Fegefeuer, Marshmellowland.

bubbles

Triggerwarnung: Es wird flauschig.

Jawohl, ich liebe mein Kind. Die ein oder andere mag das sicher gar nicht glauben, weil ich mich doch andauernd über Kind und Schlaf, Kind und Brüllen, Kind und Karriere beklage. Das liegt aber weniger am Kind, eher liegt es an meinem von Natur aus grumpy Charakter. Ich bin Grumpy Cat.

Aber. Jedoch. Las ich gerade drüben beim Runzelfüßchen einen Text, der wiederum eine Replik auf diesen Text beim Stern ist (Spoiler: Kinderhaben ist geil vs. Kinderhaben ist saumäßig anstrengend). Und ja, Kinderhaben ist saumäßig anstrengend. Die Menschen, die hier mitlesen, wissen das, denen geht es nämlich auch so, dass sie gelegentlich heulend mit einem Glas Nutella/Schnaps auf dem Klo sitzen, weil das der einzige Raum ist, der sich noch abschließen lässt.

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Seifenblasen.

 

stormiscoming

Ich möchte in einer unsichtbaren Blase wohnen. Oder in einer sichtbaren Blase, Hauptsache ist: es kommt niemand rein. Bitte alle raus aus meinem Tanzbereich, der sich im Radius eines halbgestreckten Arms um mich herum befindet; wir kennen das aus Dirty Dancing. Im Tanzbereich soll es bitte ganz still sein, oder wahlweise soll laute Musik darin spielen. Meine Musik, nur meine, und ich tanze allein.

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Darf es etwas mehr sein?

(Diesen Text möchte ich meinem Bruder widmen. Es wäre so viel scheißer ohne Dich.)

2013-03-18 20.24.12

 

Ob wir schon Nummer 2 planen? „Nummer … ach so, ein zweites Kind. Ja. Nee. Eigentlich nicht.“

So oder ähnlich diffus fällt meine Antwort aus, wenn mich jemand fragt, wann bei uns denn Nummer 2 anstünde. Dass es um ein Wann geht, nicht um ein Ob, setzen die Fragenden selbstverständlich voraus (Nummer 2 … wie so ne Warencharge). Vielleicht sind zwei Kinder für die meisten Menschen das Normale.

Und ja, irgendwo in einer sehr geheimen, nur mir zugänglichen Gedankenkammer meines Enddreißigerhirns wohnen nicht nur zwei, sondern sogar drei Kinder. Tatsächlich, so ist es. Die drei Kinder in der Gedankenkammer haben mit meiner Lebensrealität rein gar nichts zu tun; sie existieren in einem Paralleluniversum, in dem ich vom Schreiben leben kann wie Gott in Frankreich, und das auf einem herrlichen alten Bauernhof im Voralpenland. Dort scheint immer die Sonne, niemand hat jemals Magen-Darm und die drei Kinder schlafen zwar nicht durch, wecken mich aber nachts maximal durch wohliges Kuscheln und Seufzen, bevor sie friedlich wieder einnicken. In der Gedankenkammer wohnt außerdem eine Version des Mannes, die allzeit heiter und außerdem wahnsinnig belastbar ist, große Lust auf Großfamilie verspürt und von einem unbekannten amerikanischen Onkel eine Million geerbt hat. Schön, gell? Und so realitätsfern.

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Kinder machen glücklich? Nope.

2016-01-06 18.22.29

Back in the days of 1992 hat mein 14-jähriges Ich einmal eine zweifelhafte Entscheidung getroffen: Dauerwelle. Noch am selben Tag habe ich das bitter bereut. Eine Zeitmaschine wünschte ich mir, mit jeder Faser meines pubertierenden Herzens.

Bereut habe ich auch, dass ich, ebenfalls im schicksalhaften Jahr 1992, mit meinem gleichaltrigen Freund geschlafen habe, weil ich ihn „halten wollte“. Es war richtig, richtig scheiße und tat sehr, sehr weh. Einige Monate später teilte er mir telefonisch mit, er müsse sich entscheiden: Freundin oder Tennisclub. Für beides reiche die Zeit nicht. Es war das Jahr von Agassis furioser Beinkleidung. Als ich den Telefonhörer auflegte, war ich wieder Single.

Seitdem gab es vieles zu bereuen. Liebschaften, Wohnorte, Berufe, Outfits, Autokäufe, Grausamkeit. Einige Entscheidungen konnte ich rückgängig machen (auch wenn der Dauerwelle eine auberginefarbene Intensivtönung folgen sollte), andere nicht. Ich bedaure oft und lange. Fruchtloses Grübeln über Dinge, die ich möglicherweise in einer anderen Realität hätte besser machen können, ist eine Anti-Superkraft von mir. Ich kann wahnsinnig gut und mit großer Geste unglücklich sein.

