Zieh Dich schon mal aus…

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Wie ich einmal versuchte, romantisch zu sein.

Es ist noch nicht sehr lange her, da torkelte ich aus dem Büro nach Hause, halb wahnsinnig vor Müdigkeit und dem Verlangen nach Weizentoast mit Erdnusscreme und Nutella. Mein Heimweg führt an einem Pornokino-Sexshop-Laden vorbei, dessen verblichene Sarah Young-Poster im Schaufenster mich rühren. Als ich mich gerade fragte, wie der Laden in dieser hippen Nachbarschaft überhaupt bestehen kann, weil da nie einer reingeht, ging direkt vor meiner Nase einer rein. Oder besser gesagt, zwei. Ein Paar. Und ich erlitt prompt einen Schock, als ich feststellte: Ich kenne dieses Paar! Aus dem Erste-Hilfe-Kurs für Babys. Die haben ein Kind in unserem Alter. Und jetzt gehen die ins Pornokino!? Abends und allein?! Okay, das Kind hätten sie wohl so oder so nicht mitgenommen. Aber: Die gehen ins Pornokino, ey! Die haben Sex! Oder zumindest die Absicht!

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Kreuzberger Nächte.

2016-01-31 11.07.13

Geständnis Nummer 1: Vor der Schwangerschaft, also damals, in diesen jugendlich-unbeschwerten Zeiten, die niemals so jugendlich-unbeschwert waren wie in meiner Erinnerung, habe ich wirklich gern getrunken, ab und an. Wenn ich jetzt behaupte, das läge bei uns in der Familie, ist das zwar faktisch richtig, bringt aber meine Eltern in Verlegenheit.

Geständnis Nummer 2: Geraucht habe ich auch gern. Nicht sehr oft, aber mit Hingabe.

Geständnis Nummer 3: Bei passender Gelegenheit habe ich außerdem gekifft. Verklagen Sie mich doch.

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Unterwegs: Beim Familienbetrieb.

Hätte Kiddo The Kid einen Kummerkasten, wäre er randvoll. Wäre Kiddo The Kid eine Wüste, würde genau jetzt ein Batzen Tumbleweed vorbeirumpeln. You get it.

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Der Familienbetrieb.

Weil es aber so irre Leute gibt, die selbst in der Adventszeit, und zwar gerade dann, täglich Zeug veröffentlichen, mache ich eben dort mit. Das gibt mir einen Anstrich von Geschäftigkeit und Euch einen neuen Text zum Lesen. Mit dem nächsten Klick landet Ihr beim Familienbetrieb – dort durfte ich meinen Beitrag zum musikalischen Adventskalender leisten und erinnere mich wohlig schaudernd an die Lieblingsweihnachtsmusik meiner Mutter: Rondo Veneziano.

Nächste Woche bin ich dann bei Mama On The Rocks zu Gast, und irgendwann die Tage auch noch bei Rike von Nieselpriem – so viel Kiddo im Dezember, unglaublich. Natürlich weise ich auf diese Beiträge noch einmal extra hin, weil mich das weniger faul aussehen lässt.

Bis dahin: Stay weird und esst Lebkuchen, solange Ihr noch könnt.

Stephen Kings Kindercafé

Es sollte mal jemand zur Korrelation von schlechtem Wetter und kindlicher Laune forschen. Muss da einen Zusammenhang geben. Das Kiddo jedenfalls hat einen eingebauten Sensor, der seine Stimmung parallel zum Luftdruck gen Hades drückt. Wie praktisch. Und wie überaus unpraktisch, dass bei uns heute die Handwerker ganztägig Angst und Chaos verbreiten. Also telefoniere ich wie eine fernmündliche Drückerkolonne in der Gegend herum und versuche, uns bei irgendeinem Kiddo-Kumpel einzuquartieren. Erfolglos. Wer Zeit hat, hat keinen Bock, und wer Bock hat, keine Zeit.

In der Zwischenzeit beginnen die Handwerker, unsere Badfliesen unter lautem Getöse von den Wänden zu kloppen. Ich rette mich halbnackt aus der Wohnung. Zumindest kommt es mir so vor, als ich mit dem Kiddo ratlos auf der Straße stehe und mir eisiger Ekelregen ins Gesicht klatscht. Bevor ich mich dem Selbstmitleid hingeben kann, biegt eine vermummte Gestalt um die Ecke. Die Gestalt winkt hektisch. Ich gucke doof. Die Gestalt nähert sich und winkt noch hektischer. Ich gucke irritiert. Die Gestalt entpuppt sich als ausgerechnet die eine Mutter von der Krabbelgruppe, die ich ein bisschen unheimlich finde, weil sie immer so überschwänglich auftritt. Sie begrüßt uns enthusiastisch, als könne sie sich nichts umwerfenderes vorstellen, als dem Kiddo und mir bei gefrierender Nässe auf einer menschenleeren Straße zu begegnen.

