeten die Nachbarn etwas. In einer Nacht im Dezember, sah ich wie die Eltern ihren 8 jährigen aus dem Hauseingang prügelten. Ich rief die Polizei. Die Polizei suchte das Kind um es dann den Eltern wieder zu bringen. Sonst passierte NICHTS. Ich will nicht wissen, was ich diesem Kind damit angetan habe. Ich bin unfassbar sauer auf die schlampige Polizei. Da frage ich mich schon, liegt es daran, dass das Kind „Ausländer“ ist? Hätten die Saftsäcke von Polizisten auch ein deutsches Kind ohne Gedanken in die gewaltvollen Hände ihrer Eltern gebracht? Es ist und bleibt alles furchtbar traurig. Wir können das nicht ändern. Und trotzdem sollten wir uns nicht verschließen. Auch kleine Gesten können diesen armen Kindern etwas geben. Auch wenn es nur der oben angesprochene Gedanke ist: ich sehe, dass das falsch ist, was dir geschieht.

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  15. Toller und nachdenklich stimmender Text. Manchmal sieht man sich selbst kopfschüttelnd durch den Alltag gehen, wenn man auf die kleinen Reaktionen im Alltag von Menschen aufeinander achtet. Da registriert man viel gegenseitige Abneigung. Kann ich nicht verstehen. Zumal Menschen, die sich nahestehen.

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  16. Nadine schreibt:

    Auch wenn viele meiner Vor-Kommentatoren anderer Meinung sind, möchte ich dir noch mal sagen, dass ich (wahrscheinlich) genauso reagiert hätte. Denn wer hätte den wirklich den Mut, diesen beiden Erwachsenen die Meinung zu sagen?
    Bei Leuten, die ich irgendwie kenne (und die mich kennen), würde ich dann so reagieren, wie Martha beschrieben hat: Mit viel Verständnis für die Situtation auf das entsprechende Elternteil zugehen.

    Alles Liebe ♥
    Nadine

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  17. Lilian schreibt:

    Musste auch gleich weinen bei Deiner Geschichte. Bitte mach‘ Die keine Vorwürfe, dass Du nichts gesagt hast – immerhin hast Du dem Kind gezeigt, dass es noch andere Erwachsene gibt und einen kurzen Moment Auszeit in einer unerträglichen Situation geboten.
    Vorgestern bei dm ist mir etwas ähnliches passiert, Minime spielte versunken am Spielwürfel, dann kam ein anderes Kind und machte mit, mir ist nichts aufgefallen, doch plötzlich Schoß die Mutter des anderen Kindes hinter einem Regal hervor, ohrfeigte ihn zweimal und brüllte ihn an: „Du kannst doch so ein kleines Kind nicht hauen! Warum machst Du sowas?!“ Ich war wie gelähmt und dachte nur: na, woher hat er das denn? Ihr Kleiner war völlig verschüchtert und ließ sich ohne Widerstand wegzerren. Hinterher war ich völlig fertig, dass ich zu lange gebraucht habe, um etwas zu sagen – bei Gewalt gegen Kinder werde ich aufgrund persönlicher Vergangenheit aber immer stocksteif, wie eingefroren. Obwohl ich weiß, wie wichtig es für mich war, dass mir einige Personen gesagt haben, wie falsch das Verhalten meiner Eltern ist, auch schon in jungen Jahren.
    Ob man dafür dann Zuhause wieder etwas „abkriegt“, spielt keine Rolle – wenn nicht deshalb, so hätten sie, bis man zuhause war, etwas anderes gefunden. Bitte, mischt Euch ein! Sprecht mit dem Kind! Kein Loyalitätskonflikt der Welt ist so schlimm, wie sich jeden Tag wertlos und verzichtbar zu fühlen. Die Schmerzen, die man erträgt, erträgt man besser, wenn man weiß, dass es irgendwann anders, vielleicht sogar: besser wird. Ansonsten ziehen solche Kinder vielleicht irgendwann den gleichen Schluss wie ich: dass es besser ist, alles selbst zu beenden, bevor es ein Leben lang so weitergeht.
    Zum Glück war ich zu klein um es „richtig“ zu machen und liebe Menschen zeigten mir, dass es andere Leben gibt. Ohne die…ich weiß es nicht.
    (Und natürlich waren wir keine bildungsfernen Untermenschen. Und natürlich hat es jeder in unserem Haus gewusst. Und natürlich hat dort nie jemand etwas gesagt.)

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  18. Einmischung hat immer so ein negativen Klang. Kommt mit *stören* um die Ecke. Sich einmischen wird nie positiv verwendet. Schwiegermütter mischen sich ein, oder Öko-still-Mütter – ja, die mischen sich auch manchmal ein. Die Zuckeraposteln, die Getreidekekse – die mischen sich ein. Aber wir? Wir nicht. Leben und leben lassen. Wir sind die Großzügigen. Die Ironischen. Mit lachendem und weinendem Auge.

    Wir sehen nur einen Ausschnitt. Und dann klammern wir uns an den Gedanken: Reicht der für eine Verurteilung aus? Was ist Gewalt? Wo fängt sie an? Hat sie nicht einfach nur einen schlechten Tag? Vielleicht ist es das Extreme, dass nur jetzt grad zum Vorschein kommt. Ein schlecht gewählter Ausschnitt. Vielleicht ist es alles nicht so schlimm.

