Kreuzberger Nächte.

2016-01-31 11.07.13

Geständnis Nummer 1: Vor der Schwangerschaft, also damals, in diesen jugendlich-unbeschwerten Zeiten, die niemals so jugendlich-unbeschwert waren wie in meiner Erinnerung, habe ich wirklich gern getrunken, ab und an. Wenn ich jetzt behaupte, das läge bei uns in der Familie, ist das zwar faktisch richtig, bringt aber meine Eltern in Verlegenheit.

Geständnis Nummer 2: Geraucht habe ich auch gern. Nicht sehr oft, aber mit Hingabe.

Geständnis Nummer 3: Bei passender Gelegenheit habe ich außerdem gekifft. Verklagen Sie mich doch.

Seit gut zwei Jahren beschwere ich mich ausdauernd über die Ödnis einer Totalabstinenz. Ich habe meine Tochter 19 Monate lang gestillt und war entsprechend eingeschränkt im Sinne des Rock’n Roll. Also rufe ich nach erfolgreicher Brustentwöhnung meinen Freund Morris an und bitte ihn um ein Date. Morris hat keine Kinder und keine Haustiere, dafür aber eine entspannte Freundin und Erfahrung im Exzess. Einen besseren Ausgehpartner gibt es nicht.

Erzähl mir jetzt bitte keiner, man könne auch ohne Alkohol Spaß haben. Kann man, ja. Ponyreiten, Mikado und Yoga zum Beispiel sind nüchtern schöner als angeschickert. Die Weihnachtsfeier in der Kita wiederum ist ein Graubereich. Berliner Barbesuche hingegen gehören nicht zu den Anlässen, die nach Apfelschorle verlangen.

Morris und ich verabreden uns in einem ziemlich teuren Restaurant, um meine Wiederauferstehung im Nachtleben stilvoll zu beginnen. Darauf habe ich bestanden, denn seit ich mir im ersten Schwangerschaftstrimester auf meine Lieblingsschuhe gekotzt habe, lebe ich in Überzeugung, mir stünde verdammt nochmal eine Belohnung zu. Und wenn sie sich in Carpaccio und Cremant manifestiert, soll es mir recht sein. Ehrlich gesagt habe ich ganz schön viel Selbstmitleid angehäuft im letzten Jahr, ohne dabei etwas an meinem Status quo zu ändern. Bevor ich Mutter wurde, bin ich gern ausgegangen. Nie und nimmer hätte ich gedacht, dass ich so viele Abende auf der heimischen Couch verbringen, und vor allem nicht, dass mich das so wenig stören würde. Der Wendepunkt fällt mir in Form meiner alten Lederjacke sprichwörtlich vor die Füße, als ich meinen Kleiderschrank öffne. In dieser Jacke habe ich den Mann kennengelernt, total kitschig bei Sonnenuntergang auf einer Dachterrasse an der Cote d’Azur. Diese Jacke war mit mir in Kalifornien und am Hamburger Hafen, diese Jacke saß an unzähligen Tresen und könnte ganz schön viel erzählen, wenn Jacken etwas erzählen könnten. Es ist also beschlossene Sache: Ich muss mal wieder raus, bald.

Natürlich kommt Morris zu spät, wie immer. Was daran liegt, dass ich zu früh komme, wie immer. Jedenfalls bringt mir der Kellner schon einmal ein Glas Wein, während ich warte. Als Morris eintrifft, stelle ich zwei Dinge fest: Er ist wirklich zu spät. Ich bin betrunken. Oder zumindest beschwipst. Stark beschwipst. Von einem Glas Wein. Ach Du Scheiße. Glücklicherweise bemerkt mein Freund nichts, weil er gerade von der Arbeit kommt und mir unbedingt eine Geschichte aus dem Büro erzählen möchte. Das verschafft mir genug Zeit, um eine ganze Flasche Mineralwasser auszutrinken. Und den Brotkorb im Alleingang zu leeren.

Morris bestellt Crémant, „weil Du den doch so magst“, und schenkt uns zügig nach, während wir uns die Vorspeise schmecken lassen. Es ist so schön, hier zu sitzen, ganz wie in alten Zeiten. Reden und lachen, der Kopf ist ganz leicht, Kinder und Kita weit weg. Das Hauptgericht wähle ich vorsichtshalber nach seinem Fettgehalt aus und komme mir unheimlich clever vor. Ich habe nämlich gelesen, dass in Russland zum Wodka gern Speck gereicht wird. Weil die Speisekarte speckfrei ist, bestelle ich Ente.

