Voll intolerant.

Das ist Ironie. Ironie! Wirklich.

Das ist Ironie. Ironie! Wirklich.

Ich würde gern behaupten, ich sei tolerant in meinen Ansichten. Das scheint grundsätzlich eine erstrebenswerte Charaktereigenschaft zu sein. Dass man ehrlichen Herzens so etwas sagen kann wie: Ich bin okay, Du bist okay. Gut, vielleicht nicht gerade diesen Satz, der kommt straight from 1975. Aber unter Eltern – nein, streichen Sie das – unter Müttern ist es ja nicht selten die gegenseitige Toleranz, die uns fehlt. Mommy Wars und sowas.

Hinsichtlich der üblichen Kampfthemen – stillen, tragen, betten, ernähren, impfen – bin ich nicht sonderlich dogmatisch. Dazu ist mir das alles viel zu wurst. Denn die äußere Struktur des Elternseins sagt so gar nichts über die Beziehung zum Kind aus. Soll doch jede* sich das raussuchen, was jetzt gerade passt und funktioniert. Meist habe ich dazu nur eine milde, diffuse Meinung, eine von der Sorte: „Ah, ok, finde ich jetzt anders irgendwie besser, aus diesen und solchen Gründen, aber für die ist das anscheinend schöner auf jene Art.“

Aber manchmal finde ich andere Eltern einfach nur scheiße. Ja, ist so. Nein, ich will das nicht reflektieren. Ich möchte nicht den Anspruch an mich selbst stellen, alles, was ich daneben finde, mit zenmäßigem Achselzucken davongleiten zu lassen. Im Namen der Toleranz. Dann bin ich lieber intolerant.

Intolerant bin ich zum Beispiel in dieser Situation gewesen: Wir auf dem Campingplatz. Neben uns kommt eine Familie an, zwei Kinder. Alle so alternativ angehaucht. Ganz sympathisch. Abends sehen wir die wieder, beim Essen. Die Eltern sind aus irgendeinem Grund gestresst. Kennt man ja. Und dann sagt der rastalockige Vater zu dem vor sich hin träumenden Sohn, er solle mal bitte an den Tisch kommen. Der Sohn hört das so halb, sortiert aber erstmal weiter Steinchen. Daraufhin der Vater: „Wenn Du nicht bei drei am Tisch bist, gehst Du später nicht mit schwimmen.“ Der Sohn reagiert, aber langsam – bis drei schafft er es nicht zum Tisch und wird tatsächlich vom Schwimmen ausgeschlossen. Er weint.

Ich sitze zwei Meter daneben und finde diesen Vater einfach nur beschissen. Erst so ne Hippie-Attitüde vor sich hertragen und dann völlig willkürlich seine Macht ausspielen. Heuchler. Natürlich sieht man immer nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben der anderen. Aber mir kann echt keiner erzählen, dass Situationen wie diese nicht auch die alltägliche Eltern-Kind-Kultur widerspiegeln. Da will ich nicht tolerant sein. Ich nehme mir das Recht heraus, diesen Vater blöd und unsympathisch zu finden und sein Verhalten total ätzend.

Andere Situation: Auf der Straße. Ein Paar und ein Typ kommen mir entgegen. Die Frau schiebt ein Kind im Buggy, es ist vielleicht drei Jahre alt. Ihm läuft ein bisschen die Nase. Die Frau zieht eine Packung Taschentücher hervor und reicht sie dem Kind mit der unfreundlichen Anweisung, sich die Nase zu putzen. Der Junge nimmt die Packung und frickelt sie mühsam auf. Plötzlich wird er von seinem Vater (?) sehr laut und harsch angefahren: „Deine Mutter hat gesagt, Du sollst Dir die Nase putzen!“ Es ist offensichtlich, dass der Junge das einfach nicht schneller und effizienter kann. Hektisch müht er sich mit den Taschentüchern ab, eines fällt zu Boden. Der andere anwesende Typ lacht blöde.

Ich meine, WTF!? Was ist denn los mit den Leuten, dass die ihre Kinder so mobben? Ich will das nicht aktiv tolerieren, und ich will das auch nicht egal finden, sondern mir gehen solche Situationen nach. Die Kinder tun mir sehr leid, weil sie ganz offensichtlich in ihrer Integrität verletzt wurden. Von den Menschen, die sie am meisten lieben.

