Lorbeeren für Papi.

Folgendes: Die Milch war alle. Weil ich über die Maßen faul bin, ging ich nicht in den Supermarkt, sondern zum Spätkauf nebenan, um dort eine Million Mark für einen Liter Bio-Milch zu berappen. Die nette Spätkaufdame so: „Wo ist denn Ihr süßes Baby?“ Ich so: „Das ist heut Nachmittag beim Papa.“ Spätkaufdame so: „Oh, das ist ja ganz toll von Ihrem Mann, dass er Ihnen das Kind auch mal abnimmt! Das würde nicht jeder machen! Da haben Sie aber Glück.“ Ich so: „Äh. Hier sind eine Million Mark.“

Beim Verlassen des Spätkaufs brannte mir ad hoc eine Sicherung durch und ich trat gegen die blöde Bierbank vor dem Laden (okay, ganz zaghaft). Weil das nämlich schon das drölfzigste Mal in dieser Woche war, dass mir irgendein Mensch versicherte, ich hätte es ja so unglaublich gut getroffen mit meinem aufopferungsvollen, selbstlosen Mann, dass ich mich quasi vor lauter Dankbarkeit sabbernd zu seinen Füßen winden müsste.

Ja sicher – der Mann ist ein guter Mann, ich hab den ja schließlich nicht nach dem Zufallsprinzip geheiratet (auch wenn es meinen Eltern anfangs so vorgekommen sein muss). Aber dass ihm ständig einer direkt oder indirekt einen Orden verleihen will, sobald er sich um sein Kind kümmert, das bringt mich glatt zum Überschnappen.

Überlegen wir mal – beglückwünscht mich vielleicht jemand dafür, dass ich ein Jahr lang Elternzeit genommen habe? Aus einer gut etablierten Freiberuflichkeit heraus? Mit dem Risiko im Nacken, dass mein Wiedereinstieg ein Fiasko wird? Na, niemand? Schade. Und beglückwünscht jemand den Mann, weil er die bescheuerten zwei „Vätermonate“ macht? Volltreffer. Man sorgte sich in der älteren weiblichen Verwandtschaft sogar um die möglichen „beruflichen Konsequenzen“, die das wohl habe. Hach. Dass ich die meiste Elternzeit nehme, war schlichtweg Ergebnis simpler Rechnerei: Ich bekomme mehr Elterngeld, also war die Zeit-Geld-Relation für uns so einfach am nettesten. Weil wir auf diese Weise viel Zeit zu dritt mit wenig Erwerbstätigkeit haben können. Interessiert aber keinen, der sich gerade daran erwärmt, dass der Mann das Kiddo abends auch mal allein zu Bett bringt (SO ein toller Vater! Schnell, Applaus!).

Und auch sonst: Ich beschwere mich, weil ich in der Nacht 9 Mal vom Kiddo geweckt wurde? Kein Mitleid für mich – ich hab es ja so gewollt. Ich schicke ihn mit dem Kiddo auf den Spielplatz und fahre selbst zum Friseur? Na das ist aber klasse von ihm, dass er Dir so viel ermöglicht. Er ist über Nacht weg, weil er in einer anderen Stadt zu einem Konzert möchte? Verständlich, er muss ja auch mal raus. Ich bin über Nacht weg, weil ich in einer anderen Stadt zu einem Konzert möchte? Wie, er macht das zuhause GANZ allein?! Ach, es gäbe eine Milliarde banaler Beispiele. Ihr habt’s ja kapiert, was ich damit ausdrücken will.

Ich finde es demotivierend, nervtötend und aggressionsfördernd, dass halbwegs engagierte Väter in der öffentlichen Wahrnehmung als Lichtgestalten über Wasser wandeln, während Mütter als Boxsäcke herhalten: Wie, Du stillst nicht? Wie, Du stillst noch? Gehst Du schon wieder arbeiten? Gehst Du immer noch nicht wieder arbeiten? Das Kind soll jetzt schon in die Kita? Das Kind ist immer noch nicht in der Kita? Bist Du verrückt, Dein Kind nicht impfen zu lassen? Bist Du verrückt, Dein Kind impfen zu lassen? – Wie Du es machst, machst Du es falsch. Wer ist schuld, wenn das Kind sich bei Edeka brüllend in die Konserven schmeißt? Na? Die Mama. Und was haben psychopathische Serienmörder meistens? Eine gestörte Mutterbeziehung. Und so weiter.

Schön und gut, höre ich meine innere Stimme sagen, aber dafür können die Väter ja nichts. Dass es ihnen als Heldentat ausgelegt wird, wenn sie sich einigermaßen gleichberechtigt um ihre Kinder kümmern möchten. Tja, nein. Dafür können sie wohl nichts (oder vielleicht doch, aber für solche Fragen bin ich eine zu schlechte Feministin). Ich fände es allerdings ganz wunderbar, wenn mal ein Vater den/die Lobhudler/in situativ darauf hinweisen würde, dass hier gerade mit zweierlei Maß gemessen wird. Wer sich das als Mutter traut, ist ja gleich zickig und wird somit nicht ernst genommen. Okay, so eine väterliche Maßnahme verändert bestimmt nicht die Welt. Für einen gesellschaftlichen Wandel müssen größere Brötchen von offizielleren Instanzen gebacken werden. Aber dieses konkrete Gegenüber denkt vielleicht kurz nach und lobt beim nächsten Mal entweder kein oder beide Elternteile. Wenigstens das. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

 

(Während ich das schreibe, trägt der Mann das brockenschwere Quengel-Kiddo in der Trage draußen herum. Seit einer Stunde. Bei Nieselregen und 8 Grad. Schleichende Schuldgefühle. Der arme Kerl. Ich glaube, mir ist nicht mehr zu helfen.)