„Du hast Ente bestellt.“

„Ja.“

„Warum?“

„Nur so.“

„Du bist doch Vegetarierin.“

„Ja.“

„Also?“

„Ähm.“

„Verstehe.“

Morris sucht einen passenden Wein zur Ente aus, in sowas ist er gut. Der Wein ist toll, die Ente nicht. Wirklich, so ein fetter Vogel schmeckt ziemlich scheußlich, und das arme Tier tut mir plötzlich unendlich leid. Helfen tut es auch nicht. Vielleicht muss es ja doch Speck sein. Sagte ich schon, dass der Wein wirklich sehr gut ist? Und leer.

Im Waschraum stelle ich fest, dass mein Lippenstift erheblich unter der Ente gelitten hat. Ich ziehe ihn schnell nach und nehme mir vor, wieder öfter Lippenstift zu tragen. Es steht mir. Überhaupt sehe ich heute Abend kein bisschen muttimäßig aus. Ziemlich cool sogar, in meiner alten Lederjacke. Wobei ich mir nicht sicher bin, warum ich die gerade anhabe, schließlich sind wir in einem gut geheizten Restaurant. Egal, der große Spiegel eignet sich perfekt für ein lässiges Selfie, das kann ich gleich auf Instagram posten. Ist mal was anderes, ich kann keine Spielplatzfotos mehr sehen. Das Bild gelingt beim ersten Versuch, dafür habe ich kein Netz. Mist. Hole ich später nach.

Als ich mich wieder auf meinen Platz setze, greift Morris wortlos zu seiner Serviette und tupft mir in den Mundwinkeln herum wie so eine Omma. Bevor ich ihm das verbieten kann, taucht der Kellner auf und serviert mir Panna Cotta. Ich bin verwundert.

„Oh, geht die auf’s Haus?“

„Ähm. Nein. War irgendetwas nicht in Ordnung?“

„Doch, alles. Warum bekomme ich denn einen Nachtisch?“

„Weil Du ihn bestellt hast.“ (hilfreicher Einwurf von Morris)

„Wann denn?“

(ratlose Blicke zwischen Morris und Kellner, Kellner flüchtet)

„Bevor Du die Jacke angezogen hast, um auf’s Klo zu gehen.“

„Warum gehe ich denn in Jacke auf’s Klo?“

„Weil Du ziemlich betrunken bist.“

„Jetzt schon?“

„Offensichtlich.“

Wir bezahlen und ich bekomme einen Espresso auf’s Haus. Vielleicht habe ich ihn auch bestellt, genau weiß ich das nicht. Ich bin so konzentriert darauf, nicht zu betrunken zu werden und mich normal zu benehmen, dass mir die Details entgleiten. All das ist anstrengender, als ich es in Erinnerung habe. Die kalte Luft draußen tut richtig gut, vorsichtshalber hake ich mich bei Morris ein. Ich will noch in die Bar bei mir im Haus, dann muss ich später nur die Treppe hoch. Auf halbem Weg verspüre ich plötzlich ein dringendes, wirklich sehr dringendes Bedürfnis. Das ganze Mineralwasser, der Wein, der Espresso. Leider durchqueren wir gerade ein Wohngebiet: keine Kneipe, kein Restaurant, nirgends. Morris will wissen, ob ich es noch zehn Minuten aushalte. Zehn Minuten, das ist nicht viel. Auf keinen Fall halte ich das aus. Halb auf eigenen Füßen, halb über Morris’ Schulter hängend, quäle ich mich mit zusammengedrückten Knien voran. Plötzlich bleibt er stehen.

„Da vorn kannst Du hin! Guck mal!“

„Was? Das da? Das ist ein Spielplatz. Da war ich heut noch mit dem Kind!“

„Ist ja wohl besser als hier auf dem Gehweg.“

„Aber ein Spielplatz! Da spielen Kinder!“

„Jetzt spielen da keine Kinder. Und Du kannst Dich ganz tief ins Gebüsch setzen, da kommt kein Kind hin. Und es ist doch nur Pipi, Mensch! Das ist doch direkt weg!“

Ich zweifle stark an der Richtigkeit meines Tuns, aber mir bleibt nichts anderes übrig.

