Von Busen und Menschen.

Bevor ich Euch den Text aufdränge, der zu dieser unglaublich stilvollen Headline gehört, erlaube man mir eine kurze Anmerkung: Der Beitrag ist kürzlich auch online bei Eltern erschienen, und zwar dort, im Rahmen der „Initiative für gesunden Mutterverstand“. Ich habe hier schon einmal über das Thema Stillen geschrieben und tue es wieder, weil mir die möpslich-mütterliche Selbstbestimmung ebenso am Herzen liegt wie ein allgemeines elterliches „live and let live“. Ich meine – hey, wir wischen allesamt regelmäßig Kotze und Rotze weg, stehen nachts kniebeugend mit weinenden Kleinkindern im Flur herum und überstehen total verbimmelt die pseudowichtige Telefonkonferenz. Das reicht doch echt an Stress (und ja, ich bin trotzdem manchmal besserwisserisch und finde andere Eltern kacke. Ich bin ein Mensch, kein Cyborg.)

Initiative für gesunden Mutterverstand

Oberweite. Busen. Möpse. Hupen. You name it. Es ist keine allzu gewagte These, wenn ich behaupte, dass die weibliche Brust im Allgemeinen mit wohlwollendem Interesse betrachtet wird. Frau kann sie via Kleidung wie Kunstwerke ausstellen, komische Gipsabdrücke davon machen, sie vergrößern oder verkleinern, sie beim Fotografen ihres Vertrauens für die Ewigkeit festhalten lassen, oder sie einfach freundlich ignorieren. All das ist in Ordnung bis ganz toll. Brüste sind super. Außer – ja außer, die Frau möchte zum Beispiel ein Kleinkind damit ernähren. Dann sind sie irgendwie suspekt bis eklig.

„Du musst Dich nicht wundern, dass die immer noch nicht durchschläft.“ Dieser Schuldspruch wurde mir von einer Freundin beim Mittagessen zuteil, als ich nuschelnd zugab, meine Tochter, die dieser Tage ein Jahr alt wird, noch zu stillen. Ich hätte auch zugeben können, das Kind regelmäßig mit Energiesteinen zu behexen – das hätte mir den gleichen unwirschen Blick eingebracht. Weil es meine Freundin ist, die das sagt, und weil sie schon drei Kinder hat, wage ich keinen Widerspruch. Sondern bestelle verunsichert ein Stück Schokotorte, um mir damit den Mund zu stopfen.

„Hast Du diese Doku auf arte gesehen? Über die Frauen, die ihre Kinder so ewig stillen? Also wenn Du mich fragst, die können echt nicht loslassen.“ Das sagt eine Kollegin beim Kaffee. Sie hat selbst 12 Monate gestillt, aber „danach wird’s echt komisch. Ist so.“ Ich nicke diffus in der Gegend herum. Wieder hab ich nicht die Courage, zu sagen „Ach Du, ich stille bestimmt auch noch ne Weile.“ Nicht, dass die das später im Büro herumklatscht. Vielleicht bin ich dort dann die Komische, die man besser nicht mehr für Projekte bucht.

„Willst Du echt jetzt schon mit dem Abstillen anfangen?“ fragt mich eine Mutter beim Krabbeltreff, nur einen Tag später. Ihr 2-jähriger Sohn macht sich gerade an ihrem Ausschnitt zu schaffen. Ich habe ihr erzählt, dass ich bald wieder arbeiten und das Kiddo deshalb nur noch nachts stillen werde. Sie weist mich ungefragt darauf hin, dass ich meinem Kind durch den gewaltsamen Entzug der Mutterbrust zwangsläufig Schaden zufüge. Ja, zwangsläufig. Ja, auch wenn ich nachts weiterstille. Und guckt dabei sehr ernst. Und beißt knirschend in eine Dinkelstange. Nein, letzteres habe ich erfunden.

