Kalbsschnitzel.

yap

„Nach dem zweiten gestillten Kind sehen die Brüste halt auch aus wie Kalbsschnitzel“, sagte die Spielplatzmutter und blickte bedauernd in ihren Ausschnitt. Die zweite Mutter nickte wissend. Und riet zu einem Unterwäschekauf bei Karstadt. Die älteren Damen dort in der Wäscheabteilung hätten eine geradezu unglaubliche Beratungskompetenz, was die Ent-schnitzelung des Mutterkörpers angehe. Bei diesen Worten zupfte sie leicht an einem ihrer BH-Träger: „Okee, bequem sind die Formungsdinger jetzt nicht. Aber was willste machen.“

Ja. Was will man machen. Wie wäre es mit: Gar nichts?

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Zieh Dich schon mal aus…

2015-09-11 10.46.40

 

Wie ich einmal versuchte, romantisch zu sein.

Es ist noch nicht sehr lange her, da torkelte ich aus dem Büro nach Hause, halb wahnsinnig vor Müdigkeit und dem Verlangen nach Weizentoast mit Erdnusscreme und Nutella. Mein Heimweg führt an einem Pornokino-Sexshop-Laden vorbei, dessen verblichene Sarah Young-Poster im Schaufenster mich rühren. Als ich mich gerade fragte, wie der Laden in dieser hippen Nachbarschaft überhaupt bestehen kann, weil da nie einer reingeht, ging direkt vor meiner Nase einer rein. Oder besser gesagt, zwei. Ein Paar. Und ich erlitt prompt einen Schock, als ich feststellte: Ich kenne dieses Paar! Aus dem Erste-Hilfe-Kurs für Babys. Die haben ein Kind in unserem Alter. Und jetzt gehen die ins Pornokino!? Abends und allein?! Okay, das Kind hätten sie wohl so oder so nicht mitgenommen. Aber: Die gehen ins Pornokino, ey! Die haben Sex! Oder zumindest die Absicht!

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Körper. Bilder.

little kiddo-mom

Weil ich faul bin, meistens, und uninspiriert, manchmal, mache ich es mir leicht und beginne mit der Arbeit einer anderen. Auf Zehenspitzen schrieb kürzlich in „Medialer postpartum Fleischmarkt“ über die pseudojournalistische Verwurstung des königlichen Körpers von Herzogin Kate. Die hat bekanntermaßen erst vor wenigen Wochen entbunden.

Davon abgesehen, dass ich den Begriff „After-Baby-Body“ so sehr hasse wie kaum einen anderen, machten mich die verlinkten Artikel schon wieder so wütend. Schon wieder, weil ich es doch eigentlich besser wissen müsste: Frauenkörper sind mediales Freiwild. Und wütend, weil ich es einfach nicht mehr hören und lesen kann, obwohl ich es besser weiß: Frauen sind meistens zu fett oder befinden sich in der schlimmen Gefahr, demnächst fett zu werden. Und wenn sie nicht fett sind, haben sie asymmetrische Brüste oder schiefe Beine, sind zu groß oder zu klein oder weisen andere Makel auf, die sich im besten Fall mit ein paar modischen Kniffen „kaschieren“ lassen. Ach ja, „kaschieren“: Hasse ich fast ebenso dolle wie „After-Baby-Body“. Manchmal, und das meine ich ernst, habe ich große Lust, aus Protest fett zu werden. Fett und laut und leckt mich doch alle am Arsch.

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Bauchgefühle. Retrospektive.

Ich habe mir, endlich, den Film angeschaut. Den Kaiserschnitt-Film von Judith Raunig. Die Dokumentation wurde vor einer ganzen Weile schon einmal ausgestrahlt – und ich habe es nicht über mich gebracht, sie anzusehen. Warum, hätte ich nicht sagen können. Irgendein Widerstand war da.

