Du, Kiddo

Du, Kiddo,

ich muss Dich warnen: Es kann schon sein, dass Du Dich später, irgendwann, in einer oh-so-fernen Zukunft … also, dass Du Dich ein bisschen genieren wirst, wenn Du dies hier liest. Falls Du es noch nicht gemerkt hast – Deine Mom ist eine, die ihr Herz auf der Zunge trägt. Weil es manchmal überquillt, dieses Herz, und dann muss alles raus, in Worte verpackt, oder in Tränen oder in viel zu feste Umarmungen.

Es ist nämlich so, Kiddo: Ich denke gerade an Dich und kann nicht damit aufhören. Dafür gibt es keinen besondereren Grund. Oder vielleicht sehr viele Gründe. Lass uns einfach sagen: Ich denke an Dich, weil Du super bist.

Ich denke an Deine Unerschrockenheit, mit der Du Dir die Welt eroberst, an diese kleinen schmutzigen Füße, die so viel lieber rennen als gehen. An die aufgeschürften Knie, die Du keines Blickes und erst recht keiner Träne würdigst, an Deinen unbändigen Stolz, wenn Du wieder ein Hindernis bezwungen hast.

Ich denke an Deinen Humor, an den Schalk in Deinem Gesicht, wenn Du mir von hinten eine Handvoll Sand in die Haare streust oder Dich mucksmäuschenstill hinter der Zimmertür versteckst, damit ich Dich mit großem Theater suchen komme. Ich denke an Dein Lachen, wenn Dir etwas richtig Freude bereitet – dieses Lachen, das nur den Moment kennt und nur den Moment will und sonst gar nichts.

Ich denke an Deinen Blick. Alle sagen, er sei skeptisch, dieser Blick. Das kann sein, aber ich habe ihn so nie wahrgenommen. Ernst und aufmerksam ist Dein Blick, abwartend. Menschen und Situationen werden sorgsam gewogen mit dem Blick. Finden sie Deine Zustimmung, schmilzt der Blick von innen; Deine Stirn glättet sich, Deine Mundwinkeln schmunzeln über einen Scherz, den nur Du kennst.

Ich denke an Deinen Willen. Der so vehement ist, aber nicht kompromisslos. In der Mitte treffen, das kann man sich mit Dir. Meistens. Du weißt sehr genau, was Du brauchst – und noch genauer, was nicht. Du bist kein Mensch, der sich so nebenbei abfertigen lässt. Das ist, ich gebe es zu, anstrengend. Aber es ist auch toll, weil ich bei Dir immer weiß, woran ich bin.

Ich denke an Dein schlafendes Gesicht. Ein Babygesicht ist es, rund und weich, das Kleinkind ist hier noch nicht angekommen. So zart sind Deine Lider, Deine Züge so verletzlich und vertrauensvoll, dass ich Dich dauernd anschauen muss, wenn Du neben mir liegst. Das mache ich jetzt schon seit vielen Monaten, und es ist mir noch nicht langweilig geworden. Kitschig, oder? Aber trotzdem wahr.

Ich denke an Dein erschrockenes Kreischen gestern am Wasser, ich denke an Deinen Mut und an Deine Liebenswürdigkeit, an Deine streichelnden kleinen Hände in meinem Gesicht, an Deine verzweifelten Tränen und an Dein spärliches Babyhaar. Ich denke an Deine ersten Tage auf dieser Welt, an die guten Tage und an die nicht so guten.

Ich denke an Dich, Kiddo. Und ich höre nie wieder damit auf.

Deine Mom

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36 Gedanken zu “Du, Kiddo

  1. Also wenn sich das Zukunftskiddo deswegen geniert, dann weiß es nicht, was gut ist. Wenn meine Mutter mir so einen „Brief“ schreiben würde, würde ich vor Freude tanzen, heulen und springen gleichzeitig… 😀

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  2. Ich hab deinen Text gerade zum dritten Mal gelesen und zum dritten Mal geweint. Und ich denke an deinen Text, in dem du sinngemäß sagst, dass du enttäuscht bist, weil du kein anderer Mensch geworden bist mit deinem Kind. Und – ansonsten lese ich nur Texte und halte die Klappe, aber heute muss ich es dir sagen – wer jemals einen anderen so geliebt hat, hat sich verändert. Ganz bestimmt.

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  3. ❤ Sehr schöner Text!

    Ich habe vor kurzem auch einen Brief an meinen Sohn geschrieben. Man hat einfach zu viel Liebe für die Kinder – das kann man nicht für sich behalten…auch wenn sie es später vielleicht peinlich finden. 😉

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  4. Michel schreibt:

    Liebe Liz, was für ein wunderschöner Text! Eine richtige Liebeserklärung an deine Süße. Das hat mich sehr berührt und die Sehnsucht geweckt, euch endlich mal wieder zu sehen und zu erleben.
    Liebste Grüße von uns und sei herzlich umarmt vom Michel. Bussi fürs Kiddo!

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  5. Angela schreibt:

    Ja, so ist das mit unseren Kindern. Es gibt viele Gründe, sie zu lieben, auch wenn sie im Moment manchmal nervig und anstrengend sind. Und ein schlafendes Kind – da kann der kitschigste Sonnenuntergang brausen gehen! Ok, ich bin generell nicht so die Romantikerin. Trotzdem.
    Ich bin mir sicher, das Kiddo wird deine Worte mal zu schätzen wissen – spätestens dann, wenn es selbst Kinder hat. ❤

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  6. Jen schreibt:

    Entschuldigung, wie kann man so einen Text schreiben?! Ich konnte ihn kaum lesen, weil ich instantly heulen musste. Und damit meine ich nicht zwei Tränchen im Knopfloch. Herzzerreißend!

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