Meine Brüste und deren Verwendung sind derzeit ein überraschend kontroverses Smalltalk-Thema. Das erstaunt mich doch ein bisschen – ist ja nicht so, dass ich mein Geld mit den Dingern verdiene. Aber allein bin ich damit nicht. Eine andere Freundin erzählt mir, dass sie auf offener Straße von einem jungen Mann zusammengestaucht wurde, als sie ihrer Babytochter gerade ein Fläschen gab. Weil doch Stillen so wichtig sei! Und das könne doch jede Frau! Da sei es doch egoistisch, das nicht zu machen! Aha. So ist das also. Gut, dass es engagierte junge Männer gibt, die verwirrte Mütter öffentlich und selbstlos belehren.

Stillst Du nicht, bist Du also eine schlechte Mutter. Eiskalt, karrieregeil und nicht fähig zur Hingabe. Stillst Du doch, ist das vorerst prima, aber nur bis zum ersten Kindergeburtstag. Dann muss Schluss sein. Sonst bist Du nämlich eine bindungsgestörte, in Jutefetzen gewandete Langzeitstillerin, die gerade den nächsten Serienkiller an ihrem Busen nährt. Ich muss also das Kiddo später mal im Gefängnis besuchen. Und meine nicht-stillende Freundin ihre Tochter in der Psychiatrie.

Ich spreche hier über das Stillen, aber das spielt im Grunde keine Rolle. Dauerbrenner wären zum Beispiel auch das Impfen („Du impfst NACH PLAN?! Und auch noch mit ROTA?!“) oder das Schlafen („Dein Kind schläft bei Euch / nicht bei Euch?! Ihr kriegt es nie wieder aus Eurem Bett / es kriegt einen Dachschaden!“). Diese ständigen Analysen meiner mütterlichen Fähigkeiten haben mich nicht nur in den allerersten Monaten wahnsinnig gemacht. Ernsthaft, kann man nicht einfach mal die Schnauze halten? Es ist nämlich so: Jede Mutter, jeder Vater und jedes Kind ist einzigartig. Die Beziehung zwischen ihnen ist einzigartig. Für unsere Kinder sind in allererster Linie wir die Experten. Keine Schwiegermutter, keine Pekip-Uschi, keine Babyladenthekenkraft und ganz bestimmt kein fremder junge Mann auf der Straße. Diese mysteriöse Intuition, von der immer alle reden – die entwickelt sich am besten in schweigendem Wohlwollen. Kein Mensch kann seine innere Stimme hören, wenn er pausenlos vollgequatscht wird.

Und ich? Ich habe beschlossen, beknackte Kommentare zur Verwendung meiner Brüste zu ignorieren. Und beknackte Fragen mit konsequenter Einsilbigkeit zu beantworten. Ja, wir stillen noch. Nein, keine Ahnung, wie lange noch. Nein, ich will das nicht diskutieren. Und mehr gibt es, bei aller Liebe, nun wirklich nicht zu sagen.

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39 Gedanken zu “Von Busen und Menschen.

  1. Super! Das nervt mich auch so dermaßen. Ich finde die Milchpulvernazis genau so beknackt wie die Stillphobiker. Warum kann es nicht einfach wumpe sein, wer was wie macht. Meiner wird übrigens nächste Woche 2- kannst Dir vorstellen, was ich mir anhören darf…

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  2. Simone D. schreibt:

    Super, super, super! Toller Text. Schade, dass es so ein blödes Thema ist. Hab 1,5 Jahre gestillt, die Zwergin schläft immer noch Teile der Nächte bei uns… Ist so. Punkt. Wünschte echt, wir würden uns gegenseitig mehr unterstützen. In allem, egal für was man sich bei welchem Thema auch immer entscheidet.

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  3. Haha, been there, done that 😀 Mir wurde tatsächlich schon „mediale Vergewaltigung“ vorgeworfen, weil ich es wagte, einen Gipsabdruck meines Schwangerschaftsbauches inklusive Busen auf meinem Blog zu veröffentlichen, und überhaupt, stillen sei ja mal total komisch, das solle doch bitte jede Frau allein im stillen Kämmerlein machen, aber niemals in der Öffentlichkeit. (Sagte btw eine Dame, die sich ihre Möpse hat machen lassen, weil sie damit unzufrieden war, und später auch gern damit hausieren ging…)

    Anyway, dieses ganze (nicht)Stillen/(nicht)Impfen/Familienbett oder allein schlafen/Tragen oder schieben-blah-Gedöns nervt doch total – wobei ich gern zugebe, dass ich mir manchmal gehörig auf die Zunge beißen muss, um nicht selbst zu belehren. Wenn es z.B. heißt, das ist nur Rumgezicke bei einem 8-monate alten Kind… äh…ja. Hachjanun, man kann halt nicht alle retten, ne?