 

 

 

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Seit ich ein Kind habe.

Seit ich ein Kind habe, bin ich ängstlicher. Das Kiddo könnte in meiner Abwesenheit auf diese bösartige Fliesenkante im Bad knallen und verbluten. Dasselbe könnte ihm auch in meiner Anwesenheit passieren. Es könnte eine ganz schlimme Krankheit haben, von der wir noch nichts wissen. Jemand könnte es versehentlich oder absichtlich umbringen. Es könnte später einen oder mehrere Menschen kennenlernen, die ihm das Herz brechen. Ich könnte selbst dieser Mensch sein. Das Kiddo könnte mir verloren gehen oder mit einem Fluch belegt werden. Ich könnte aus dem Fenster fallen und es zur Halbwaise machen. You name it.

Seit ich ein Kind habe, bin ich mutiger. Ich kann nicht mehr dauernd vor aller Unbill weglaufen. Ich muss und will für das Kiddo, für den Mann, für UNS als Familie einstehen und für das, was wir tun und wie wir es tun. Ich muss mich gerade machen und Kommentare teflonmäßig wegstecken. Ich trete meiner sozialen Inkompetenz regelmäßig in den Arsch (auch wenn ich oft heimlich dabei schwitze). Ich gehe auf Menschen zu und öffne ihnen meine Haustür und mein Herz. Ich fasse mir ebenjenes und lasse mir auch mal was sagen. Und wer mir die Butter vom Brot nehmen will, muss neuerdings ganz schön früh aufstehen.

Seit ich ein Kind habe, bin ich gestresster. Ich kann weder in Ruhe aufs Klo noch eine Überweisung tätigen (sofern sie eine IBAN enthält). Ich werde nachts dreitausendmal und morgens zu einer Scheißzeit geweckt. Oft durch Minifaustschläge auf meine geschlossenen Lider. Ich habe ständig Flecken von irgendwas irgendwo. Ich trete im Dunkeln auf Holzbauklötze. Und mit einem Ohr bin ich immer beim Kiddo – eine ununterbrochene Standby-Funktion, die sich nicht ausschalten lässt.

Seit ich ein Kind habe, bin ich entspannter. Ich merke am Nachmittag, dass ich morgens nur ein Auge geschminkt habe? Ach, merkt ja eh keiner. Da klebt Banane in der Kaffeemaschine? Dann kauf ich mir halt einen in der Bäckerei. Taschenfarbe + Jackenfarbe = optische Kernschmelze? Mir doch egal. Das Finanzamt will eine sehr hohe Einkommenssteuernachzahlung? Och.

Seit ich ein Kind habe, bin ich effizienter. Ui, das Kiddo ist eingeschlafen! Während ich die Essensreste vom Küchenboden klaube, mache ich der Kitaleitung am Telefon schöne Augen, schubse mit dem Fuß ein paar Krümel unter den Schrank und stelle die Waschmaschine an. Beim Staubsaugen staubwische ich parallel, mache ein lustiges Foto für Instagram, sammele resigniert das unbenutzte Holzspielzeug ein und richte das Sofa wieder rechtwinklig aus (ein Muss. MUSS. MUSS!!!). Das Kiddo quengelt – fertig. Benötigte Zeit: 27 Minuten. Aber ich bin sicher, da ist noch Luft nach oben.

Seit ich ein Kind habe, bin ich langsamer. Okay, damit habe ich gerechnet. Schließlich haben alle meine FreundInnen vor mir Kinder bekommen. Ich habe mir also schon in diversen Treppenhäusern die Beine in den Bauch gestanden, während oben schwitzende Elternteile mit infernalisch kreischenden Babys rangen (oder rungen?). Aber wie langsam man tatsächlich werden kann, schockiert mich täglich neu. Banale Verrichtungen werden zum Kunstprojekt, wenn man dabei eine Million Mal unterbrochen wird. Ich überlege, mich in Echtzeit beim Spülmaschinenausräumen zu filmen und das 12-stündige Video dann als Performance zu vermarkten.

Seit ich ein Kind habe, bin ich weicher. Vor einigen Wochen wurde in meiner Nachbarschaft ein totes Neugeborenes gefunden. Nicht, dass mir sowas vorher egal gewesen wäre, aber seit das Kiddo auf der Welt ist, beschäftigen mich Ereignisse wie diese wochenlang. Beim Gedanken an dieses arme Geschöpf, dessen Leben in einer Plastiktüte von Lidl endete, muss ich Rotz und Wasser heulen. Oder neulich, als Eltern auf der Straße ihr Kleinkind anschrien, weil es sich nicht schnell genug die Nase geputzt hat (WTF?!). Kinder sind mein neuer soft spot. Und ich kann rein gar nichts dagegen tun.

