Kinder machen glücklich? Nope.

2016-01-06 18.22.29

Back in the days of 1992 hat mein 14-jähriges Ich einmal eine zweifelhafte Entscheidung getroffen: Dauerwelle. Noch am selben Tag habe ich das bitter bereut. Eine Zeitmaschine wünschte ich mir, mit jeder Faser meines pubertierenden Herzens.

Bereut habe ich auch, dass ich, ebenfalls im schicksalhaften Jahr 1992, mit meinem gleichaltrigen Freund geschlafen habe, weil ich ihn „halten wollte“. Es war richtig, richtig scheiße und tat sehr, sehr weh. Einige Monate später teilte er mir telefonisch mit, er müsse sich entscheiden: Freundin oder Tennisclub. Für beides reiche die Zeit nicht. Es war das Jahr von Agassis furioser Beinkleidung. Als ich den Telefonhörer auflegte, war ich wieder Single.

Seitdem gab es vieles zu bereuen. Liebschaften, Wohnorte, Berufe, Outfits, Autokäufe, Grausamkeit. Einige Entscheidungen konnte ich rückgängig machen (auch wenn der Dauerwelle eine auberginefarbene Intensivtönung folgen sollte), andere nicht. Ich bedaure oft und lange. Fruchtloses Grübeln über Dinge, die ich möglicherweise in einer anderen Realität hätte besser machen können, ist eine Anti-Superkraft von mir. Ich kann wahnsinnig gut und mit großer Geste unglücklich sein.

Was ich nicht bereut habe, ist meine Tochter. Auch wenn ich in manchen Momenten wirklich nah dran bin – das sind diese Tage, die zu einem einzigen großen Scheißhaufen aus Gebrüll, Schlafentzug, dreckiger Bude, Kopfschmerzen, Dispozinsen und praktischen Klamotten kumulieren. Dann möchte ich laut schreiend aus der Tür rennen und nie mehr stehenbleiben.

Überraschend finde ich das jedoch nicht. Im Gegenteil, diese Momente in all ihrer Scheußlichkeit scheinen mir logisch. Ich habe damit gerechnet, dass mein Kind mich phasenweise unglücklich machen würde. Wie jede sehr lange und tiefgehende Liebesbeziehung, dachte ich mir ganz simpel, würde auch die zu meiner Tochter ihren eigenen Gezeiten folgen. Die See meiner Mutterschaft würde stürmisch sein, windstill, grau und knallhart, türkis und warm, mit tückischen Felsen unter spiegelglatter Wasserfläche, voll wundersamer Kreaturen, eine bleierne Wüste, ein stahlblaues Glitzern, untergehen und auftauchen. All das, immer wieder.

So ist das mit der Liebe.

Warum ich überhaupt, fast ein Jahr nach #regrettingmotherhood über Reue nachdenke? Wegen #regrettingfatherhood, unter anderem. Ist jetzt der neueste Shit. Passt thematisch so schön zu den neuen Väterhelden, die brauchen ja auch ihre Antagonisten. Und die Feministinnen wollen doch sowieso immer alle gleichberechtigen. Deshalb sind die missverstandenen Karriereväter jetzt auch unglücklich. Keine rauschenden Cocktailpartys auf der Dachterrasse mehr, und der schicke A8 muss einem praktischen Skoda weichen. Armes Alphamännchen. Natürlich sprechen wir hier weniger über Reue als über das alte Vereinbarkeitsproblem: Can’t have the cake and eat it.

Ich verstehe ohnehin nicht, warum ausgerechnet Kinder uns glücklich machen sollen. Denn das tun sie nicht. Oder besser gesagt: Nicht ständig. Dafür sind sie einfach zu laut, zu anstrengend, zu kompliziert, zu eigensinnig. Alles, was sie anfassen, ist danach schmutzig oder kaputt. Mit ihnen simple Pflichten zu erledigen – eine Überweisung tätigen oder in den Supermarkt gehen – dauert bis zum jüngsten Gericht. Nein, das macht nicht sehr glücklich.

