Lorbeeren für Papi.

Folgendes: Die Milch war alle. Weil ich über die Maßen faul bin, ging ich nicht in den Supermarkt, sondern zum Spätkauf nebenan, um dort eine Million Mark für einen Liter Bio-Milch zu berappen. Die nette Spätkaufdame so: „Wo ist denn Ihr süßes Baby?“ Ich so: „Das ist heut Nachmittag beim Papa.“ Spätkaufdame so: „Oh, das ist ja ganz toll von Ihrem Mann, dass er Ihnen das Kind auch mal abnimmt! Das würde nicht jeder machen! Da haben Sie aber Glück.“ Ich so: „Äh. Hier sind eine Million Mark.“

Beim Verlassen des Spätkaufs brannte mir ad hoc eine Sicherung durch und ich trat gegen die blöde Bierbank vor dem Laden (okay, ganz zaghaft). Weil das nämlich schon das drölfzigste Mal in dieser Woche war, dass mir irgendein Mensch versicherte, ich hätte es ja so unglaublich gut getroffen mit meinem aufopferungsvollen, selbstlosen Mann, dass ich mich quasi vor lauter Dankbarkeit sabbernd zu seinen Füßen winden müsste.

Ja sicher – der Mann ist ein guter Mann, ich hab den ja schließlich nicht nach dem Zufallsprinzip geheiratet (auch wenn es meinen Eltern anfangs so vorgekommen sein muss). Aber dass ihm ständig einer direkt oder indirekt einen Orden verleihen will, sobald er sich um sein Kind kümmert, das bringt mich glatt zum Überschnappen.

Überlegen wir mal – beglückwünscht mich vielleicht jemand dafür, dass ich ein Jahr lang Elternzeit genommen habe? Aus einer gut etablierten Freiberuflichkeit heraus? Mit dem Risiko im Nacken, dass mein Wiedereinstieg ein Fiasko wird? Na, niemand? Schade. Und beglückwünscht jemand den Mann, weil er die bescheuerten zwei „Vätermonate“ macht? Volltreffer. Man sorgte sich in der älteren weiblichen Verwandtschaft sogar um die möglichen „beruflichen Konsequenzen“, die das wohl habe. Hach. Dass ich die meiste Elternzeit nehme, war schlichtweg Ergebnis simpler Rechnerei: Ich bekomme mehr Elterngeld, also war die Zeit-Geld-Relation für uns so einfach am nettesten. Weil wir auf diese Weise viel Zeit zu dritt mit wenig Erwerbstätigkeit haben können. Interessiert aber keinen, der sich gerade daran erwärmt, dass der Mann das Kiddo abends auch mal allein zu Bett bringt (SO ein toller Vater! Schnell, Applaus!).

Und auch sonst: Ich beschwere mich, weil ich in der Nacht 9 Mal vom Kiddo geweckt wurde? Kein Mitleid für mich – ich hab es ja so gewollt. Ich schicke ihn mit dem Kiddo auf den Spielplatz und fahre selbst zum Friseur? Na das ist aber klasse von ihm, dass er Dir so viel ermöglicht. Er ist über Nacht weg, weil er in einer anderen Stadt zu einem Konzert möchte? Verständlich, er muss ja auch mal raus. Ich bin über Nacht weg, weil ich in einer anderen Stadt zu einem Konzert möchte? Wie, er macht das zuhause GANZ allein?! Ach, es gäbe eine Milliarde banaler Beispiele. Ihr habt’s ja kapiert, was ich damit ausdrücken will.

Ich finde es demotivierend, nervtötend und aggressionsfördernd, dass halbwegs engagierte Väter in der öffentlichen Wahrnehmung als Lichtgestalten über Wasser wandeln, während Mütter als Boxsäcke herhalten: Wie, Du stillst nicht? Wie, Du stillst noch? Gehst Du schon wieder arbeiten? Gehst Du immer noch nicht wieder arbeiten? Das Kind soll jetzt schon in die Kita? Das Kind ist immer noch nicht in der Kita? Bist Du verrückt, Dein Kind nicht impfen zu lassen? Bist Du verrückt, Dein Kind impfen zu lassen? – Wie Du es machst, machst Du es falsch. Wer ist schuld, wenn das Kind sich bei Edeka brüllend in die Konserven schmeißt? Na? Die Mama. Und was haben psychopathische Serienmörder meistens? Eine gestörte Mutterbeziehung. Und so weiter.

