Die Hölle, das sind die anderen.

2015-05-17 09.51.35

Angeblich ist Karstadt insolvent. Oder fast. Kann ich gar nicht glauben, wo doch gerade so viele Leute durch die Schwingtüren des Warenhauses ein und aus gehen, an einem ganz normalen Dienstagnachmittag. Seit bestimmt 15 Minuten stehen die Türen nicht still. Ich weiß das so genau, weil ich vom Mittelstreifen der vierspurigen Straße aus einen herrlichen Blick auf den Haupteingang habe. Leider hat der Haupteingang auch einen herrlichen Blick auf mich, was vor allem die Menschen zu schätzen wissen, die dort an der Haltstelle stehen und auf ihren Bus warten. Es ist nämlich so: Ich bin hier gerade die Hauptattraktion. Nicht, weil ich weltberühmt bin, oder wunderschön, oder ein Einhorn. Nein. Das Aufsehenerregende an mir befindet sich zu meinen Füßen, ist keinen Meter lang und brüllt seit einer Viertelstunde, als gäbe es kein Morgen. Es handelt sich nicht um einen pubertierenden Orang-Utan.

Die Karstadt-Bushaltestelle-Steher verfolgen ungeniert das Kammerspiel auf der kleinen Verkehrsinsel zwischen zwei Ampeln. Wahrscheinlich schließen sie Wetten ab, ob wir es mit der nächsten Grünphase über die Straße schaffen. Wahrscheinlich fragen sie sich, warum ich mir den kleinen Brüllaffen nicht einfach unter den Arm klemme und mich vom Acker mache. Wahrscheinlich schütteln sie insgeheim die Köpfe im Angesicht meiner elterlichen Inkompetenz. Also, warum klemme ich mir den Brüllaffen nicht unter den Arm und mache mich vom Acker? Folgendes: Ich habe Rücken. Nicht immer, aber heute schon, und ein durchdrehendes Kleinkind ist ein rückenfeindlich. Kaum zu glauben, dass das Kind wirklich nur zwei Arme und zwei Beine hat – gefühlt sind es acht. Ein Oktopus aus der Hölle.

Außer Rücken habe ich noch Kinderwagen, was bedeutet: Nur eine Hand frei. Zugegeben, ich habe bereits versucht, das Kind mit Schmackes in den Wagen zu schwingen. Ganz schlechte Idee. Fast wäre es mir aus dem Arm geflutscht wie ein Stück Seife und auf der Fahrbahn gelandet. Und weil das noch nicht reicht, bin ich mit zwei vollen Einkaufstüten beladen. Scheiße aber auch. Alles, was mir an Strategien eingefallen ist, habe ich schon durch. Unter anderem auch das sehr spezielle Gefühle spiegeln, welches oft hilft, aber eben nicht immer, und auf jeden Fall eine mutige Angelegenheit ist. Vor allem für introvertierte Menschen wie mich. Grob gesagt geht es bei diesem Ansatz darum, dem Kind dessen heftige Emotionen empathisch wiederzugeben. So fühlt es sich verstanden und aufgefangen und kann sich langsam beruhigen. Das geht aber leider nicht im Flüsterton, sondern soll authentisch in Ton und Mimik zum Ausdruck gebracht werden.

Eine feine Sache – außer, man steht auf dem Mittelstreifen der Hauptverkehrsstraße vor Karstadt und wird von zwei Dutzend Schaulustigen beobachtet. Dann ist das mit dem Spiegeln keine ganz so feine Sache, sondern saumäßig peinlich. Und funktioniert hat es auch nicht, was aber an meiner mangelnden Authentizität im Angesicht des Publikums liegen mag.

Das Kind knallt derweil wütend seinen Hinterkopf auf den Asphalt, das kleine Gesicht nass von Rotz und Tränen. Des Kindes Welt geht unter, und meine gleich mit. Wir sind Schiffbrüchige auf dieser verdammten Verkehrsinsel. Jeder meiner Annäherungsversuche wird mit lauterem Gebrüll und hektischen Tritten beantwortet. Irgendwann fällt mir nichts mehr ein, als einfach zu warten. Den Anlass für diese hübsche Szene habe ich mittlerweile fast vergessen, denn er spielt im Grunde keine Rolle. Gäbe es ein echtes System hinter dem kindlichen Zorn, könnte man ihn womöglich vermeiden, aber es gibt kein System. Die Gefühle kleiner Kinder sind Nitroglyzerin: Eine abgebrochene Banane, das falsche Paar Socken, eine störrische Bettdecke – mehr braucht es nicht, um die Apokalypse heraufzubeschwören.

