Liebes Kiddo,

ich wollte eigentlich keine Kinder. Also, sehr lange nicht. Ich konnte mir schlichtweg nicht vorstellen, jemand anderem so viel Energie, Zeit und Liebe zu opfern. Mit Anfang zwanzig sprang mich in allergrößter Verliebtheit einmal der Gedanke an ein Kind an – und dann bekam ich meinen ersten Hund. Zwei Tage nach Einzug der freundlichen Hundedame war jeglicher Kinderwunsch ausgelöscht. So viel Verantwortung! Für ein Lebewesen! Dauernd, rund um die Uhr! Krass. Ganz ernsthaft beschloss ich, dass ich jetzt noch viel weniger ein Kind haben wollen würde als vorher. Die Windhündin wurde gewissenhaft geliebt und versorgt, wurde alt und starb. Ich vermisste sie, aber nicht die Verantwortung, die mit ihr aus meinem Leben verschwand.

Gelegentlich fand ich es schade, dass ich keine Kinder wollte. Dunkel schwante mir, dass ich das irgendwann in einem nebligen Später vielleicht einmal bereuen könnte. Aber deshalb jetzt ein Kind bekommen? Nee. Liebschaften kamen und gingen, der ein oder andere wäre dieser Familiensache nicht abgeneigt gewesen. Ich schon. Der Gedanke, da wüchse ein kleiner Mensch in meinem Inneren heran, einer, den ich dann lieben müsste, verursachte mir Beklemmungen. Sah ich eine Schwangere auf der Straße, strich ich oft über meinen eigenen leeren Bauch, voller Erleichterung.

Dann wurden die ersten Freundinnen schwanger. Das war jedes Mal ein Schock. Ja, ein Schock. Mir war bei jeder freudigen Nachricht, als verschwänden die Freundinnen in eine Parallelwelt, die ich niemals betreten würde. Mein Stellvertreterfreuen fühlte sich immer künstlich an. Statt dessen zog der zweite Hund ein. Das war mir genug Familie: Der Hund, und ich, und der Mann, der jetzt Dein Papa ist.

Irgendwann im Frühjahr beherbergten wir Deinen 16-jährigen Cousin, der damals noch nicht Dein Cousin war, für 2 Wochen in unserem Zuhause. Praktikum in Berlin. Ich muss dazu sagen, der Neffe vom Mann ist ein ganz Toller. Mit ihm zog ein unerwartetes Gefühl ein, für das ich gar kein richtiges Wort finde. Ein Familiengefühl? Mag sein. Der tollste Neffe akzeptierte uns unbefangen als Vertretungseltern, wir kochten zusammen (schwierig, wenn der Pubertist Obst und Gemüse verabscheut), ich „erlaubte“ ihm ein halbes Glas Wein, weil er behauptete, der schmecke ihm, und an seinem Ausgehabend saß ich allein im Wohnzimmer und sah mich schon nachts verzweifelt auf Pubertistensuche durch die Großstadt irren. Aber pünktlich um 22.00 klingelte es – und ich war erleichtert, und stolz auf ihn. Komische Gefühle. Warme Gefühle. Bei seiner Abreise wurde mir klar: Ich will das auch. Mit einem eigenen Kind. Und mit dem Mann. Nur mit dem.

Nach einer gefühlten Ewigkeit war der Test positiv. Ich wollte ihn schon routiniert in den Mülleimer werfen, da sah ich den zarten, ganz zarten rosa Streifen. Du hattest Dich also auf den Weg gemacht. Die Schwangerschaft war, das will ich Dir nicht verschweigen, nicht so toll. Ich hatte immer Angst um Dich. Konnte mir gar nicht vorstellen, dass mein Körper, der doch so lange gar nicht schwanger sein wollte, Dich versorgen und wachsen lassen kann. Außerdem war ich überzeugt, dass ich eine postnatale Depression bekommen würde. Wer, wenn nicht ich? Die Veranlagung habe ich, leider Gottes, schon immer. Und ständig dachte ich: Was, wenn ich Dich nicht liebhaben kann? Wenn ich Dich sehe und nichts spüre? Was, wenn ich meine eigene komplizierte Eltern-Kind-Beziehung ungebremst auf Dich blaupause?

Dann kamst Du zur Welt. Mit Wucht und Schwung, so wie Du alles angehst, wie ich heute weiß. Ein kleines Drama war Deine Geburt, aber das macht nichts, das passt zu uns. An einem Samstag Abend, zur PrimeTime, konnte ich Dich endlich in den Armen halten. So klein warst Du, so fremd, so vollkommen unbekannt und neu. Dein Papa konnte nachts nicht bei uns bleiben, den haben die Klinikschwestern rausgeworfen. Als sich die Tür hinter ihm schloss, hatte ich große Angst, mit Dir allein zu sein, mit Dir und der bodenlosen Erschöpfung und Leere, die ich fühlte. Ich saß einfach da und hielt Dich fest, weil ich nicht wusste, was ich jetzt machen soll. Stundenlang hielt ich Dich fest, während es draußen still wurde. Die Geräusche auf dem Gang wurden leiser und verstummten, und ich hielt Dich fest und sah in Dein winziges Gesicht, ratlos.