Was ich nicht bereut habe, ist meine Tochter. Weiterlesen

Du, Kiddo

Du, Kiddo,

ich muss Dich warnen: Es kann schon sein, dass Du Dich später, irgendwann, in einer oh-so-fernen Zukunft … also, dass Du Dich ein bisschen genieren wirst, wenn Du dies hier liest. Falls Du es noch nicht gemerkt hast – Deine Mom ist eine, die ihr Herz auf der Zunge trägt. Weil es manchmal überquillt, dieses Herz, und dann muss alles raus, in Worte verpackt, oder in Tränen oder in viel zu feste Umarmungen.

Es ist nämlich so, Kiddo: Ich denke gerade an Dich und kann nicht damit aufhören. Dafür gibt es keinen besondereren Grund. Oder vielleicht sehr viele Gründe. Lass uns einfach sagen: Ich denke an Dich, weil Du super bist.

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Von Busen und Menschen.

Bevor ich Euch den Text aufdränge, der zu dieser unglaublich stilvollen Headline gehört, erlaube man mir eine kurze Anmerkung: Der Beitrag ist kürzlich auch online bei Eltern erschienen, und zwar dort, im Rahmen der „Initiative für gesunden Mutterverstand“. Ich habe hier schon einmal über das Thema Stillen geschrieben und tue es wieder, weil mir die möpslich-mütterliche Selbstbestimmung ebenso am Herzen liegt wie ein allgemeines elterliches „live and let live“. Ich meine – hey, wir wischen allesamt regelmäßig Kotze und Rotze weg, stehen nachts kniebeugend mit weinenden Kleinkindern im Flur herum und überstehen total verbimmelt die pseudowichtige Telefonkonferenz. Das reicht doch echt an Stress (und ja, ich bin trotzdem manchmal besserwisserisch und finde andere Eltern kacke. Ich bin ein Mensch, kein Cyborg.)

Initiative für gesunden Mutterverstand

Oberweite. Busen. Möpse. Hupen. You name it. Es ist keine allzu gewagte These, wenn ich behaupte, dass die weibliche Brust im Allgemeinen mit wohlwollendem Interesse betrachtet wird. Frau kann sie via Kleidung wie Kunstwerke ausstellen, komische Gipsabdrücke davon machen, sie vergrößern oder verkleinern, sie beim Fotografen ihres Vertrauens für die Ewigkeit festhalten lassen, oder sie einfach freundlich ignorieren. All das ist in Ordnung bis ganz toll. Brüste sind super. Außer – ja außer, die Frau möchte zum Beispiel ein Kleinkind damit ernähren. Dann sind sie irgendwie suspekt bis eklig.

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#momsrock: Meine drei Mütter.

Das ist ein Beitrag zu #momsrock von Lucie Marshall. 

Momsrock

Ich habe drei Mütter. Eine hat mich auf die Welt gebracht. Und die anderen beiden durch die ersten stürmischen Jahre.

Als meine Mutter mit mir schwanger wurde, war sie 19 Jahre alt und hatte gerade eine Ausbildung begonnen, die man ihr kündigte, als sie mich ankündigte. Ein Kind befand wahrscheinlich ganz hinten auf ihrer Liste von erstrebenswerten Dingen für die unmittelbare Zukunft. Oder seien wir ehrlich, ein Kind befand sich wahrscheinlich überhaupt nicht auf der Liste. Aber weil meine Mutter, wie ich dann schnell feststellte, ein Mensch ist, der Dinge durchzieht, durfte ich zur Welt kommen. Noch in der Schwangerschaft fand sie einen neuen Ausbildungsplatz – so überzeugend muss man erstmal auftreten – und kehrte gleich nach dem Mutterschutz dorthin zurück. Mein Vater weilte inzwischen ein halbes Deutschland entfernt und studierte hektisch auf seinen Abschluss zu.