Aber, surprise, surprise: Uns glücklich zu machen, ist auch nicht ihre Aufgabe. Es ist vielmehr unsere Aufgabe, sie glücklich zu machen. So oft und so nachhaltig wie möglich. Schließlich haben wir sie zu uns eingeladen. Für mich persönlich liegt genau darin das Glückspotential am Kinderhaben – herauszufinden, was das eigentlich für ein Mensch ist, dieser kleine Wusel da. Was braucht der? Ist er abenteuerlustig, vorsichtig, lustig, clever, liebt er Ordnung oder Chaos, Lärm oder Stille, ist sein Geduldsfaden lang oder ganz kurz? Und was können wir tun, damit es uns allen gut geht? Wie funktionieren wir zusammen? Wie finden wir unseren Flow? Dieser Flow ist es, der mich am Kinderhaben immer wieder glücklich macht: Wenn wir uns ansehen, verstehen, aufeinander reagieren und uns immer wieder überraschen. Das ist das allerbeste Glitzerglück überhaupt.

Und wie es in der Natur des Glücks liegt, ist es flüchtig. Manchmal braucht es Abstand. Oder es versteckt sich unter einem Berg von Alltagsunrat und muss mühsam wieder ausgegraben werden. Manchmal ist es so winzig, dass wir es mit bloßem Auge kaum erkennen. Oder es tarnt sich als Geruch, als Berührung, als Schnappschuss im Geiste.

Nein, Kinder machen nicht glücklich. Das müssen wir schon selber tun.

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68 Gedanken zu “Kinder machen glücklich? Nope.

    • Dankeschön ❤

      Wobei ich ehrlich gestehen muss: Ich wünschte, dass Kinder einfach automatisch glücklich machten. Das wäre unheimlich praktisch und ziemlich toll. Im ersten Jahr mit Kind dachte ich fast, das sei wirklich so. Denn ich war sehr glücklich. Und dann wurde es richtig anstrengend und es stellte sich heraus, dass das an allen möglichen Dingen liegt – und dass ich viele davon beeinflussen kann. Daran arbeite ich. Am Ziel bin ich noch lange nicht. Ist man vielleicht nie.

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      • Nee, das ist man nie. Aber immerhin gibt es auch später immer wieder jede Menge Momente, in denen Kinder glücklich machen. Und auch wenn du mit allem was du schreibst völlig Recht hast und ich wie alle anderen auch hin und wieder vor Erschöpfung, Chaos, Meckerei, Lärm usw. nicht mehr weiß wie ich das alles schaukeln soll, begleitet mich immer immer das Wissen und das Gefühl, dass meine Kinder das Allerbeste sind, was ich je in meinem Leben gemacht habe. Und das finde ich schon ganz gut 🙂

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  1. Angela schreibt:

    Wow, wieder mal ein toller Text, der die Sache auf den Punkt bringt. Man macht sich das Leben selbst ganz schön schwer, wenn man nicht verstehen will, wer für wessen Glück zuständig ist… (zunächst jeder für sein eigenes, aber bei Kindern eben auch wir Eltern für deren, keinesfalls umgekehrt!)

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  2. anja schreibt:

    ich finde sie machen nicht glücklich, weil sie uns unsere Grenzen spüren lassen, die wir uns nicht eingestehen wollen. Das ärgert uns. Sie spiegeln uns wie sehr wir funktionieren und angepasst sind. Das muss auch sein, aber ihre Selbstbezogenheit und Unbekümmertheit ist schon beneidenswert.
    und doch machen sie uns glücklich, denn trotz unserer Macken und Grenzen lieben sie uns bedingungslos.

