Stephen Kings Kindercafé

Es sollte mal jemand zur Korrelation von schlechtem Wetter und kindlicher Laune forschen. Muss da einen Zusammenhang geben. Das Kiddo jedenfalls hat einen eingebauten Sensor, der seine Stimmung parallel zum Luftdruck gen Hades drückt. Wie praktisch. Und wie überaus unpraktisch, dass bei uns heute die Handwerker ganztägig Angst und Chaos verbreiten. Also telefoniere ich wie eine fernmündliche Drückerkolonne in der Gegend herum und versuche, uns bei irgendeinem Kiddo-Kumpel einzuquartieren. Erfolglos. Wer Zeit hat, hat keinen Bock, und wer Bock hat, keine Zeit.

In der Zwischenzeit beginnen die Handwerker, unsere Badfliesen unter lautem Getöse von den Wänden zu kloppen. Ich rette mich halbnackt aus der Wohnung. Zumindest kommt es mir so vor, als ich mit dem Kiddo ratlos auf der Straße stehe und mir eisiger Ekelregen ins Gesicht klatscht. Bevor ich mich dem Selbstmitleid hingeben kann, biegt eine vermummte Gestalt um die Ecke. Die Gestalt winkt hektisch. Ich gucke doof. Die Gestalt nähert sich und winkt noch hektischer. Ich gucke irritiert. Die Gestalt entpuppt sich als ausgerechnet die eine Mutter von der Krabbelgruppe, die ich ein bisschen unheimlich finde, weil sie immer so überschwänglich auftritt. Sie begrüßt uns enthusiastisch, als könne sie sich nichts umwerfenderes vorstellen, als dem Kiddo und mir bei gefrierender Nässe auf einer menschenleeren Straße zu begegnen.

Auf Nachfrage erzähle ich ihr, dass wir aus der Wohnung geflüchtet sind, weil dort eine Horde Berserker die Kloschüssel aus dem Boden reißt. Sie flippt quasi aus vor Freude. So ein Zufall! Weil nämlich im Kindercafe heut ein Clown ist und ich da jetzt UNBEDINGT mitkommen muss. Muss! Weil, ein Clown! Wahnsinn! Wenn ich etwas aus ganzem Herzen hasse, dann ist es Erlebnisgastronomie. Ich schaue panisch zum Wohnzimmerfenster und sehe einen Handwerker den Balkon betreten. Er hält einen tropfenden, textilen Klumpen in der Hand, den ich als mein liebstes Badetuch identifiziere. Ich drehe mich zu Li-La-Laune-Mom um. Okay, gehen wir. Sie juchzt. Vielleicht deutet sie übermütig ein paar Tanzschritte an. Vielleicht auch nicht.

Allem Anschein nach gibt es viele Menschen, die Clowns richtig gut finden. Anders kann ich mir die Kinderwagenkolonne vor dem Café nicht erklären. Sieht ein bisschen nach bildungsbürgerlichem Harley-Treff aus. Plötzlich ist mir nach PS und Schnaps und lauter Gitarrenmusik. Statt dessen gibt’s vegane Dinkelwaffen und Getreidekaffee. Li-La-Laune-Mom sichert uns zähnebleckend die beiden letzten Sofaplätze.

Es riecht nach nassem Kind und Sellerie. In der Ecke türmen sich müffelnde Wollwalk-Overalls. Rotbackige Krabbler in Strumpfhosen gleiten auf ihren eigenen Rotzspuren vorbei. Im Hintergrund läuft eine dieser Platten, die sie einem neuerdings als elternverträgliche Kindermusik verkaufen (in Wirklichkeit gibt es keine elternverträgliche Kindermusik, aber jedem seine Lebenslüge, nicht wahr). Li-La-Laune-Mom findet alles wahnsinnig gemütlich. Ich finde alles wahnsinnig bedenklich, denn gerade biegt ein Schuh um die Ecke. Ich dachte ja, riesige Clownsschuhe seien in der Clownszene passé. Ich dachte ja, die ließen sich auch mal was Neues einfallen. Wegen, Ihr wisst schon, Zeitgeist und so. Zu dem Schuh, der um die Ecke biegt, gehört noch ein zweiter Schuh, und dazu gehört wiederum der von Li-La-Laune-Mom ekstatisch beklatschte Clown.