Bevor mir jetzt jemand mit Glashaus und Steinen und sowas kommt, gebe ich zu: Natürlich bin ich auch nur ein Mensch, und natürlich passieren mir die gleichen Ausrutscher wie allen anderen auch. Vor wenigen Tagen erst habe ich das Kiddo angeschrien mit „Jetzt hör doch mal auf mit dem Scheiß!“, weil es mir wiederholt noch vor dem Frühstück meine Arbeitsklamotten mit Cashewcreme bestrichen und dabei laut gebrüllt hat. Nebenbei lief ein nervtötender Song im Radio und ich war gerade mit frischen Socken in eine alte Avocado getreten, die aus unerfindlichen Gründen auf dem Küchenboden lag. Tja, da brennen einem die Sicherungen durch – dem einen früher, der anderen später. Keine Perfektion im Hause Kiddo also.

Durchknall-Momente kennt jede* von uns. Wer die nicht kennt, ist abhängig von Benzodiazepinen oder lügt oder ist ein Alien. Diese Momente meine ich aber nicht. Ich meine den routiniert respektlosen, unempathischen Umgang mit Kindern, den ich in den obigen Situationen beschrieben habe. Ich kann das nicht ab, ich finde sowas einfach kacke. Kann vor mir selbst nicht rationalisieren, dass ich doch bitte alle anderen Eltern und ihre Erziehungsansätze als solche irgendwie okay zu finden habe, weil, die haben ja sicher alle ihre (Hinter-)Gründe. Mit dem Camping-Vater möchte ich nicht am Lagerfeuer sitzen. Und bin in dieser Hinsicht dann wohl intolerant.

Ich kann nicht genau sagen, wo meine Toleranz aufhört. Vermutlich ist es eine Frage der Tagesform. Und auch wenn das jetzt niemand glaubt: Ich bin tatsächlich in der Lage, meine eigene Intoleranz auch mal in Frage zu stellen. Dann tadele ich mich innerlich für meine Voreingenommenheit und denke einen Moment darüber nach, warum ich Elternteil XY gerade so unerträglich finde. Funktioniert eigentlich ganz gut. Oft lerne ich dabei etwas über mich. Auch wenn das nicht unbedingt bequeme Erkenntnisse sind.

Dennoch möchte ich mir erlauben, Menschen und Verhaltensweisen so richtig mistig zu finden. Ich will nicht jeden verstehen, und ich will es auch nicht müssen. Abends im Campingbus erzähle ich dem Mann die Situation mit dem Rasta-Dad. Er kommentiert: „Arschloch.“

Ich mag ihn dafür sehr gern.

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18 Gedanken zu “Voll intolerant.

    • Stimmt, ich spreche nur von Vätern. Was aber daran liegt, dass dies die zwei eindrücklichsten Situationen für mich waren. Und ich nicht mit zahllosen Beispielen ums Eck kommen wollte, damit ich nicht noch meckeriger dastehe als sowieso schon 🙂

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  1. Den, wie Du schreibst, „routiniert respektlosen, unempathischen Umgang mit Kindern“ kenne ich auch und finde ihn beschissen, furchtbar, inakzeptabel. Leider – im Hause gnaddrig auch keine Perfektion – ertappe ich mich immer wieder mal dabei, auch in solche Verhaltensweisen reinzurutschen.

    Gründe gibts genug. Schlafdefizit (egal ob von den Kindern, den lauten Nachbarn oder der eigenen Lotterigkeit verschuldet), Elterntaubheit der Kinder (oft genug auch selbstgezüchtet, deswegen im konkreten Fall aber nicht weniger nervig), Termindruck und Zeitmangel (der Kindergarten/die Schule fängt IMMER viel zu früh an, der Wecker klingelt IMMER viel zu spät und alles dauert IMMER viel länger als nötig oder geplant), notwendige Kreisquadraturen (wenn das Kind eh schon spät dran ist und sich die einzige tragbare Hose mit Joghurt verkleckert oder noch ganz unbedingt ein ganz bestimmtes Heft mit exotischer Lineatur braucht, das man natürlich nicht vorrätig hat).

    Ich rutsche dann manchmal in solche Stimmungen rein und stänkere dann schon eine ganze Weile rum, und das finde ich völlig bescheuert. So will ich mit meinen Kindern nicht umgehen. Und wenn ich es doch tue und das merke, entschuldige ich mich bei ihnen (sie sich bei mir umgekehrt auch, übrigens, wenn sie mitkriegen, dass sie unnötigerweise mal ganz besonders zäh waren).

    Aber diese Machtspielchen, diese willkürliche Bestraferei und dieses schon fast bösartige Nichthinschauen, wo man gar nicht sieht, dass das Kind sich wenigstens bemüht, es gut zu machen und einfach nur an seine Grenzen stößt, das verstehe ich nicht.