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  3. Ja, also, toll. Vor allem das bleibt hängen: „Oder es versteckt sich unter einem Berg von Alltagsunrat und muss mühsam wieder ausgegraben werden. “ Wenn man gerade mal wieder den schreienden Teenager fassungslos dabei beobachtet wie er die Türen knallt. Ich grabe dann mal. 🙂 Danke

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  4. Wer sagt bloß, dass Kinder glücklich machen (müssen) – die Väter, die momentan bei #regrettingfatherhood? Und wie kommen sie bloß auf diese Ideen?

    Sehr schöner Text (und danke für die Verlinkung auf unsere Lesesammlung). Die allermeisten #regrettingmotherhood Texte habe ich allerdings nicht so gelesen, dass Kinder glücklich machen sollen. Oder müssen.

    Jeder ist für sein eigenes Glück verantwortlich – solange er dabei niemand anderen schädigt. Und diese kleinen Menschen zu entdecken, jeden Tag mit allen Facetten, das hat schon was.

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    • Stimmt, ich auch nicht – wobei dieser Text hier gar nicht zu #regrettingmotherhood gedacht war, sondern als allgemeine Betrachtung des Themas „Kind und Glück“. Anscheinend wird er aber als Beitrag zu #rm aufgenommen. Wurscht 😀

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  5. Tomi schreibt:

    Yippieh, Du bist wieder da!😍 Und wie immer so viel Wahres in schönen Worten – i like! Paradoxerweise fällt mir das „Glück durch Kind(er) emmpfinden“ grade leichter als sonst schon mal obwohl die Rahmenbedingungen eher blöd und anstrengend sind: Winter, viel Krankheit, 2. Runde Autonomiephase – insgesamt hallt gerade einfach sehr viel „Nein!“ von allen durch unsere Räume. Aber dann sind da speckige Ärmchen um den Hals gelegt, die feste drücken oder ein verschmitzter Blick aus dunklen Augen und ein gewispertes:“mein‘ Mama, ‚alloooo Mama!“ Oder ein Kind, das sich wütend vor der Kitafreundin aufbaut und faucht:“ SO frech darfst Du aber mit meiner Mama nicht reden!“ Und ganz manchmal, wenn es im Kinderzimmer verdächtig ruhig ist, schielt man um die Ecke und sieht wie die große Schwester den kleinen Bruder im Arm hält und ihm zu den Bildern in seinem Lieblingsbuch selbst ausgedachte Geschichten erzählt. Es mag kitschig klingen, aber es ist die Wahrheit: dann ist der klebrige Küchenboden vergessen, das 20minütigen Anzieh-Drama und die sind Klo geleerte Schüssel mit Kastanien ebenfalls!Dann wabern Stolz, Glück und Dankbarkeit durch jede Hirnwindung und bis in den kleinsten Winkel meines Herzens.❤️

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    • Oh ja. Das klingt überhaupt nicht kitschig. Denn so ist es ja ebenfalls! Doch doch, die machen schon ziemlich glücklich, so zwischendurch und immer wieder. Halt nicht lebensglücklich – wobei es auch Menschen geben mag, die durch ihre Kinder zu dauergrinsenden Glücksbärchis geworden sind. Ich glaub jedenfalls nicht dran.

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  6. Ha! Ich gehöre auch zu denen, die gerne mal todunglücklich sein können. Und das geht auch mit Kind ziemlich gut! Und ist dann auch immer ziemlich schnell wieder vorbei. Warum sollte ich mit Kind auch weniger unglücklich sein als vorher? Oder wesentlich glücklicher? Auch mit Kind bin ich noch derselbe Mensch wie vorher. Nur vielleicht ein ganz kleines bisschen rührseliger. Aber das muss ja nix schlimmes sein… 😉

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  7. Sylvie schreibt:

    Was für ein super Text! Ich bin immer wieder beeindruckt und neidisch, wie du Dinge auf den Punkt bringst, die ich auch so empfinde, aber nie so formulieren könnte!
    Danke!