Schön und gut, höre ich meine innere Stimme sagen, aber dafür können die Väter ja nichts. Dass es ihnen als Heldentat ausgelegt wird, wenn sie sich einigermaßen gleichberechtigt um ihre Kinder kümmern möchten. Tja, nein. Dafür können sie wohl nichts (oder vielleicht doch, aber für solche Fragen bin ich eine zu schlechte Feministin). Ich fände es allerdings ganz wunderbar, wenn mal ein Vater den/die Lobhudler/in situativ darauf hinweisen würde, dass hier gerade mit zweierlei Maß gemessen wird. Wer sich das als Mutter traut, ist ja gleich zickig und wird somit nicht ernst genommen. Okay, so eine väterliche Maßnahme verändert bestimmt nicht die Welt. Für einen gesellschaftlichen Wandel müssen größere Brötchen von offizielleren Instanzen gebacken werden. Aber dieses konkrete Gegenüber denkt vielleicht kurz nach und lobt beim nächsten Mal entweder kein oder beide Elternteile. Wenigstens das. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

 

(Während ich das schreibe, trägt der Mann das brockenschwere Quengel-Kiddo in der Trage draußen herum. Seit einer Stunde. Bei Nieselregen und 8 Grad. Schleichende Schuldgefühle. Der arme Kerl. Ich glaube, mir ist nicht mehr zu helfen.)

 

 

 

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Schläft es schon durch?

kiddo pennt

Meine Hassfrage. Obwohl. Nein, eigentlich habe ich mich an die Fragerei gewöhnt. Sie erwischt mich nur noch dann auf dem falschen Fuß, wenn ich eine miese Nacht UND einen miesen anschließenden Morgen mit dem Kiddo hinter mich gebracht habe. Dann kann die Schlaffrage sadistische und blutgetränkte Phantasien in mir auslösen. Denn: Das Kiddo schläft nicht durch. Tatsächlich ist es so weit vom Durchschlafen entfernt wie Berlusconi von natürlich wirkendem Haupthaar.

Anfangs, also in den ersten wenigen Monaten, lief es eigentlich gar nicht schlecht. 2-3 Mal gestillt in der Nacht, ansonsten Ruhe. Super eigentlich. Dann wurde es graduell mieser. Mittlerweile erwacht das Kiddo etwa alle 1,5-2 Stunden, und das schon seit irgendwann im Frühsommer. Neuerdings krabbelt es auch gern mal im Halbschlaf mit dem Kopf gegen die Wand und erschreckt sich (und mich) damit zu Tode.

Ja – das ist nicht schön. Überhaupt nicht schön. Und wie gesagt, an manchen Tagen bin ich echt kein Mensch. Selbstmitleid galore, sehr viel Kuchen, Shopping und all that jazz. Aber was mich so RICHTIG ankotzt, sind nicht die Schlafgewohnheiten vom Kiddo (naja, doch, ein bisschen), sondern das Problem, das einige Mitmenschen mir daraus generieren wollen:

„Also ICH würd das ja nicht mitmachen.“

„Wollt Ihr da nicht mal was ändern?“

„Du darfst sie nicht immer stillen, wenn sie das verlangt.“

„Quartiert sie mal aus, dann erledigt sich das.“

„Lass sie halt mal schreien, da muss sie durch.“

Ich bin ja nicht auf den Mund gefallen und bei Bedarf auch mal patzig, aber als mir diese Sätze gesagt wurden, wollte ich mich nur noch zusammenrollen und resigniert wimmern. Was ist denn los mit den Leuten, dass sie gerade zum sehr individuellen Thema Babyschlaf solche Standardmeinungen von sich geben? Ja, das Kiddo ist gemeinhin wohl das, was man einen „schlechten Schläfer“ nennt. Und ja, das nervt zuweilen total. Aber mittlerweile weiß ich auch: Das ist völlig normal. Mein Kind hat kein Problem. Es gehört eben zu denen, die häufig erwachen und nicht zu denen, die durchschlafen. So ist sie halt. Alles, was sich zu einem guten Schlafrhythmus beitragen lässt, tun wir bereits. Und schreien lassen werden wir sie mit Sicherheit nicht.

Auch, dass das Kiddo mehr oder weniger in unserem Bett schläft, stößt häufig auf Unverständnis. „Ihr kriegt die nie wieder da raus.“ Auf die Idee, dass wir das freiwillig so halten, weil es für alle Beteiligten am unstressigsten ist, kommt irgendwie keiner. Und wenn ich sage, dass ich das gemeinsame Schlafen sogar ganz schön finde, schauen mich manche Menschen an, als hätte ich ihnen gerade gestanden, dass ich in meiner Freizeit gern Leichen schminke.

Dieses Thema Babyschlaf, es scheint ja in den ersten Zeit unfassbar wichtig zu sein. In allen Unterhaltungen mit allen Mit-Eltern kommt es früher oder später auf den Tisch. Klar, Schlafmangel ist auch scheiße. Und ich gebe gern als Allererste zu, dass ich mich sehr auf den Moment freue, in dem das Kiddo mal 5-6 Stunden am Stück schlafen kann. Aber die ungebetenen Ratschläge, die dürfen doch einfach mal ungesagt bleiben. Die machen es doch nicht besser. Blödestenfalls bekommt man als Mutter das Gefühl, eine Totalversagerin zu sein. Und weil auf Müttern sowieso schon viel zu oft herumgehauen wird, ist das umso schlimmer.