    Zu dem Rasta-Dad fällt mir auch kein besseres Wort ein…

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    • Danke für Deinen tollen Kommentar. Ja, es geht ganz schnell, in solche Verhaltensweisen zu rutschen. Geht mir ja genauso und ich hasse es sehr. Es ist aber gut, dass wir das merken – die im Text beschriebenen Leute erweckten den Eindruck, als merkten sie das schon lange nicht mehr selbst, wie sie eigentlich mit den Kindern sprechen.

      Mir hilft es am ehesten, ganz bewusst zurückzutreten in der Situation. Wenn möglich kurz weggehen, durchatmen, mir ins Gedächtnis rufen, dass ich jetzt am besten den Mund halte und so produktiv handele, wie es eben geht.

      Manchmal sieht das dann so aus, dass ich mich in den Flur neben das unwillige Kind setze, statt ihm die Jacke aufzuzwingen. Und nix sage. Nach einer Minute oder so kommt das Kiddo dann oft freiwillig her und lässt sich anziehen.

      Keine Ahnung, wie weit ich mit meinem Ansatz komme. Ich will bloß einfach nicht so eine Mutter sein, die grundsätzlich auf Machtbasis operiert.

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      • Das mit der machtbasierten Erziehung funktioniert auch nur so lange wie das Kind sich dem nicht entziehen kann. Spätestens in der Pubertät fängt es an, dass man sie nicht mehr so ohne weiteres kontrollieren kann. Und wenn man dann nur Befehl und Gehorsam mit „Weil ich das sage“ als Verständigungsmethode hatte, verliert man das Kind dann wahrscheinlich völlig. Wenn man dagegen eine Vertrauensbasis hat, wo man gegenseitig von grundsätzlichem Wohlwollen (auch bei Ausrutschern, Fehltritten und gelegentlichen Katastrophen) ausgehen kann und weiß, dass das Gegenüber sich wenigstens Mühe gibt, einen zu verstehen und Interesse an einer verträglichen Lösung hat, braucht man diese Art Macht gar nicht erst.

        Mal kucken, wie sich das bei meinen so entwickelt. Wir haben schon immer viel mit ihnen besprochen und „zu viel diskutiert“ (man hat uns vorgeworfen, die Kinder würden uns kontrollieren, weil wir nicht genug auf den Tisch hauen), und ich hoffe, dass das so etablierte vertrauensvolle Miteinander auch auf steinigeren Wegstrecken hält.

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      • Ich bin da auch sehr gespannt drauf! Man (Großvater väterlicherseits) hat uns schön des Öfteren das selbe vorgeworfen. O- Ton:“ Die macht mit euch was sie will, die hat euch fest in der Hand, mir hat ne Ohrfeige auch nix geschadet….“ Geht’s eigentlich noch? Ich finde nicht nur traurig, dass der eigene Opa solche „Tipps“ gibt, viel mehr bin ich davon überzeugt, dass Verständnis und sich gegenseitig (!) entschuldigen können bei Weitem mehr Vertrauen schafft als ständig (und ich gebe zu, ich mache es auch hier und da…) Macht ausspielen! Du hast Recht, sobald die Kinder nicht mehr so abhängig sind, bekommen wir das um die Ohren. Ich habe die Hoffnung, dass ich auch in der Pubertät mit meiner Tochter reden kann, weil ihr genauso wie mir am Familien Frieden gelegen ist und sie sich letztendlich doch verstanden fühlt. Ich finde, wir machen das gut 👍😜

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  2. Frawi schreibt:

    Ach, wie oft habe ich in den Blog geschaut (den ich insgeheim gar oft als „Therapie-Blog“ bezeichne, weil er mich so oft getröstet und mir gezeigt hat: Geht anderen auch so, du bist nicht allein!) – und jetzt endlich: Ein neuer Eintrag! :-))) Danke!!!

    Dem Geschriebenen kann ich mich nur anschließen. Allerdings drängte sich mir schon beim Lesen die Frage auf: Und was tut man dann am besten? Flucht man still in sich hinein und belegt die Arschperson mit unflätigen Schimpfworten höchster Güteklasse, oder macht man den Mund auf?