Aber ein zweites Mal wollte ich ihn nicht verpassen, also: Augen auf und durch. Ich wünschte, noch viel mehr Menschen würden sich diesen Film anschauen. Menschen, die in beruflicher oder privater Hinsicht auf Kaiserschnittmütter treffen. Selbstverständlich sind nicht alle davon traumatisiert – ich kenne viele Frauen, die sogar ziemlich happy mit ihrem Kaiserschnitt sind. Klar, gibts. Es gibt aber auch die, die in dem Film zu Wort kommen. Die gar nicht happy sind. Denen unter der Geburt die Selbstbestimmung und ein gerüttelt Maß Würde genommen wurden. Ob man zu denen gehören wird, weiß man vorher nicht. Selbst mit Wunschkaiserschnitt weiß man es vorher nicht. Ich hätte von mir nie gedacht, dass ich so lange an der OP knabbern würde. War immer eine von der Fraktion „Hauptsache, dem Kind geht’s gut“ und „Man muss ja auch dankbar sein“. Wie es sich mit der Dankbarkeit verhält, habe ich in meinem Geburtsbericht aufgeschrieben.

Und heute? Wie geht es mir heute damit?

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Von Busen und Menschen.

Bevor ich Euch den Text aufdränge, der zu dieser unglaublich stilvollen Headline gehört, erlaube man mir eine kurze Anmerkung: Der Beitrag ist kürzlich auch online bei Eltern erschienen, und zwar dort, im Rahmen der „Initiative für gesunden Mutterverstand“. Ich habe hier schon einmal über das Thema Stillen geschrieben und tue es wieder, weil mir die möpslich-mütterliche Selbstbestimmung ebenso am Herzen liegt wie ein allgemeines elterliches „live and let live“. Ich meine – hey, wir wischen allesamt regelmäßig Kotze und Rotze weg, stehen nachts kniebeugend mit weinenden Kleinkindern im Flur herum und überstehen total verbimmelt die pseudowichtige Telefonkonferenz. Das reicht doch echt an Stress (und ja, ich bin trotzdem manchmal besserwisserisch und finde andere Eltern kacke. Ich bin ein Mensch, kein Cyborg.)

Initiative für gesunden Mutterverstand

Oberweite. Busen. Möpse. Hupen. You name it. Es ist keine allzu gewagte These, wenn ich behaupte, dass die weibliche Brust im Allgemeinen mit wohlwollendem Interesse betrachtet wird. Frau kann sie via Kleidung wie Kunstwerke ausstellen, komische Gipsabdrücke davon machen, sie vergrößern oder verkleinern, sie beim Fotografen ihres Vertrauens für die Ewigkeit festhalten lassen, oder sie einfach freundlich ignorieren. All das ist in Ordnung bis ganz toll. Brüste sind super. Außer – ja außer, die Frau möchte zum Beispiel ein Kleinkind damit ernähren. Dann sind sie irgendwie suspekt bis eklig.

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Ein Mädchen.

„Ich kann es noch nicht beschwören, aber wie es aussieht, bekommen Sie ein kleines Mädchen!“ Die Frauenärztin schaut mich erwartungsvoll an. „Oh“, sage ich. „Scheiße“, denke ich.

Aus Gründen, die sich mir selbst im Nachhinein nicht mehr erschließen, war ich überzeugt, einen männlichen Fötus zu beherbergen. Ich hätte wissen müssen, dass ich falsch liege. In solchen halb-spirituellen intuitiven Dingen liege ich immer falsch. Nun. Also ein Mädchen. Ich löse meinen Blick vom Monitor, der eine komische kleine Kartoffel mit puckerndem Herzen zeigt, und sehe der Frauenärztin ins Gesicht. „Toll. Ein Mädchen“, sage ich apathisch, und sie lächelt. Den Mann schaue ich nicht an, aber ich spüre, dass er ebenfalls lächelt. Warum auch immer.