Seit ich ein Kind habe, bin ich härter. Ständiges Kreisen um Befindlichkeiten und Nichtigkeiten war früher mein allerliebstes Hobby. Heute hab ich da meist keinen Nerv für. Es ist so anstrengend, Geld zu verdienen? Du hast einen schlimmen Kater? Er/Sie/Es hat bei WhatsApp Deine Nachricht gelesen, aber nicht geantwortet? Mein Lieblingspulli ist eingegangen? Jo. Shit happens, ne.

 

Und. Da ist noch was. Eine Kleinigkeit.

Seit ich ein Kind habe, bin ich glücklicher.

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Kitsch. Aber isso.

 

 

 

Die Prophezeiungen.

Klingt wie der Titel eines sehr langweiligen historischen Romans, oder? Irgendwas mit der katholischen Kirche und einem fiesen Geheimorden. Gemeint sind aber diese in unheilvollem Ton vorgebrachten Weissagungen, die Schwangere und Neu-Eltern quasi minütlich ereilen. Der/die Prophezeiende kann meist eine gewisse Genugtuung nicht verhehlen. So ein Lehrjahre-sind-keine-Herrenjahre-Gesichtsausdruck. Ich habe mir mal in Erinnerung gerufen, was man uns bisher so alles prophezeit hat – und ob es dann auch eingetroffen ist.

 

„Wenn Du stillst, nimmst Du automatisch ab!“

Lasst mich kurz … bahahahahahaaa! Oh Mann, was bin ich da reingefallen! Weil ausnahmslos jede Mutter in meinem weiteren Umfeld behauptet hat, ich könnte stillenderweise essen wie Rainer Calmund, flogen mir in der Schwangerschaft vielleicht ein oder zwei gebratene Täubchen zu viel in den gierigen Schlund. Nach der Entbindung harrte ich vertrauensvoll der zu erwartenden Gewichtsabnahme. Sie kam nicht. Obwohl ich wirklich (!) überschaubare Mengen verspeiste. Nach etwa drei Monaten war mir das dann zu blöd, und ich verspeiste lieber unüberschaubare Mengen. Und auch das blieb ohne Effekt, diesmal erfreulicherweise. Status quo: Ich verspeise beachtliche Mengen, der Zeiger auf der Waage klebt fest und ich übe mich in Zen. Eine von mir dazu interviewte Stillberaterin sagte folgendes: Nicht bei allem Frauen führt das Stillen bei normaler Nahrungsaufnahme zum Gewichtsverlust. Bei einigen bewirkt das Prolaktin auch, dass die Pölsterchen bleiben. Die nehmen dann nach dem Abstillen leichter wieder ab, falls sie das möchten. Gut. Ich bin wohl eine davon. War ja klar.

 

„Geh nicht immer hin, wenn das Baby schreit, es gewöhnt sich sonst daran.“

Guter Witz. Das ist ja auch mein Ziel – das Kiddo soll ja eben nicht denken, es befände sich mutterseelenallein in der sibirischen Tundra. Es soll ja wissen, dass einer kommt, wenn es was hat. Gibt natürlich Leute, die da anders rangehen. Meine Erfahrung bislang: Das Kiddo war und ist sehr dankbar, wenn jemand nach ihm schaut, sobald es weint, und beruhigt sich so viel schneller, als wenn niemand reagiert (einmal ausprobiert und nach 5 Minuten abgebrochen, weil für alle Beteiligten unerträglich). Dass ein Baby zum vielzitierten Tyrannen wird, da glaube ich nicht dran. Unberechenbare Diktatoren mit lachhaften Frisuren mögen Tyrannen sein – aber mein Kind? Not so much.

 

„Von Holzspielzeug hast Du länger was.“

Stimmt. Weil es nämlich nie benutzt wird vom Kiddo. Ich habe mittlerweile einen stattlichen dreistelligen Betrag in wundertolles, altersgerechtes Holzspielzeug investiert. Sieht schnieke aus, wie es so auf dem Dielenboden liegt. Ganz allein. Und unbeachtet. Chancenlos gegen die Stapelbecher von dm und Verpackungsmüll aller Couleur.

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Krokodil: 0. Weichkäse: 1.

 

„Wenn das Baby da ist, ist Dein Hund abgemeldet.“

Come on, Leute! Was ist das denn für ein Quatsch. Ist in meinem Herzen vielleicht ein Wohnraummangel ausgebrochen, ohne dass ich es gemerkt habe? Mir war so, als hätten da sehr viele Menschen und Tiere und Babys drin Platz. Einfach so. Als unsere Hündin vor vier Monaten starb, war da auf einmal eine große Lücke in unserer Familie. Und ich finde es so schade, dass das Kiddo sich nicht an sie erinnern wird.

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Ein Herz auf vier Pfoten.

 

„Am Ende machst Du doch alles.“

Hmpf. Nicht ganz, aber es kommt mir zuweilen so vor.

