Thank God It’s Friday!

Ein Freitagabend aus besseren Zeiten.

Ein Freitagabend aus besseren Zeiten. Dieser Freitag  konnte sich wirklich sehen lassen.

Der Freitag ist eine wirklich schöne Einrichtung. Alles kann, nichts muss, wie sie in Swingerclubs angeblich sagen. Nicht, dass ich das aus erster Hand wüsste. Jedenfalls, der Freitag. Das Wochenende liegt noch ganz heil und vollkommen vor Dir. Unendliche Möglichkeiten. Zwar ohne das Ausschlafen, falls man ein Elter ist. Aber dennoch.

Also ging ich letzten Freitag, es war gegen 11, frohgemut zu dm. Wochenendwindeln kaufen. Als ich sinnend vor dem Windelregal stand und mir gerade die ominösen Schwimmdinger näher ansehen wollte, legte sich von hinten eine Hand auf meine Schulter. Die Hand fühlte sich warm und schwitzig an. Ich drehte mich um und schaute auf den nackten Brustkorb eines verdammt großen, verdammt hektischen jungen Mannes. Auch sonst trug er nicht viel am Körper. Eine abgeschnittene Jogginghose, die keine Unterbuxe, dafür aber halbe Pobacken preisgab. Was es gäbe, wollte ich wissen. Der hektische junge Mann antwortete in einer Sprache, die ich nicht spreche. Ich behaupte, dass sie auch sonst niemand spricht, weil sie offenbar in Echtzeit von den Drogen in seinen Synapsen erfunden wurde.

Seinen wilden Gesten entnahm ich, dass er sich gerne mit irgendetwas eincremen täte. Ich wies diffus auf das Babypflege-Regal. Dem er sich entschlossen zuwandte und alle in Frage kommenden Behälter öffnete, um sich mit dem Inhalt zügig zu bestreichen. Ich ergriff die Gelegenheit, um mich leise aus dem Staub zu machen.

Nicht leise genug, denn im nächsten Gang tauchte der junge Mann wieder neben mir auf, um mir in seiner Phantasiesprache allerlei wichtige Dinge zu erzählen. Dabei wollte er mich gern umarmen, was ich aufgrund seiner Statur nur um Haaresbreite abwehren konnte. Während ich die Beine in die Hand nahm, sah ich aus dem Augenwinkel, wie er sich mit dem Inhalt einer Fußcremetube einrieb. Ich verschob meine restlichen Einkäufe auf anderswann und rettete mich in den Kassenbereich, um zu bezahlen und die Kassiererin auf den cremewütigen Mitbewohner hinzuweisen. Was diese lediglich mit dem unendlich matten Hochziehen einer halben Augenbraue quittierte. Ich musste an Rilkes Panther denken.

Dann ging ich weiter zur Buchhandlung und kaufte ein feministisches Buch. Dies ohne Zwischenfälle.

Etwa 200 Meter vor der Haustür hörte ich, wie sich von hinten ein Mann näherte, der offenbar auf eine Begleitperson einsprach. Und zwar in einer Lautstärke und Wortwahl, die mich kurz überlegen ließ, ob ein Straßenseitenwechsel nicht die bessere Option sei. Der lautstarke Mann war nämlich sehr empört über die „verfickten zugezogenen Pseudo-Kreativen“ die unseren Kiez versauten und „die man alle in die Luft sprengen“ sollte. Je näher er mir kam, umso lauter und gezielter sprach er. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Als er und seine Begleiterin auf meiner Höhe waren, äußerte ich leichtsinnigerweise, dass die Angesprochenen ihn bei dieser Lautstärke wohl schwerlich überhören könnten. Woraufhin er sich Nase an Nase zu mir aufbaute, mich „dämliche Fotze“ nannte und mir empfahl, sofort „mein dummes Maul“ zu halten, sonst gäbe es „ein Druckkammergespräch“. Ich blieb wie angenagelt stehen, er sollte ja nicht merken, dass ich Angst hatte. Seine Begleiterin, die im Übrigens ganz nett aussah, erklärte mir, ich müsse mich ja nicht angesprochen fühlen von den Tiraden des Mannes. Ach so, ja. Mein Fehler.