Und so kam ich zu zwei weiteren Müttern. Meinen Großmüttern, bei denen ich in meinen ersten Lebensjahren sehr viel Zeit verbracht, oder sagen wir doch einfach: gewohnt habe. Diese drei Frauen in meinem Leben – unterschiedlicher hätten sie kaum sein können. Den widrigen Umständen zum Trotz haben sie die Sache gewuppt. Haben sie mich gewuppt. Jede hat mir von sich gegeben, was sie konnte. Heraus kam die Mutter, die ich heute bin. Und die könnte, hier ein kurzes Eigenlob, doch nun wesentlich schlimmer geraten sein. Ich habe also zu danken:

Meiner Großmutter Erna mit ihren geschickten Händen und der Fähigkeit, ein‘ feste Burg für mich zu sein. Ich erinnere mich an ihre bärenmuttermäßigen Umarmungen; ihre ausgebreiteten Arme ein weicher Landeplatz für ein kleines Kind, das mit der Welt so oft überfordert war. Sie hat mir gezeigt, wie sich Geborgenheit anfühlt. Was Stabilität bedeutet. Wie es ist, sich auf einen Menschen verlassen zu können. Sie war, und manchmal ist sie es noch immer, meine Gluckenmutter.

Meiner Großmutter Hedwig, die sich immer ein Mädchen gewünscht hat und drei Söhne bekam. Von ihr habe ich Barmherzigkeit gelernt. Das ist ein großes Geschenk, und es bedeutet mir viel. Sie trug diese Liebe zu den Menschen in sich, die ich sehr bewundere, auch wenn ich sie selbst nicht aufzubringen vermag. Sie hat sich vehement für andere eingesetzt – man könnte auch sagen, sie hat sich vehement eingemischt. Oft und gern. Wenn ich wirklich genervt von ihr war, habe ich ihr das vorgeworfen. Ihre bedingungslose Loyalität hat mich zusammengehalten, wenn ich auseinanderzufallen drohte. Als sie vor einigen Jahren starb, geriet mein Mütterkosmos für lange Zeit aus dem Gleichgewicht.

Und meiner Mutter. Deren Vornamen ich hier nicht nenne, weil ihr so viel Aufmerksamkeit überhaupt nicht passt. Nicht selten ist sie mir noch heute ein Rätsel. Ich habe bis jetzt nicht herausgefunden, aus welcher Quelle sich ihre unfassbare Tatkraft speist. Meine Mutter ist die tatkräftigste Person, die ich kenne. Sie ist wie ein Eisbrecher mit einer Million PS. Sie tut, was getan werden muss, und eignet sich die dafür notwendigen Fähigkeiten gleich selbst an. Meine Mutter ist irgendwie Chuck Norris und MacGyver gleichzeitig. Pragmatismus habe ich von ihr gelernt. Wie man anpackt. Meine Mutter packt Sachen an, die schwierig bis aussichtslos scheinen – und reißt sie noch immer rum. Immer. Sie versucht schon mein ganzes Leben lang, einen mutigen Menschen aus mir zu machen, indem sie mir konsequent vorlebt: Man tut Dinge, vor denen man Angst hat, einfach trotzdem. Ganz leicht eigentlich. Aber so sieht eben alles aus, was sie anfasst.

Danke, meine drei Mütter. Ihr rockt.

Hyde-Mom.

Foto 08.01.12 19 03 58

Der Tag fängt schon gut an. Und wenn ich sage: gut, dann meine ich eigentlich: schlecht. Der Tag fängt also schlecht an. Im Grunde fängt er auch gar nicht an, sondern geht einfach weiter, nahtlos aus dem letzten Abend heraus. Die Nacht dazwischen zählt nicht, denn die bestand nur aus Bruchstücken. Weil: Das Kiddo ist krank und kann nicht richtig atmen und zahnt und wasweißich. Es quengelt, rotzt, weint und schnaubt unaufhörlich vor sich hin, will stillen, doch nicht stillen, auf dem Arm, ach lieber doch nicht, aufstehen, aber aufstehen ist dann doch blöd. Gehen wir halt ins Bad, da ist es wenigstens warm. Beim Wickeln kackt mir das Kiddo auf die Hand. Der Mann taucht auf, guckt kurz, legt sich wieder hin. Ich gehe ihm nach und keife ein bisschen. Wir streiten auf der Stelle. Dies wird ein Tag für Hyde-Mom.

Hyde-Mom ist die, die schnell die Geduld verliert. Die das weinende Baby anraunzt, weil sie die Geräuschkulisse nicht mehr erträgt. Hyde-Mom ist weder einfühlsam noch langmütig, mag keine Menschen und würde am liebsten immerzu jemanden ohrfeigen. Hyde-Mom denkt Dinge wie: „Die XY hat ja auch ganz schön zugenommen in der Schwangerschaft, aber ich gönn’s ihr“ oder „Jetzt halt doch mal die Klappe, Du blödes Kind, wegen Dir kann ich nie denken!“ Ich kann sie nicht leiden, sie kann sich also selbst nicht leiden, aber da ist sie trotzdem. Auch wenn ich mich für sie schäme.

