Denkfragment #2

Bedürfnis, jetzt.

Beruf und Mutter, Mutter und Beruf: endlose Variationen eines Themas. Wahrscheinlich hätte ich doch Lehrerin werden sollen. Hatte ich ja auch eine Zeitlang vor, aber dann mussten wir im sechsten Semester diese grauenhafte Unterrichtssimulation machen, die vom Professorinnenteam* auf Video aufgezeichnet wurde. Ich schlug mich ganz gut im Angesicht von 40 Pubertierenden. Dachte ich zumindest, bis man mir die Videoauswertung vorführte. Darauf war eine zerraufte, schwitzende Anfangzwanzigerin zu sehen, die unangemessen oft „Scheiße“ sagt.

Ich bin also lieber nicht Lehrerin geworden. Sondern Werbetexterin. Das habe ich jetzt davon. Wenn ich nämlich mein Fahrrad auf dem Hof einer auftraggebenden Agentur parke, ist es ganz oft das einzige Gefährt mit Kindersitz hintendrauf. Manchmal stehen noch ein oder zwei andere Räder mit Kindersitz da. Zumindest vormittags. Die gehören den Teilzeitmüttern, die in den Agenturen meistens die Scheißarbeit erledigen dürfen und minimales Ansehen dafür ernten. Also keins. Im Grunde vielleicht sogar eher Verachtung. Oder mindestens Augenrollen. Ich weiß schon, warum ich nur sparsam von meinem Kind erzähle im bürointernen Small Talk. Es ist schlichtweg besser so – aber manchmal hasse ich mich ein bisschen dafür.

*Es waren zwei Männer und eine Frau, aber ich verwende hier lieber das generische Femininum. Aus Prinzip, und weil ich es kann. Verklagt mich doch.

*****

Was ist eigentlich mit dieser Dauermüdigkeit? Ist das eine Art Körpertrauma oder wie? Ich bin selbst dann müde, wenn ich 10 Stunden geschlafen habe. Okay, mit Unterbrechungen. Aber 10 Stunden, Mensch! Plus Mittagsschlaf am Wochenende. Dennoch – ich möchte mich dauernd überall hinlegen. Manchmal ziehen mich sonnige Parkbänke so sehr an, dass ich mich nur unter Anstrengung sämtlicher Willensfasern nicht drauflege. Das Gesicht an die speckigen Holzbohlen schmiegen. Sich ganz schwer machen, das beruhigende Rauschen der Hauptverkehrsstraße im Hintergrund. Der Reiz, meine Einkaufstüten abzustellen und auf dem Heimweg vom Edeka ein Nickerchen zu machen, ist zuweilen so verdammt groß. Irgendwann war ich mal keine Schlaftablette, ist lange her.

*****

Noch so ein Auswuchs elterlicher Hirnvermatschung: Der Stolz auf das Kind. Einfach, grundsätzlich und ziellos. Das Kiddo ist so flink, hach! So geschickt, wie noch nie ein Kind Geschick hatte! Und es ist so sozial und liebenswürdig mit anderen Kindern, rührend! Überhaupt, wie es lacht! Und wie es läuft, und wie es sich konzentriert, und was für niedliche Füße es hat. Der Mann und ich schauen uns an und grinsen debil. Wirklich, wir grinsen total dämlich. Das war jetzt fies gesagt, zugegeben. Verliebte Menschen wirken eben ein bisschen dämlich – und nichts anderes ist dieser Stolz, als Verliebtheit in dieses kleine, klebrige, schlafwarme Wesen, das einem zum Aufwachen Popel an die Backe schmiert.

*****

Menschen, die erst um zehn oder elf ins Büro kommen, obwohl die Arbeit um neun beginnt. Und einen dann um sechs fragen, ob man schon gehen wolle. Ernsthaft jetzt? Meine Arbeit ist ja häufig irgendwie anachronistisch, aber das hier, das ist wirklich so dermaßen Nineties, dass mir nichts mehr einfällt. Außer Hass. Aber Hass lässt sich so schlecht artikulieren, ohne zu klingen wie Pegida. Also belasse ich es bei einem verächtlichen Schnaublachen. Oder schreibe einen Text.

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10 Gedanken zu “Denkfragment #2

  1. Und du schreibst so schöne Texte 🙂 Mach weiter! Und übrigens – ich bin Lehrerin und sage dir, das ändert nix! An gar nichts außer, dass man über sein Kind reden kann und mit ner halben Stelle noch ein bisschen Ansehen genießt 😉 Aber der Rest… an-streng-end!!! Und nie fertig und immer zuhause weiter machen…. Aber debil grinsen kann ich auch noch 🙂 LG Siina

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  2. Ich finde die Dauermüdigkeit kommt am besten beim Vorlesen raus. Gestern abend habe ich in unserem Lieblingsbuch (Sternenritter, Peinkofer) mehrach am gleichen Absatz anfangen müssen, weil meine Sätze einfach abbrachen oder traumwandlerisch eine andere Wendung im beginnenden Einschlafen nahmen. Sehr förderlich für den Großen, der meinte, er lese nun doch selbst vor…
    Unterrichtssimulation – wo ist der Link? Komme gerade von meinem Professorenteam und hatte viel Spass, die Jahrgänge 1992-96 zu interviewen…

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    • Ich muss ein bisschen lachen, wenn ich mir vorstelle, wie Du beim Vorlesen einschläfst.

      Und zu den Unterrichtssimulationen gibt es einen Link??? Die sind öffentlich??? Aber das war, in meinem Fall, im Jahr 2001, da hatte doch kaum ein Mensch Internet und alles war VHS. Naja, nicht VHS, aber so ähnlich. Meine Güte, hoffentlich haben die das Zeug vernichtet, zumal ich aus dem Studiengang dann ausgestiegen bin *grusel*

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