Als ich zuhause die Tür aufschloss, zitterten meine Hände so sehr, dass ich den Schlüssel nicht ins Schlüsselloch bekam. Außerdem sah ich irgendwie verschwommen vor lauter Schreck. Das allerdings lag an dem ganzen Rotz und Wasser in meinem Gesicht, wie mir wenig später auffiel.

Um den Freitag wenigstens angenehm abzuschließen, spazierten wir am Abend zu einem fabelhaften Italiener und schmausten leckere Sachen. Auf der Straße war es warm und schön, alle hatten gute oder akzeptable Laune, das Kiddo benahm sich vorbildlich. Ich war versöhnt mit dem Tag. Mit der Rechnung wurde uns vom Kiddo schließlich eine volle Windel serviert – also steuerten wir den nahen Park an, zwecks Frischluftwickelsession. Ich bin ja ein bisschen stolz auf die Geschwindigkeit, in der wir einem zappeligen Kleinkind den Hintern versorgen können. Das ist quasi Formel 1-Niveau.

Als ich aufstand und mir meine Handtasche wieder umhängen wollte, war sie leider nicht mehr da. Was auch nicht da war: Mein Geldbeutel, Handy, Schlüssel, Sonnenbrille und die obligatorischen krümeligen Labellos. Geklaut in der einen Minute, in der wir nicht den Kinderwagen neben uns, sondern den Kinderhintern vor uns im Blick hatten. Der Park war voller Menschen. Niemand hatte etwas gesehen.

Ich glaube, ich mag den Samstag doch irgendwie lieber.

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20 Gedanken zu “Thank God It’s Friday!

    • Ich muss gestehen, nach diesem Freitag hatte ich auch einen ganz schweren Stadtkoller. Da hatte ich so richtig die Schnauze voll. Blöd ist nur, dass ich in meinem Beruf ganz schlecht in ländlicher Umgebung arbeiten kann. Meine Kunden sind allermeist in Großstädten angesiedelt. Da müsste ich ganz umdenken – und beim Mann sieht es ebenso aus. Manchmal nervt das schon.

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    • Sollte ich demnächst einen Mann mit seidig glänzenden, aber tabakbekrümelten Lippen in der Nachbarschaft sehen, habe ich einen Hinweis! (Die Krümel stammen von uralten Notfall-Kippen in meiner Handtasche)

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  1. Oh Mann… du Arme.

    Und meine Güte, dein dm in deinem Kiez klingt ja richtig gefährlich. Da bin ich dann doch irgendwie immer wieder im Spießer-Steglitz zu wohnen. Die älteren Herrschaften nehmen nur noch selten so starke Drogen und schimpfen auch nicht über die Kreativen 😀

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    • Ja – indem ich das alles aufschreibe, wird es auch gleich weniger doof. Am Ende sind das ja die Dinge, über die man sogar lachen muss. Und das Kind hatte wirklich einen guten Tag. Ansonsten ist es eher so ein Gastronomenschreck.

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  2. M. schreibt:

    Oha! Aber Dorfleben ist auch nicht ungefährlich. Wenn man hier nicht aufpasst, hat eine Ziege dem Kindchen die Haare angeknabbert oder ein Huhn kackt einem auf die Schuhe oder eine Rollator-Oma erzählt Dir ihre Lebensgeschichte. Stundenlang.

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  3. Hanna schreibt:

    Das klingt alles sehr typisch Berlin. Verrückte gibt es hier wie Sand am Meer – aber so viel Mist an einem Tag…
    Wir sind neulich aus dem Auto ausgestiegen, da lacht uns eine ältere Dame mit kurzen Haaren und verrücktem Blick freundlich an und fragt: „Wisst ihr, was mal echt gut wäre?“ – wir sehen sie verdutzt und fragend an – „Wenn man euch beiden mal so richtig die Fresse polieren würde.“

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