    Natürlich ist das Mist. Natürlich muss es die Hölle sein. Die Graubereiche sind aber nicht umsonst grau. Das *Kurz-Bevor* es so schlimm ist, dass man sich einfach instinktiv einmischt. Die Situationen, auf die man nur einen geschockten kurzen Blick wirft.

    Ich habe an dieser Stelle auch viele Gefühle und keine Lösung.

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  19. Liebe Liz,

    ich bin dir sehr dankbar, dass du diese Geschichte aufgeschrieben hast. Für mich (und ich habe den Eindruck, auch für manch andere(n), der/die hier kommentiert hat) ist sie eine Art Feuerwehrübung. Eine Trockenübung in Gedanken, um im Ernstfall nicht erst überlegen zu müssen, wie ich handeln sollte oder möchte. Denn mir ist tatsächlich noch nie so eine Situation begegnet – ja, verzeiht meine Naivität, aber ich hätte es kaum für möglich gehalten, dass so etwas heutzutage noch vorkommt! Ergo hätte ich an deiner Stelle ganz genauso reagiert wie du.

    Jetzt aber – auch dank deiner Ergänzung per Kommentar, dass man das Opfer ansprechen sollte – kann mir fest vornehmen, in so einer Situation folgendes zu tun: Kurz die Eltern ansprechen, so etwas sagen wie: „Manchmal ist das Leben schon ganzschön stressig, was?“ Und dann das Kind ansprechen: „Du hast bestimmt schon gelernt, dass du andere Kinder nicht hauen sollst, oder? – Du musst wissen, dass das gleiche erst recht für deine Eltern gilt: Sie dürfen dich nicht hauen oder schlagen oder dir sonst irgendwie weh tun! Das wissen sie eigentlich auch, sie haben es nur gerade vergessen.“

    Ja, und danach würde ich mich sehr wahrscheinlich schleunigst aus dem Staub machen, weil mir das Herz ganz hoch im Hals schlagen würde vor lauter Mut, den ich für so eine Aktion zusammennehmen müsste!

    Viele Grüsse
    die Quatschmama

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  20. sonja schreibt:

    Oh man… Ich muss grad beim Lesen heulen…
    Heute, nach der Arbeit, im Bus, war eine Gruppe behinderter Kinder mit ihren Betreuern. Manche Kids waren wirklich schwer behindert und ich musste augenblicklich an meinen kleinen 2jährigen zu Hause denken und weinen. Ich musste so weinen, dass ich mein Gesicht hinter meinem Buch verstecken musste.
    Ich weiß nicht, was mich am meisten gerührt hat… Das Schicksal dieser Kinder und deren Eltern oder die Dankbarkeit, einen gesunden Kleinen zu haben. Was ich sagen möchte ist, dass ich es einfach nicht verstehe, wie Eltern, die mit einem solchen Glück beschenkt wurden, ein gesundes Kind zu haben, eben dieses Glück mit Füßen treten, indem sie sich so verhalten.
    Ich denke, du hast richtig reagiert, indem du die frustrierte, aggressive Mutter in Ruhe gelassen, dem kleinen Jungen aber genau das gezeigt hast, was du ihm zeigen wolltest: dass du ihn siehst und dass er Freundlichkeit und Herzlichkeit verdient. Du hast ihn erreicht.
    Und ich weine immer noch…

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  21. Da kommen mir glatt die Tränen. Und ich dachte nach dem Abstillen ist diese Übersensibilität vorbei. Aber als Mami bleibt die wohl für immer. Ich stehe in solchen Momenten auch immer stocksteif da, wirke wie gelähmt obwohl man innerlich so so „an“ ist und alles in sekundenschnelle durchspielt… ich verstehe warum Du so gehandelt hast und erkenne mich in dieser Situation wieder.

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  22. Nina schreibt:

    Der Vorfall berührt mich zutiefst.
    Bei allen Schwierigkeiten und der Möglichkeit dass es aussichtslos sein kann, was ist mit der Idee, die Frau beruhigend zu fragen, ob man ihr helfen könne, ob sie Hilfe brauche oder ihr Kind.

    Hilfe anzubieten ist ein menschlicher Zug auf den man gar nicht so schnell negativ reagieren kann.

    Glaubt an das Gute im Menschen und versucht die Welt mit guten Worten zu verändern!!!!

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  23. ohmskine schreibt:

    Bin zwar spät dran, möchte aber trotzdem meinen Senf dazugeben:

    Gerade in Geschäften oder im ÖPNV stehen viele Eltern unter dem (vermeintlichen) Druck der Öffentlichkeit, ihr (kleinen) Kinder ruhig zu halten.

    Wenn es sich irgendwie einrichten läßt, spreche ich die Eltern an und formuliere mein Verständnis für ihre Situation. Das entspannt die Lage oft.
    Letztens habe ich eine Mutter sehr bewundert, die mit drei kleinen Söhnen früh morgens in der S-Bahn unterwegs war, der mittlere hatte einen ausgiebigen Trotzanfall und sie hat ihn sehr geduldig ertragen, obwohl sie offensichtlich erschöpft und müde war. Da habe ich ihr gesagt, wie großartig ich das finde.

    Das ist natürlich viel einfacher als Kritik zu üben, aber ich bilde mir ein, daß es das Zusammenleben in der Öffentlichkeit positiv beeinflußt, und für gestresste Eltern eine kleine Hilfe ist, wenn man ihnen ein paar nette Worte sagt.
    Und vielleicht fällt uns dann auch die (richtige) Einmischung in kritischen Situationen leichter.

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