Spaß machen mir diese Wutanfälle nie, aber in der Öffentlichkeit sind sie besonders schwer zu ertragen. Von jetzt auf gleich verliert man den Anschein der Anonymität. Wo ich mich noch vor wenigen Minuten geborgen in der Menge fühlte, unsichtbar beinahe, alleine mit mir und meiner Tochter, erlebe ich mich jetzt ultimativ entblößt. Hätte ich mal kurz die Hose runtergelassen, um am helllichten Tag auf den Grünstreifen zu kacken, es könnte mir kaum unangenehmer sein (okay, der Vergleich hinkt, denn welcher halbwegs normale Mensch würde das freiwillig machen – und falls es doch einer freiwillig täte, wäre es ihm wohl auch nicht peinlich).

Während ich noch überlege, ob ich lieber hier und jetzt die Hose runterließe, hätte ich denn die Wahl, setzt ein ganz sanfter und sehr kalter Nieselregen ein. Der zornige Oktopus reißt sich die Mütze vom Kopf und reibt sich schluchzend Straßendreck in die Augen. Aus der Ferne nähert sich der nächste Bus, der hoffentlich eine Handvoll Publikum abtransportieren wird. Ich verspüre den unwiderstehlichen Drang, mich vor den gelben Doppeldecker zu werfen: Tschüss Kind, war meistens schön mit Dir, aber jetzt ist auch mal gut.

Das stimmt sogar, es ist wirklich sehr oft schön mit dem Kind. Zwar kann ich mir das jetzt gerade überhaupt nicht vorstellen, aber es gibt diese Momente voller Glitzer und Wärme. Alles ist in Balance, wir verstehen uns in stillem Einvernehmen. Zeit und Ort zählen nicht, nur wir zählen, die Sekunde zählt, und alles ist gut: Auf dem Spielplatz ist keiner außer dem Lieblingskumpel, das Kind lacht und kichert, wirft sich aus vollem Lauf in meine Arme und verteilt federleichte Küsschen. In diesen Augenblicken fühle ich mich maßgeschneidert für dieses unbeschreibliche Kind. Niemand kann uns was, wir sind eine Einheit. Wir schlendern durch die Straßen, im Zickzack wie Stubenfliegen, betrachten Blätter, Steine, Kanaldeckel und Hunde. Vor der Bäckerei hält das Kind an und sagt mit der niedlichsten Stimme: „Kuche, Mama, ja?“ Wir gehen rein und teilen uns ein Stück Sachertorte, mein Herz ist ein Stück Butter in der Pfanne, und ich wünsche mir, dass ich diesen Moment niemals vergesse. So schön ist das manchmal.

Es gibt Tage, die sind bis zur Lächerlichkeit perfekt. An einem fernen Samstag im August habe ich mir einmal das Kind auf den Rücken gepackt und bin einfach Shoppen gegangen. Während ich mir in Ruhe Sommerkleider ansah, plapperte das Kind in zauberhaftem Kauderwelsch mit den anderen Kundinnen, zufrieden im Tragetuch, mit den nackten Füßen wackelnd. Es hagelte förmlich Komplimente, und ich sonnte mich selbstgefällig darin: Oh ja, das ist MEIN Kind. DAS ist mein Kind.

Der kleine Wutbürger, der sich im Nieselregen Rotz in die Haare schmiert, ist leider auch mein Kind. Immerhin, das Gebrüll ebbt ab, geht in ein kraftloses Jaulen über. Ich schöpfe neue Hoffnung. Und dann habe ich die beste Idee meines Lebens, oder fast: Irgendwo in den Tiefen der Einkaufstasche sind ja Kekse! Das Kind liebt Kekse.

„Oh guck mal, da ist ein Keks. Den habe ich in meiner Tasche gefunden. Möchtest Du den vielleicht haben?“

(Kind schaut mich an, als wäre ich eine Karotte. Es hasst Karotten. Ich wende den Keks verlockend hin und her.)