Geständnis Nummer 4: Ich habe auf einen Spielplatz gepinkelt. Aber ich war wirklich tief im Gebüsch. Und ich habe einen Schuh ausgezogen und damit ein kleines Loch gegraben. Und danach wieder zugeschaufelt. Trotzdem fühle ich mich sehr schuldig und erzähle Morris zur Ablenkung lautstark die Geschichte, wie das Kind im Sommer auf einem anderen Spielplatz in Menschenkacke getreten ist, in genau so einem Gebüsch. Und wie alle anderen Eltern in beispielloser Solidarität ihre Feuchttücher und Wasserflaschen geopfert haben, und wie wir alle zusammen meine Tochter von Fäkalien gesäubert haben, und wie schön das war, dieser Zusammenhalt, und wie mich das nachträglich noch rührt. Morris findet das nicht schön, sondern total eklig. Dann schaukeln wir noch ein bisschen und fahren Seilbahn, sonst ist die ja immer besetzt.

Plötzlich vermisse ich das Kind sehr. Und male mir in den schrecklichsten Farben aus, wie das Jugendamt es mir wegnimmt, weil ich alkoholisiert auf öffentliches Eigentum gepinkelt habe. Ich sage das Morris, und er muss so lachen, dass er von der Schaukel kippt und sich hart den Kopf anstößt. Geschieht ihm recht. Auf die Bar haben wir jetzt beide keine Lust mehr, also gehen wir nach Hause.

In der Nacht weckt mich das Kind mehrmals, indem es mir seine Flasche ins Gesicht schlägt. Kein Wunder, dass ich davon irgendwann Kopfschmerzen bekomme, aber ich bin zu müde, um mich wegzudrehen. Am nächsten Morgen fühle ich mich ziemlich ernüchtert (haha). Habe ich früher wirklich gern getrunken? War das jetzt so wichtig? War es das wert? Wäre es nicht viel schöner, jetzt einfach funktionieren zu können? Bin ich dem Kind ein schlechtes Vorbild? Bin ich einfach alt geworden?

Zum Nutellabrötchen sehe ich mir meinen Instagram-Feed an. Mir war, als hätte ich da was gepostet. Doch nicht. Stimmt, kein Netz. Ich schaue in meinen Foto-Ordner: Rund zehn Bilder von mir im Waschraum des Restaurants, eines schlimmer als das andere. Von wegen erster Versuch. Von wegen Lippenstift. Immerhin kann ich mir Morris’ Serviettenattacke jetzt erklären.

„Du sag mal,“ rufe ich nach dem Mann, „wie spät war ich eigentlich gestern hier?“

„Halb elf.“

Halb elf. Also das ist wirklich armselig.

„Du sag mal,“ ruft der Mann, „was hast Du eigentlich mit Deinen Schuhen gemacht?“

„Wieso?“

„Weil der eine total dreckig ist und der andere nicht.“

Mein Handy rettet mich aus meiner Verlegenheit. Es ist eine Nachricht von Morris: sie enthält nur ein Foto, körnig und unscharf. Das Foto zeigt eine zerraufte Frau in Lederjacke, die sich ganz fest an eine fahrende Seilbahn klammert, die Augen rot vom Blitzlicht. Sie sieht glücklich aus.

 

 

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35 Gedanken zu “Kreuzberger Nächte.

  1. Als ich nach der langen Stillabstinenz das erste Mal wieder was getrunken habe, habe ich Tennis gespielt, ganz ohne Schläger, zu Elektro-Mucke (ich war bei einer Hochzeit). Ich sah bestimmt großartig aus! Ballett habe ich auch getanzt. Glaube ich.