    Es ist mitnichten so, dass ich in dieser Hinsicht besonders couragiert wäre, aber ich möchte es manchmal gern sein. Möchte dieser dummen und/oder ignoranten Person sagen, dass so ein Verhalten ihr Kind verletzt und das Allerletzte ist. Dass es – siehe Beispiel – sich die Nase nicht schneller putzen KANN. All dies in der Hoffnung, vielleicht dringe etwas von meinen Worten zu dem Menschen durch, regte ihn zum Nachdenken und bestenfalls zu anderem Handeln an. Die Gegenargumente sind natürlich sehr praktisch: Der/Die ist eh zu blöd und kapiert nie, wieviel er/sie kaputt macht! Mit Einmischen provozierst du erst recht Widerstand! Und das Kind muss es dann ausbaden! Vielleicht hat die Person wirklich nur einen schlechten Tag? – Ein moralisches Dilemma, gerade für tendentielle Schissbuxen. Aber ich wünsche mir den Mut, einmal den Mund aufzumachen und für das Kind Partei zu ergreifen. Damit kann ich zumindest ihm zeigen, dass jemand auf seiner Seite steht. Vielleicht sucht es dann nicht die Schuld bei sich – denn das fände ich besonders schlimm, wenn dieses Verhalten oder die Erwartungen auch vom Kind zur Norm erhoben würden.

    So, das war das Wort zum Sonntag. 🙂 Herzliche Grüße nach Berlin!

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    • Ich sage immer nix. Also bisher. Weil es so furchtbar schnell anmaßend wird und weil ich nicht weiß, wo ich die Grenze zu Gewalt ziehen soll (die ich wiederum unbedingt kommentieren möchte). Ganz schwierig, das.

      Und ja, ich hätte auch immer große Sorge, dass das Kind einen Kommentar meinerseits dann ausbaden muss. Das wäre schlimm. Bei den Naseputz-Eltern wär ich mir da sicher gewesen.

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  3. Das hat aber gedauert! Da bin ich volle Pulle intolerant, wenn man als Abonnent ewig nüscht zu lesen kriegt hier (ich hatte schon heimlich, paranoid und unvorstellbar verzweifelt die Befürchtung, Du hättest mich womöglich rausgeschmissen/geblockt/“Du-kommst-hier-net-rein!“-mäßig nur noch VIP-Leser zugelassen oder sonst irgendwas!
    Ein Stein fällt mir vom Herzen… Puh. Und weil er schon mal da ist, leg ich ihn Dir gern in die Hand. Zum Schmeißen. Zack, jemandem an den Kopp. Worte sind ja wie Schläge, kannste nicht zurücknehmen. Verstehen manche Elternleute vielleicht dann so.

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    • Naaaa, ich hab einfach grad so keine Zeit. Für nix. Es ist schlimm. Wenn ich abends nach dem Job den Rechner zuklappe, habe ich null Bedürfnis, ihn daheim wieder aufzuklappen.

      Und Du bist auf jeden Fall eine Super-VIP-Leserin, meine Liebe ❤ ❤ ❤

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  4. „…Dann tadele ich mich innerlich für meine Voreingenommenheit und denke einen Moment darüber nach, warum ich Elternteil XY gerade so unerträglich finde. Funktioniert eigentlich ganz gut. Oft lerne ich dabei etwas über mich. Auch wenn das nicht unbedingt bequeme Erkenntnisse sind…“

    Genau das ist mir vor gerade einer halben Stunde passiert. Ich fühle mich zwar jetzt schlecht, aber hoffe, dass ich für die Zukunft draus lernen kann.
    Danke dafür, es in Worte zu fassen!

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  5. Ich kenne das so sehr. Ich sag auch nix, aber würde am liebsten. So sehr! Manchmal macht mir diese Intoleranz richtig zu schaffen. Das ist son Weltverbesserer- Syndrom. Ich möchte am liebsten hingehen und denen sagen wie es ‚richtig‘ ist, dabei mach ich bestimmt auch nicht immer alles richtig. Aber diese Situationen sind tatsächlich Schule des Lebens, wenn man will lernt man über sich. Und das ist ja auch nix schlechtes, oder? 😜 Kiddo-Mama, dein Blog ist der Knaller! Du inspirierst mich. Meiner liegt nämlich brach. Vielleicht sollte ich mein Thema wechseln, wird eh Zeit.. ☺️

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  6. Immer, wenn ich Mütter sehe, die ihre Kinder auf der Straße anschreien, denke ich auch: „Ey, muss das jetzt sein? Voll daneben!“ Auf der anderen Seite … ich war noch nie in der Situation und kann deswegen nicht sagen, dass ich es besser mache. Ich kann sie mir nur als Negativ-Vorbild nehmen und mir merken, dass ich nicht so werden möchte. Trotzdem: die armen Kinder!

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