Circus Maximama oder Wenn alle Wege nach Rom führen, suche ich das gallische Dorf.

Die fabelhafte Annalena beehrt uns wieder mit einem Gastbeitrag. Danke, Du arschcooles Weib.

Ahhh! Endlich mal ein richtig schöner langer Titel. Ich finde ja, ein Titel, der nicht über drei Zeilen geht, ist es nicht wert, überhaupt das Licht der Welt zu erblicken. Wenn der Titel kurz ist, kann der Rest ja nur amputiert hinterherhinken. Man kauft ja auch kein Pixi-Buch für den Urlaub, sondern einen verheißungsvollen Schinken. Wie es dieses Bahnhofsliteratur-Pamphlet mit dem erbärmlich-lahmen Titel „Die Bibel“ in die Bestsellerliste geschafft hat, ist mir immer noch ein Rätsel. Viel schöner wäre doch, wenn auf dem Einband „Alte Männer und ihre schier nicht endend wollende Zeugungsfähigkeit, die einem weiteren alten Mann auf einer Wolke gute Laune macht, und dann noch ein Mann, der erst stark unnachhaltige Party-Wunder vollbringt und dann aber über eine Handwasch-Affäre stolpert und beleidigt in den Orkus steigt“ stünde. Aber mich fragt ja keiner. Äh, wo waren wir? Ach ja. Wir hatten noch gar nicht angefangen. Hust. Ich hab auch ein Jahr nach Geburt noch eine brutal verbimmelte Stilldemenz. Und Bücher lese ich auch nicht mehr, überfliege nur noch Ratgeber zu BLW und Co-Sleeping. Ob ich jemals wieder eine Urlaubslektüre von innen sehen werde, steht in den Sternen.

Denn das Kind ist ein Jahr alt. Und ich bin im Arsch.

Und verunsichert. Weil ich wohne im Prenzlauer Berg. Und wenn ich dann jetzt auf dem Spielplatz zu einer anderen Mutter sage, du, ich bin voll im Arsch, springt hier mit Sicherheit ein kleiner bebrillter Journalist aus dem Gebüsch und fotografiert mich mit Blitzlicht, während er auf einem Notizblock kritzelt und brüllt, aha, diese Prenzlauer Berg-Mütter, nen Buggy für 500 Tacken, aber trotzdem im Arsch, jajaja, ihr haltet euch für was besseres, aber dann geht´s euch schlecht, hihi, huiiii, PUFF! Und dann verschwindet er in einer Wolke aus billigem Schwefel und fluffigem Macchiatoschaum und am nächsten Tag liken ganz viele Leute aus dem Rest der Republik einen Artikel auf Facebook mit einem erschreckt blickendem Foto von mir und einem wirklich geschmackvollem Kinderbuggy im Hintergrund.

Denn der Prenzlauer Berg ist leider Quelle und Zentrum des Mom-Bashings. Wer genau damit angefangen hat, weiß ich nicht. Vielleicht wieder dieses verflixt harmlos guckende Rhesus-Äffchen, das schon einmal eine Seuche gestartet hat. Haps, einmal Mom X gebissen, und schon haben wir die Geschichte. Ich kann mir beim besten Willen nicht ausmalen, wer liebevolle Stillgruppen und lustige Bewegungsgärten für Auswüchse spätrömischer Dekadenz hält. Oder erschöpfte Eltern für eitel und egozentrisch, wenn sie den krakeelenden Nachwuchs auf den Spielplatz begleiten, aber nun gut. Die Artikel dazu stehen zwar in der taz und FAZ, sind aber so schlecht geschrieben wie ein bebildertes Raststätten-Menü, mit bunt ausgedachten Berliner Akzenten und jeder Menge alberner Currywurst-Authenthizität. Den eigentlichen Vorwurf habe ich nie verstehen können. Nicht, weil ich so ne hohle Fritte bin, sondern weil die Dinger einfach wirklich mies geschrieben sind. Ich verstehe nur: Ich werde in eine Arena geworfen und stehe da nun im Sand mit Kind an der Brust. In der anderen Ecke grinst mich ein eingeölter Gladiator an und schwingt aufmunternd die Klischeekeule. Um uns herum brüllt das Volk entfesselt „Töte die Wildstillerin!“. Nach mir kommt eine Mutter mit circa 4 Stunden Schlaf (nicht am Stück!), die gegen einen Low Carb-Löwen antreten muss, weil sie mit ihrem Dreijährigen im Café war und er einen Baby Macchiato bekommen hat. Flavius Tulius Nixverwöhnibus hält es nicht mehr auf den Sitzen vor Vergnügen, als das Raubtier die Stoffwindel erwischt und runterwürgt. Danach stolpert ein Vater in den Circus, der seine Tochter abends tapfer im Bondolino in den Schlaf trägt und von einer Gladiatorin niedergestreckt wird, die „Keine Chance den Diktatorenbabys!“ geifert. Das Volk ist außer sich vor Fetenstimmung. Es hat große Angst vor „kleinen Tyrannen“. Es hegt großes Misstrauen gegenüber allem Neuen und vergisst dabei, dass Stillen, Tragen und Stoffwindeln wirklich, wirklich oldschool sind. Und fast von den Bänken kippen tut es, wenn irgendwas „überkandidelt“ oder übertrieben scheint. Buggaboo! Brio! Petit Bateau! Uuuaaaaaargh!

