Realitätsüberprüfung.

Bei uns um die Ecke gibt es so einen Laden, der nennt sich „Sozialkaufhaus“. Wer viel oder genug Geld hat, kann dort Kleidung, Möbel oder Haushaltssachen abgeben. Wer wenig oder gar kein Geld hat, kann dort ebendiese umsonst oder gegen kleine Spende bekommen.

Heute morgen bin ich mit einem großen Karton unter dem Arm da rein. Das Kiddo wächst wie jedes Baby in Lichtgeschwindigkeit aus ihren Klamöttchen raus, und das Zeug stapelt sich daheim. Außerdem habe ich, weil ich so ein Ratgebergeek bin, noch etliche Schwangerschaftsbücher abzugeben. Da ist es doch besser, der Kram landet bei Menschen, die ihn gut gebrauchen können. Denke ich so bei mir.

Als ich der Mitarbeiterin im Laden den überquellenden Karton in den Arm drücke, ergibt sich zufällig ein kurzer Blickkontakt mit einer anderen Frau, die sich gerade ein paar Kindersachen mitnimmt. Dafür muss sie ihre Hartz IV-Bescheinigung vorzeigen. Ihr Baby liegt im Kinderwagen und schläft. Sie lächelt ganz zaghaft und sieht dann weg. Ich lächele zurück und erschrecke gleichzeitig, denn die Frau hat ein zugeschwollenes Auge, es ist rot-blau angelaufen. Sie ist mit Sicherheit nicht die Treppe heruntergefallen.

Ja ich WEISS, das klingt jetzt nach RTLII-Scripted-Reality. Und häusliche Gewalt ist ja kein Monopol des sogenannten Prekariats. Aber so steht sie halt da, mit ihrem in die Jahre gekommenen, ganz liebevoll dekorierten Kinderwagen. Ganz schöne Scheißsituation, um ein Baby zu bekommen. Kein Geld, also angewiesen auf Spenden anderer Leute, und dann noch nen Aggro-Typen daheim. Kann mir schwer vorstellen, dass der auf Familienbett steht, sie im Wochenbett gepflegt hat oder mal das weinende Kind nachts herumträgt. Mir wird eng in der Brust, wenn ich mir das so für mich selbst vorstelle. Ob sie ihrem Kind schon mal ein Spielzeug oder Kleidung gekauft hat, die sie selbst richtig schön fand? Spekulation.

Ich verlasse den Laden und fühle mich bescheuert. Gerade noch dümpelte ich gemütlich in meiner Filterblase durch den Kiez – das Kiddo in seinen gemütlichen Wolle-Seide-Hosen, gut aufgehoben in der schicken Babytrage. Noch schnell den Karton in den Laden bringen und dann noch kurz zum Bioladen…am Arsch!

In Momenten wie diesen wird mir schmerzhaft klar, wie privilegiert ich bin – auch und vor allem in meiner Mutterrolle. Ich bin gut ausgebildet, verdiene ganz okay, kann mir Zugang zu allen Informationen verschaffen, die ich so brauche. Ich wurde als Kind gefördert, lieb gehabt, beschützt. Ich weiß, wohin ich mich wenden muss, wenn ich mit irgendwas Hilfe brauche. Ich kann meinem eigenen Kind von dieser Basis aus einen guten Lebensanfang ermöglichen, denke ich. Und das ist ein dickes, fettes Privileg.

Bei dem Gedanken an die Frau und ihr Baby werde ich sauer und traurig. Weil denen viel weniger Türen offen stehen als mir. Ihr Kind wird, statistisch gesehen, die schlechtere Ausbildung bekommen, über weniger Geld und weniger gesellschaftliche Teilhabe verfügen als mein Kind. Und in der nächsten Generation geht es mit großer Wahrscheinlichkeit so weiter. Parallelwelten. Überschneidungen gibt wohl eher sporadisch. Im Bioladen treffe ich diese beiden jedenfalls bestimmt nicht. Und auch nicht beim Stilltreff. Dort sitzen großteils die spätgebärenden Akademikerinnen mit Ökotick – solche wie ich.

Zum zigsten Mal wünsche ich mir das bedingungslose Grundeinkommen – dafür würde ich gern mehr Steuern zahlen. Schließlich könnte auch ich mal darauf angewiesen sein, freiwillig oder zwangsläufig. Ich wünsche mir dazu eine grundlegende Neubewertung von (Sorge-)Arbeit und Leistungsethos. Wünsche mir mehr Verteilungsgerechtigkeit, ganz naiv. Darf ich mich überhaupt über „die Zustände“ empören? Hat das nicht auch was gönnerhaftes – mit meinem Karton voller abgelegter Babysachen kommen ich mir plötzlich so koloninalherrenmäßig vor. Ich frage mich, was ich wirklich tun kann. Mit Kleiderspende kann es ja nicht getan sein. Wie engagiere ich mich? Also so, dass es wirklich produktiv ist. Sollte ich das nicht von selbst wissen? Gedankensalat in meinem Kopf, Gefühlssalat im Herzen.