 

„Eure Wohnung wird mit lauter hässlichem Spielzeug vollgemüllt sein.“

Nein – unsere Wohnung ist, siehe oben, mit ästhetischem Holzspielzeug vollgemüllt. Ich bin mir sicher, da ist noch Luft nach oben, denn das Kiddo beginnt seine Spielzeugkarriere gerade erst. Bislang schmeiße ich all den Kram abends einfach in eine Kiste. Die ist allerdings ein total hässliches Plastikding, was meine Bemühungen um eine schöne Wohnumgebung selbstverständlich konterkariert.

 

„Man kann die Liebe zum Kind nicht beschreiben, wenn man sie nicht erlebt hat.“

Das stimmt. Zumindest für mich. Und es hat mich unverhofft und knallhart erwischt. Ist mir unendlich peinlich, das zu schreiben, aber…mein Herz. Es läuft manchmal tatsächlich über. Vor Liebe. (*würg* Das klingt voll verzuckert)

 

(Und noch eine Anmerkung in eigener Sache: Die fabelhafte Rike Drust hat heute ganz viele neue BesucherInnen hierher geschickt. Das hat mich sehr sehr sehr gefreut – und auch ein bisschen nervös gemacht. Wo ich doch meine Texte nie Korrektur lese. Herzlich Willkommen, neue Menschen!)

Liebes Kiddo,

ich wollte eigentlich keine Kinder. Also, sehr lange nicht. Ich konnte mir schlichtweg nicht vorstellen, jemand anderem so viel Energie, Zeit und Liebe zu opfern. Mit Anfang zwanzig sprang mich in allergrößter Verliebtheit einmal der Gedanke an ein Kind an – und dann bekam ich meinen ersten Hund. Zwei Tage nach Einzug der freundlichen Hundedame war jeglicher Kinderwunsch ausgelöscht. So viel Verantwortung! Für ein Lebewesen! Dauernd, rund um die Uhr! Krass. Ganz ernsthaft beschloss ich, dass ich jetzt noch viel weniger ein Kind haben wollen würde als vorher. Die Windhündin wurde gewissenhaft geliebt und versorgt, wurde alt und starb. Ich vermisste sie, aber nicht die Verantwortung, die mit ihr aus meinem Leben verschwand.

Gelegentlich fand ich es schade, dass ich keine Kinder wollte. Dunkel schwante mir, dass ich das irgendwann in einem nebligen Später vielleicht einmal bereuen könnte. Aber deshalb jetzt ein Kind bekommen? Nee. Liebschaften kamen und gingen, der ein oder andere wäre dieser Familiensache nicht abgeneigt gewesen. Ich schon. Der Gedanke, da wüchse ein kleiner Mensch in meinem Inneren heran, einer, den ich dann lieben müsste, verursachte mir Beklemmungen. Sah ich eine Schwangere auf der Straße, strich ich oft über meinen eigenen leeren Bauch, voller Erleichterung.

Dann wurden die ersten Freundinnen schwanger. Das war jedes Mal ein Schock. Ja, ein Schock. Mir war bei jeder freudigen Nachricht, als verschwänden die Freundinnen in eine Parallelwelt, die ich niemals betreten würde. Mein Stellvertreterfreuen fühlte sich immer künstlich an. Statt dessen zog der zweite Hund ein. Das war mir genug Familie: Der Hund, und ich, und der Mann, der jetzt Dein Papa ist.

Irgendwann im Frühjahr beherbergten wir Deinen 16-jährigen Cousin, der damals noch nicht Dein Cousin war, für 2 Wochen in unserem Zuhause. Praktikum in Berlin. Ich muss dazu sagen, der Neffe vom Mann ist ein ganz Toller. Mit ihm zog ein unerwartetes Gefühl ein, für das ich gar kein richtiges Wort finde. Ein Familiengefühl? Mag sein. Der tollste Neffe akzeptierte uns unbefangen als Vertretungseltern, wir kochten zusammen (schwierig, wenn der Pubertist Obst und Gemüse verabscheut), ich „erlaubte“ ihm ein halbes Glas Wein, weil er behauptete, der schmecke ihm, und an seinem Ausgehabend saß ich allein im Wohnzimmer und sah mich schon nachts verzweifelt auf Pubertistensuche durch die Großstadt irren. Aber pünktlich um 22.00 klingelte es – und ich war erleichtert, und stolz auf ihn. Komische Gefühle. Warme Gefühle. Bei seiner Abreise wurde mir klar: Ich will das auch. Mit einem eigenen Kind. Und mit dem Mann. Nur mit dem.

Nach einer gefühlten Ewigkeit war der Test positiv. Ich wollte ihn schon routiniert in den Mülleimer werfen, da sah ich den zarten, ganz zarten rosa Streifen. Du hattest Dich also auf den Weg gemacht. Die Schwangerschaft war, das will ich Dir nicht verschweigen, nicht so toll. Ich hatte immer Angst um Dich. Konnte mir gar nicht vorstellen, dass mein Körper, der doch so lange gar nicht schwanger sein wollte, Dich versorgen und wachsen lassen kann. Außerdem war ich überzeugt, dass ich eine postnatale Depression bekommen würde. Wer, wenn nicht ich? Die Veranlagung habe ich, leider Gottes, schon immer. Und ständig dachte ich: Was, wenn ich Dich nicht liebhaben kann? Wenn ich Dich sehe und nichts spüre? Was, wenn ich meine eigene komplizierte Eltern-Kind-Beziehung ungebremst auf Dich blaupause?

