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2015-05-17 09.51.35

Jetzt. Jetzt vor 3 Jahren bist Du in meiner Welt angekommen. Deiner, unserer. Jetzt vor 3 Jahren habe ich Dich zum ersten Mal berührt. Große Augen, still suchend, das weiche Licht in dem viel zu kleinen Zimmer. Alles ist Bett, und in dem Bett sind wir. Deine Hebamme hat uns aus dem OP gestohlen und versteckt. Damit wir uns in Ruhe kennenlernen können. Aber wir kannten uns ja schon.

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Geisterstunde.

2016-10-14-18-22-46

„Komm, wir machen eine Kerze an“, hätte sie gesagt und die Heizung noch ein bisschen weiter aufgedreht.

Heute ist der Geburtstag meiner Großmutter. Sie ist vor 6 Jahren gestorben, aber es ist (ist!) immer noch ihr Geburtstag. Überhaupt fällt es mir schwer zu sagen: Sie war. Weil sie für mich: ist. Sie ist der Fels für die Brandung in meinem Kopf. Sie ist das Adamantium, das mich inmitten nuklearer Explosionen zusammenhält, wie Wolverine; das ist übrigens sehr cool. Sie ist also da, aber dann auch wieder nicht, nicht genug, immer nur so um Haaresbreite an meinen Fingerspitzen vorbei, immer nur so ein Windstoß. Das reicht nicht, aber es muss ja.

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Seit ich ein Kind habe.

Seit ich ein Kind habe, bin ich ängstlicher. Das Kiddo könnte in meiner Abwesenheit auf diese bösartige Fliesenkante im Bad knallen und verbluten. Dasselbe könnte ihm auch in meiner Anwesenheit passieren. Es könnte eine ganz schlimme Krankheit haben, von der wir noch nichts wissen. Jemand könnte es versehentlich oder absichtlich umbringen. Es könnte später einen oder mehrere Menschen kennenlernen, die ihm das Herz brechen. Ich könnte selbst dieser Mensch sein. Das Kiddo könnte mir verloren gehen oder mit einem Fluch belegt werden. Ich könnte aus dem Fenster fallen und es zur Halbwaise machen. You name it.

Seit ich ein Kind habe, bin ich mutiger. Ich kann nicht mehr dauernd vor aller Unbill weglaufen. Ich muss und will für das Kiddo, für den Mann, für UNS als Familie einstehen und für das, was wir tun und wie wir es tun. Ich muss mich gerade machen und Kommentare teflonmäßig wegstecken. Ich trete meiner sozialen Inkompetenz regelmäßig in den Arsch (auch wenn ich oft heimlich dabei schwitze). Ich gehe auf Menschen zu und öffne ihnen meine Haustür und mein Herz. Ich fasse mir ebenjenes und lasse mir auch mal was sagen. Und wer mir die Butter vom Brot nehmen will, muss neuerdings ganz schön früh aufstehen.

Seit ich ein Kind habe, bin ich gestresster. Ich kann weder in Ruhe aufs Klo noch eine Überweisung tätigen (sofern sie eine IBAN enthält). Ich werde nachts dreitausendmal und morgens zu einer Scheißzeit geweckt. Oft durch Minifaustschläge auf meine geschlossenen Lider. Ich habe ständig Flecken von irgendwas irgendwo. Ich trete im Dunkeln auf Holzbauklötze. Und mit einem Ohr bin ich immer beim Kiddo – eine ununterbrochene Standby-Funktion, die sich nicht ausschalten lässt.

Seit ich ein Kind habe, bin ich entspannter. Ich merke am Nachmittag, dass ich morgens nur ein Auge geschminkt habe? Ach, merkt ja eh keiner. Da klebt Banane in der Kaffeemaschine? Dann kauf ich mir halt einen in der Bäckerei. Taschenfarbe + Jackenfarbe = optische Kernschmelze? Mir doch egal. Das Finanzamt will eine sehr hohe Einkommenssteuernachzahlung? Och.