Auf Nachfrage erzähle ich ihr, dass wir aus der Wohnung geflüchtet sind, weil dort eine Horde Berserker die Kloschüssel aus dem Boden reißt. Sie flippt quasi aus vor Freude. So ein Zufall! Weil nämlich im Kindercafe heut ein Clown ist und ich da jetzt UNBEDINGT mitkommen muss. Muss! Weil, ein Clown! Wahnsinn! Wenn ich etwas aus ganzem Herzen hasse, dann ist es Erlebnisgastronomie. Ich schaue panisch zum Wohnzimmerfenster und sehe einen Handwerker den Balkon betreten. Er hält einen tropfenden, textilen Klumpen in der Hand, den ich als mein liebstes Badetuch identifiziere. Ich drehe mich zu Li-La-Laune-Mom um. Okay, gehen wir. Sie juchzt. Vielleicht deutet sie übermütig ein paar Tanzschritte an. Vielleicht auch nicht.

Allem Anschein nach gibt es viele Menschen, die Clowns richtig gut finden. Anders kann ich mir die Kinderwagenkolonne vor dem Café nicht erklären. Sieht ein bisschen nach bildungsbürgerlichem Harley-Treff aus. Plötzlich ist mir nach PS und Schnaps und lauter Gitarrenmusik. Statt dessen gibt’s vegane Dinkelwaffen und Getreidekaffee. Li-La-Laune-Mom sichert uns zähnebleckend die beiden letzten Sofaplätze.

Es riecht nach nassem Kind und Sellerie. In der Ecke türmen sich müffelnde Wollwalk-Overalls. Rotbackige Krabbler in Strumpfhosen gleiten auf ihren eigenen Rotzspuren vorbei. Im Hintergrund läuft eine dieser Platten, die sie einem neuerdings als elternverträgliche Kindermusik verkaufen (in Wirklichkeit gibt es keine elternverträgliche Kindermusik, aber jedem seine Lebenslüge, nicht wahr). Li-La-Laune-Mom findet alles wahnsinnig gemütlich. Ich finde alles wahnsinnig bedenklich, denn gerade biegt ein Schuh um die Ecke. Ich dachte ja, riesige Clownsschuhe seien in der Clownszene passé. Ich dachte ja, die ließen sich auch mal was Neues einfallen. Wegen, Ihr wisst schon, Zeitgeist und so. Zu dem Schuh, der um die Ecke biegt, gehört noch ein zweiter Schuh, und dazu gehört wiederum der von Li-La-Laune-Mom ekstatisch beklatschte Clown.

Ich komme nicht umhin, sachte Zeichen des Verfalls an ihm festzustellen. Die bunt rautierte Pumphose hat ein Kippenbrandloch oder fünf. Die Halbglatzenperücke leidet unter kreisrundem Haarausfall. Die ganze Erscheinung riecht leicht angeschweißt. Ich stelle mir vor, dass der Clown unter seinem Kostüm ein vergilbtes Rippunterhemd mit Eigelbflecken trägt. Der Clown fängt stante pede an, mit überschnappender Stimme irgendwelches Zeug in einer Phantasiesprache zu brüllen. Nach einer Minute stelle ich fest, dass es sich vielmehr um einen ausgeprägten russischen Akzent handelt.

Die anwesenden Kinder lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Den einen ist der Clown scheißegal, den anderen nicht. Das Kiddo gehört glücklicherweise zur Scheißegal-Gruppe. Glücklicherweise sage ich, weil die Nicht-Scheißegal-Gruppe sich gerade vor Angst kollektiv in die Windeln kackt. Bis auf ein Windelfrei-Kind. Das kackt ohne Vorankündigung in seine Schurwollhose und muss sehr weinen. Der Clown oszilliert derweil zwischen den Sofas herum und brüllt Witze, die ich nicht verstehe, weil er dabei klingt wie ein kaputter russischer Stadionlautsprecher. Die ersten Kinder werden hysterisch. Der Sohn von Li-La-Laune-Mom gesellt sich zu mir und klaut die vegane Dinkelwaffel von meinem Teller, wofür ich ihm still danke. Been there, done that, sagt sein Blick.

