Nach einer wahren Begebenheit.

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Gestern lagen zwei Mahnungen bei uns im Briefkasten. Nein, das ist gelogen, sie lagen natürlich schon seit zwei drei Wochen auf dem Schränkchen neben der Wohnungstür und blickten stumm auf unser Küchenchaos. Jedenfalls beschloss ich heute nach dem Frühstück in einem ungewohnten Anfall von Entschlossenheit, die Mahnungen jetzt sofort zu begleichen. Weil sonst zweite Mahnung und Mahngebüren und Schufa und Inkasso und Gosse und alles. Ist ja auch schnell erledigt.

Ich setze das Kiddo auf seinen Spielteppich und mich vor den Laptop. Öffne die erste Mahnung. Kacke, da hat sich schon wieder das Zeitschriftenabo verlängert, das ich vor zwei Jahren kündigen wollte. Na, jetzt isses zu spät. Unter dem Tisch knistert es. Das Kiddo hat sich irgendwie den Briefumschlag geschnappt und versucht, ihn samt Sichtfenster zu verspeisen. Ich krieche unter den Tisch und pule dem Kiddo das Papier-Plastik-Gemisch aus dem Schlund. Das Kiddo kreischt empört in einer menschenfeindlichen Tonlage. Ich stehe wieder auf, stoße mir den Kopf heftig an der Tischkante und greife erneut nach der Mahnung.

Zurück am Laptop. Fix beim Onlinebanking anmelden. Oh, wieso ist da so wenig auf dem Konto? Egal jetzt. IBAN abtippen. Das Kiddo kreischt immer noch. IBAN ungültig. Was, wieso denn das? Ah, Zahlendreher. Ich tippe nochmal. Das Kiddo kreischt. IBAN ungültig. Stelle fest: Es ist quasi unmöglich, eine sehr lange Zahlenfolge korrekt abzutippen, während man bekreischt wird. Ich nehme das Kiddo auf den Schoß und kitzele es ein bisschen. Es freut sich und erklärt sich bereit, auf dem Teppich weiterzuspielen.

Zurück am Laptop. Ich tippe die IBAN richtig ein, und ich schaffe die Zahlenkolonne im Verwendungszweck beim ersten Versuch, woah! Die TAN. Meehh, die TANs sind noch im Schrank. Ich gehe zum Schrank und trete dabei auf die megahäßliche Plastiksonnenrassel, die wir von irgendeinem, äh, Wohlmeinenden zur Geburt des Kiddos bekommen haben. Der eine Sonnenstachel bohrt sich stumpf in meine Fußsohle, das hämisch grinsende Sonnengesicht knackt und bricht entzwei. Plastiksplitter! Lebensgefährlich! Klemme das Kiddo unter dem Arm und hole den Staubsauger. Unter großem Hurra wird gesaugt. Was wollte ich…die TANs. Da im Schrank. Bei den Kontoauszügen. Müssten eigentlich schon längst beim Steuerberater liegen. Mach ich morgen.

Zurück am Laptop. TAN eintippen, Weiter klicken. „Aus Sicherheitsgründen wurden Sie nach 12 Minuten vom System abgemeldet. Bitte loggen Sie sich erneut ein.“ Ich habe 12 Minuten lang gestaubsaugt?! Und wieso melden die einen nach 12 Minuten vom System ab? Warum nicht nach 10 oder 5 oder meinetwegen 15? Muss ich nicht verstehen, das. Also erneut einloggen, alles wieder von vorn. Rumms, das Kiddo kracht zu Boden, es hat sich todesmutig am Sofa hochgezogen und ist abgestürzt. Infernalisches Kreischen. Ich stelle mir vor, dass Velociraptorbabys so geklungen haben müssen. Kein Wunder, dass die ausgestorben sind. Ich nehme das Kiddo auf den Arm, tröste es mit Gesumme und Gewippe.

Zurück am Laptop. Ich mache meinen Kopf möglichst leer und tippe wie ein Roboter die verdammte IBAN vom Überweisungsträger ab, und – sie stimmt tatsächlich. Schnell die TAN, so lange ich den Flow habe. Mittlerweile bin ich ganz schön verschwitzt und kann mir das nicht erklären. Muss dieser berüchtigte Stress-Schweiß sein, vom dem sie in der Werbung immer reden.