Seit ich ein Kind habe, bin ich effizienter. Ui, das Kiddo ist eingeschlafen! Während ich die Essensreste vom Küchenboden klaube, mache ich der Kitaleitung am Telefon schöne Augen, schubse mit dem Fuß ein paar Krümel unter den Schrank und stelle die Waschmaschine an. Beim Staubsaugen staubwische ich parallel, mache ein lustiges Foto für Instagram, sammele resigniert das unbenutzte Holzspielzeug ein und richte das Sofa wieder rechtwinklig aus (ein Muss. MUSS. MUSS!!!). Das Kiddo quengelt – fertig. Benötigte Zeit: 27 Minuten. Aber ich bin sicher, da ist noch Luft nach oben.

Seit ich ein Kind habe, bin ich langsamer. Okay, damit habe ich gerechnet. Schließlich haben alle meine FreundInnen vor mir Kinder bekommen. Ich habe mir also schon in diversen Treppenhäusern die Beine in den Bauch gestanden, während oben schwitzende Elternteile mit infernalisch kreischenden Babys rangen (oder rungen?). Aber wie langsam man tatsächlich werden kann, schockiert mich täglich neu. Banale Verrichtungen werden zum Kunstprojekt, wenn man dabei eine Million Mal unterbrochen wird. Ich überlege, mich in Echtzeit beim Spülmaschinenausräumen zu filmen und das 12-stündige Video dann als Performance zu vermarkten.

Seit ich ein Kind habe, bin ich weicher. Vor einigen Wochen wurde in meiner Nachbarschaft ein totes Neugeborenes gefunden. Nicht, dass mir sowas vorher egal gewesen wäre, aber seit das Kiddo auf der Welt ist, beschäftigen mich Ereignisse wie diese wochenlang. Beim Gedanken an dieses arme Geschöpf, dessen Leben in einer Plastiktüte von Lidl endete, muss ich Rotz und Wasser heulen. Oder neulich, als Eltern auf der Straße ihr Kleinkind anschrien, weil es sich nicht schnell genug die Nase geputzt hat (WTF?!). Kinder sind mein neuer soft spot. Und ich kann rein gar nichts dagegen tun.

Seit ich ein Kind habe, bin ich härter. Ständiges Kreisen um Befindlichkeiten und Nichtigkeiten war früher mein allerliebstes Hobby. Heute hab ich da meist keinen Nerv für. Es ist so anstrengend, Geld zu verdienen? Du hast einen schlimmen Kater? Er/Sie/Es hat bei WhatsApp Deine Nachricht gelesen, aber nicht geantwortet? Mein Lieblingspulli ist eingegangen? Jo. Shit happens, ne.

 

Und. Da ist noch was. Eine Kleinigkeit.

Seit ich ein Kind habe, bin ich glücklicher.

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Kitsch. Aber isso.

 

 

 

Liebes Kiddo,

ich wollte eigentlich keine Kinder. Also, sehr lange nicht. Ich konnte mir schlichtweg nicht vorstellen, jemand anderem so viel Energie, Zeit und Liebe zu opfern. Mit Anfang zwanzig sprang mich in allergrößter Verliebtheit einmal der Gedanke an ein Kind an – und dann bekam ich meinen ersten Hund. Zwei Tage nach Einzug der freundlichen Hundedame war jeglicher Kinderwunsch ausgelöscht. So viel Verantwortung! Für ein Lebewesen! Dauernd, rund um die Uhr! Krass. Ganz ernsthaft beschloss ich, dass ich jetzt noch viel weniger ein Kind haben wollen würde als vorher. Die Windhündin wurde gewissenhaft geliebt und versorgt, wurde alt und starb. Ich vermisste sie, aber nicht die Verantwortung, die mit ihr aus meinem Leben verschwand.

Gelegentlich fand ich es schade, dass ich keine Kinder wollte. Dunkel schwante mir, dass ich das irgendwann in einem nebligen Später vielleicht einmal bereuen könnte. Aber deshalb jetzt ein Kind bekommen? Nee. Liebschaften kamen und gingen, der ein oder andere wäre dieser Familiensache nicht abgeneigt gewesen. Ich schon. Der Gedanke, da wüchse ein kleiner Mensch in meinem Inneren heran, einer, den ich dann lieben müsste, verursachte mir Beklemmungen. Sah ich eine Schwangere auf der Straße, strich ich oft über meinen eigenen leeren Bauch, voller Erleichterung.