Dann kamst Du zur Welt. Mit Wucht und Schwung, so wie Du alles angehst, wie ich heute weiß. Ein kleines Drama war Deine Geburt, aber das macht nichts, das passt zu uns. An einem Samstag Abend, zur PrimeTime, konnte ich Dich endlich in den Armen halten. So klein warst Du, so fremd, so vollkommen unbekannt und neu. Dein Papa konnte nachts nicht bei uns bleiben, den haben die Klinikschwestern rausgeworfen. Als sich die Tür hinter ihm schloss, hatte ich große Angst, mit Dir allein zu sein, mit Dir und der bodenlosen Erschöpfung und Leere, die ich fühlte. Ich saß einfach da und hielt Dich fest, weil ich nicht wusste, was ich jetzt machen soll. Stundenlang hielt ich Dich fest, während es draußen still wurde. Die Geräusche auf dem Gang wurden leiser und verstummten, und ich hielt Dich fest und sah in Dein winziges Gesicht, ratlos.

Plötzlich gingen Deine Augen auf und schauten mich an, ganz ruhig und ganz lange, forschend. Ich weiß nicht, wie lange wir uns so angesehen haben. Irgendwann schliefen wir beide ein. Als ich am nächsten Morgen erwachte, hatte ich mich verändert. Ich war Deine Mutter geworden. Da war auf einmal ein Raum in meinem inneren Haus, um den ich bis dahin nicht wusste. Du wohnst darin. Bleib bitte für immer.

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Lasst uns über Brüste sprechen.

Reißerische Headlines kann ich ja schon von Berufs wegen. Es geht, Ihr ahnt es, um das Stillen. Oh, dieses Stillen! Ein Quell endloser Diskurse, Rechtfertigungen und moralischer Zeigefingersituationen. Wie man’s macht, macht man’s offenbar verkehrt.

Stillt die Frau gar nicht, muss sie sich dafür vor aller Welt erklären. Eine Freundin von mir wurde mehrfach (!) auf offener Straße gefragt, wieso sie ihrem Kind nicht die Brust gibt, als sie das Fläschchen zückte. Weil – eine gute Mutter stillt ja. Muttermilch ist DAS TOTAL ALLERBESTE für ein Baby. Wer so selbstbezogen ist, seinem Kind diese magische Wundernahrung vorzuenthalten, fahre sofort zur Mütterhölle!

Stillt die Frau aber nun zu lange, ist das auch nicht in Ordnung. Ein 18 Monate altes Kind (oder ein Dreijähriges *Schock*) noch zu stillen – das ist ja pervers! Die Frau kann sich ja nicht lösen! So eine Egoistin. Das Kind wird am Ende mindestens zum psychopathischen Serienmörder mit Brustfixierung, oder noch schlimmer, landet in HartzIV.

Der gesellschaftlich akzeptable Weg des Stillens sieht anscheinend so aus: 6 Monate Vollstillen wegen Immunsystem, das ist aber dafür ein Muss. Und dann subito Abstillen auf Flaschennahrung. Oder für die Weicheier unter uns: Noch ein bisschen weiterstillen bis zum 1. Geburtstag, aber dann ist auch wirklich Schluss. Und: Bitte nicht so indiskret in der Öffentlichkeit, geht doch bitte mit Euren aufdringlichen Brüsten auf öffentliche Toiletten oder in ein schönes Gebüsch.

Seufz. SEUFZ. Warum  ist es denn nicht möglich, Mütter unbehelligt ihren eigenen Weg gehen zu lassen, wie auch immer der aussehen mag? Muss man einen (*hust* gewaltfreien) Lebens-/Familienentwurf, der anders funktioniert als der eigene oder der mainstreamigste, gleich als Affront missdeuten? Der Mutterkörper gilt ja ohnehin als öffentliches Eigentum. Und die Mutterseele gleich mit.

Ich möchte hier gern unsere Stillgeschichte teilen, einfach so. Weil ich diese persönlichen Berichte selbst immer hilfreich fand, und tröstend und aufbauend.

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Stillen am Gletschersee. Könnte schlimmer sein.

Vor der Geburt: Hm, Stillen. Ist mir ein bisschen unheimlich. Irgendwie komme ich mir jetzt schon so vereinnahmt vor. Aber ok, ich mach das ein paar Monate, für das Baby. Und die ganzen Kuchenkilos verschwinden ja angeblich durch das Stillen auch wieder (Spoiler: Dem war nicht so).

1 Stunde nach der langen und sehr anstrengenden Geburt, die in einem Notkaiserschnitt endete: Erstes Mal anlegen. Habe gelesen, dass man das möglichst bald machen soll. Kann mich kaum bewegen. Wie soll ich das Kiddo denn am besten hinlegen? Es ist noch so klein. Schließlich scheint es zu trinken. Das tut irre weh.