Auf dem Heimweg bleibe ich stumm. Die erklärenden Sätze, die ich in meinem Kopf forme, klingen allesamt undankbar oder neurotisch oder beides. Schließlich habe ich auf Nachfrage immer behauptet, es sei mir schnurz, welches biologische Geschlecht das Kind habe, meinetwegen könne es auch gar keins haben. Das war gelogen. Ganz hinten im Kopf habe ich mir einen Jungen gewünscht. Ohne jemals darüber nachzudenken, damit meine naive Wunschblase nicht platzt. Es dauert ein paar Tage, bis ich meine Enttäuschung dem Mann gegenüber artikulieren kann. Der Mann ist nicht enttäuscht und auch nicht überrascht oder sonstwas – der freut sich einfach. Ich staune, weil er anscheinend so gar keine heimlichen Erwartungen gehegt hat. Einige weitere Tage vergehen, und dann freue mich mich mit, weil da echt ein Kind kommt, wirklich zu uns kommt, endlich unterwegs ist, und wir es nun mit Namen nennen können.

Warum ich kein Mädchen wollte, das muss ich wahrscheinlich erklären. Muss ich nicht, aber ich will es erklären, weil ich es wichtig finde. Die kürzeste und unbedarfteste Fassung lautet: Ich will „das“ nicht für mein Kind. Das, was das Mädchensein, und später das Frausein, fast zwingend mit sich bringt. Das, was ich am eigenen Leib und Herzen erfahre, wie so viele andere Mädchen und Frauen vor mir und mit mir.

Mein Mädchen, meine Tochter, mein Kiddo, ist in eine Welt geboren, die Frauen nicht besonders mag. Nehmen wir mal den Arbeitsmarkt. Da werden Frauen offenbar nicht geschätzt. Wie sonst können wir es erklären, dass wir auch heute noch 22% weniger Geld für die gleiche Arbeit bekommen als Männer? Wie sonst können wir es erklären, dass Frauen der Zugang zu Machtpositionen mit mehr und minder subtilen Mitteln verstellt wird? Wie sonst können wir es erklären, dass es mehr erfolgreiche Studentinnen als Studenten an den Unis gibt, letztere aber am Ende die schicken Vorstandsjobs absahnen? Wie sonst können wir erklären, dass die unendlich wichtigen Pflegeberufe, die hauptsächlich Frauen ausüben, so schlecht entlohnt werden? Und das sind nur wenige, willkürliche Beispiele.

Der Beruf ist also ein Lebensaspekt, der mit großer Wahrscheinlichkeit dem Mädchen-Kiddo weniger Chancen bietet als einem Jungs-Kiddo. Aber sonst ist doch alles supi, so im Privaten, ja? Nein. Ist nicht supi. Ein Mädchenhirn zu haben ist eine Sache – aber dazu gehört ja meist ein Mädchenkörper. Und auch der wird in unserer Gesellschaft nicht respektiert. Wie sonst können wir es erklären, dass der weibliche Körper als halböffentliches Eigentum durchgeht, das nach Herzenslust kommentiert, beglotzt und sogar angefasst werden darf? Wie sonst können wir es erklären, dass die Fallrate von Vergewaltigungen, die vor Gericht verhandelt UND verurteilt werden, im einstelligen Prozentbereich liegt? Wie sonst können wir es erklären, dass schon die Figuren kleiner Mädchen als Projektionsfläche für vermeintliche Schönheitsnormen dienen? Wieder sind dies nur wenige, willkürlich gewählte Beispiele.

Ja nun – aber in der Familie, da sind wir doch heute gleichberechtigt? Da machen doch die PartnerInnen unter sich aus, wie sie ihre Lohn- und Familienarbeit verteilen möchten? Hm, nein. Wie es scheint, wird der weibliche Einsatz auch hier nicht angemessen honoriert. Wie sonst können wir es erklären, dass Frauen im Haushalt trotz eigener Erwerbstätigkeit deutlich mehr arbeiten als Männer? Wie sonst können wir es erklären, dass die Frauen, die viel Sorgearbeit verrichten, weil der Gatte eben mehr Geld verdient (da schließt sich ein Kreis), dafür mit Altersarmut bestraft werden? Gleichberechtigung in der Partnerschaft: Das ist ein so komplexes Thema, dass es eigentlich viel mehr Platz braucht.

