Seit ich ein Kind habe.

Seit ich ein Kind habe, bin ich ängstlicher. Das Kiddo könnte in meiner Abwesenheit auf diese bösartige Fliesenkante im Bad knallen und verbluten. Dasselbe könnte ihm auch in meiner Anwesenheit passieren. Es könnte eine ganz schlimme Krankheit haben, von der wir noch nichts wissen. Jemand könnte es versehentlich oder absichtlich umbringen. Es könnte später einen oder mehrere Menschen kennenlernen, die ihm das Herz brechen. Ich könnte selbst dieser Mensch sein. Das Kiddo könnte mir verloren gehen oder mit einem Fluch belegt werden. Ich könnte aus dem Fenster fallen und es zur Halbwaise machen. You name it.

Seit ich ein Kind habe, bin ich mutiger. Ich kann nicht mehr dauernd vor aller Unbill weglaufen. Ich muss und will für das Kiddo, für den Mann, für UNS als Familie einstehen und für das, was wir tun und wie wir es tun. Ich muss mich gerade machen und Kommentare teflonmäßig wegstecken. Ich trete meiner sozialen Inkompetenz regelmäßig in den Arsch (auch wenn ich oft heimlich dabei schwitze). Ich gehe auf Menschen zu und öffne ihnen meine Haustür und mein Herz. Ich fasse mir ebenjenes und lasse mir auch mal was sagen. Und wer mir die Butter vom Brot nehmen will, muss neuerdings ganz schön früh aufstehen.

Seit ich ein Kind habe, bin ich gestresster. Ich kann weder in Ruhe aufs Klo noch eine Überweisung tätigen (sofern sie eine IBAN enthält). Ich werde nachts dreitausendmal und morgens zu einer Scheißzeit geweckt. Oft durch Minifaustschläge auf meine geschlossenen Lider. Ich habe ständig Flecken von irgendwas irgendwo. Ich trete im Dunkeln auf Holzbauklötze. Und mit einem Ohr bin ich immer beim Kiddo – eine ununterbrochene Standby-Funktion, die sich nicht ausschalten lässt.

Seit ich ein Kind habe, bin ich entspannter. Ich merke am Nachmittag, dass ich morgens nur ein Auge geschminkt habe? Ach, merkt ja eh keiner. Da klebt Banane in der Kaffeemaschine? Dann kauf ich mir halt einen in der Bäckerei. Taschenfarbe + Jackenfarbe = optische Kernschmelze? Mir doch egal. Das Finanzamt will eine sehr hohe Einkommenssteuernachzahlung? Och.

Seit ich ein Kind habe, bin ich effizienter. Ui, das Kiddo ist eingeschlafen! Während ich die Essensreste vom Küchenboden klaube, mache ich der Kitaleitung am Telefon schöne Augen, schubse mit dem Fuß ein paar Krümel unter den Schrank und stelle die Waschmaschine an. Beim Staubsaugen staubwische ich parallel, mache ein lustiges Foto für Instagram, sammele resigniert das unbenutzte Holzspielzeug ein und richte das Sofa wieder rechtwinklig aus (ein Muss. MUSS. MUSS!!!). Das Kiddo quengelt – fertig. Benötigte Zeit: 27 Minuten. Aber ich bin sicher, da ist noch Luft nach oben.

Seit ich ein Kind habe, bin ich langsamer. Okay, damit habe ich gerechnet. Schließlich haben alle meine FreundInnen vor mir Kinder bekommen. Ich habe mir also schon in diversen Treppenhäusern die Beine in den Bauch gestanden, während oben schwitzende Elternteile mit infernalisch kreischenden Babys rangen (oder rungen?). Aber wie langsam man tatsächlich werden kann, schockiert mich täglich neu. Banale Verrichtungen werden zum Kunstprojekt, wenn man dabei eine Million Mal unterbrochen wird. Ich überlege, mich in Echtzeit beim Spülmaschinenausräumen zu filmen und das 12-stündige Video dann als Performance zu vermarkten.