Der Clown sieht inzwischen ein, dass er seine Strategie ändern muss. Er fokussiert sich jetzt auf die Scheißegal-Kinder. Die Scheißegal-Kinder möchten aber lieber das angeranzte Zeug in der Spielecke abchecken und ignorieren seine Faxen nonchalant. Das Kiddo sitzt auf dem räudigen Straßenverkehrsteppich und leckt an einem Plappertelefon, das nur noch ein Auge hat. Ausdruckslos fixiert es den Clown, dann streckt es ganz langsam den Arm und zeigt anklagend in seine Richtung. Der Anblick erinnert mich irgendwie an Stephen King.

Der plastiklockige Teufelskerl dreht noch einmal so richtig auf. Er wirft sich krachend in die duplo-Kiste, spritzt mit zwei Wasserpistolen um sich wie ein epileptischer Westernschurke und klettert dann katzengleich den Polsterturm hinauf. Den hat ein etwa vierjähriges Mädchen mühevoll errichtet, es thront ganz oben auf dem größten Polster und beobachtet die Sache mit Skepsis. Der Clown schnappt mit seiner weiß behandschuhten Hand spielerisch nach dem Knöchel des Mädchens, woraufhin diesem der Geduldsfaden reißt. Es zieht einen Rasselturm aus Massivholz hinter seinem Rücken hervor und donnert ihn dem Clown auf den Schädel. Der macht den Spaß mit und lässt sich theatralisch zu Boden sinken. Die Scheißegal-Kinder lachen sich scheckig.

Jetzt übertreibt es der Clown mit seiner Schauspielerei. Immer noch liegt er regungslos zwischen einem Bobbycar und dem Kiddo, das ihn interessiert beobachtet. Schließlich klopft es dem Clown mit dem Telefonhörer sanft auf die Nase. Keine Reaktion. Li-La-Laune-Mom steht auf und pikt dem Clown in die Rippen. Keine Reaktion. Die Kinder nehmen ihre Geschäfte wieder auf, die Eltern rufen nach der Bedienung, die wiederum nach dem Notarzt ruft. Bevor der erscheint, öffnet der Clown seine Augen und brabbelt vor sich hin. Wir sind uns nicht sicher, ob es an seinem Nuscheln oder seiner Gehirnerschütterung liegt, dass wir ihn nicht verstehen. Der Arzt trifft ein und macht ein völlig unbeeindrucktes Gesicht; vielleicht sieht er sowas täglich. Vorsichtshalber empfiehlt er dem Clown einen baldigen Feierabend.

Als wir durch den Eisregen nach Hause schlittern, entscheidet Li-La-Laune-Mom, dass wir das UNBEDINGT mal wiederholen müssen. Sicher.

Daheim erwarten mich zwei freudig erregte Handwerker, die mir einen stinkenden Klumpen Gewölle präsentieren, als wäre es ein Strauß Rosen. Den haben sie aus dem Abwasserrohr geholt. Der wird mir künftig keinen Ärger mehr machen.

Muss mein Glückstag sein heute.

Why so serious?

Why so serious? Nimm Dir ne Dinkelwaffel, Schätzelein.

#unperfect #life_with_kids #instagram

Neulich klickte ich diesen lesenswerten Artikel auf Little Years an. Es geht um die Vorzeigemütter auf Instagram und ihre perfekten Kinder, Häuser, Ehemänner, Lidstriche – perfekte Leben. Natürlich, das ist alles kuratiert. Instagram ist eine wunderbare Plattform zur Fassadenpräsentation. Das ist sehr schön anzuschauen. Und sehr unecht. Oder aber, die sind Aliens. Oder zwangsneurotisch. Oder total reich. Oder alles zusammen.

Mir fehlt anscheinend das Gute-Menschen-Gönnen-Können-Gen, denn beim Betrachten dieser Feeds werde ich immer ein bisschen deprimiert. Gut, das ist nicht unnormal, denn es wohnt uns Menschen inne, dass wir uns nach oben vergleichen. Und gegen solche Hochglanz-Mütterleben sieht das eigene (also meins) ganz schön ranzig, unperfekt, unglamourös und falsch organisiert aus. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur eine neidzerfressene alte Hippe.

Zum Trost für alle, denen es ebenso geht, habe ich hier ein kleines Anti-Instagram gebastelt (auf dem echten Kiddo_Instagram zeige ich natürlich nur die schönen Bilder #joke).

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Guten Morgen #Sonnenschein! Huch, ich habe vergessen mich zu schminken. Und zu kämmen. Und zu schlafen.