Die Köpfe und Körper von Mädchen und Frauen müssen eine Menge Druck aushalten. Sie werden kategorisiert, bewertet, geformt. Auch wenn sie noch ganz, ganz klein sind. In den letzten 11 Monaten wurde ich zum Beispiel mehrfach darauf hingewiesen, dass meine Tochter ja „sehr wild sei für ein Mädchen“, dass ich sie ja gar nicht anzöge „wie ein Mädchen“ oder dass sie bestimmt mal „den Jungs den Kopf verdrehen wird mit ihren großen Augen“. Dieses ganze Elend der Geschlechterstereotype funktioniert, möchte ich hinzufügen, natürlich auch wunderbar in die andere Richtung, wie glücklich scheitern hier eindrucksvoll beschreibt.

Auch scheint es eine seltsame Front in vielen Köpfen zu geben, die heißt „Mädchenmütter vs. Jungsmütter“. Da werden Phrasen gedroschen, dass es nur so kracht: Mädchen sind viel emphatischer und sowieso „einfacher“ zu erziehen, die Jungs können hingegen auch mal was ab, Mädchen sind aber auch so empfindlich, Jungs sind so laut, bla bla bla blaaaaa. Ich muss immer sehr an mich halten, um der Gesprächspartnerin keine Kopfnuss zu verpassen und zu brüllen „Ey, jetzt hör doch mal auf mit dem Scheiß!!!11!!“ Denn Scheiß ist es. Scheiß, der unsere Kinder verformt und maßregelt, beschränkt und verletzt.

Wie ich meiner Tochter den Mädchenscheiß ersparen kann, weiß ich natürlich nicht. Verrückte These: Ich kann ihr nichts ersparen. Ich kann höchstens meinen kleinen Teil dazu beitragen, dass sie ein selbstbewusster Mensch wird, der seine Grenzen und Möglichkeiten gut kennt. Ich kann ihr zeigen, dass wir schön sind, wie wir sind. Ich kann niemals in ihrer Gegenwart schlecht über meinen Körper und meinen Kopf sprechen. Ich kann sie darin bestärken, „anders“ zu sein, wenn sie das möchte. Ich kann ihr beibringen, wie man ein gutes Gehalt verhandelt und wie man sich nicht dafür rechtfertigt. Ich kann ihr vorleben, dass es sich lohnt, sich für Menschen und Überzeugungen einzusetzen, immer und immer und immer wieder. Ich kann ihr vormachen, wie man trotzig bleibt.

Viel ist das wohl nicht, denke ich. Aber vielleicht ist es ein Anfang.

Notizen aus dem Limbus.

Eigentlich müsste es heißen: Notizen aus dem Locus. Die ihr eintretet, laßt alle Hoffnung fahren.

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Samstag. Der allerschönste Tag der Woche. Jedem, der etwas anderes behauptet, höre ich einfach nicht zu. Erst Recht nicht, wenn der den Sonntag am allerschönsten findet. Der Samstag kann alles, hält noch alles offen, verspricht alles mögliche. An diesem Samstag fahren der Mann, das Kiddo und ich nach Berlin-Mitte, denn der Mann will sich etwas gönnen. Das tut er nur selten und sucht dafür meistens diesen einen, lachhaft teuren Laden mit besonders authentischen und unermesslich hochwertigen Männerklamotten auf. Da kaufen Leute ein, für die sind Jeans eine Weltanschauung. Aber nett ist es da doch, deshalb kommen wir gern mit. Der Mann probiert Kleidungsstücke an, ich esse die bereitgestellten Lebkuchen, der Verkäufer spaßt mit dem Kiddo. Alles so heimelig hier, hach.