Seit ich ein Kind habe, bin ich weicher. Vor einigen Wochen wurde in meiner Nachbarschaft ein totes Neugeborenes gefunden. Nicht, dass mir sowas vorher egal gewesen wäre, aber seit das Kiddo auf der Welt ist, beschäftigen mich Ereignisse wie diese wochenlang. Beim Gedanken an dieses arme Geschöpf, dessen Leben in einer Plastiktüte von Lidl endete, muss ich Rotz und Wasser heulen. Oder neulich, als Eltern auf der Straße ihr Kleinkind anschrien, weil es sich nicht schnell genug die Nase geputzt hat (WTF?!). Kinder sind mein neuer soft spot. Und ich kann rein gar nichts dagegen tun.

Seit ich ein Kind habe, bin ich härter. Ständiges Kreisen um Befindlichkeiten und Nichtigkeiten war früher mein allerliebstes Hobby. Heute hab ich da meist keinen Nerv für. Es ist so anstrengend, Geld zu verdienen? Du hast einen schlimmen Kater? Er/Sie/Es hat bei WhatsApp Deine Nachricht gelesen, aber nicht geantwortet? Mein Lieblingspulli ist eingegangen? Jo. Shit happens, ne.

 

Und. Da ist noch was. Eine Kleinigkeit.

Seit ich ein Kind habe, bin ich glücklicher.

Foto 12.11.14 10 01 54

Kitsch. Aber isso.

 

 

 

Advertisements

37 Gedanken zu “Seit ich ein Kind habe.

  1. kalorifer schreibt:

    Es stimmt alles. Und es ist egal, wie alt die Kinder sind, es lässt nicht mehr nach. Doch, manches schon. Man wird wieder schneller und die Nächte sind ungestörter.

    Gefällt mir

  2. You made my day! DANKE für diesen so, so, so wahrheitsgemäßen Text. Ich saß bei jedem Punkt nickend vorm Bildschirm. Diese Kids – keiner sonst bringt einen innerhalb von einer Minute von *ichrenngleichschreiendausdemHaus* zu *gottdubistsosüssichkönntdichauffressen*.

    Gefällt mir

  3. Katrin schreibt:

    Ich habe heute aus lauter Verzweiflung geweint, weil mein Bebsi mich seit gefühlten 524367 Tagen vollnörgelt und anplärrt und sich meine Nerven anfühlen wie hauchdünne Saiten die ein Goliath mit all seiner Kraft ordentlich angezogen hat… Und dennoch hat mich dein heutiger Text sehr berührt und ich kann dir nur in jedem Punkt sowas von recht geben (auch beim Sofa :D)!

    Gefällt mir

  4. reiskoernchen schreibt:

    So wahr!
    Gestern habe ich den ganzen Tag gebraucht um zwei Waschmaschinenladungen zu starten und aufzuhängen. Die Spülmaschine war nur vereinzelt ausgeräumt. Meine bessere Hälfte fragte mich am Abend, was ich mit dem Geschirr vorhätte, weil es in der Küche verteilt herumstand…

    Ich war mal entscheidungsfreudig und heute steh ich eine gefühlte Ewigkeit vor zwei verschiedene Kindermützen und frag mich, welche wohl zu warm oder warm genug ist… (und nehme dann einfach beide mit…). Früher, auf dem Weg von A nach B, erledigte ich in windeseile noch tausend andere Dinge – ohne Umwege! Heute sieht die Planung eher so aus: Heute Drogeriemarkt, Morgen Saft und Brot kaufen, Übermorgen zur Post und überübermorgen vielleicht noch Joghurt und Milch kaufen. Wenn es rund läuft, bin ich vor 11 Uhr morgens sogar geduscht und wenn es GANZ rund läuft, habe zum Frühstück ein Actimel gekippt…
    Ich war auch mal furchtloser – Motorradfahren, Treppen runter springen, so viel Tragen damit man den Weg nur einmal gehen muss, kurz zum Briefkasten runter während die Herdplatte an ist. Heute habe ich Angst, dass ich zu trottelig bin und ihren Kopf am Türstock aufschlage oder ihr beim Ärmel Anziehen die Schulter auskugel oder einfach vor dem nächsten Schnupfen, weil das arme Mäuschen nicht ordentlich atmen kann… Und ich war umtriebiger, bloss raus, Tapetenwechsel, Wochenendtrips in eine andere Stadt, Backpacken, Wegfliegen, Wegfahren, Terminkalender vollknallen, LEBEN. Heute ist selbst der Gang zum Supermarkt ein großes Unterfangen und eine Weltreise…

    Einzig und allein beim letzten Punkt kann ich Dir nicht zustimmen:
    Ich war vor dem Kind auch glücklich. Ich bin jetzt nicht glücklicher – nur anders glücklich.