24 Stunden nach der Geburt: Das Kiddo schreit vor Hunger, das Anlegen klappt nicht. Die Schwestern auf der Station geben mir widersprüchliche Anweisungen. Eine nimmt einfach meine Brust und stopft sie dem Kiddo in den Mund. Das ist so demütigend, und es hilft gar nicht. Dezente Vorwürfe. Ich bin verzweifelt, das Kiddo sowieso, meine Brustwarzen schmerzen wie die Hölle. Blutig sind sie auch.

3 Tage nach der Geburt: Das Kiddo schreit immer noch. Kein Milcheinschuss in Sicht (was mir niemand sagte: das dauert nach einem Kaiserschnitt manchmal ’n paar Tage länger). Ich habe panische Angst vor jeder neuen Mahlzeit. Ich will das nicht mehr machen, es soll bitte jemand kommen und mir bestätigen, dass es okay ist, wenn ich jetzt abstille. Abends entlasse ich mich selbst aus der Klinik. Daheim googele ich erstmal. Finde die asymmetrische Anlegetechnik, die mir etwas Erleichterung verschafft.

3 Wochen nach der Geburt: Langsam wird’s besser. Wunden sind fast verheilt, Schmerzen lassen nach. Schön finde ich das Stillen aber nicht. Die Innigkeit, von der alle reden, stellt sich nicht ein. Mir hängt quasi rund um die Uhr ein Kind am Oberkörper, aber auf eine stressige Art. Immerhin, das Kiddo bekommt genug Nahrung und nimmt zu. Ich habe immer noch viele Fragen und gehe zu einer Stillgruppe.

3 Monate nach der Geburt: Wir sind ein routiniertes Stillteam geworden. Die Stillgruppe war ja gar keine Sekte! Nicht mal dogmatisch oder belehrend, sondern sehr hilfreich. Und erstaunlich tolle Mütter waren da auch. Die behalte ich. Das Stillen als solches ist meist unspektakulär, ich mach es halt. Oft fühle ich mich angebunden, weil das Kiddo jede Flasche verweigert. Das mühsam abgepumpte Zeug vergammelt im Gefrierfach. Noch 3 Monate, denk ich mir. Das reicht dann aber auch.

 6 Monate nach der Geburt: Ich wollte ja eigentlich abstillen. Hm. Jetzt wo es gerade irgendwie schön wird. Das Kiddo zeigt deutlich, dass ihm das Stillen etwas bedeutet. Es fängt an, sich dabei anzukuscheln. Kommt zur Ruhe, sucht Trost. Das rührt mich. Ich habe das Gefühl, ihr etwas ganz Wichtiges wegzunehmen, wenn ich jetzt abstille. Und vielleicht nehme ich auch mir etwas weg?

8,5 Monate nach der Geburt: Das ist heute. Wir stillen noch. Und ja, doch – ich finde das oft schön. Unter anderem, weil es sich freiwilliger und selbstbestimmter anfühlt. Das Kiddo isst nämlich mittlerweile auch andere Dinge und lässt sich gern vom Mann füttern, wenn ich ein paar Stunden raus möchte. Ich werde jetzt öfter mal gefragt, wie lange ich denn noch stillen will. Wenn ich sage, dass ich das nicht weiß, werden gelegentlich die Brauen gelüpft.

Ich habe mich nie und nimmer als „Langzeitstillerin“ gesehen, aber ich ertappe mich jetzt dabei, wie ich ebendiese verteidige. Und ebenso patzig verteidige ich die Frauen, die gar nicht stillen. Weil ich zu dem Schluss gekommen bin, dass das keinen was angeht, ob und wie lange wir unsere Kinder stillen. Wenn das Kiddo noch mit zwei Jahren zum Aufwachen oder Einschlafen die Brust möchte und ich das in Ordnung finde – wer hat denn bitte das Recht, darüber zu urteilen? Ich freu mich schon fast auf die Diskussionen.

Unsere Stillgeschichte ist also noch nicht am Ende, vorerst. Ich werde hier immer wieder einmal berichten, wie es weitergeht mit dem Kiddo und dem Busen. Vielleicht ist ja eine geplagte Mom da draußen, die gerade ihre wunden Nippel verflucht und dies hier gern lesen möchte.

Apropos lesen: Es gibt nicht nur hilfreiche, sondern auch brüllend komische Bücher (na gut, eins) zum Thema Stillen. „Mein Jahr als Säugetier“ von Theresa Thönissen hat meinen Beckenboden zum Wackeln und das in der Trage schlafende Kiddo zum Aufwachen gebracht – ich hätte mir vor Lachen fast in die Hose gepinkelt. Sehr ehrlich und sehr wahr!

Und nun zum, öh, Serviceteil (nein, wir sind immer noch nicht fertig!):

Wenn es gar nicht klappt mit dem Busenwunder, Du aber gern stillen möchtest und Dir keine Hilfe weißt: Eine Stillberaterin kann die Rettung sein. Gibt es bei der LLL oder der AFS (ehrenamtlich) oder auch beim Berufsverband (professionell). Wer keine Stillberaterin auftreiben kann oder keine braucht, aber einfach grundsätzlich viele Fragen hat, dem wird hier virtuell und kompetent geholfen.