Und dann kotzt das Kiddo plötzlich in hohem Bogen mitten in den Laden. So richtig mit Schmackes. Die Hälfte trifft mich, die andere beachtliche Hälfte den schicken Holzboden. Ich rufe „Scheiße“ und „Oh Gott, sie hat einen Virus“ und falle fast in Ohnmacht vor Schreck, ich alte Kotzphobikerin. Alle Anwesenden erstarren für einen Moment, das muss von draußen sehr lustig aussehen. Das andere Paar im Laden mustert uns aus den Augenwinkeln mit Todesverachtung. Der Verkäufer ist ein Schatz und bleibt sehr entspannt, holt einen Mop und wischt alles auf. Ich flüchte derweil mit dem Kiddo nach draußen und verstecke uns im Auto.

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Samstag Abend, der Mann und ich haben noch gekocht, das Kiddo ins Bett gebracht und des Mannes neue Hose gebührend bewundert. Der Tag war ja doch noch gut. Wie alle gesagt haben, Kinder spucken halt mal. Ich lege mich ins Bett zum Kiddo und bin gerade am einschlafen, da piepst es neben mir. Ich richte mich halb auf, und in diesem Moment erbricht mein niedliches Baby eine unfassbar riesige Lache genau da hin, wo gerade mein Kopf lag. Ich springe quasi an die Decke und brülle nach dem Mann, der mich natürlich nicht hört. Das arme Kiddo, was muss es sich da denken.

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Wir liegen im frisch bezogenen Bett, das Kiddo wollte nochmal stillen und ist sonst ganz fidel. Ist also alles nicht so schlimm. Es krabbelt auf mich drauf, legt den Kopf auf meinen Bauch und erbricht die nächste Wagenladung Brühe auf mich.

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Memo an mich: Wir müssen mehr Bettwäsche kaufen. Zwei Garnituren und ein paar verwaiste Einzelteile reichen offenbar gar nicht.

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Fun Fact: Die Waschmaschine sucht sich diese Nacht aus, um kaputtzugehen. Es ist ja mittlerweile schon Sonntag. Also wird auch keiner kommen, um den Notfall zu beheben. Sonntage, ey.

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Mir ist flau. Ich esse Sonntag kaum was. Naja. Ginge ja auch schlimmer, also will ich mich mal nicht beschweren. Montag früh ist alles wieder ganz gut. Das Kiddo leckt obenrum nicht mehr, wir gehen mit Freundin S und ihrem Sohn spazieren, die es virusmäßig viel mieser erwischt hatte. Tröstlich irgendwie. Kaum sind wir daheim, guckt das Kiddo panisch und produziert hässliche Windelgeräusche, die mich ob ihrer Unaufhörlichkeit und dem damit einhergehenden Geruch beunruhigen. Im Bad stellt sich heraus: Ah, der Virus (es ist doch einer! Sag ich ja!) nimmt jetzt den Hinterausgang. Auch hier in lächerlich großer Menge und Explosivität.

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Dürfen Duschvorhänge zur Kochwäsche? Nein? Dann muss ich einen neuen kaufen. Aber die Waschmaschine ist ja auch kaputt.

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Ich rufe den Mann an und schildere den Kackreaktorunfall, also kommt er heim und hilft mir beim Putzen. Außerdem schafft er es, die Waschmaschine zu reparieren. Ein Problem weniger, zumal die Wäscheberge allesamt furchtbar stinken.

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Irgendwie habe ich gar keinen Appetit mehr. Der Stress. Wirklich null Appetit. Sogar fast schon einen Widerwillen gegen ein Abendessen. Eventuell sogar schon Ekel. Hm.