Jekyll-Mom kann da nicht viel machen. Die ist zu menschenfreundlich. Die trägt das Kiddo stundenlang umher, singt ihm erfundenen Nonsens beim Wickeln vor, lässt sich Haare ausreißen und in die Nase beißen, wischt Essensreste von allen Oberflächen, bis zur Unendlichkeit und weiter. Jekyll-Mom ist die Chefin von dem Laden hier, was besser für alle ist, sie aber nicht vor Meuterei bewahrt. Es reichen ein paar beschissene Tage und Nächte hintereinander, zu wenig Sozialkontakt, eine schrecklich hohe Steuernachzahlung, eheliches Angenervtsein – und zack, schleicht Hyde-Mom durch die Hintertür und hasst alles und ist eine schlechte Mutter. So wie heute.

Ich schleiche also wie der Grinch höchstselbst um 6.30 zum Spätkauf, der in diesem Fall eher ein Frühkauf ist, und kaufe die taz und einen Liter Milch. Ob denn das süße Baby noch schlafe, will die nette Spätkaufdame wissen. Ich muss hysterisch lachen. Ohne zu antworten, lege ich das Geld hin und verlasse kopfschüttelnd den Laden. Hyde-Mom ist erfreut. Auf dem Rückweg stolpert eins dieser skandinavischen Touri-Pärchen aus der Bar nebenan. Das Mädchen mustert meine ungewaschene, übermüdete, schlafanzügige Erscheinung, kichert ein bisschen und fragt mich dann nach Feuer. Ich sage: „Ach, halt die Fresse.“ Sie sagt: „Sorry?“ Ich sage: „Shut the fuck up.“ Das Pärchen schweigt irritiert und geht wieder in die Bar. Ja. Nicht dass ich darauf stolz wäre. Aber Hyde-Mom ist es und richtet sich erstmal gemütlich ein.

Zuhause quengelt das Kiddo immer noch und lässt sich nicht beruhigen. Hyde-Mom denkt, dass es ohne Kind auch ganz schön war. Vielleicht sogar schöner. Stimmt ja gar nicht, denke ich dagegen an. Guck Dich doch mal um hier, erwidert Hyde-Mom. Ich gucke mich um. Die Küche ist voller Geschirr, das meiste davon dreckig, der Frühstückstisch sieht richtig uneinladend aus, mein Kaffee ist fast kalt und die taz liegt unaufgeschlagen in einer zermatschten Banane, während des Kiddos Quengeln und des Mannes genervtes Stöhnen den Backgroundgesang bilden. Hyde-Mom feixt.

Irgendwann erlöse ich mich selbst, indem ich das Kiddo und Jekyll-Mom ins Tragetuch packe und draußen im eisigen Wind herumstapfe. Macht überhaupt keinen Spaß, aber daheim halte ich es mit meinem bösen Zwilling nicht mehr aus. Es gibt solche Tage. Manchmal sind es auch mehrere am Stück. Tage, an denen ich mich als Mutter inkompetent und lieblos fühle. An denen ich mir die Schuldgefühle den Kopf unter Wasser drücken, weil ich so genervt und gleichzeitig hilflos bin, an denen ich einfach nur weg will – und dann doch wieder zurück, sobald ich die Tür hinter mir zuschlage. Das Kiddo erwacht im Tragetuch und legt den Kopf in den Nacken, damit es mir ins Gesicht gucken kann. Sein Blick ist ernst und lässt mein Herz erst schmerzen und dann schmelzen.

Als wir nach Hause kommen, ist Hyde-Mom weg. Wir bestellen Burger und Pommes und es gelingt mir, meine eigene Entspannung auf das Kiddo zu übertragen, irgendwie. Warum war ich heut vormittag eigentlich so am Limit? Für den Moment habe ich es vergessen. Ist ja auch alles nicht so schlimm, sage ich mir. Kinder sind halt mal quengelig und Ehemänner genervt, Kaffee wird halt mal kalt und so ein Handy fliegt halt mal vom Wickeltisch. Alles nicht so wichtig.

Sicher, Schätzchen, sagt Hyde-Mom aus dem Off. Und grinst.

Aus dem Bauch heraus.

Samstag Abend, beste Sendezeit.

„Zieh mal bitte Dein T-Shirt aus“ sagt die Hebamme. Sie steht neben mir und hält einen OP-Kittel in der Hand. Ich will mich nicht ausziehen, denke ich, und zerre mir mühsam mein Shirt über den Kopf. Ich fühle mich so dreckig wie noch nie in meinem Leben. „Darf ich mich noch kurz waschen“ frage ich die Hebamme. Nein, sagt sie, dafür wäre keine Zeit und nötig sei es auch nicht. Also sitze ich nackt auf dem Kreißsaalbett und warte auf das, was da kommen möge. Nachdem ich viele Stunden lang geschwitzt habe, friere ich plötzlich sehr.