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  2. Ein großartiger Text! Prioritäten verschieben sich einfach. Als ich mich mit meinem jetzigen Freund über Bands unterhielt, zählte er auf, welche er schon live gesehen hatte. Ich hatte keine einzige davon gesehen. Dafür in der Zeit zwei Kinder bekommen, einen Mann an einen Tumor verloren und eine Doktorarbeit geschrieben. Neben dem ganzen anderen. Sind immerhin Dinge, die bleiben. Allerdings war ich schon „früher“ nie so der Partytyp.
    Viele liebe Grüße, weiter so! Dörthe

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  3. Oh du… du bist mir so nah! Ich habe auch noch Fragmente von Erinnerungsfetzen, als ich einsam und armselig nachts raus musste, um der Leere meiner Wohnung und meines Herzens zu entfliehen. Das muss es gewesen sein. Anders kann ich mir das rückblickend nicht erklären.
    Wo ich es doch jetzt endlich so schön habe, abends auf der Couch mit dem Babyphon im Arm zu versumpfen bis halb zehn und dann mit fett Niveacreme im gesicht und geputzten Zähnen ins Bett zu gehen…

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  4. Urban Sqirrel schreibt:

    Ach du bist so süß 🙂
    Ich kann das so nachempfinden. Habe drei mal das Abenteuer „völlig besoffen nach einem halben Glas Wein dank Stillabstinenz“ überlebt. Meine Freunde behaupten ich wäre sehr lustig und sehr glücklich gewesen. *g*

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  5. Und während DU dir die Nächte um die Ohren schlägst, du wildes Ding, habe ICH rausgefunden, dass das Kind Windeln wechseln viel besser findet, wenn ich die Feuchttücher vorher in der Mikrowelle warm mache! Bäm! Schluchz.

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  6. Angela schreibt:

    Hach, wieder mal herrlich! 🙂
    Der Satz, der für mich die Sache auf den Kopf trifft: „Nie und nimmer hätte ich gedacht, dass ich so viele Abende auf der heimischen Couch verbringen, und vor allem nicht, dass mich das so wenig stören würde.“ Ich war auch nicht gerade abstinent, damals, und hatte auch jede Menge Spaß dabei (dass der Tag danach im Eimer ist, hat mich schon immer gestört, ob mit Kind oder ohne). Aber so wie’s jetzt ist, ist’s auch gut.
    Experimente dieser Art (bestimmt würde ein Glas Wein reichen) werden bei mir wegen fortwährenden Stillens und erneuter Schwangerschaft wohl noch auf sich warten lassen – ist vermutlich eh besser so, und vielleicht fühle ich mich dann endgültig zu alt für sowas 😉

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  7. Daniela schreibt:

    Ich habe meine erste Tochter nach 18 Monaten Stillzeit im 5. SS-Monat abgestillt. Meine zweite Tochter ist nun fast fünf Monate alt… An Weihnachten habe ich einen kleinen Schluck vom Wein meines Mannes probiert. Ich glaube ich habe danach gelallt… Wunderbarer Text

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  8. Judith schreibt:

    Muss gerade wieder belustigt an mein erstes „richtiges“ Ausgehen nach zwei Kindern denken. Die Oma war da, und die Gelegenheit wollten wir nutzen, endlich mal wieder zusammen wegzugehen (der Mann hat solidarisch mit mir ein paar Jahre lang das Sofa Homer-Simpson-mäßig eingesessen). Es fand sich eine passende Veranstaltung, Kunst + Konzerte + DJs + Drinks in der Staatsgalerie, coole Mischung. Ich wusste erstmal gar nicht, was ich anziehen sollte, in der Schlange vor dem Einlass zwischen lauter hippen Leuten habe ich aber bemerkt, dass man eigentlich so ziemlich alles anziehen kann. Drinnen wars schön dunkel und schön laut, wusste gar nicht mehr wie geil das ist, sich von Gitarre und Schlagzeug volldröhnen zu lassen, ich tanzte und nuckelte beseelt an meiner Bierflasche. Um mich rum lauter Männer mit Vollbärten. Früher hätte ich mich vermutlich gefragt, wie man mit sowas wohl knutschen kann, an dem Abend musste ich immer an den Bart vom Josef denken, den ich gerade zu Hause aus Märchenwolle filzte. Nach dem Konzert, nach anderthalb Bier, noch bevor überhaupt ein DJ aufgelegt hatte, war ich betrunken, und wir sind zur letzten Bahn gerannt. Es war immerhin schon Mitternacht!

    Danke für Deinen Bericht, grandios geschrieben. Also das alles hier. Ich lese mich gerade durch Dein blog, liege krank im Bett und genieße die Ruhe vor dem Sturm, wenn heute Nachmittag die zwei Kinder wieder aus der Kita kommen…

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