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  8. Antonia schreibt:

    Chapeau … du bist der Hammer der den Nagel sowas von auf den Kopp trifft. Vielen Dank für diese offenenen und ehrlichen Worte in einer Welt voller „Möchtegern Alete in meiner Welt ist alles perfekt seit dem ich Mutter und Ehefrau Mamis“ … du rockst!

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  9. Schön geschrieben. So ehrlich. Das baut vielleicht das ‚romantische‘ Denken etwas ab. Jeder bestimmt sein eigenes Glück und man muss/darf/soll es nicht auf andere abwälzen.

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  10. Regrettingfatherhood ist ne nette Marketingidee, um Altbekanntes in neuer Verpackung unters Elternvolk zu werfen. Ich schlage zur Erweiterung des Werbehorizonts vor #regrettingkids, # regrettinghusbands, #regrettingparents, #regrettingexistence. Hört sich doch echt nach neuen Debatten an, oder #regrettingcomment?

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  11. Mamarion schreibt:

    Was für ein schöner Text und so wahr ! Wunderbar den Nagel auf den Kopf getroffen. Und als „alte“ Mutter einer 22 jährigen Tochter, kann ich nur sagen, es gibt noch Hoffnung. …irgendwann wenn man das Kind losgelassen hat, merkt man, dass es einen (zwar nicht immer ) mit kleinen Gesten glücklich macht . Und auch wenn ich losgelassen habe, bin ich immer noch bemüht, das „Kind“ glücklich zu machen. Non…je ne regrette rien!

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    • Danke. Es geht mir ja auch gar nicht um das bedingungslose Wünsche erfüllen, um das Kind „glücklich“ zu machen (so wurde es teils auf Brigitte MOM gelesen, wo der Text auch erschienen ist). Es geht nicht darum, nach der Pfeife des Kindes zu tanzen, damit sein Ego keinen Kratzer bekommt. Was ich mit „glücklich machen“ meine, ist einfach die Erfüllung der grundlegenden Bedürfnisse nach Liebe und Geborgenheit. Und ich denke mal, die allermeisten Elternteile wollen auch ihre erwachsenen Kinder glücklich sehen. Warum auch nicht? 🙂

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  12. Piotra schreibt:

    Das Bild der See der Mutterschaft ist toll. Der Scheißhaufen ist treffend 🙂 „Mein“ Kind wird bald zwei Jahre alt. Und trotz besagter praktischer Kleidung, einer ruinierten Frisur und wenig Zeit für mich bin ich in erster Linie ich. Bin ich Mutter? „Habe“ ich ein Kind? Es ist, wie du schreibst. Wir haben ihn eingeladen, er ist dieser Einladung gefolgt. Es ist unsere Aufgabe, ihn zu begleiten. Vielleicht bin ich das viel mehr, eine Begleiterin. Eine krasse Aufgabe, die alles, wirklich alles, verändert und auch infrage stellt. Und das Verrückte daran: wir haben es wieder getan. Zweite Einladung. Wurde auch angenommen. Wenn schon verrückt, dann richtig!
    Mal wieder ein toller Artikel!
    Weiter so!
    LG

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  13. Hallo,
    dein Artikel ist so toll! Deine Beschreibung von Gefühlen ist so wahnsinnig toll bildlich dargestellt. Ich habe mich in so vielen Passagen wieder gefunden. Vielen Dank für so einen Blogeintrag! Du schreibst so toll, was Muttersein ausmacht und ich es sehe es genauso. Wer sagt einem, dass Kinder nur glücklich machen?!? Für das Glück sind wir, wie fast immer selbst verantwortlich.

    Liebe Grüße in die Mudderstadt 🙂

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  14. Malinchen schreibt:

    Oh, wie schön du das geschrieben hast, mit der Einladung. Ein großartiges Bild. Ich geh mich jetzt mal an mein eingeladenes Tochterkind kuscheln und hoffe, dass ich sie gelegentlich glücklich machen kann.

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