Ich komme nicht umhin, sachte Zeichen des Verfalls an ihm festzustellen. Die bunt rautierte Pumphose hat ein Kippenbrandloch oder fünf. Die Halbglatzenperücke leidet unter kreisrundem Haarausfall. Die ganze Erscheinung riecht leicht angeschweißt. Ich stelle mir vor, dass der Clown unter seinem Kostüm ein vergilbtes Rippunterhemd mit Eigelbflecken trägt. Der Clown fängt stante pede an, mit überschnappender Stimme irgendwelches Zeug in einer Phantasiesprache zu brüllen. Nach einer Minute stelle ich fest, dass es sich vielmehr um einen ausgeprägten russischen Akzent handelt.

Die anwesenden Kinder lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Den einen ist der Clown scheißegal, den anderen nicht. Das Kiddo gehört glücklicherweise zur Scheißegal-Gruppe. Glücklicherweise sage ich, weil die Nicht-Scheißegal-Gruppe sich gerade vor Angst kollektiv in die Windeln kackt. Bis auf ein Windelfrei-Kind. Das kackt ohne Vorankündigung in seine Schurwollhose und muss sehr weinen. Der Clown oszilliert derweil zwischen den Sofas herum und brüllt Witze, die ich nicht verstehe, weil er dabei klingt wie ein kaputter russischer Stadionlautsprecher. Die ersten Kinder werden hysterisch. Der Sohn von Li-La-Laune-Mom gesellt sich zu mir und klaut die vegane Dinkelwaffel von meinem Teller, wofür ich ihm still danke. Been there, done that, sagt sein Blick.

Der Clown sieht inzwischen ein, dass er seine Strategie ändern muss. Er fokussiert sich jetzt auf die Scheißegal-Kinder. Die Scheißegal-Kinder möchten aber lieber das angeranzte Zeug in der Spielecke abchecken und ignorieren seine Faxen nonchalant. Das Kiddo sitzt auf dem räudigen Straßenverkehrsteppich und leckt an einem Plappertelefon, das nur noch ein Auge hat. Ausdruckslos fixiert es den Clown, dann streckt es ganz langsam den Arm und zeigt anklagend in seine Richtung. Der Anblick erinnert mich irgendwie an Stephen King.

Der plastiklockige Teufelskerl dreht noch einmal so richtig auf. Er wirft sich krachend in die duplo-Kiste, spritzt mit zwei Wasserpistolen um sich wie ein epileptischer Westernschurke und klettert dann katzengleich den Polsterturm hinauf. Den hat ein etwa vierjähriges Mädchen mühevoll errichtet, es thront ganz oben auf dem größten Polster und beobachtet die Sache mit Skepsis. Der Clown schnappt mit seiner weiß behandschuhten Hand spielerisch nach dem Knöchel des Mädchens, woraufhin diesem der Geduldsfaden reißt. Es zieht einen Rasselturm aus Massivholz hinter seinem Rücken hervor und donnert ihn dem Clown auf den Schädel. Der macht den Spaß mit und lässt sich theatralisch zu Boden sinken. Die Scheißegal-Kinder lachen sich scheckig.

Jetzt übertreibt es der Clown mit seiner Schauspielerei. Immer noch liegt er regungslos zwischen einem Bobbycar und dem Kiddo, das ihn interessiert beobachtet. Schließlich klopft es dem Clown mit dem Telefonhörer sanft auf die Nase. Keine Reaktion. Li-La-Laune-Mom steht auf und pikt dem Clown in die Rippen. Keine Reaktion. Die Kinder nehmen ihre Geschäfte wieder auf, die Eltern rufen nach der Bedienung, die wiederum nach dem Notarzt ruft. Bevor der erscheint, öffnet der Clown seine Augen und brabbelt vor sich hin. Wir sind uns nicht sicher, ob es an seinem Nuscheln oder seiner Gehirnerschütterung liegt, dass wir ihn nicht verstehen. Der Arzt trifft ein und macht ein völlig unbeeindrucktes Gesicht; vielleicht sieht er sowas täglich. Vorsichtshalber empfiehlt er dem Clown einen baldigen Feierabend.

Als wir durch den Eisregen nach Hause schlittern, entscheidet Li-La-Laune-Mom, dass wir das UNBEDINGT mal wiederholen müssen. Sicher.

Daheim erwarten mich zwei freudig erregte Handwerker, die mir einen stinkenden Klumpen Gewölle präsentieren, als wäre es ein Strauß Rosen. Den haben sie aus dem Abwasserrohr geholt. Der wird mir künftig keinen Ärger mehr machen.

Muss mein Glückstag sein heute.

Why so serious?

Why so serious? Nimm Dir ne Dinkelwaffel, Schätzelein.

