Vom Blues.

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Monate vergingen, es waren 14. Es sind 14, genau heute. Das Kind wurde unter Heulen und Zähneklappern zur Welt gebracht und durch dieselbe getragen, stundenlang. Es wurde und wird gestillt, geliebt und familiengebettet. Soweit, so normal. 14 Monate neues Leben im alten Leben – oder nein, es fing ja schon früher an. Diese Schwangerschaft, die schon so weit weg scheint.

Nächste Woche wird, so Gott denn endlich will, für das Kiddo die Kita beginnen (mal wieder). Und ich arme Törin sitze hier und bin so schlau als wie zuvor. Weil ich nämlich dieser großen Veränderung, von der immer alle reden und von der immer alle behaupten, dass sie mit dem Kind passiere – ja, weil ich der nämlich nicht auf die Spur komme. Hat sich mein Leben verändert? Ja. Ich schlafe weniger, also quasi nie, bin so unspontan wie selten, mache mir dauernd Kindersorgen und Müßiggang ist nicht. Die offensichtlichen Dinge, sie machen auch vor mir nicht halt. Aber hat sich mein Leben verändert? Nein. Ich bin der Mensch, der ich bin, der ich war. Der hat jetzt halt ein Kind.

Mich bewegen die gleichen Strömungen wie zuvor. Vielleicht umspülen sie jetzt ein paar Kiesel mehr. Aber die Richtung geändert haben sie nicht. Ich bin ein bisschen enttäuscht davon. Vielleicht hatte ich mir erhofft, dass mit der Mutter auch gleich ein besserer Mensch geboren würde. Ein Update von mir, das flüssiger läuft und seltener abstürzt. Nun ja – das ist nicht passiert. Hier sitzt lediglich ein älteres, faltigeres und müderes Ich; es hat ein paar lichte Stellen im dicken Fell, es trägt mehr Liebe im Herzen, und einen ausgebeulten Bauch sowie ein, zwei neue Lachfalten verzeichnet es ebenfalls. Sonst ist eigentlich alles same as it ever was.

Mein Dasein hat nicht wundersamerweise einen neuen Sinn erhalten. Schade eigentlich. Den muss ich mir immer noch und schon wieder selbst suchen. Das ist eine Erkenntnis, die mich ein wenig bluesig macht. Ohne dass ich es wirklich bemerkt habe, ist die Babyseifenblase geplatzt, und das raue Leben hat mich wieder. Ein bisschen so, wie wenn eine dieser raren, wunderbaren Ausgehnächte zu Ende geht, in denen einmal alles stimmte – und auf einmal ist es hell, und Leute eilen zur Arbeit und das bisschen Magie verblasst. Es muss gearbeitet, geputzt, gekauft, gesteuererklärt, gegärtnert und gekocht werden wie vorher auch. Im Zweifel sogar mehr von allem. Gleichzeitig relativiert sich alles ein wenig in Anbetracht des Kindes. Der Kunde nervt? Soll er mal. Das Finanzamt schreibt einen unverständlichen Brief? Soll es mal. Sowas regt mich mittlerweile nur einigermaßen auf.

Das große Ganze ist es, das mich erschöpft seufzen lässt. Wie will man eigentlich leben? Und wovon? Und wo? Und mit wem? Wie funktioniert diese Sache mit der Gestaltung des Lebensentwurfs? Und warum ist das alles so anstrengend? Da möchte ich mich glatt hinsetzen und einen Kuchen essen und alles auf später vertagen. Und mich dabei gar nicht wundern, dass manche Menschen zehn Kinder bekommen – das ist keine schlechte Lösung, die kommen dann nicht mehr zum Grübeln.

Jetzt entschuldigt mich, da biegt der Sinn meines Lebens um die Ecke. Und er hat Grießbrei im Gesicht.

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38 Gedanken zu “Vom Blues.

  1. Elli schreibt:

    Habe grade ein bisschen Pipi in die Augen bekommen. Weiss aber nicht, ob vom Lachen oder Weinen. Beschreibt so wunderbar meine Situation! DANKE!!!