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  4. Dem gibt es nichts weiter hinzuzufügen. Wieder einmal ultra unterhaltsam geschrieben und was zum Schluß stehen bleibt: man kann es eh nur falsch machen. Eigentlich. Zumindest für alle anderen. Also hört man doch am besten auf sich selbst und sein Gefühl oder den vielbesagten MUTTERINSTINKT. Danke =)

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  5. Claudia schreibt:

    Hachja…hör mir den Käse auch regelmäßig an…Kind wird nämlich nächsten Monat 1…schläft in meinem Bett, wird dazu noch gestillt und das, vermutlich, auch noch ne ganze Weile (ihre Entscheidung)…
    Dabei kann ich mich meist nie erinnern, die Leute um einen Kommentar gebeten zu haben…komisch.

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  6. Uta schreibt:

    Dem oben genannten habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Kenne ich sooo gut. Wobei eins noch: Als sich meine beiden Mädels im zarten Alter von 9 Monaten selbst abgestillt haben, bekamen sie ein großes Lob von meinem MANN! Der meint nämlich auch noch irgendwelche Besitzansprüche gegenüber meinen Brüsten stellen zu dürfen! Männer!!! 😉

    Ich hätte gerne noch ein wenig weiter gestillt und dann irgendwann nach und nach – und nicht so abrupt – abgestillt!

    Liebe Grüße,
    Uta
    Ps: Schickes Theme – kommt mir bekannt vor und doch anders 😉

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  7. Ach ja… ich glaube, dieses Thema wird nie gegessen sein. Ich hatte diese ganzen Kommentare auch mächtig satt, denn es wurde schon teils absurd: „Also wenn du sie jetzt nicht abstillst, spätestens mit einem Jahr, dann kriegst du sie nie wieder weg von der Brust!“ Aha… Komisch, noch nie Mütter gesehen, die noch Teenies stillen…
    Ich wurde gefragt, warum ich sie denn noch überhaupt stillen würde, denn sie isst doch so gut (hab sie zu der Zeit zwei Mal (vor dem Schlaf und morgens gestillt). Sie hat sich selbst abgestillt mit 12,5 Monaten, ich hätte sie weitergestillt… Nachdem ich meinen Sohn mit 7,5 Monaten abstillen musste, wollte ich bei meiner Tochter so lange stillen, wie es eben uns gefällt 🙂

    Kopf hoch für dein Kiddo und dich 😉

    LG Marina

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  8. Sarahli schreibt:

    Wie Recht du hast! Es geht mir so auf die Nerven das sich ständig Schwiegereeltern, Eltern, Freunde, Bekannte da einmischen um einem „subtil“ ein schlechtes Gewissen zu machen. Ein wichtiger Teil den ich in meinem jungen Mutterdasein gelernt habe ist das man einfach sein Ding machen und sich nicht verunsichern lassen darf! Ich bin übrigens auch 1 1/4 Jahr gestillt und bisher noch kein Serientäter😉

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  9. Goldwaendlerin schreibt:

    Ich hasse ungefragte Kommentare auch. Und fragen tu ich selten.
    Aber dann steh ich da, neben der Mutter, die auf dem Smartphone rumdrückt, während das klitzekleine Baby im Kinderwagen herzergreifend weint – und kanns mir einfach nicht verkneifen!

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  10. Gelacht & sehr gern gelesen. Wieso ist es so schwer, jede(n) einfach machen zu lassen. Bei mir ging das schon mit der Krankenschwester los, die der Zimmernachbarin die Horrorszenarien ausmalte, wenn man nicht stillte. Und die Arme quälte sich unter Tränen.