Plötzlich gingen Deine Augen auf und schauten mich an, ganz ruhig und ganz lange, forschend. Ich weiß nicht, wie lange wir uns so angesehen haben. Irgendwann schliefen wir beide ein. Als ich am nächsten Morgen erwachte, hatte ich mich verändert. Ich war Deine Mutter geworden. Da war auf einmal ein Raum in meinem inneren Haus, um den ich bis dahin nicht wusste. Du wohnst darin. Bleib bitte für immer.

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26 Gedanken zu “Liebes Kiddo,

  1. So sind die Kinder.
    Man hört ja vorher so allerlei, aber selber erlebt man das dann doch alles neu.
    Und so sehr man sich wünscht, sie schliefen durch, die Trotzphase wäre vorbei etc. , so sehr werden wir weinen, wenn sie ausziehen und sich nur sporadisch melden.
    So sind die Kinder eben.
    Rational verstehen kann man das nicht. Muss man auch nicht.

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    • Im Tragetuch schnarchen ist auch einfach unwiderstehlich süß, oder? Das Kiddo wird wohl mein einziges Kind bleiben, deshalb versuche ich, diese Momente immer ganz auszukosten. Gelingt natürlich nicht immer.

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  2. Super schön geschrieben! 🙂 Den ersten Teil kann größtenteils sehr gut nachempfinden, auf den zweiten Teil warte ich noch. Ich denke sowieso, dass die meisten Eltern ihre Ratio ausschalten, wenn sie sich entschließen, Kinder zu bekommen. Rein rational gesehen ist es auch erstmal wenig viel versprechend. Aber zum Glück bestehen wir ja nicht nur aus Logik. 🙂

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    • Danke! Den zweiten Teil – also hast Du (noch) kein Kind oder bist gerade schwanger? Ich erinnere mich, dass ich bei den ersten „Zeugungsversuchen“, die ja nicht klappten, mir vorher Mut angetrunken habe. Echt jetzt. Entstanden ist das Kiddo dann aber doch nüchtern.

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  3. reiskoernchen schreibt:

    UN-GLAUB-LICH!
    Du nimmst mir die Worte aus dem Mund äh der Hand. Mein Milchmonster ist jetzt 6 Monate alt und mir ging es vor ihrer Geburt („Kinder? Och… nö…“) und nach ihrer Geburt („Hallo! Wer bist Du?“) GENAU so! Ich finde immer noch nicht alle Babys von Haus aus süß, vermisse meine Arbeit („Problem -> Lösung -> Done“ – im Gegensatz zum Kind: „Trial & Error(s)“) und bin gegenüber meinem (überwiegend kinderlosen) Freundeskreis brutal ehrlich, dass das Leben mit Kind nicht so Pampers-Werbung-Rosig ist (eher orange, gelb, grün, weiss und immer sehr feucht…). Aber es ist, zusammengefasst, ein Wahnsinn – wahnsinnig schön – und man möchte es nie im Leben rückgängig oder anders machen.

    Danke für Deinen Blog – es ist so schön von Gleichgesinnten zu lesen :o)

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  4. Angela schreibt:

    Ich erkenne mich im Text zwar nicht wieder, weil ich selbst immer Kinder wollte (zum Glück auch den richtigen Mann dafür gefunden habe und inzwischen ein herzerwärmendes Söhnchen mit 9 1/2 Monaten habe, dem hoffentlich noch weitere folgen werden), aber ich finde trotzdem: ganz wunderbar geschrieben! Wie überhaupt alles, was ich bisher hier so gelesen habe. Eine großartige Mischung aus Humor, ein bisschen jammern, Ehrlichkeit, Ironie und Liebe.

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  5. addictedtonailpolishde schreibt:

    jetzt weiß ich gar nicht ob mein kommentar nun durch gegangen ist oder nicht 😮 es ist schon spät…
    also nochmal..
    hey!
    lese mich grad durch deinen blog.. kreuz und quer. es wird wohl eine lange nacht 😉
    der moment, den du beschreibst, wie du deine tochter in der ersten nacht im arm hattest.. ich fühlte mich direkt zurück versetzt, als ich meine Tochter (mittlerweile 2) im Arm hatte. dieses zarte gewicht, diese schönen großen kleinen augen.. alles. auch ich hatte einen kaiserschnitt (nach 36 std wehen (davon 4 std. presswehen -.-) und am ende machte das herz der kleinen nicht mehr mit… die ersten 3 nächte hatten wir ein familien zimmer, danach musste mein freund leider arbeiten und ich hatte eine nacht ganz allein mit ihr.. was hatte ich eine angst 😉
    aber es ging mir wie dir.. ich starrte sie einfach nur an – und sie mich. zwischendurch gab es was milch.. mal eine windel die gewechselt werden wollte. und dann schliefen wir.. ganz nah beisammen.. noch heute liegen wir in dieser position abends – ich vergrabe meine nase in ihren haaren, sie quetscht ihre hand unter meinen körper ♥
    danke dir, das deine worte es geschafft haben, diese momente von damals mal wieder hervorzubeschwören.. im alltag, vergisst man die ersten tage (obwohl sie ständig präsent sind – seltsam.. aber gewisse dinge.. sind eingeschlossen im herzen und wollen / können nur ab und an raus.. weil sie so kostbar sind..)
    so ich muss weiter lesen 😉
    liebe grüße
    nicole

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