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Erstmal an den #Arbeitsplatz. Endlich die #Steuererklärung verschicken. Wenn ich sie jemals finde.

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#stillife im #eingangsbereich. die tafel ist übrigens #diy

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Frühüüüstück! Ach nee, das steht da noch von gestern. Ob man den Kaffee wohl noch…och ja, geht. Oben links im Bild: Papiertüte mit verschimmelter #mandarine drin

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Unser Balkon ist total #boheme. Da wird nämlich geraucht #husband #bad_habits. Die ranzige Häkeldecke da ist übrigens auch voll #diy

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#kochende_ehemänner #verkohlt

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Nach dem #mittagessen. Ach nee, das war davor.

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Zum Nachtisch gibt es bei uns häufig #kabelsalat

 

 

Nach einer wahren Begebenheit.

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Gestern lagen zwei Mahnungen bei uns im Briefkasten. Nein, das ist gelogen, sie lagen natürlich schon seit zwei drei Wochen auf dem Schränkchen neben der Wohnungstür und blickten stumm auf unser Küchenchaos. Jedenfalls beschloss ich heute nach dem Frühstück in einem ungewohnten Anfall von Entschlossenheit, die Mahnungen jetzt sofort zu begleichen. Weil sonst zweite Mahnung und Mahngebüren und Schufa und Inkasso und Gosse und alles. Ist ja auch schnell erledigt.

Ich setze das Kiddo auf seinen Spielteppich und mich vor den Laptop. Öffne die erste Mahnung. Kacke, da hat sich schon wieder das Zeitschriftenabo verlängert, das ich vor zwei Jahren kündigen wollte. Na, jetzt isses zu spät. Unter dem Tisch knistert es. Das Kiddo hat sich irgendwie den Briefumschlag geschnappt und versucht, ihn samt Sichtfenster zu verspeisen. Ich krieche unter den Tisch und pule dem Kiddo das Papier-Plastik-Gemisch aus dem Schlund. Das Kiddo kreischt empört in einer menschenfeindlichen Tonlage. Ich stehe wieder auf, stoße mir den Kopf heftig an der Tischkante und greife erneut nach der Mahnung.

Zurück am Laptop. Fix beim Onlinebanking anmelden. Oh, wieso ist da so wenig auf dem Konto? Egal jetzt. IBAN abtippen. Das Kiddo kreischt immer noch. IBAN ungültig. Was, wieso denn das? Ah, Zahlendreher. Ich tippe nochmal. Das Kiddo kreischt. IBAN ungültig. Stelle fest: Es ist quasi unmöglich, eine sehr lange Zahlenfolge korrekt abzutippen, während man bekreischt wird. Ich nehme das Kiddo auf den Schoß und kitzele es ein bisschen. Es freut sich und erklärt sich bereit, auf dem Teppich weiterzuspielen.

Zurück am Laptop. Ich tippe die IBAN richtig ein, und ich schaffe die Zahlenkolonne im Verwendungszweck beim ersten Versuch, woah! Die TAN. Meehh, die TANs sind noch im Schrank. Ich gehe zum Schrank und trete dabei auf die megahäßliche Plastiksonnenrassel, die wir von irgendeinem, äh, Wohlmeinenden zur Geburt des Kiddos bekommen haben. Der eine Sonnenstachel bohrt sich stumpf in meine Fußsohle, das hämisch grinsende Sonnengesicht knackt und bricht entzwei. Plastiksplitter! Lebensgefährlich! Klemme das Kiddo unter dem Arm und hole den Staubsauger. Unter großem Hurra wird gesaugt. Was wollte ich…die TANs. Da im Schrank. Bei den Kontoauszügen. Müssten eigentlich schon längst beim Steuerberater liegen. Mach ich morgen.

Zurück am Laptop. TAN eintippen, Weiter klicken. „Aus Sicherheitsgründen wurden Sie nach 12 Minuten vom System abgemeldet. Bitte loggen Sie sich erneut ein.“ Ich habe 12 Minuten lang gestaubsaugt?! Und wieso melden die einen nach 12 Minuten vom System ab? Warum nicht nach 10 oder 5 oder meinetwegen 15? Muss ich nicht verstehen, das. Also erneut einloggen, alles wieder von vorn. Rumms, das Kiddo kracht zu Boden, es hat sich todesmutig am Sofa hochgezogen und ist abgestürzt. Infernalisches Kreischen. Ich stelle mir vor, dass Velociraptorbabys so geklungen haben müssen. Kein Wunder, dass die ausgestorben sind. Ich nehme das Kiddo auf den Arm, tröste es mit Gesumme und Gewippe.