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Komisch, wie gut sich das Kiddo vom Mann ins Bett bringen lässt, wenn ich wirklich nicht abkömmlich bin. Weil ich zum Beispiel zitternd vor dem WC knie.

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Der Mann und ich verbringen die Nacht abwechselnd im Bad. Während der Gatte über eine robuste Konstitution verfügt, bin ich ein ausgelaugter Mutterkörper und verliere jegliche Flüssigkeit, die ein Mensch mal eben so verlieren kann. Das Schlimmste ist: Ich muss ja auch das Kiddo noch stillen, trotz schrecklicher Übelkeit und allem. Fühle mich enorm schlecht behandelt vom Universum. Ein First-World-Gedanke, Mist. Ich sollte dankbar sein!

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Was ich auch nicht wusste: Wenn frau dehydriert ist, läuft die Milch nicht mehr so super. Will heißen, das angeschlagene Kiddo kriegt nicht genug ab, und Wasser will es nicht. Ups, wieder ein Problem mehr. Ich wanke fieberträumend durch die Wohnung und lalle dummes Zeug und ekele mich vor allem Essbaren, der Mann geht zum Kinderarzt.

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Ich versuche, eine dringende Mail zu beantworten. Es geht allen Ernstes nicht. In meinem fiebernden Kopf tauchen dauernd Wörter auf, die da nicht hingehören, und meine Finger tippen so präzise wie Presslufthämmer. Ich lese die Sätze eine Milliarde Mal Korrektur, endlich fertig, und sende sie an meine Kundin. Einen Tag später stelle ich fest: Ich werde ihr diese Mail erklären müssen.

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Wenn es einem selbst richtig mies geht, ist es einem glatt wurscht, wie man aussieht und wie der Partner aussieht. Wie grüßen uns im nächtlichen Flur wie müde Trucker. Ich finde ihn richtig süß in seiner Jogginghose. Irgendwann begegne ich ihm seltener. Muss ihm wohl besser gehen.

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Ich versuche ein Foto zu machen, das aussieht, wie ich das Kiddo sehe, wenn ich ganz hohes Fieber habe. Klappt bedingt.

Foto 10.12.14 17 59 29

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Heute ist Donnerstag. Ich fühle mich wieder menschlich. Es klingt bescheuert, aber ich bin immer noch nervös, wenn ich neben dem schlafenden Kiddo liege. Es ist ein bisschen so, das würde man neben einem winzigen und sehr unberechenbaren Vulkan schlafen. Als ob jederzeit das Inferno aus diesem zarten kleinen Mündchen hervorbrechen und mir genau ins Gesicht klatschen könnte.

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Ein Truckergruß an alle Eltern, die nachts auf dunklen Fluren herumwanken, niedergestreckt von den Noro-Rota-Adenoviren ihrer Kinder. Die wischen und trösten und kleine Gesichter streicheln. Die unendliche viele Spannbettlaken aufziehen, ohne den Verstand zu verlieren. Ihr seid meine Helden.

 

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Hormona non grata. Ein Gastbeitrag.

(Diesen schönen Beitrag hat uns eine Gästin spendiert, und zwar meine liebe Freundin Annalena, die nicht nur schlau ist und gut schreiben kann, sondern auch noch bombig aussieht. Have fun!)

mama

Mein Freund mag es nicht, wenn ich alles auf die Hormone schiebe. Es ist ihm zu passiv, zu opfer-ig, zu verantwortungsabwälzend. Was er nicht weiß: Er lebt mit einem Sack Hormone zusammen. Das bin ich. Ich könnte auf keiner Matratze schlafen, unter der eine Anti-Baby-Pille liegt, so hormonfühlig bin ich. Ich bin die Prinzessin auf der Pille. Ich merke meinen Eisprung, den von Freundinnen und bestimmt auch den der Kassierinnen im Supermarkt, denn ich nehme jedes Mal diese lästigen Herzen für das Pfannenset mit, anstatt Nein zu sagen.