Jetzt die zweite Überweisung. Oh Gott, ist das ein langer Verwendungszweck. Bestimmt 30 Ziffern. Für den brauche ich sicher Stunden. Es klingelt, das muss der DHL-Mann sein, der hoffentlich endlich die Winterjacke vom Kiddo bringt. Es ist der DHL-Mann, aber er bringt nur eine Tonne Druckerpapier für meinen Nachbarn, die er gern in meinem Flur lagern möchte. Ich bin zu genervt und zu nett, um ihn abzuwehren. Gerade als ich die Tür schließe, höre ich ein seltsames Geräusch aus dem Wohnzimmer. Das Velociraptorbaby hat sich in meinen einen Hausschuh erbrochen und reibt die Pampe freudestrahlend in den Stoff. Egal, Hauptsache es beschäftigt sich noch einen Moment.

Zurück am Laptop. „Aus Sicherheitsgründen wurden Sie nach 12 Minuten…“

Ich gebe auf und rolle kraftlos zu Boden. Das Kiddo legt mir sanft meinen Hausschuh auf den Kopf. Alles ist erleuchtet.

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23 Gedanken zu “Nach einer wahren Begebenheit.

  1. Ich habe gerade Tränen gelacht. Sein Baby mit einem Velocirapterbaby zu vergleichen, finde ich großartig.
    Sehr sehr gut geschrieben und ich die DHL Männer sind wirklich skrupellos. So bald die wissen, dass eine Mama zu Hause ist, klingeln sie jeden Tag und lagern die ganzen Päckchen der Nachbarn ab.

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    • Ja, voll! Und der Hermes-Mann weiß das auch, der klingelt schon gar nicht mehr woanders. Und der DPD-Mann. UPS kommt zu selten, der hat es noch nicht gecheckt. Ich zum DPD-Mann letztens: „Es tut mir ja leid, aber ich kann hier nicht immer alles für jeden annehmen.“ Er komplett verständnislos: „Aber warum nicht?!“

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    • Ich wäre fast verrückt geworden an dem Vormittag. Irgendwann dachte ich nur noch: Das kann doch alles nicht wahr sein. Und: Wie machen das eigentlich Menschen mit mehreren Kindern. Und: Wo zum Teufel steckt der Mann?

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  2. Opa Stefan schreibt:

    Hallo geliebte Tochter, das was du jetzt erlebst ist der Himmel. Warte mal bis unser Schatz in die Pubertät kommt, da wartet die Hölle. Aber auch die ist schön (wenn sie vorbei ist).
    LG dein Papa

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  3. Illegitim schreibt:

    Habe ein bisschen gelacht. Und dann ein bisschen mehr. Und nicht aus Schadenfreude. IBAN-Überweisungen sind ja ohne Kiddo schon Herausforderung genug.

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  4. reiskoernchen schreibt:

    Wir haben unsere Klingel schon leiser gestellt, damit das Milchmonster mit Haifischzähnen nicht vor Schreck in die Brust beisst, wenn der DHL Mann – IMMER – zur Einschlafszeit (keine feste Uhrzeit!) kommt.

    Das Kreischen kenn ich auch – bei uns klingt das so, als wär sie kurz davor die Scheiben zum Bersten zu bringen. Das Trommelfell und alle Gehörknöchelchen kommen dann so ins Schwingen, dass kein anderer Ton wahrgenommen werden kann. Gut, dass das Trommelfell nicht aus Glas ist…

    Die tollste Frage am Abend ist dann: Und was hast Du heute so geschafft?

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  5. Sophie schreibt:

    Hab gerade Tränen gelacht. Ich kann so mitfühlen 😀 dit Velociraptorbaby gab mir den Rest. Am besten is aber mein Freund auf der Couch der nicht wusste wie ihm geschah als ich in gellendes Gelächter verfiel XD

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  6. BecciK schreibt:

    Großartig – kenne diese Situationen v.a aus meiner Elternzeit und abends kommt dann der Mann nach Hause und sagt: „Was, das hast Du immer noch nicht überwiesen??? Du warst doch den ganzen Tag zuhause!?!!“ Und dann erwacht meine „Hyde-Mum“ :)..

    Schöner Blog. Hab‘ ihn heute gefunden und bin gleich Dein Fan geworden :). Danke für so offene und coole Geschichten!

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