Hinter mir liegen 16 Stunden Wehen, 12 davon waren richtig heftig. Einige davon habe ich auf dem Stationszimmer verbracht, auf der Klobrille sitzend, einige im Badezimmer des Kreißsaals, nachdem meine Hebamme mich in die Badewanne geschickt hat (in der es mitnichten entspannend, sondern apokalyptisch schmerzhaft war), und den Rest auf dem Kreißsaalbett, angebunden durch ein CTG und den Schlauch der PDA, die sie mir für die letzten Meter noch verpasst haben. Nur dass es eben nicht die letzten Meter waren. Seit drei Stunden tut sich nichts mehr. Ich darf von dem Bett nicht runter und fühle mich wie ein panisches Wildtier, dem in der Falle langsam die Kräfte schwinden. Auf Anweisung der Hebamme wechsele ich immer wieder meine Position. Linke Seite, rechte Seite, Vierfüßler, aufrichten, wieder von vorn. Zwischen den Wehen untersucht mich die Fachärztin. Das tut irre weh und bringt nichts. Ich befolge stoisch die Anweisungen. Man spricht über mich, aber nicht mit mir. Wie sich ein eigener Wille anfühlt, habe ich vergessen. Wie sich Würde anfühlt, auch.

„Sie müssen sich jetzt entscheiden“ sagt die Fachärztin plötzlich. Kaiserschnitt, das Wort steht auf einmal im Raum, überraschend wahrscheinlich nur für mich. Bis zuletzt habe ich geglaubt, wir schaffen das noch, das Baby und ich. Aber das Baby hat ein Problem: Es kann die entscheidenden paar Zentimeter nicht überwinden, keiner weiß warum. Später wird man mir sagen, dass es mit dem Kopf schief im Becken gelegen und außerdem die Nabelschnur straff um den Hals gehabt hätte. Die Ärztin drängt mich, dass wir da jetzt was unternehmen müssen. Ich soll mich also entscheiden – eine echte Entscheidung scheint es jedoch nicht zu geben, jedenfalls nennt mir keiner eine Alternative. Ich schaue die Hebamme fragend an. Sie glaubt auch nicht mehr, dass es noch von selbst kommt, das Baby. Also: Kaiserschnitt. Wenn es nicht anders geht, sage ich. Eine Sekunde lang bin ich erleichtert, dass die Quälerei jetzt ein Ende hat. Dann bekomme ich Angst.

Die Hebamme hilft mir in den Kittel. Ich habe ihn kaum an, da rollt schon ein Bett ins Zimmer. Es soll mich in den OP bringen. Ich schaue meinen Mann an, der seit vielen Stunden an meiner Seite sitzt. Kein einziges Mal ist er in den Hof gegangen, eine rauchen. Das finde ich beachtlich von ihm, denn der Mann muss unter Stress immer erstmal eine rauchen. Heute nicht. Heute sitzt er neben, hinter, vor mir und schweigt wohltuend. Wenigstens muss ich den ganzen Scheiß nicht allein aushalten.

Ich glaube, ich habe einen Schock, denn ich kann keinem der Anwesenden begreiflich machen, was da gerade in mir vorgeht. Meine Fassade nickt, gehorcht, redet ein bisschen Unsinn. Sie lächelt sogar. Mein Inneres schlägt derweil den Kopf gegen die Wände. Ich hab solche Angst, denke ich am laufenden Band, ich hab solche Angst, die schneiden mich auf, die schneiden meinen Bauch auf und zerren das Baby da raus, das arme Baby, mein armer Bauch, ich hab solche Angst, HILFE.

Ich werde mit dem Bett die Gänge entlang gefahren wie im Film, die Deckenlampen über mir, Leute in Kitteln neben mir. In einem Vorraum halten wir an. Plötzlich ist der Mann weg. Er muss sich umziehen, sagt die Hebamme, sie müsse sich auch kurz umziehen und sei gleich wieder da. In der Zwischenzeit stellt sich die Anästhesistin vor und fragt mich ein paar Dinge. Sie hat eine sanfte Stimme. Die große Tür vor uns geht auf, das Bett und ich fahren in einen Raum, der mich im ersten Moment an einen Kellerraum erinnert. Oder an eine Lagerhalle. Irgendwie ist alles aus Stahl und wirkt wahnsinnig chaotisch. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich kapiere, dass das der OP ist. Komisch sieht er aus, der OP. Der Mann taucht wieder auf. Dann geht alles ineinander über, meine Erinnerung ist verhackstückt. Wie schlechter Empfang auf dem Handy.