„Es ist ein Schokoladenkeks. Schokolade. Ein Keks. Mit Schokolade drin. Hier, siehst Du die Schokolade?“

(Kind begreift langsam und streckt im Zeitlupentempo die Hand aus.)

„Hier hast Du den Keks. Ich setze Dich jetzt in den Kinderwagen. So kannst Du den Keks besser essen. Den Keks mit SCHOKOLADE.“

(Kind wägt Schokolade gegen Kinderwagen ab. Schokolade gewinnt. Kind widmet sich dem Keks. Es gibt einen Gott.)

Sehr vorsichtig nehme ich meine Tochter hoch und setze sie in den Kinderwagen. Sachte, sachte. Ja nicht den Keksflow unterbrechen. Die verdammte Ampel ist natürlich rot, wir warten, ich sehe mich tief atmend um. Leider müssen wir an der Bushaltestelle des Grauens vorbei. Es ist mir unendlich peinlich, was in der letzten Viertelstunde passiert ist. Schrecklich müde bin ich, frustriert und traurig. Und mehr als nur ein bisschen wütend auf das Kind, das doch für seine ganz normalen Aussetzer nichts kann. Ich möchte verschwinden. Stattdessen zwinge ich mich zu einem geraden Rücken und schaue im Vorbeigehen ruhig in die Gesichter unseres Publikums. Niemand ist schuld, flüstere ich mir ins Ohr. Ich bin keine schlechte Mutter, das Kind ist nicht fehlerhaft, niemand ist schuld. Tatsächlich sagt keiner etwas, und ich bin froh darüber. Hilfreiche Ratschläge verteilen nämlich sehr viele Menschen sehr gern. Es gibt praktisch keine Situation mit Kind, die nicht ein Wildfremder im Handumdrehen verbessern könnte (Ironie aus).

Meine aktuelle Top 3 der Nerv-Situationen:

  1. Die Psychotante: Ich laufe mit dem schreienden Kind in der Rückentrage die Straße entlang. Wir haben es sehr eilig. Das Kind windet sich heftig, das Tragesystem ist absolut sicher. Irgendwann stelle ich fest, dass eine fremde Dame, Typ Verhaltenspsychologin, im Schritttempo auf dem Fahrrad neben mir fährt. Ich schaue sie entgeistert an. Sie sagt mit einer seltsamen Genugtuung:

„Also das sieht aber wackelig aus. Am Ende fällt der raus, und dann schreit der erst richtig!“

 „Danke für den guten Rat, Sie wildfremde Person.“

„Ich sag ja nur!“ (fährt lachend davon)

 

  1. Der Altnazi: Das weinende Töchterchen steht vor mir an der Supermarktkasse. Es hat Angst vor all den Menschen und will auf den Arm. Ich nehme das Kind hoch und tröste es, bezahle einhändig und etwas umständlich. Der alte Herr hinter uns sagt aufgebracht:

„Jetzt lassen sie das Kind doch mal bocken! Wir hätten damals ein paar hinter die Löffel bekommen!“

„Das hat Ihnen sicher gutgetan.“

„Werden Sie nicht frech!“

 

  1. Der Hipster: Das Kind steht verzweifelt vor einer fremden Haustür. Es will da rein! Ich stehe geduldig daneben und erkläre zum x-ten Mal, dass wir zu dieser Tür keinen Schlüssel haben. Eine Gruppe angesagter junger Leute kommt vorbei. Einer sagt:

„Wenn in meinem Bekanntenkreis einer ein Kind bekommt, lösch ich den immer direkt aus meinen Kontakten.“

Die Gruppe lacht, ich knirsche mit den Zähnen.

 

Aber! ABER!!! Es gibt Hoffnung. Meine innere Buchhalterin verzeichnet mehr tolle als doofe Kommentare. Alle Eltern kennen diese ohnmächtigen Momente, in denen man wahlweise sich selbst oder das Kind pulverisieren möchte. Dann tut eine freundliche Geste, ein Wort oder ein Lächeln so unendlich gut. Mittlerweile habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, den Schicksalsgenoss*innen, die in der Öffentlichkeit von ihren Kindern zerfleischt werden, irgendeine Nettigkeit zu übermitteln. Ich bin mir nicht sicher, ob es einen Unterschied macht – aber ich will dran glauben.