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  2. Angela schreibt:

    Versteh ich. Hab mich auch immer wieder mal (seit demnächst 11 Monaten) gefragt, was sie denn alle meinen mit ihrer Frage „Hat sich schon viel verändert, oder?“ Öhm – nö, eigentlich nicht. Bzw. so, wie du es im zweiten Absatz beschreibst. Genau so. Seltsam eigentlich, dass du eine der wenigen zu sein scheinst, die das so ausformulieren. Einfach wie immer die richtigen Worte gefunden.
    Das mit den 10 Kindern gefällt mir besonders gut – ich peile mal 17 an (wobei ich dafür wohl etwas früher hätte anfangen müssen mit dem Vermehren) 😉

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  3. Tomi schreibt:

    Hmm…das ist aber schöner Blues!Kommt jedenfalls so an.
    Wie eine harmonische, leicht melancholische Jazzplatte im Hintergrund und man selbst nimmt auf dem Sofa noch mal
    einen großen Schluck heißen Kakao vor dem nächsten Seufzer.
    Ich finde es toll, dass Du noch die selbe bist wie vorher – so sollte es sein. Mich stimmt es eher bluesig wenn ich das Gefühl habe, einer meiner alten Facetten verblasst zu stark, mein „ich“ ist schmalspuriger geworden. Wenn ich mich bei dem Gedanken ertappe „du warst auch mal lustiger/alberner/unbeschwerter“.
    Dann will ich, das meine Kinder diese Frau kennen lernen – und nicht den nölenden Mombie mit den Augenringen..

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  4. anna schreibt:

    Das hast Du wieder mal alles sehr schön gesagt, und sprichst damit mir und offenbar vielen anderen aus dem Herzen.. Wo sind diese Leute im Real Life!? Ich kenne keine. Herzlichen Glückwunsch zum Minigeburtstag, ich feier noch ein wenig den letzten Satz^^…

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  5. M. schreibt:

    Und was vorher der Sinn deines Lebens? War er auch so greifbar griessverschmiert wie jetzt?! Das war mein Wandel, ohne Kinder bin ich irgendwie durch’s Leben gestromert und habe das Leben durch mich strömen lassen. Jetzt, mit drei Kindern und Augenringen bis zum Mond, weiß ich weshalb ich da bin, es fühlt sich runder an. Ein anderer Mensch bin ich aber auch nicht, vielleicht ein ein bißchen uninformierterer Mensch 😉

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    • Tja, was ist der Sinn, was war er, was wird er sein? Wenn ich das mal so beantworten könnte. Runder stimmt. Zumindest weiß ich jetzt eher, wofür ich die Dinge tue oder nicht tue. Und dass mich jemand braucht, ist auch eine tiefgreifende Veränderung. Über die ich jedoch selten nachdenke – da liegt die Veränderung eher im Handeln. In etwa so, dass ich mich besonders bemühe, nicht vom Bus überfahren zu werden. Oder so ähnlich 😀

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      • M. schreibt:

        Und das ist doch eine Veränderung, die Veränderung schlechthin! Das Leben klappt nicht? Egal, ich kann ja immer noch von einer Brücke springen! Dieser Punkt entfällt mit Kind(ern)bzw. wandelt sich in ein “ Ich mache das jetzt so, dass das Leben (besser) klappt …

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  6. Andrea schreibt:

    Bei mir war das tatsächlich ganz anders.
    Mein großer Lebenswunsch war immer ein Kind. Bis dahin wußte ich nicht, wie perfekt das Leben sein kann. Jetzt weiß ich, wofür ich da bin. (Vorher war mein Leben, bzw der Job, aber echt sch… und das versaut einem echt den kompletten Alltag! Den Job hab ich so jetzt nicht mehr und das ist gut so!)

    Die großen Veränderungen in mir brachten aber erst die Jahre, das ging nicht in ein paar Monaten. Mein Sohn ist jetzt sieben Jahre alt.

    Ich bin unendlich viel ruhiger geworden, es dauert erheblich länger bis ich platze und es ähnelt dann nicht mehr ganz so einem Jahrhundert-Vulkanausbruch, eher nem kleinen unauffälligen. 🙂

    Der besondere Vorteil dabei ist, dass ich auch meine Klappe nicht mehr sofort aufreissen muß, sondern erst drüber nachdenken kann, ob ich das jetzt wirklich sagen will. Ist meistens von Vorteil! *grins*

    Und grundsätzlich kann ich sagen, daß ich mein Leben jetzt viel mehr genieße, weil ich weiß, dass es da mindestens einen Menschen gibt, der mich bedingungslos liebt. (Zumindest noch… ^^)

    Worauf ich hinaus will mit dem ganzen Gelaber?
    Lass Dir Zeit, genieße sie und nimm jeden Augenblick wahr! Such nicht nach einem Grund.
    Und wenn Du, in ein paar Jahren, mal einen ruhigen Moment hast, dann Blick zurück. Dann hast Du mehr Aussicht als jetzt!
    Ich hoffe, Du schreibst dann noch den Blog, bin gespannt auf das Ergebnis!