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40 Gedanken zu “Stephen Kings Kindercafé

  1. Goldwaendlerin schreibt:

    Ich muss echt aufhören, dein Blog zu lesen, während das Baby schläft. Ich wecke es jedes Mal, weil ich mich an meinem unterdrückten Wiehern verschlucke…

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  2. M. schreibt:

    Musste beim Unterhemd mit dem Eigelbflecken zwar etwas würgen 😉 aber trotzdem DANKE für diesen Text! Die Kindercafe-Hölle setzt sich übrigens dann später in Form von Elternabenden (zur Begrüßung singen wir jetzt ein Lied!), Eltern-Stammtischen, Faschingsfeiern usw. fort…

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  3. MeKi schreibt:

    Grandios! Kann nicht aufhören zu kichern! Obwohl ich schon seit über fünf Jahren Mutter bin, war ich noch nie in einem Kindercafé. Werde dies umgehend nachholen 😉

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  4. Tomi schreibt:

    Oh Gott, das ist so verrückt, dass ich kurz dachte, das musst Du Dir ausgedacht haben…dann habe ich kurz nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass es so verrückt ist, dass Du es Dir auf keinen Fall ausgedacht haben kannst. These things happen!
    Leider waren unsere Besuchenin Kindercafés bisher immer recht unspektakulär: ich gehe eigentlich nur aus zwei Gründen hin:
    1. ich will echt mal „in Ruhe“ Café trinken und für 5min ignorieren können, wenn die Trollprinzessin eher bedenklich kreativ als förderungswürdig kreativ spielt
    2. wenn ich mal wieder es Jesper Juul’sches Erziehungstief habe, will ich hören wie sich am Nachbartisch Frischlings-Mütter über Probleme ausweinen und mich heimlich darüber freuen, das ich zumindest für diese Probleme schon eine Lösung habe, wenn schon für nix anderes!
    Liebe Liz, wenn das nächste Mal die Handwerker kommen gib Li-La-Laune Mom ’nen Korb und komm mich in unserem höchst eigenen Wohnzimmer-Café besuchen!Auch schlimme Musik und Chaos vorhanden, aber Clownfrei!
    PS: Was macht „Metti“ eigentlich heute?Gibt’s den noch im TV?

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  5. Tomi schreibt:

    Frage mich gerade nach nochmaligem Lesen:
    Wie lange kann man mangelhafte Rechtschreibung mit Stilldemenz entschuldigen?!Au weia…
    Naja, im Zweifel wars natürlich der wurschtige Finger auf dem Smartphone und nicht der Intellekt „in Schuld“, haha..

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  6. Ich musste so schlimm lachen!!!

    Ich verstehe auch nicht, warum man Kinder immer mit Clowns belästigen muss. Ich finde die gruselig. Mein Sohn auch. Neulich beim Kinderarzt hat er z.B. so nen Riesenaufziehclown beschimpft. Die Ärztin hat sich gewundert, ich erkläre ihr ganz cool: „Er mag halt keine Clowns, den neulich bei Mc Donald’s mochte er auch nicht.“ (er ruft noch heute manchmal aus heiterem Himmel „Ronald, nein!“). Die Ärztin ist aber recht homöopathisch, anthroposophisch eingestellt, noch während ich’s sprach, bemerkte ich den Fehler….

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  7. lareine schreibt:

    Oh und bei uns gan es mal ein Grundschulfest mit Clown. Der war geradezu obszön. Er wollte für jedes seiner Schlangenballontiere einen Kuss. Bei meiner. Tochter hat er da auf Granit gebissen. Er hat sich sogar die Lippen geleckt und mit der Zunge geschlackert (!). Nummer 2 sah ihn angewidert an und meinte nur: „Das ist widerlich. Behalten sie ihren S***-Ballon. Und ich hatte mich schon die Polizei rufen sehen. Nummer 2 und ich mochten Clowns noch nie, dieses Erlebnis hat es nicht verbessert. Daher musste ich auch sehr befreiendnbei Deinem so gut geschriebenen Artikel lachen 🙂

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  8. Verena schreibt:

    So, jetzt ist’s vollbracht:
    Ich hätte neben dem Baby mittagsschlafen müssen. Stattdessen musste ich so lachen, dass ich es wach gewackelt habe. Der Große, der offiziell mit Lego beschäftigt sein wollte, hat sich inoffiziell beide Arme mit seinem und dem Namen der Katze beschriftet.
    Ich suche gerade nach etwas weniger Abgegriffen-Pathetischem als „Du sprichst mir aus der Seele“. Aber da schaltet die Stilldemenz schon wieder das Licht aus. Schade.
    Wenn du Lust (ja, und Zeit, haha) hast, melde dich doch mal. Würd‘ mich richtig freuen. 🙂

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