 

Meine aktuelle Top 3 der Elternsolidarität:

  1. Die Dea Ex Machina: Mitten in einem Wutanfall, der kein Ende zu nehmen scheint und direkt vor der Eingangstür eines Hipster-Cafés stattfindet, taucht plötzlich eine ältere Frau aus dem Nichts auf und spricht das tobende Kind freundlich an. Es ist davon so irritiert, dass es auf der Stelle den Mund hält und in seinen Kinderwagen klettert.

„Denken Sie sich nichts dabei, diese Zeit geht vorbei. Das verspreche ich ihnen. Ich hab drei Kinder.“

Sie lächelt mich sehr herzlich an und winkt dem Kind zum Abschied. Ich heule vor Erleichterung, so nötig hatte ich ein bisschen Zuspruch.

 

  1. Die Bioladen-Begegnung: Das Kind hilft mir gern beim Einkaufen und geht am liebsten in den Bioladen, weil es dort kleine hölzerne Wägelchen gibt. Das ist toll. Nicht toll ist, dass die Tochter ihr Wägelchen nach dem Bezahlen nicht mehr hergeben will. Also großes Theater im sehr engen Bioladen. Eine Frau geht an uns vorbei und sagt:

„Ach, das macht meine Tochter auch immer. Ich weiß nie, ob ich diese Einkaufswagen super oder scheiße finden soll. Ich glaube, scheiße. “

Wir müssen beide lachen. Auf einmal ist alles ganz normal und deshalb weniger ätzend.

 

  1. Der Pragmatiker: Die Tochter erspäht in der Bahn ein anderes Kind, das gerade eine Brezel isst. Wir haben leider keine Brezeln dabei. Unheil zieht auf. Der Vater des Brezelkindes zaubert wortlos eine zweite Brezel aus der Tasche und reicht sie über den Gang hinweg meiner Tochter. Bevor ich mich für die Spontanrettung bedanken kann, greift er noch einmal in die Tasche und drückt mir ebenfalls etwas in die Hand. Es ist ein Kinderriegel.

 

Ich frage mich wirklich, warum kindliche Wut den meisten von uns so extrem peinlich ist. Alle Menschen, die jemals Kinder in die Welt gesetzt haben, kennen das doch auch. Es hat wohl damit zu tun, dass fast jeder dieses Bedürfnis nach gesellschaftlichem Wohlwollen verspürt. Ein vermeintlich gut erzogenes Kind ist wie ein Symbol des Nicht-Scheiterns. Es beweist, dass wir irgendetwas richtig gemacht haben. Wir funktionieren. Wir ziehen da ein wertvolles und effizientes Mitglied der Gesellschaft heran. Es kann Regeln einhalten, es kennt Disziplin. Hurra!

Und genau andersrum fühlt es sich an, wenn uns als Eltern vor aller Augen alles entgleitet: Shit hits the fan! Das Kind funktioniert mitnichten, es zeigt sich von seiner scheußlichsten Seite, es macht einen irren Lärm und Sachen kaputt. Und warum? Weil wir pädagogische Versager sein müssen, zwangsläufig. Das könnte uns am Ende zu schlechten Menschen machen, die nichts im Leben auf die Reihe kriegen.

In Wirklichkeit ist gar nichts davon wahr. Elterliche Kompetenz misst sich nicht an der durchschnittlichen Anzahl der Wutanfälle eines Kleinkindes. Das muss ich mir an schlechten Tagen immer wieder vorsagen wie eine kaputte Schallplatte. Heute war so ein schlechter Tag, denke ich gerade, als meine Tochter sich im Kinderwagen umdreht und mich mit einem strahlenden Lächeln anschaut. „Mama!“ sagt sie voll Inbrunst und Besitzerstolz. Den Rest des Heimwegs singt sie ausgelassen vor sich hin und bringt mich mit ihren schiefen Tönen zum Lachen. Ich komme mir bescheuert vor, weil ich vor zehn Minuten noch tief verzweifelt gewesen bin, mich jetzt aber auf einmal ganz ruhig und leichtherzig fühle. Alles wegen diesem kleinen Mädchen da. Selbst die heftigsten Liebesgeschichten meines Lebens haben mich nicht dermaßen aus der Bahn geworfen. Es wird langsam dunkel draußen. Die Lampe über unserer Haustür brennt schon. Jetzt einen Schnaps.

 

 

 

 

 

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