    So, herzlichen Glückwunsch! Du durftest einen meiner seltenen, philosophischen Momente miterleben! 😛 😀

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    • Ob ich 7 Jahre bloggenderweise durchhalte? Ich wäre, ehrlich gesagt, überrascht. Aber man weiß ja nie.

      Danke für Deinen philosophischen Moment. Ich glaube, einer Bekannten von mir geht es ähnlich wie Dir. Ich vermute, es hat damit zu tun, ob das Kind wirklich ein Lebenswunsch oder eher eine Lebensoption war – was denkst Du? Ich hatte nie einen dringenden Kinderwunsch, aber wahrscheinlich wäre ich irgendwann sehr sehr traurig gewesen, wenn es nicht doch noch geklappt hätte mit dem Kiddo. Vielleicht sind es auch einfach die persönlichen Voreinstellungen, die das Danach beeinflussen. War man vorher ein rastloser Grübler, ist man es danach auch…war man schon immer geerdet, wird sich das mit Kind kaum ändern…ich schreibe wirr.

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  7. Perfektes Ende.

    Ach ich verstehe dich nur zu gut. Ich finde mich an manchen Tagen auch in einem solchen Blues wieder. Wir haben jetzt z.B. von allen Kitas Absagen bekommen und die für uns vorgesehene befindet sich am anderen Ende der Stadt. Tzä!

    All dieses Grübeln und Zweifeln verschwindet immer genau dann, wenn ich mich auf Zehenspitzen ins Kinderzimmer schleiche und den schlafenden „Sinn meines Lebens“ sehe.

    Liebst,
    Bell

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  8. Sehr schön auf den Punkt gebracht.
    Bei mir geht gerade die Elternzeit in Riesenschritten dem Ende entgegen und da verpufft eine ganze Menge Magie. Vorher war ich mir sicher, dass ich in dieser endlos erscheinenden freien Zeit wenigstens mal einen Roman schreiben würde. Und die Wohnung ausmisten. Unnötig zu erwähnen, dass beides nicht stattgefunden hat …
    Werde die verbleibende Zeit nutzen, um über den Sinn des Lebens nachzudenken. Oder wahlweise stilldement noch ein paar Windeln wechseln.

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    • Oh ja! Was hatte ich mir alles vorgenommen für die Elternzeit. Naja, was heißt vorgenommen. Ich dachte eher, ich finde dann automatisch die einzig richtige Richtung, die ich meinem Leben geben werde. Weil ich doch dann quasi erleuchtet bin. Thihihi.

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  9. Wow, voll aus der Seele gesprochen. Zumindestens an den meisten Tagen. Ab und an habe ich auch einen Höhenflug und denk wie super, toll und easy doch alles ist und 2 Kinder mehr wären gar kein Problem. Die sind aber nicht in der Überzahl. Ein bisschen geduldiger und weniger Ich bezogen bin ich auf jeden Fall geworden. Aber eher zwangsweise, weil das einfach so ist als Mutter, denke ich.

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  10. Lisa schreibt:

    Mir geht es genauso. Ich kann auch nicht ganz verstehen, wie für manche Eltern anscheinend plötzlich mit dem Kind der Sinn des Lebens gleich mitgeliefert wird, bzw. sich alles ändert, man endlich zu sich selbst findet, quasi Erfüllung pur. Ohne das Schlechtreden oder Anzweifeln zu wollen – vielleicht bin ich auch nur ein bisschen neidisch, weil ich insgeheim vielleicht auch so unrealistische Wunschvorstellungen für meine Elternzeit hatte. Ist eigentlich ganz schön krass, mit was für ner Anspruchshaltung man heute an das Kinderkriegen rangeht. Andererseits ist es ja auch irgendwie ganz beruhigend, dass man sich nicht komplett ändert, sondern im Großen und Ganzen der gleiche Mensch geblieben ist. Man hat halt auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel und sich vorher schon ein paar Gedanken über das Leben gemacht. Du beschreibst diesen Gefühlswirrwarr in deinem Eintrag viel besser, als ich es hier kann. Vielen Dank für deinen Blog, für mich mit der ehrlichste und bestgeschriebene „Mamiblog“ überhaupt.

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  11. Hinsetzen und einen Kuchen essen. Der beste Ratschlag des Tages und an sich doch schon ein Sinn des Lebens. Oder zumindest erlebenswert. Ich bin auch nicht besser, sondern nur langweiliger geworden. Und dieses Selbstverwirklichungsdingsbums….naja. Ich esse Kuchen.

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