Nächstes Bild: Ich werde festgebunden, meine Arme und meine Beine, in einem komischen Winkel. Bestimmt sehe ich von oben aus wie ein schwangeres Lebkuchenmännchen, haha. Oder wie Jesus. Ich zittere so sehr, dass sie Probleme haben, mich richtig festzugurten. Ich kann nicht stillhalten, obwohl ich es mit aller Kraft versuche. Mein Körper ist ein kleines Erdbeben. Leute tauchen hinter dem grünen Tuch auf, das vor mein Gesicht gespannt ist. Sie stellen sich nicht vor. Wer ist der Mann hinter dem Tuch, frage ich die Anästhesistin. Sie muss lachen, weil ich das so seltsam formuliere. Das ist Dr. Oberarzt, der holt jetzt Ihr Baby. Ach so. Sie nimmt meine Hand, spricht mit mir über meine Tätowierungen, um mich abzulenken. So schöne Tätowierungen. Wer hat die denn gemacht. Aha. Und das hat sicher wehgetan? Ja. Hat es. Na, dann sind Sie ja bestimmt sehr tapfer. Nein, ich glaube nicht. Und so weiter. Ich beantworte höflich alle Fragen, obwohl mir schrecklich übel ist und ich große Angst habe, dass ich mich im Liegen übergeben muss. Was hinter dem Tuch passiert, weiß ich nicht. Meiner Erinnerung fehlen hier wieder einige Minuten.

Plötzlich ruckelt es. So dolle, dass der Tisch wackelt und ich mit ihm. Mir wird klar, dass ich das bin, an dem da so geruckelt wird. Mein Bauch ist das. Ich gerate in Panik, denn es tut richtig weh. Hinter dem Tuch entsteht Unruhe. Ich verstehe nicht, was da geredet wird. Irgendjemand drückt auf meinen Bauch. Die Übelkeit wird unerträglich, die Schmerzen auch. Die Anästhesistin guckt beunruhigt. Es wird noch fester gedrückt. Ich winsele wie unser Hund, wenn er ganz aufgeregt ist – ach nein, ich weine. Die Leute hinter dem Tuch stemmen sich von oben gegen meinen Bauch, auf meinen Magen, auf meine Rippen. Alles verschwimmt, vor meinen Augen und in meinem Kopf. Ich bin nur noch Körper. Die brechen mich in der Mitte durch, denke ich, die brechen mich ja einfach durch. Ich schreie so laut, wie ich in den vielen Stunden davor nicht geschrien habe. Ich schreie in Todesangst. Wirklich. Jetzt sterbe ich also, denke ich auf einmal. Dann hört der Druck auf, die Übelkeit lässt nach. Der Mann verschwindet von meiner Seite, erleichterte Laute von hinter dem Tuch. Das Baby ist da.

„Wir nähen Sie jetzt noch zu“, sagt einer. „Dauert nicht lange.“ Näht Ihr mal, denke ich. Mir egal. Mir ist alles egal. Anscheinend geht es dem Baby gut, sonst hätte schon jemand Alarm geschlagen. Der Mann und die Hebamme sind mit ihm verschwunden. Ich kann also in Frieden verrecken. Mir ist immer noch sehr übel und jeder Körperteil, der nicht narkotisiert ist, schmerzt höllisch. Die Anästhesistin redet schon wieder, ich höre nichts.

Unruhe an der Tür. Die Hebamme ist wieder da. Und der Mann taucht neben mir auf. Er hat ein weißes Bündel im Arm. Alle sagen irgendwas. Er hält das Bündel neben meinen Kopf, den ich aber nur mit Mühe drehen kann, weil der Rest von mir immer noch fixiert ist. Sehr große kleine Augen schauen mir ins Gesicht. Na sowas, denke ich. Da war wirklich ein Baby drin. Der Mann guckt so, wie man es wahrscheinlich auch von mir erwartet: Er grinst ein bisschen debil, als hätte er gekifft.

Die Hebamme entführt uns schnellstmöglich aus dem OP und bringt uns in ein ruhiges Zimmer. Dort kann ich sie zum ersten Mal in den Arm nehmen. Meine Tochter. Sie liegt ganz ruhig da und schaut uns an. Endlich tut mir nichts mehr weh, das liegt natürlich an all den Mitteln in meinem Blut, aber es ist trotzdem schön. Meinetwegen muss ich diesen Körper nie wieder spüren.

Danach.