Ich gehe weiter zum Bioladen. Und schäme mich dafür.

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15 Gedanken zu “Realitätsüberprüfung.

  1. Ich weiß gar nicht so richtig wie ich kommentieren soll…wie kann man ein gedankenverlorenes Nicken und ein beschissenes Gefühl in der Brust in Worte kleiden…ich weiß es nicht….aber ich versuch es mal mit einem Danke für deine Gedanken.

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  2. Nun, mir hilft das. Ich stünde selbst wie der Ochs vorm Berg, wenn ich nicht dank deines Post darüber nachdenken könnte, was ich in dieser Situation für eine gute Handlungsweise halten würde.
    Ich denke, ich würde allen Mut zusammen nehmen und die Frau mal einladen. Zu DM oder dem nächsten Second Hand und da soll sie sich was aussuchen. Nicht gönnerhaft, sondern ernsthaft. Ihr eine Freude machen, ohne gleich die Helfernummer samt Danksagung durchzuziehen.
    Also danke, ich hoffe ich erinnre mich an deinen Post, wenn’s so weit ist.

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    • Die Angst, ins Fettnäpfchen zu treten, ist schon groß bei mir. Was ist, wenn ich etwas ganz ehrlich und ganz und gar nicht gönnerhaft meine, und die Angesprochene fühlt sich dennoch gedemütigt…das wäre ja auch furchtbar. Andererseits…man muss schonmal auch was wagen. Ach keine Ahnung, es gibt halt leider kein empfohlenes Standardverhalten in Situationen wie diesen.

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  3. (Sorge-)Arbeit. Gefällt mir der Begriff. Zum Glück auch hier ohne echte Sorge um die finanzielle Existenz. Ich würde mich als Mensch trotzdem lieber mögen, hätte ich mehr Mumm für soziales Engagement. So in echt.

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  4. Ines schreibt:

    Ganz toll geschrieben! Es muss gar nicht das fiese blaue Auge sein, wenn man die folgende Liste von Christine liest – puh, da wird einem auch anders, egal wie iel man selber wirklich hat oder nicht hat, denn das ist ja auch immer wieder ein Frage der Sichtweise. Was dem einen wenig erscheint, fühlt sich für manch anderen schon nach „jammern auf hohen Niveau“ an.
    http://mama-arbeitet.de/kurzgebloggt/armut-mit-dir-macht-eine-unvollstaendige-liste
    Zu Deinem Kommentar-Weihnachten im Schuhkarton-da machen wir auch mit, ich finde die Idee super und die Minis können mithelfen!
    Und DANKE für den grandiosen Blog!

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    • Danke für Dein Lob, freut mich sehr dass Du es hier magst! Die Liste von Christine hab ich auch gelesen, und ewig überlegt, was ich dazu kommentieren soll. Dann hab ich es gelassen, denn ihr Beitrag hat mich so traurig gemacht, dass jeder aufrichtige Kommentar meinerseits irgendwie nach Sozialmitleid geklungen hätte. Und das wollte ich nicht. Hab dann ne andere Maßnahme ergriffen, über die sie sich bestimmt auch freut 🙂

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  5. Julia schreibt:

    Danke für diesen traurig machenden Artikel! Mir schnürt es auch regelmäßig das Herz zu, wenn ich Kinder und Mütter sehe, denen es materiell bzw. emotional nicht so gut geht, wie es mir und meiner kleinen Familie ergangen ist. Aber was tue ich: nichts. Und nun schäm‘ ich mich für die vielen Momente, in denen ich nichts gegeben habe, auch wenn es nicht der Geiz, sondern das Gefühl war, dem anderen nicht „zu Nahe treten“. zu wollen. Hier mal was zu ändern, ist doch ein wundervoller Vorsatz für die Vorweihnachtszeit und auch gleich fürs neue Jahr!

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    • Es ist wirklich schwierig, oder? Immer die Angst, der anderen zu Nahe zu treten, sie vielleicht zu beschämen. Ich wünschte mir auch ein narrensicheres Vorgehen für solche Fälle, in denen man gern was Nettes tun würde.

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  6. kati schreibt:

    Etwas verspätet möchte ich hier antworten. Ich gehörte auch mal zu denen die auf ein Sozialkaufhaus angewiesen waren. Aus der Zeit habe ich die Erfahrung das Hilfe einfach gemacht werden muss.
    Mir war es nicht peinlich dies anzunehmen wenn mein gegenüber mir vermittelte „ich sehe dich – ich helfe dir “ und so mache ich es mittlerweile auch. Ich mache einfach und wenn sich jemand unbedingt revanchieren möchte leite ich dies an nächsten weiter. So entsteht wirklich die kette die man so oft in hübschen videos sieht nur ohne kamera.
    Einfach machen und nicht nachdenken.
    Gruß kati

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