Bisschen reißerisches Produkt-Namedropping und die leise Erwähnung von Dinkelkeksen und Spielcafés reichen schon aus, dass das Volk empört röhrt, dass der Lorbeerkranz zittert. Oh diese Verkommenheit der Eltern! Sehet, sie benutzen die Kinder nur zur Selbstverwirklichung! Als Accessoire, als Krönung ihres ach so kuratierten Lifestyles! Und der Daumen kippt kollektiv nach unten.

Und mit ihm meine Laune. Denn ich will ja auch nicht in Rom sein! Mea culpa, ihr Arschnasen, ich will das ja auch anders! Ich, das war einmal eine Ober-Römerin mit ondulierter Frisur und parfümiert bis unter den kleinen Zeh. Ich trug die neuesten Tuniken und blickte aus meiner Sänfte milde-entsetzt auf fetthaarige Manduca-Mamas. Warum haben die kein Makeup drauf, diese Wilden? Warum haben sie Augenringe wie ein Panda? Warum muten sie mir diesen Anblick zu? Weil Babys Barbaren sind, rufe ich meinem alten Sänften-Ich gereizt zu. Weil sie laut sind und impulsgesteuert und fröhlich ihren niedersten Trieben folgen. Und weil sie ihre Eltern ebenfalls zu Barbaren machen. Deshalb will ich nicht mehr in Rom sein. Ich will das gallische Dorf.

Nein, nicht das Dorf aus dem afrikanischen Sprichwort, mit dem Jesper Juul an jedem All you can eat-Büfett hausieren geht. Das Dorf aus „Asterix“. Dort, wo die Strohdächer bis zum Boden reichen. Wo ein kleiner Bach an den Hütten vorbei glitzert. Wo mein Mann morgens das Kind mit runter in den Fischladen nimmt, damit es friedlich in den Dorsch-Eingeweiden spielt und ich noch ne Runde in den Federn bleiben kann. Nach der Geburt bekomme ich vom Druiden frische, bitter riechende Kräuter, die meine Blutung stoppen, und Troubadix singt meine Tochter stundenlang in den Schlaf. Wenn der römische Zensus fragt, wo denn jetzt die Steuererklärung von 2013 bleibt, verweist Asterix ihn freundlich des Dorfes. Obelix massiert mir den Rücken (glaubt mir, die Knoten könnte kein anderer wegrubbeln, dafür braucht man Superkräfte). Bei der Rückbildungs-Gymnastik krabbelt mein Kind über Gutemiene und sie verzieht eben genau diese nicht, weil sie mein Baby kennt. Stattdessen nimmt sie es auf den Arm und lässt mich weiter meine Rektusdiastase mit Marianengraben-Dimension bearbeiten. Man kennt sich. Man hilft sich. Es gibt immer einen Arm für das Kind und einen Topf Essen für die Mama. Es gibt keine Termine, keine Öffnungszeiten und keine Krümel auf dem Boden (hier kommt Idefix ins Spiel). Ich bin nicht den ganzen Tag allein mit dem Kind, weil man die obere Hälfte der Haustür öffnen kann und alle paar Minuten jemand freundlich reinguckt und mir Kuchen reinreicht oder Zaubertrank gegen diese lästigen Blähungen (thanks, Beckenboden!). Es gibt keine Halbtags-Job-Ganztags-Kita-Debatten, weil alle ihren Laden unten im Haus haben und arbeiten, wie und wann sie wollen. Und wenn alle Nase lang ein Trupp Römer vorbei kommt und uns Industrialisierung, Stechuhren und modische Gladiatoren-Sandalen geben will, wird er enthusiastisch vermöbelt und heulend heim geschickt zu Julius.