Die ersten Tage sind wahnsinnig schmerzhaft. Die ersten Wochen auch. Es tut mir so leid, dass ich das Kiddo nicht richtig selbst versorgen kann, weil ich bei jedem Scheiß Hilfe brauche. Dauernd sagt jemand zu mir, es sei die Hauptsache und ein großes Glück, dass das Kiddo gesund sei. Klar ist es das. Und ich bin sehr froh, dass dieser Kaiserschnitt das Kiddo nicht daran gehindert hat, sich auf der Stelle in mein Herz zu schleichen. Trotzdem war die Geburt ein höllisches Erlebnis. Ich habe Flashbacks. Die Therapeutin, mit der ich darüber spreche, sagt: „Natürlich, Sie sind traumatisiert.“ Traumatisiert? Aber ich bin doch dankbar. Muss es sein. Die Therapeutin behauptet, man könne (und dürfe) gleichzeitig dankbar UND traurig sein. Also bin ich dankbar und traurig, und immer wenn das Innenchaos überschwappt, atme ich mich hindurch. Das ist der Trick: Weiteratmen. Ein und aus. Ganz langsam werde ich wieder ich.

Nach dem Danach.

Die Schmerzen sind nach drei Monaten endlich weg. Fast. Vorsichtig beginne ich wieder mit meinen Yogaübungen. Aber irgendetwas stimmt da nicht: In meiner Körpermitte befindet sich ein Nichts. Meine Körperhälften sind zwei einzelne funktionierende Teile. Ich bin ein Regenwurm. Ich sage das meiner Hebamme, sie nickt. Die energetischen Bahnen seien durchtrennt, sagte sie, die müssten sich erst wieder finden, das dauere lange. Klingt voll esoterisch und alles, aber ganz genau so fühlt es sich an. Um die Narbe herum ist alles taub. Ich will sie weder sehen noch anfassen. Die Narbensalbe benutze ich deshalb nie.

Heute.

Ich bin immer noch ein Regenwurm, aber es wird besser. Die Narbe gehört nicht zu mir. Ich will sie nicht haben. Sie ist da, aber ich tue so, als wäre sie es nicht. Sie macht mich wütend und bockig. Wenn andere Frauen mir von ihrer tollen spontanen Geburt erzählen, werde ich ganz still. Da ist das Gefühl, irgendwo versagt zu haben. Mich grundsätzlich geirrt zu haben. Wenn ich mir überlege, dass ich gar keine Angst hatte vor der Geburt, dass ich ein großes Vertrauen in meinen Körper und meine Kraft hatte – dann muss ich ein bisschen lachen. Weil ja immer alles anders kommt am Ende. Da liegt offensichtlich noch ein Stückchen Weg vor mir. Na gut. Dann gehe ich ihn eben.

Diesen Text habe ich für alle Frauen geschrieben, denen es ähnlich geht und die dafür keine Worte finden. Wenn Ihr mögt, bedient Euch bei meinen.

Und diese Bücher haben mir geholfen:

Es ist vorbei, ich weiß es nur noch nicht von Tanja Sahib (über traumatische Geburten)

Kaiserschnitt und Kaiserschnittmütter von Brigitte Renate Meissner

Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht von Carolin Blasser et al.

The Bodies of Mothers von Jade Beall

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Edit:

Ich möchte noch diese Links ergänzen, weil sie gut passen.

Nach dem Kaiserschnitt (danke, Frische Brise)

Über das Bad zum Nachholen des Bondings

Lorbeeren für Papi.

Folgendes: Die Milch war alle. Weil ich über die Maßen faul bin, ging ich nicht in den Supermarkt, sondern zum Spätkauf nebenan, um dort eine Million Mark für einen Liter Bio-Milch zu berappen. Die nette Spätkaufdame so: „Wo ist denn Ihr süßes Baby?“ Ich so: „Das ist heut Nachmittag beim Papa.“ Spätkaufdame so: „Oh, das ist ja ganz toll von Ihrem Mann, dass er Ihnen das Kind auch mal abnimmt! Das würde nicht jeder machen! Da haben Sie aber Glück.“ Ich so: „Äh. Hier sind eine Million Mark.“

Beim Verlassen des Spätkaufs brannte mir ad hoc eine Sicherung durch und ich trat gegen die blöde Bierbank vor dem Laden (okay, ganz zaghaft). Weil das nämlich schon das drölfzigste Mal in dieser Woche war, dass mir irgendein Mensch versicherte, ich hätte es ja so unglaublich gut getroffen mit meinem aufopferungsvollen, selbstlosen Mann, dass ich mich quasi vor lauter Dankbarkeit sabbernd zu seinen Füßen winden müsste.