Mit dem Nicht-Stillen kenn ich mich naturgemäß nicht so aus, aber der Vollständigkeit halber sei das Buch „Wie, Du stillst nicht“ erwähnt, das oben genannte Freundin gern gelesen hat.

Bei Schmerzen/Wundsein ist Lansinoh Salbe ein Klassiker. Gut fand ich auch die kühlenden MultiMam-Kompressen. Klingt öko, hilft aber: Nach dem Stillen den Speichel vom Baby und die Muttermilchreste auf dem Nippel trocknen lassen – das gilt jedoch nicht, wenn Du oder Dein Baby unter Soor leidet. Luft ist generell hilfreich, auch wenn ich es immer total panne fand, barbusig in der Gegend rumzusitzen. Damit die Kleidung nicht an den geschundenen Uschis festklebt, kann man sich einen Brustwarzenschutz in den BH legen.

Und mein Fazit? Stillen ist ein Geschenk ans Kind. Das heißt, es sollte freiwillig gegeben werden, nicht erzwungen. Und es ist bei weitem nicht das einzige, wichtigste, unverzichtbarste Geschenk, das eine Mutter ihrem Baby machen kann. Brust raus oder Brust rein? Geht einfach keinen was an.

 

 

Realitätsüberprüfung.

Bei uns um die Ecke gibt es so einen Laden, der nennt sich „Sozialkaufhaus“. Wer viel oder genug Geld hat, kann dort Kleidung, Möbel oder Haushaltssachen abgeben. Wer wenig oder gar kein Geld hat, kann dort ebendiese umsonst oder gegen kleine Spende bekommen.

Heute morgen bin ich mit einem großen Karton unter dem Arm da rein. Das Kiddo wächst wie jedes Baby in Lichtgeschwindigkeit aus ihren Klamöttchen raus, und das Zeug stapelt sich daheim. Außerdem habe ich, weil ich so ein Ratgebergeek bin, noch etliche Schwangerschaftsbücher abzugeben. Da ist es doch besser, der Kram landet bei Menschen, die ihn gut gebrauchen können. Denke ich so bei mir.

Als ich der Mitarbeiterin im Laden den überquellenden Karton in den Arm drücke, ergibt sich zufällig ein kurzer Blickkontakt mit einer anderen Frau, die sich gerade ein paar Kindersachen mitnimmt. Dafür muss sie ihre Hartz IV-Bescheinigung vorzeigen. Ihr Baby liegt im Kinderwagen und schläft. Sie lächelt ganz zaghaft und sieht dann weg. Ich lächele zurück und erschrecke gleichzeitig, denn die Frau hat ein zugeschwollenes Auge, es ist rot-blau angelaufen. Sie ist mit Sicherheit nicht die Treppe heruntergefallen.

Ja ich WEISS, das klingt jetzt nach RTLII-Scripted-Reality. Und häusliche Gewalt ist ja kein Monopol des sogenannten Prekariats. Aber so steht sie halt da, mit ihrem in die Jahre gekommenen, ganz liebevoll dekorierten Kinderwagen. Ganz schöne Scheißsituation, um ein Baby zu bekommen. Kein Geld, also angewiesen auf Spenden anderer Leute, und dann noch nen Aggro-Typen daheim. Kann mir schwer vorstellen, dass der auf Familienbett steht, sie im Wochenbett gepflegt hat oder mal das weinende Kind nachts herumträgt. Mir wird eng in der Brust, wenn ich mir das so für mich selbst vorstelle. Ob sie ihrem Kind schon mal ein Spielzeug oder Kleidung gekauft hat, die sie selbst richtig schön fand? Spekulation.

Ich verlasse den Laden und fühle mich bescheuert. Gerade noch dümpelte ich gemütlich in meiner Filterblase durch den Kiez – das Kiddo in seinen gemütlichen Wolle-Seide-Hosen, gut aufgehoben in der schicken Babytrage. Noch schnell den Karton in den Laden bringen und dann noch kurz zum Bioladen…am Arsch!

In Momenten wie diesen wird mir schmerzhaft klar, wie privilegiert ich bin – auch und vor allem in meiner Mutterrolle. Ich bin gut ausgebildet, verdiene ganz okay, kann mir Zugang zu allen Informationen verschaffen, die ich so brauche. Ich wurde als Kind gefördert, lieb gehabt, beschützt. Ich weiß, wohin ich mich wenden muss, wenn ich mit irgendwas Hilfe brauche. Ich kann meinem eigenen Kind von dieser Basis aus einen guten Lebensanfang ermöglichen, denke ich. Und das ist ein dickes, fettes Privileg.

Bei dem Gedanken an die Frau und ihr Baby werde ich sauer und traurig. Weil denen viel weniger Türen offen stehen als mir. Ihr Kind wird, statistisch gesehen, die schlechtere Ausbildung bekommen, über weniger Geld und weniger gesellschaftliche Teilhabe verfügen als mein Kind. Und in der nächsten Generation geht es mit großer Wahrscheinlichkeit so weiter. Parallelwelten. Überschneidungen gibt wohl eher sporadisch. Im Bioladen treffe ich diese beiden jedenfalls bestimmt nicht. Und auch nicht beim Stilltreff. Dort sitzen großteils die spätgebärenden Akademikerinnen mit Ökotick – solche wie ich.