Zwei Bücher, welche mir beim Akzeptieren und Umgehen geholfen haben, sind „Ich will bei Euch schlafen“ von Sibylle Lüpold sowie „Schlafen und Wachen“ von William Sears. Auch „Schlafen statt Schreien“ von Elizabeth Pantley hielt einige sinnvolle Tipps parat, die wir gut umsetzen konnten.

Eine Bitte hätte ich noch: Liebe Eltern, deren Kinder schon immer mehr oder weniger durchschlafen. Soll es ja auch geben. Seid so nett und erzählt mir das nicht ständig in aller Ausführlichkeit. Gerade dann nicht, wenn Ihr wisst, dass mein Kind nachts sehr oft aufwacht. Auch Sätze wie „OMG, ich bin SO fertig, Lillebrør wollte echt ZWEI Mal trinken heut Nacht!!111!!!“ erwecken in mir nicht so irre viel Verständnis. Danke. Ende der Durchsage.

 

Dieses Mütterding.

Nun ist also das Baby da. Hoffentlich wohlbehalten. Man hat sich das vorher alles schon so ausgemalt. Das gemeinsame Staunen über das Wesen, das noch kaum in der Welt angekommen ist. Die vielen ersten Male. Und Mama wird auch noch ein Ich bleiben, und dem Papa vertrauensvoll das kleine Bündel überlassen, während sie mit Freundinnen tiefsinnige Gespräche führt und er wird es fürsorglich mit abgepumpter Muttermilch füttern, weil die ja Das Ultimativ Beste ist. Und klar, man wird sich auch mal streiten, sagen ja auch alle. Schlafmangel und so.

Einmal Vollbremsung, bitte. 7 Monate später.

Nun ist also das Baby da. Schon etwas länger. Und wohlbehalten, Gott sei Dank. Es ist toll, das Baby. Und das Muttersein ist toll. Anstrengend ist es, aber das wusste ich, weil ich Mütterfreundinnen mit Freude an kassandramäßigen Weissagungen habe. Also, unterm Strich: Liebe. Ganz große sogar.

Was mich/uns hingegen kalt erwischt hat, ist dieses komische, ich nenne es mal, Mütterding. Das, von dem ich dachte: Das wird mir nicht passieren. Das wird uns nicht passieren. Wir haben ja keine konservativen Rollenmodelle. Wir sind ja hier gleichberechtigt. Tja – und dann ist es passiert. Anfangs dachte ich, das macht ja nix, das ist nun mal so in den ersten Wochen: Schließlich stille ich, das kann der Mann wohl schlecht. Ganz normal. Und dass ich nachts aufstehe bei vollgekackter Windel, auch normal, ich bin ja schon wach vom Stillen. Ganz normal, dass ich mich in den ersten Wochen so schlecht lösen kann vom Kiddo. Wir hatten ja eine dramatische Geburt. Da will ich sie jetzt besonders fest halten. Wird sich alles regeln. Ganz normal.

Aber es hat sich dann doch nicht ganz so geregelt, wie ich mir das gedacht habe. Warum eigentlich nicht? Warum ist das so, dass ich stillschweigend die Hauptverantwortung für das Kiddo trage? Dass ich die Kinderarzttermine mache, an die Vigantoletten denke (oder sie vergesse) mich in diesen Beikostkram einlese und ihn plane, dem Kiddo jahreszeitlich passende Kleidung kaufe? Warum ist das so, dass der Mann sich ganz selbstverständlich an den Rechner setzt, während ich beflissen frage, ob ich mal eben allein aufs Klo kann?

Vermutlich ist es so, weil ich nicht dauernd und lautstark einfordere, diskutiere, erzwinge. Einfordern fühlt sich so zermürbend an. Zum Beispiel die enorm miese Laune, die der Mann hat, wenn er morgens um 6 mit dem Kiddo aufstehen soll: Zermürbend. Immer darum bitten müssen, dass er mal eben das Kiddo betreut: Zermürbend. Ich muss gestehen – wäre ich in seiner Position, ginge es mir sicher ähnlich. Ich weiß nicht, ob ich mir aktiv Arbeit aufhalsen würde, wenn mein Partner das doch alles so schön macht. Zugegeben: Es wird besser. Ich fordere zähneknirschend mehr, wir reden mehr, der Mann bietet von sich aus mehr an, das Kiddo wird älter und überhaupt. Aber noch spüre ich Schieflage, es geht noch was, es muss.

Es treibt mich um, dieses Mütterding. Viele Gespräche lang. Geht ja nicht nur mir so, sondern auch anderen Frauen. Freundinnen mit durchaus feministischem Anspruch. Das wunderte mich früher immer sehr, so aus der Distanz. Es wundert mich auch jetzt noch, nur dass ich überraschenderweise eben auch eine von denen bin. Bleibt das jetzt für ewig so? Können wir uns doch noch vollständig gleichberechtigen? Wie macht man sowas? Hege ich Illusionen? Hat jemand Antworten, Tipps, Erfahrungen?