Aber ich hocke hier leider noch in Rom. Und solange müssen wir uns eben alle arrangieren, so gut es geht, big deal, alea iacta dingsbums.

Es gibt hier eben kein abendliches Bankett, bei dem mir Tofu-Wildschwein (Ja. Ich bin humorlose Vegetarierin.) serviert wird, deshalb muss ich zum hundertsten beim Inder bestellen.

Ich habe keinen Garten, in den ich das Kind morgendlich schmeißen kann, deshalb gehe ich den Bewegungsgarten.

Ich habe kein Dorf, das mich durch die offene Tür grüßt. Deshalb gehe ich ins Café, um nicht an Einsamkeit zu sterben.

Und ich bin müde, überfordert, fetthaarig, manchmal deprimiert und hoffnungslos, voller Liebe für mein Kind, zermürbt von seinen Bedürfnissen, erschöpft und sehnsüchtig. Ich brauche Unterstützung. Ich brauche Liebe, Hilfe und Concealer. Ich habe mal gedacht, die Zeit mit meinem ersten Kind wird die schönste Zeit meines Lebens. Aber ganz Gallien ist von Rom besetzt. Ganz Gallien? Also, so weit ich sehen kann, ja. Ich suche aber weiter. Und solange ich das Dorf nicht gefunden habe, sitze ich eben auf dem Spielplatz und träume von Dächern, die in der Sonne nach Stroh duften und von einer Gemeinschaft, die die Elternschaft zusammen mit mir stemmt. Und da sitze ich dann glücklich vor meiner Hütte und lese ein Buch mit ganz langem Titel.

Für meinen Mann, der das Dorf mit mir im Alleingang gründen will. Ich liebe dich. Beim Teutates.

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27 Gedanken zu “Circus Maximama oder Wenn alle Wege nach Rom führen, suche ich das gallische Dorf.

  1. Melanie schreibt:

    Ich wohne ebenfalls in Prenzlauer Berg und hab schon so oft, seit meine Lütte da ist, gedacht: Oh Gott, ich bin das lebende Klischee! Und dann sitze ich auf den Spielplätzen (oder laufe eher der Kleenen hinterher, damit sie sich keine Steine in den Mund steckt oder den Großen in die Wippe rennt) und denke mir: Wo sind denn die anderen Mütter, die so genervt und dauermüde sind? Die hier sehen alle toll aus. Und fröhlich. Und gar nicht einsam. Vielleicht sollte es auf Spielplätzen so sein wie auf einigen Singlepartys früher (hach ja…): Man kriegt am Eingang einen Sticker, der anzeigt, ob und zu wem man Kontakt haben will. Vielleicht hilfts bei der Dorfgründung.

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    • Haha! Ja, einen „Ich bin auch im Arsch“- Soli-Button! Das würde mich auch helfen, ich denke auf Spielplätzen auch immer dieses „Alle schaffen das voll supi, außer ich“…

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  2. Sophia schreibt:

    I break together! Hammer Text! Haha! Wohne zwar nicht in Berlin sondern München und leider eher in einer verschlafenen, ich sag mal dörflichen Ecke. Und ich sehne mich manchmal nach coolen Latte macchiato Mamas für mein Auge und meine geschundene Seele – stattdessen sitze ich mit langweiligen Mamas im Sand, die sich alle kennen und miteinander quatschen aber mich seit fast nem Jahr ignorieren – weil ich anscheinend nicht ins Dorfschema passe. Ich komme nämlich mit coffee to go UND bugaboo auf den Spielplatz. Ts! They hate it!