Zum zigsten Mal wünsche ich mir das bedingungslose Grundeinkommen – dafür würde ich gern mehr Steuern zahlen. Schließlich könnte auch ich mal darauf angewiesen sein, freiwillig oder zwangsläufig. Ich wünsche mir dazu eine grundlegende Neubewertung von (Sorge-)Arbeit und Leistungsethos. Wünsche mir mehr Verteilungsgerechtigkeit, ganz naiv. Darf ich mich überhaupt über „die Zustände“ empören? Hat das nicht auch was gönnerhaftes – mit meinem Karton voller abgelegter Babysachen kommen ich mir plötzlich so koloninalherrenmäßig vor. Ich frage mich, was ich wirklich tun kann. Mit Kleiderspende kann es ja nicht getan sein. Wie engagiere ich mich? Also so, dass es wirklich produktiv ist. Sollte ich das nicht von selbst wissen? Gedankensalat in meinem Kopf, Gefühlssalat im Herzen.

Ich gehe weiter zum Bioladen. Und schäme mich dafür.

Dieses Mütterding.

Nun ist also das Baby da. Hoffentlich wohlbehalten. Man hat sich das vorher alles schon so ausgemalt. Das gemeinsame Staunen über das Wesen, das noch kaum in der Welt angekommen ist. Die vielen ersten Male. Und Mama wird auch noch ein Ich bleiben, und dem Papa vertrauensvoll das kleine Bündel überlassen, während sie mit Freundinnen tiefsinnige Gespräche führt und er wird es fürsorglich mit abgepumpter Muttermilch füttern, weil die ja Das Ultimativ Beste ist. Und klar, man wird sich auch mal streiten, sagen ja auch alle. Schlafmangel und so.

Einmal Vollbremsung, bitte. 7 Monate später.

Nun ist also das Baby da. Schon etwas länger. Und wohlbehalten, Gott sei Dank. Es ist toll, das Baby. Und das Muttersein ist toll. Anstrengend ist es, aber das wusste ich, weil ich Mütterfreundinnen mit Freude an kassandramäßigen Weissagungen habe. Also, unterm Strich: Liebe. Ganz große sogar.

Was mich/uns hingegen kalt erwischt hat, ist dieses komische, ich nenne es mal, Mütterding. Das, von dem ich dachte: Das wird mir nicht passieren. Das wird uns nicht passieren. Wir haben ja keine konservativen Rollenmodelle. Wir sind ja hier gleichberechtigt. Tja – und dann ist es passiert. Anfangs dachte ich, das macht ja nix, das ist nun mal so in den ersten Wochen: Schließlich stille ich, das kann der Mann wohl schlecht. Ganz normal. Und dass ich nachts aufstehe bei vollgekackter Windel, auch normal, ich bin ja schon wach vom Stillen. Ganz normal, dass ich mich in den ersten Wochen so schlecht lösen kann vom Kiddo. Wir hatten ja eine dramatische Geburt. Da will ich sie jetzt besonders fest halten. Wird sich alles regeln. Ganz normal.

Aber es hat sich dann doch nicht ganz so geregelt, wie ich mir das gedacht habe. Warum eigentlich nicht? Warum ist das so, dass ich stillschweigend die Hauptverantwortung für das Kiddo trage? Dass ich die Kinderarzttermine mache, an die Vigantoletten denke (oder sie vergesse) mich in diesen Beikostkram einlese und ihn plane, dem Kiddo jahreszeitlich passende Kleidung kaufe? Warum ist das so, dass der Mann sich ganz selbstverständlich an den Rechner setzt, während ich beflissen frage, ob ich mal eben allein aufs Klo kann?

Vermutlich ist es so, weil ich nicht dauernd und lautstark einfordere, diskutiere, erzwinge. Einfordern fühlt sich so zermürbend an. Zum Beispiel die enorm miese Laune, die der Mann hat, wenn er morgens um 6 mit dem Kiddo aufstehen soll: Zermürbend. Immer darum bitten müssen, dass er mal eben das Kiddo betreut: Zermürbend. Ich muss gestehen – wäre ich in seiner Position, ginge es mir sicher ähnlich. Ich weiß nicht, ob ich mir aktiv Arbeit aufhalsen würde, wenn mein Partner das doch alles so schön macht. Zugegeben: Es wird besser. Ich fordere zähneknirschend mehr, wir reden mehr, der Mann bietet von sich aus mehr an, das Kiddo wird älter und überhaupt. Aber noch spüre ich Schieflage, es geht noch was, es muss.

Es treibt mich um, dieses Mütterding. Viele Gespräche lang. Geht ja nicht nur mir so, sondern auch anderen Frauen. Freundinnen mit durchaus feministischem Anspruch. Das wunderte mich früher immer sehr, so aus der Distanz. Es wundert mich auch jetzt noch, nur dass ich überraschenderweise eben auch eine von denen bin. Bleibt das jetzt für ewig so? Können wir uns doch noch vollständig gleichberechtigen? Wie macht man sowas? Hege ich Illusionen? Hat jemand Antworten, Tipps, Erfahrungen?