Dann wurden die ersten Freundinnen schwanger. Das war jedes Mal ein Schock. Ja, ein Schock. Mir war bei jeder freudigen Nachricht, als verschwänden die Freundinnen in eine Parallelwelt, die ich niemals betreten würde. Mein Stellvertreterfreuen fühlte sich immer künstlich an. Statt dessen zog der zweite Hund ein. Das war mir genug Familie: Der Hund, und ich, und der Mann, der jetzt Dein Papa ist.

Irgendwann im Frühjahr beherbergten wir Deinen 16-jährigen Cousin, der damals noch nicht Dein Cousin war, für 2 Wochen in unserem Zuhause. Praktikum in Berlin. Ich muss dazu sagen, der Neffe vom Mann ist ein ganz Toller. Mit ihm zog ein unerwartetes Gefühl ein, für das ich gar kein richtiges Wort finde. Ein Familiengefühl? Mag sein. Der tollste Neffe akzeptierte uns unbefangen als Vertretungseltern, wir kochten zusammen (schwierig, wenn der Pubertist Obst und Gemüse verabscheut), ich „erlaubte“ ihm ein halbes Glas Wein, weil er behauptete, der schmecke ihm, und an seinem Ausgehabend saß ich allein im Wohnzimmer und sah mich schon nachts verzweifelt auf Pubertistensuche durch die Großstadt irren. Aber pünktlich um 22.00 klingelte es – und ich war erleichtert, und stolz auf ihn. Komische Gefühle. Warme Gefühle. Bei seiner Abreise wurde mir klar: Ich will das auch. Mit einem eigenen Kind. Und mit dem Mann. Nur mit dem.

Nach einer gefühlten Ewigkeit war der Test positiv. Ich wollte ihn schon routiniert in den Mülleimer werfen, da sah ich den zarten, ganz zarten rosa Streifen. Du hattest Dich also auf den Weg gemacht. Die Schwangerschaft war, das will ich Dir nicht verschweigen, nicht so toll. Ich hatte immer Angst um Dich. Konnte mir gar nicht vorstellen, dass mein Körper, der doch so lange gar nicht schwanger sein wollte, Dich versorgen und wachsen lassen kann. Außerdem war ich überzeugt, dass ich eine postnatale Depression bekommen würde. Wer, wenn nicht ich? Die Veranlagung habe ich, leider Gottes, schon immer. Und ständig dachte ich: Was, wenn ich Dich nicht liebhaben kann? Wenn ich Dich sehe und nichts spüre? Was, wenn ich meine eigene komplizierte Eltern-Kind-Beziehung ungebremst auf Dich blaupause?

Dann kamst Du zur Welt. Mit Wucht und Schwung, so wie Du alles angehst, wie ich heute weiß. Ein kleines Drama war Deine Geburt, aber das macht nichts, das passt zu uns. An einem Samstag Abend, zur PrimeTime, konnte ich Dich endlich in den Armen halten. So klein warst Du, so fremd, so vollkommen unbekannt und neu. Dein Papa konnte nachts nicht bei uns bleiben, den haben die Klinikschwestern rausgeworfen. Als sich die Tür hinter ihm schloss, hatte ich große Angst, mit Dir allein zu sein, mit Dir und der bodenlosen Erschöpfung und Leere, die ich fühlte. Ich saß einfach da und hielt Dich fest, weil ich nicht wusste, was ich jetzt machen soll. Stundenlang hielt ich Dich fest, während es draußen still wurde. Die Geräusche auf dem Gang wurden leiser und verstummten, und ich hielt Dich fest und sah in Dein winziges Gesicht, ratlos.

Plötzlich gingen Deine Augen auf und schauten mich an, ganz ruhig und ganz lange, forschend. Ich weiß nicht, wie lange wir uns so angesehen haben. Irgendwann schliefen wir beide ein. Als ich am nächsten Morgen erwachte, hatte ich mich verändert. Ich war Deine Mutter geworden. Da war auf einmal ein Raum in meinem inneren Haus, um den ich bis dahin nicht wusste. Du wohnst darin. Bleib bitte für immer.

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