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  11. Klar, die Art von (Klugscheißerei-)Kommentaren kennt wohl jede(r).

    Aber ich finde, manchmal sind die Mamas auch ein bisschen überempfindlich (schließe mich da selber auch mit ein). Ich habe schon mal den ein oder anderen Tipp bekommen, der sich (im Nachhinein) als doch ganz wertvoll erwiesen hat, auch wenn ich zuerst (mental) die Augen verdreht habe.

    Und ich weiß es manchmal selber nicht, vielleicht steht die Mama mit dem verzweifelt brüllenden Kind im Supermarkt einfach mal auf dem Schlauch und kapiert grad nicht, dass dem rot angelaufenen Baby zu heiß ist? (wäre jedenfalls bei mir selber wg Schlafmangel etc nicht auszuschließen gewesen) Ich hab‘ dann nix gesagt, hatte aber hinterher ein bisschen ein schlechtes Gewissen.

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  12. Katharina schreibt:

    Wunderbar formuliert!!!! Ein toller Artikel. Genauso ist es. Mittlerweile bin ich bei Kind 3 und wieder gibt’s diese Stilldiskussion. Jeder meint mitreden zu dürfen. Dabei betrifft es Mutter und Kind ganz individuell.

    Dankeschön fürs Verstehen und in Worte giessen!

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  13. muddi schreibt:

    Toll wie sich die Dinkelstange durch deine Texte zieht. Profimütter erzählen häufig davon und auch mein Kind isst die wohl ständig in der Kita. Ich sollte mir die Dinge mal aus nächster Nähe angucken.
    Als mein Kind 6 Monate war, bin ich feiern gegangen. Als ein Freund der Freundin eines Freundes erfahren hat, dass ich ein Baby zu hause hab, eilte er mit der Frage bei wem das Kind denn sei „Ähhhmm…Papa?“ Dann ist ihm zum Glück noch das Bier in meiner Hand aufgefallen. „Entschuldige, warum trinkst du?musst du nicht stillen?“ Wtf Freund der Freundin eines Freundes?

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    • Ja, der der Dinkelstange hab ich’s irgendwie 🙂

      Ich finds gut und auch beneidenswert, dass Du so „früh“ ausgehen konntest. Hätte ich echt gern getan, ist aber jetzt erst drin. Und der Freund eines Freundes soll mal gepflegt die Schnauze halten.

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  14. Weißt du, was auch nett ist? Immer wieder öffentlich darauf aufmerksam gemacht werden, dass ich „Schuld“ daran sein könnte, dass mein Baby ja doch etwas moppelig (sie meinen: fett!!) sei. „Kommt da etwa Sahne raus?!“ war noch einer meiner beliebteren Kommentare. Die (ungeliebte) Schwiegerfamilie fragte schon nach 4 Monaten ungläubig: „Stillst du etwa immer noch VOLL?!“ weil sie sich einfach nicht erklären konnten, wie ein Baby NUR DAVON so zunehmen könnte. Und indirekt folgte dann gleich die Frage ob er denn wirklich so oft gestillt werden müsste. Ja, das musste er. Und ja, genau deswegen ging es ihm bestens. Und übrigens ja, er ist heute ein (fast) schlankes Kleinkind. Das weiß die Schwiegerfamilie allerdings nun nicht mehr. Der Kontakt ist irgendwann einfach eingeschlafen.

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  15. MeltheBelle schreibt:

    Ich hab meinen dritten 3 Jahre gestillt. Wir haben einvernehmlich an seinem dritten Geburtstag aufgehört. Die Kinderärztin hatte sich tatsächlich einen Vermerk in der Karteikarte gemacht und mich dann mal angesprochenen, wann ich denn aufhören wolle. Ich so: Ich werde ihn schon nicht mehr stillen, bis er in die Schule kommt! (War als Witz gedacht) Sie so: Vor dem Kindergarten wäre aber wirklich besser! Selten so gelacht!

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  16. Lara, Berlin schreibt:

    Toller Text! Ich habe gerade in der S-Bahn laut losgelacht und danke Dir, dass Du für so wichtige Gedanken die richtigen Worte findest. Gruß Lara

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