Laute Tage.

Kalifornische Wüste. Kein Geräusch, nirgends.

Es gibt so Tage, Tage wie diesen. Davon geweckt werden, dass mir eine ins Ohr schreit. Wie an jedem anderen Morgen in dieser Woche. Dieser Lärm. Mein Kopf ist noch gar nicht da, meine Beine quälen sich aus dem Bett. Das Schreien bewegt sich ins nächste Zimmer, meine Beine hinterher. Ich versuche mich an beruhigenden Worten, heraus kommt ein Krächzen. Ich räuspere mich eine Million Mal, es hilft nichts. Ich halte die Klappe.

Das Schreien geht ins Bad, meine Beine hinterher. Dann macht das Schreien eine kurze Pause, statt dessen rumpelt es ganz scharf und scheppernd, als Zeug aus dem Schrank auf die Fliesen fällt. Noch ein dumpfer Knall obendrauf, das war der Kopf. Das Schreien nimmt wieder Fahrt auf. Irgendwann war es doch mal ruhig in dieser Wohnung. Muss Jahre her sein. So still war es, das fand ich sicher schön. Ohne es zu wissen.

Aus dem Nebenzimmer neue Geräusche, Husten. Das ist der Mann. Es rumst, auch er lässt irgendetwas fallen, immerhin weint er daraufhin nicht. Der Mann hustet weiter, laut. Vielleicht ist das nicht normal, dass einer so laut hustet.

Küche, Radio, Frühstück. Die Musik ist zu viel und ich zu müde, um sie leiser zu drehen. Eine Tasse fällt vom Tisch, Besteck klappert gegen das Porzellan, Kind schreit, diesmal wütend, Mann hustet wieder, das Radio ist so scheißlaut, Mensch.

Ds Kind hat feine Antennen: Je weiter ich mich in mich selbst zurückziehe vor all dem Krach, desto näher rückt es mir auf die Pelle. Ich verstehe das. Es will nicht, dass ich mich zurückziehe. Und ich will, dass alle endlich mal die Klappe halten. Mann, Kind, Radio. Seid doch mal still, bitte. Es ist aber keiner still, weil Familienlärm eine Naturgewalt ist. Völlige Ruhe innerhalb einer vollständig anwesenden Familie ist kein so gutes Zeichen, glaube ich.

Mein Telefon piepst, es ist das Mailprogramm. Es piepst wieder, es ist eine SMS. Der Mensch, der im Zimmer über unserer Küche wohnt, lässt einen Sack Pflastersteine auf den Boden fallen. Glaube ich. Das Kind schreit nicht mehr, schlägt aber mit seinem Becher ausdauernd auf die Tischplatte.

Männer mit Presslufthämmern tragen so schöne bunte Ohrenschützer, so einen brauche ich. Dann würde ich freundlich lächelnd einfach dasitzen, während draußen die Kakophonie des Grauens abgespielt wird. Dass ich lärmempfindlich bin, weiß ich schon lange, das ist angeboren. Was ich bisher nicht wusste: Wie es ist, wenn ich mich dem Lärm nicht entziehen kann. Jetzt weiß ich’s, es ist Mist. Es zerrt an meinen Nerven wie sonst nichts, es dünnt mich aus und macht mich mürbe.

Die Wohnungstür fällt zu, Mann und Kind sind weg. Ich bin froh darüber und fühle mich sofort schuldig. Aber es ist so still jetzt, das ist schön. Ich sitze ein bisschen in der Stille herum. Mein Herz beruhigt sich, ich tippe diesen Text. Das Mailprogramm tönt. Es ist okay.

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23 Gedanken zu “Laute Tage.

  1. Du scheinst einfach echt gut. Macht auch Banalitäten lesenswert. Oder höflicher formuliert: Du hast eine ungewöhnliche Formulierungskunst für das Gewöhnliche. Zum Inhalt: Gerade die von Dir herbeigesehnte Stille deutet meist auf Gefahr im Kinderzimmer. Bei uns gestern Abend wieder. Lautes Rittergetöse. Stille. Nachschauen im Kinderzimmer. Das Schaumstoffschwert bruzelt schon lieblich auf dee Stehlampe…

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  2. Wirdschonwieder schreibt:

    G E N A U S O I S S E S!
    Als hätte mir einer den Spiegel vors Gesicht gehalten. Und ich hab mich immer gefragt, was das eigentlich ist, das da so an den Nerven zerrt. Lärm isses!
    Und zwei Kinder und ein Mann der gerne dauerbeschallt wird. Mit Radio beim Kacken, Podcast beim Kochen und Musik beim Durch-den-Flur-laufen.
    Danke- jetzt kann ich es adressieren, wenn mein Gehirn das nächste Mal platzen will. Es ist nicht der eigene Wahnsinn. Es ist Lärm!

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  3. Tomi schreibt:

    Ich danke Dir aus tiefstem Herzen!Ich fragte mich erst gestern, ob mit mir alles ok ist als ich die 4jährige wimmernd bat, doch mal 5 Minuten nur leise zu
    singen (grölen), tanzen (stampfen) und den Bruder zu streicheln (ihn Sumo-mäßig aufs Bett pfeffern). Da war es 08:05 Uhr, nur der Mann war weg und ich musste noch eine Stunde bis zur Kita durchhalten, schlechtes Gewissen für Rabenmutter sein all inclu!

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  4. Uta schreibt:

    Mir geht insbesondere sehr plötzlicher Lärm am Abend extrem auf die Nerven: Sprich, wenn ich aus dem Büro nach Hause komme (und das liegt nicht daran, dass ich einen stressigen Tag hatte). Während ich bei den rumlamentierenden Kindern sitze, am liebsten gleich wieder durch die Tür verschwinden würde und schnell selbst laut werde, weil ich irgendwie versuche, sie zu bändigen, sitzt unser AuPair völlig relaxt zwischen dem Krach.

    Interessanterweise kann ich das aber auch, wenn ich den ganzen Tag mit ihnen verbracht habe. Meine Theorie dazu ist, dass man sich an Lärm jedes Mal wieder neu gewöhnen muss um dann auf Durchzug schalten zu können.

    „Und täglich grüßt Krachkopf 1 und Krachkopf 2“.

    Liebe Grüße,
    Uta

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  5. Levke schreibt:

    Danke, das hat nach diesem Tag echt geholfen 🙂 Man ersetzte das Husten durch Niesen (mindestens 100 Mal) und es war genau mein Tag! Sehr erfrischend zu wissen, dass man „Mitempfinder“ hat 😉 Liebe Grüße Levke

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  6. ap schreibt:

    Wunderbar.
    Ich kenne übrigens die einzige Stille, die in Familien nicht gefährlich ist: die genießerische, bei den Eltern meiner besten Kindergartenfreundin damals auch liebevoll „Puddingstille“ genannt, wenn alle stumm und essend um den Tisch sitzen. Hält aber nie länger als 10min – leider

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  7. Verena schreibt:

    Mein Mann hat das Problem auch. Und keins damit, während der Mahlzeiten, des Wickelns, Zubettbringens usw. die „Mickey Mäuse“ zu tragen. Unterwegs hat er immer Ohropax in der Tasche und ist über alle befremdlichen Blicke erhaben.
    Das einzige, was mich daran stört: Er spricht lauter als sonst. 😦

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