Ja sicher – der Mann ist ein guter Mann, ich hab den ja schließlich nicht nach dem Zufallsprinzip geheiratet (auch wenn es meinen Eltern anfangs so vorgekommen sein muss). Aber dass ihm ständig einer direkt oder indirekt einen Orden verleihen will, sobald er sich um sein Kind kümmert, das bringt mich glatt zum Überschnappen.

Überlegen wir mal – beglückwünscht mich vielleicht jemand dafür, dass ich ein Jahr lang Elternzeit genommen habe? Aus einer gut etablierten Freiberuflichkeit heraus? Mit dem Risiko im Nacken, dass mein Wiedereinstieg ein Fiasko wird? Na, niemand? Schade. Und beglückwünscht jemand den Mann, weil er die bescheuerten zwei „Vätermonate“ macht? Volltreffer. Man sorgte sich in der älteren weiblichen Verwandtschaft sogar um die möglichen „beruflichen Konsequenzen“, die das wohl habe. Hach. Dass ich die meiste Elternzeit nehme, war schlichtweg Ergebnis simpler Rechnerei: Ich bekomme mehr Elterngeld, also war die Zeit-Geld-Relation für uns so einfach am nettesten. Weil wir auf diese Weise viel Zeit zu dritt mit wenig Erwerbstätigkeit haben können. Interessiert aber keinen, der sich gerade daran erwärmt, dass der Mann das Kiddo abends auch mal allein zu Bett bringt (SO ein toller Vater! Schnell, Applaus!).

Und auch sonst: Ich beschwere mich, weil ich in der Nacht 9 Mal vom Kiddo geweckt wurde? Kein Mitleid für mich – ich hab es ja so gewollt. Ich schicke ihn mit dem Kiddo auf den Spielplatz und fahre selbst zum Friseur? Na das ist aber klasse von ihm, dass er Dir so viel ermöglicht. Er ist über Nacht weg, weil er in einer anderen Stadt zu einem Konzert möchte? Verständlich, er muss ja auch mal raus. Ich bin über Nacht weg, weil ich in einer anderen Stadt zu einem Konzert möchte? Wie, er macht das zuhause GANZ allein?! Ach, es gäbe eine Milliarde banaler Beispiele. Ihr habt’s ja kapiert, was ich damit ausdrücken will.

Ich finde es demotivierend, nervtötend und aggressionsfördernd, dass halbwegs engagierte Väter in der öffentlichen Wahrnehmung als Lichtgestalten über Wasser wandeln, während Mütter als Boxsäcke herhalten: Wie, Du stillst nicht? Wie, Du stillst noch? Gehst Du schon wieder arbeiten? Gehst Du immer noch nicht wieder arbeiten? Das Kind soll jetzt schon in die Kita? Das Kind ist immer noch nicht in der Kita? Bist Du verrückt, Dein Kind nicht impfen zu lassen? Bist Du verrückt, Dein Kind impfen zu lassen? – Wie Du es machst, machst Du es falsch. Wer ist schuld, wenn das Kind sich bei Edeka brüllend in die Konserven schmeißt? Na? Die Mama. Und was haben psychopathische Serienmörder meistens? Eine gestörte Mutterbeziehung. Und so weiter.

Schön und gut, höre ich meine innere Stimme sagen, aber dafür können die Väter ja nichts. Dass es ihnen als Heldentat ausgelegt wird, wenn sie sich einigermaßen gleichberechtigt um ihre Kinder kümmern möchten. Tja, nein. Dafür können sie wohl nichts (oder vielleicht doch, aber für solche Fragen bin ich eine zu schlechte Feministin). Ich fände es allerdings ganz wunderbar, wenn mal ein Vater den/die Lobhudler/in situativ darauf hinweisen würde, dass hier gerade mit zweierlei Maß gemessen wird. Wer sich das als Mutter traut, ist ja gleich zickig und wird somit nicht ernst genommen. Okay, so eine väterliche Maßnahme verändert bestimmt nicht die Welt. Für einen gesellschaftlichen Wandel müssen größere Brötchen von offizielleren Instanzen gebacken werden. Aber dieses konkrete Gegenüber denkt vielleicht kurz nach und lobt beim nächsten Mal entweder kein oder beide Elternteile. Wenigstens das. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

 

(Während ich das schreibe, trägt der Mann das brockenschwere Quengel-Kiddo in der Trage draußen herum. Seit einer Stunde. Bei Nieselregen und 8 Grad. Schleichende Schuldgefühle. Der arme Kerl. Ich glaube, mir ist nicht mehr zu helfen.)