Als ich schwanger war, war mir die ersten 14 Woche sackübel – Hormone. Als ich das Baby auf die Welt brachte, hab ich nur geheult und Angst gehabt, dass mein Freund mich verlässt – Hormone. Anschließend habe ich 3 Monate in einem rosa Nebel verbracht, der meinen zerfetzten Restkörper durch extremsten Schlafmangel plus abendlich weinendem Baby geleitet hat – diese verdammten Hormone.

Und als ich nach 6 Monaten Mama sein zwei Wochen lang so down war, dass ich schon eine postnatale Depression bei mir vermutete, rutschte bestimmt auch wieder eine Ladung dieser verflixten Kontrollstoffe aus meinem Körper wie aufgeregte Menschen auf einer aufblasbaren Gummimatte aus einem Flugzeug. Denn nach diesen zwei Wochen wachte ich auf und hatte sie tatsächlich vergessen: Übelkeit, Geburt und Schlafmangel. Dafür hatte ich ein neues Gefühl: Ich wollte plötzlich noch ein Kind. Zack! Ich Opfer! Ich schwöre, dass das nicht im Geringsten meine Entscheidung war. Aber mein Freund zuckt zusammen und sagt, bitte nicht wieder diese Hormone.

Naja. Nun gut. Ich wäre ja auch lieber unabhängig in meinem Leib und würde nicht von geheimnisvollen Botenstoffen robotermäßig durch die Pampa gesteuert werden. Aber es ist nun mal so, wie Alissa Milano so schön gesagt hat: „A female body is not made to look good in a bikini. It’s made to give birth and have a baby and be a cozy companion for it afterward.“ Ich bin nun mal nicht der unabhängige Mensch, den die Medien sich ausgedacht haben. Ich bin letzen Endes nur ein Stück Natur. Und diese Natur zieht einfach eiskalt ihr Ding mit mir durch, egal, was für teure Klamotten ich anziehen würde oder was für feine Dinge ich esse. Manchmal macht mich das wütend. Manchmal macht mir das Angst. Aber jedes Jahr im Herbst lege ich den Kopf in den Nacken und habe Tränen in den Augen, wenn ich die Zugvögel beim Sammeln beobachte. Unten die schmutzige Stadt mit ihren Pappbechern und Straßenbahnen. Oben die mächtige Natur, die an uns zieht und uns mit Sehnsüchten füllt und dem Mut, das Wahnsinnige zu wagen, um etwas Wildes und Schönes zu erreichen. Afrika, oder eben ein Kind.

Es ist in uns, es fließt in uns, und es macht uns nicht zu Opfern, sondern bindet uns an diese Erde, in den Strom des Lebens meinetwegen, und zeigt uns, dieser Planet ist dein Zuhause und du bist ein Teil davon, bums aus Nikolaus. Dass ich davon Pickel bekomme oder schlechte Laune, gehört dann wohl dazu. Mein Baby liebt meine Hormone. Und mein Freund will es nicht wahr haben, aber ich bin mir ganz sicher, dass wir nur deshalb zusammen sind, weil sich unsere Hormone so gut verstehen. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss ein minimal vergünstigtes Pfannenset kaufen. Es ist hormonell.

Aus dem Bauch heraus.

Samstag Abend, beste Sendezeit.

„Zieh mal bitte Dein T-Shirt aus“ sagt die Hebamme. Sie steht neben mir und hält einen OP-Kittel in der Hand. Ich will mich nicht ausziehen, denke ich, und zerre mir mühsam mein Shirt über den Kopf. Ich fühle mich so dreckig wie noch nie in meinem Leben. „Darf ich mich noch kurz waschen“ frage ich die Hebamme. Nein, sagt sie, dafür wäre keine Zeit und nötig sei es auch nicht. Also sitze ich nackt auf dem Kreißsaalbett und warte auf das, was da kommen möge. Nachdem ich viele Stunden lang geschwitzt habe, friere ich plötzlich sehr.