    Gefällt 1 Person

    • Hahaha, das mit den Kindermützen hatte ich auch gerade!

      Ansonsten ist es natürlich viel schöner, wenn man vorher genauso glücklich, aber anders glücklich war. Ich denke, Kinder sind ja auch nicht dazu da, um einen glücklicher zu machen. Bei mir ist es gerade einfach so, keine Ahnung warum. Ich fühle mich unterm Strich glücklicher, seit sie da ist. Vielleicht sinds die Stillhormone. Und vermutlich wird sich das ganze mit der gefürchteten Pubertät erledigt haben.

      Gefällt mir

      • Claudia schreibt:

        Ich war vorher auch nicht unglücklich aber ich bin jetzt … vollständiger. Da hat was gefehlt und ich habs gar nicht gewusst. Ging mir beim Mann aber auch so. 😀

        Gefällt mir

  5. Tomi schreibt:

    Ja..oh mann,JA!!So ist es tatsächlich. Dieser Wunsch alles Negative, Gefährliche,Traurige, and so on fernzuhalten während man gleichzeitig weiß dass das weder möglich noch gut für sie wäre…
    Einmal stand das Tochterkind mit ca. 2 1/2 auf dem Spielplatz und starrte bewundernd ein paar Grundschulmädchen an, die irgendwas albernes gespielt haben. Dann hat sie ihren ganzen Mut zusammen geklaubt und ist hin gestiefelt um zu fragen ob sie mitmachen darf. Die Antwort war – natürlich und verständlicherweise – NEIN. Dieser Anblick, wie sie traurig und allein über den Platz zu mir zurück trottet hat mich fast in Stücke gerissen. Und auch wenn ich als 6 Jährige sicher auch keine fremden Kleinkinder bespasst habe, fand ich diese Gören soooo dooof!
    (Die Tochter saß übrigens 20 Sekunden später johlend auf der Schaukel während ich noch innerlich schniefte!)

    Gefällt mir

  6. Anne schreibt:

    Wow. So wahr. So gut geschrieben. Besonders das mit der Angst vor Krankheiten, dass aus einem harmlosen Schnupfen vielleicht was total Schlimmes werden könnte. Man will keine überbesorgte Mutti sein, kann aber nix dagegen machen vor lauter Liebe zum Kind. Gut zu wissen, dass ich wohl doch kein Einzelfall bin :-).

    Gefällt mir

  7. Ute schreibt:

    Danke Danke Danke, da war auch für mich ganz viel Wahres dabei 🙂 das habe ich jetzt gebraucht! Ich kämpfe oft mit mir selbst und bin ganz streng mit mir, aber im Großen und Ganzen ist es wohl ok, wie ich als Mutter bin.. dass der Gang zum Supermarkt zur Weltreise wird, kenne ich übrigens auch sehr gut 🙂 vor allem mit meinem Kobold ^^

    Gefällt mir

    • Der Gang zum Supermarkt hat mich so sehr genervt, dass ich ihn mittlerweile total pragmatisch absolviere. Kind in die Trage, Tragecover drüber (erspart mir den Jackenkampf), irgendeinen Mantel und irgendwelche Schuhe für mich. Geldbeutel in die Jackentasche, Schlüssel in die andere. Einkaufstasche nehmen und los. Auf dieses ganze Kind-anziehen-Kinderwagen-rumschleppen-tausend-Dinge-packen hab ich SOWAS von keinen Nerv.

      Gefällt mir

Mitreden (seid nett)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s