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    • :)! Ich finde, es ist alles erlaubt, womit Mamas sich gut fühlen! Coffe to go, schöne Kinderwägen.. hab letztens eine Mama in High Heels gesehen! Früher hätte ich gelästert, so „Watt will die denn“ – heute war ich so, klar, die will sich mal wieder schick machen, ist doch super!

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  3. mom schreibt:

    Übrigens ist die Kindersterblichkeit im gallischen Dorf bei um die 30 bis 50%, die Leute haben Wirbelarthrosen, weil sie durch die ungünstige Heizmethode (vorne rösten, hinten frieren) ständig Zug in den Rücken bekommen, alle paar Järchen zieht eine Hungersnot durch, der Boden ist nicht geeignet für Bugaboos, aber auch nicht für billige Konkurrenzprodukte, ebensowenig der halbnomadische Lebensstil, und wenn man Pech hat, gerät man in eine Stammesfehde und ziert dann bis auf Weiteres als Schädel die Türpfosten der Häuptlingshhütte oder eine Kultstätte.

    Früher war überhaupt nicht viel besser.

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    • Na deswegen ja das gallische Dorf! Das ist ja nur eine romantische Idee. In der Realität hätte ich jetzt schon so Gichtfinger, dass ich das hier gar nicht schreiben könnte. Oder hätte nie schreiben gelernt. ODER es gäbe gar kein Internet (kurze Panikattacke)!

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      • mom schreibt:

        Aber es ist so eine schöne romantische Idee! 😦

        Der Preis der Freiheit kann halt auch ein Stück mehr Einsamkeit sein – aber als jemand, der lange in einer Mehrgenerationenfamilie gelebt hat, kann ich der Freiheit viel abgewinnen…Mehrgenerationenfamilie ist super für die Jungen und die Alten, aber auf den Erwachsenen lastet trotzdem der totale Stress.

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  4. BrilliVanilli schreibt:

    Mir geht’s wie Sophia – auch in München und manchmal echt lost. Kann ich auch in das Gallische Dorf kommen, wenn ihr mit der Gründung beginnt? Ich bringe Idefix mit – ist zwar eine Schäferhündin, aber auch weiß und isst gern alles was runterfällt, liebt Kinder und ist zur Zerstreuung 1A.

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  5. Diesen Artikel finde ich großartigst! Bin zwar dem Hamburgischen Winterhude vorerst „entkommen“ zugunsten eines höchst attraktiven (nicht!) Vorort aber ich erinnere mich an die perfekten Muddis! Toller Text, danke! 🙂

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  6. Liebe Kiddomama, liebe Annalena, Prenzlauer Berg ist überall wo Stadt ist. In der Stadt geht man sich mit dem Kind auf dem Spielplatz „ausstellen“. Man wirft sich mit seinen (privaten) Vorlieben, Ernährungs- und Erziehungsstilen der neugierigen Meute dem Fraß vor. Und wer nicht neugierig oder missgünstig ist, nervt dich einfach nur durch seine Anwesenheit, also alleine dadurch, dass er oder sie im Weg rumsteht oder -sitzt oder hyperlaut telefoniert oder sein Kind ausschimpft. Da holt man das eigene Kind doch gerne eine Stunde später aus der Kita ab, damit diese Spielplatzzeit kürzer ausfällt.
    Im (gallischen) Dorf, auf dem ich seit 1 Monat wohne, höre ich von den Müttern: „Ich bin so froh, dass meine Kinder heute früher Schule aushaben.“ Abholzeit Kindergarten ist im Durchschnitt halb 1. Auch wenn der Kindergarten länger offen hat. Auch wenn wir Eltern das Recht haben, in unserer Grundschule auf längere (verlässliche) Öffnungszeiten zu bestehen.
    Warum das so ist? Ganz klar: Die Kinder spielen, sobald sie zu Hause sind, in irgendeinem der vielen Zimmer, verkrümeln sich in die hintersten Ecken im Garten, fahren mit Dreirad oder Fahrrad herum, klettern zum Bach runter um einen Ball herauszufischen oder setzen sich auf Omas Schoß.
    Verlasst Rom, kommt nach Gallien!

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