Zurück am Laptop. Ich mache meinen Kopf möglichst leer und tippe wie ein Roboter die verdammte IBAN vom Überweisungsträger ab, und – sie stimmt tatsächlich. Schnell die TAN, so lange ich den Flow habe. Mittlerweile bin ich ganz schön verschwitzt und kann mir das nicht erklären. Muss dieser berüchtigte Stress-Schweiß sein, vom dem sie in der Werbung immer reden.

Jetzt die zweite Überweisung. Oh Gott, ist das ein langer Verwendungszweck. Bestimmt 30 Ziffern. Für den brauche ich sicher Stunden. Es klingelt, das muss der DHL-Mann sein, der hoffentlich endlich die Winterjacke vom Kiddo bringt. Es ist der DHL-Mann, aber er bringt nur eine Tonne Druckerpapier für meinen Nachbarn, die er gern in meinem Flur lagern möchte. Ich bin zu genervt und zu nett, um ihn abzuwehren. Gerade als ich die Tür schließe, höre ich ein seltsames Geräusch aus dem Wohnzimmer. Das Velociraptorbaby hat sich in meinen einen Hausschuh erbrochen und reibt die Pampe freudestrahlend in den Stoff. Egal, Hauptsache es beschäftigt sich noch einen Moment.

Zurück am Laptop. „Aus Sicherheitsgründen wurden Sie nach 12 Minuten…“

Ich gebe auf und rolle kraftlos zu Boden. Das Kiddo legt mir sanft meinen Hausschuh auf den Kopf. Alles ist erleuchtet.

Oberhalb der 97. Perzentile.

Neulich schrieb mir meine Freundin A, direktemang vom Kinderarzt kommend, eine etwas prahlerisch anmutende SMS. Die Tochter wöge nun 8,4 Kilo mit zarten 18 Wochen! Damit habe sie das Kiddo (das wir zärtlich schwäbelnd »Öchsle« nennen) knallhart vom Brockenthron gestoßen. Zugegeben. Aber es ist ein knapper, geradezu haarscharfer Etappensieg.

Wir haben quasi Monsterkinder. Godzilla und Gargantua. Höhnisch blicken sie aus der Vogelperspektive auf sämtliche Wachstumskurven hinab. Ameisen sind wir für die. Wenn das mal so weitergeht, malten Freundin A und ich uns aus. Das kann ja heiter werden! Die gründen demnächst eine Gang, spätestens mit Kita-Beginn. Erzieherinnen werden mit beiläufigem Zucken der kleinkindlichen Bizepse zur Räson gebracht. Wenn wir die Kolossinnen abholen, tragen sie neue schicke Markenjacken. Wo sie die her hätten, fragen wir – nicht. Lieber die Wahrheit gar nicht erst kennen.

***

Beim Mittagessen:

»MAMA, SPAGHETTI!!!!!!«

Eilig schmeißt man ein paar Kilo Pasta in den Topf.

»Die sind AL DENTE!!!!!«

Der Schwung des Nudelteller hinterlässt Hämatome auf der mütterlichen Stirn.

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Freundin A stellt sich vor, wie sie bald ihr riesiges Baby im Ergo durch den Kiez schleppt. Oder doch eher: von ihm mitgeschleift wird. Als würde sie eine durchgeknallte Dogge Gassi führen.

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Abends muss der Papa dann Pony spielen:

„PAPAAA! HÜAAA!“

„Aber Schätzelein, der Papa hat schon vier Bier…“ –

„ROOOOAAAAARRRHHH!!!!!“ –

„….ist ja gut, steig auf.“

Papa galoppiert schwankend durch die Bude, in ängstlicher Erwartung des kindlichen Stiefeltrittes. Wie ein überzüchteter Vollblüter gurkt er mit seiner Last übers Fischgrätparkett. Die Sporen sind von Lillifee.

***

Selbstredend schlafen Godzilla und Gargantua auch bei Schulbeginn noch im Familienbett. Wir Eltern müssen uns derweil zu zweit im Beistelldings arrangieren. Beim Mann haben sich die Abdrücke der Gittersprossen dauerhaft ins Hinterteil gegraben.

***

In der Zwischenzeit wachsen die Kinder. Und wachsen. Und wachsen. Das Echo ihrer Hüpfspiele donnert von Neukölln bis in den Wedding. Die Sonne verdunkelt sich apokalyptisch. Ein heißer Wind bläst direkt aus dem Fegefeuer. Asche regnet vom Himmel. Betend sinken die Menschen zu Boden. Heulen und Zähneklappern.

***

The End.