Hinter mir liegen 16 Stunden Wehen, 12 davon waren richtig heftig. Einige davon habe ich auf dem Stationszimmer verbracht, auf der Klobrille sitzend, einige im Badezimmer des Kreißsaals, nachdem meine Hebamme mich in die Badewanne geschickt hat (in der es mitnichten entspannend, sondern apokalyptisch schmerzhaft war), und den Rest auf dem Kreißsaalbett, angebunden durch ein CTG und den Schlauch der PDA, die sie mir für die letzten Meter noch verpasst haben. Nur dass es eben nicht die letzten Meter waren. Seit drei Stunden tut sich nichts mehr. Ich darf von dem Bett nicht runter und fühle mich wie ein panisches Wildtier, dem in der Falle langsam die Kräfte schwinden. Auf Anweisung der Hebamme wechsele ich immer wieder meine Position. Linke Seite, rechte Seite, Vierfüßler, aufrichten, wieder von vorn. Zwischen den Wehen untersucht mich die Fachärztin. Das tut irre weh und bringt nichts. Ich befolge stoisch die Anweisungen. Man spricht über mich, aber nicht mit mir. Wie sich ein eigener Wille anfühlt, habe ich vergessen. Wie sich Würde anfühlt, auch.

„Sie müssen sich jetzt entscheiden“ sagt die Fachärztin plötzlich. Kaiserschnitt, das Wort steht auf einmal im Raum, überraschend wahrscheinlich nur für mich. Bis zuletzt habe ich geglaubt, wir schaffen das noch, das Baby und ich. Aber das Baby hat ein Problem: Es kann die entscheidenden paar Zentimeter nicht überwinden, keiner weiß warum. Später wird man mir sagen, dass es mit dem Kopf schief im Becken gelegen und außerdem die Nabelschnur straff um den Hals gehabt hätte. Die Ärztin drängt mich, dass wir da jetzt was unternehmen müssen. Ich soll mich also entscheiden – eine echte Entscheidung scheint es jedoch nicht zu geben, jedenfalls nennt mir keiner eine Alternative. Ich schaue die Hebamme fragend an. Sie glaubt auch nicht mehr, dass es noch von selbst kommt, das Baby. Also: Kaiserschnitt. Wenn es nicht anders geht, sage ich. Eine Sekunde lang bin ich erleichtert, dass die Quälerei jetzt ein Ende hat. Dann bekomme ich Angst.

Die Hebamme hilft mir in den Kittel. Ich habe ihn kaum an, da rollt schon ein Bett ins Zimmer. Es soll mich in den OP bringen. Ich schaue meinen Mann an, der seit vielen Stunden an meiner Seite sitzt. Kein einziges Mal ist er in den Hof gegangen, eine rauchen. Das finde ich beachtlich von ihm, denn der Mann muss unter Stress immer erstmal eine rauchen. Heute nicht. Heute sitzt er neben, hinter, vor mir und schweigt wohltuend. Wenigstens muss ich den ganzen Scheiß nicht allein aushalten.

Ich glaube, ich habe einen Schock, denn ich kann keinem der Anwesenden begreiflich machen, was da gerade in mir vorgeht. Meine Fassade nickt, gehorcht, redet ein bisschen Unsinn. Sie lächelt sogar. Mein Inneres schlägt derweil den Kopf gegen die Wände. Ich hab solche Angst, denke ich am laufenden Band, ich hab solche Angst, die schneiden mich auf, die schneiden meinen Bauch auf und zerren das Baby da raus, das arme Baby, mein armer Bauch, ich hab solche Angst, HILFE.

Ich werde mit dem Bett die Gänge entlang gefahren wie im Film, die Deckenlampen über mir, Leute in Kitteln neben mir. In einem Vorraum halten wir an. Plötzlich ist der Mann weg. Er muss sich umziehen, sagt die Hebamme, sie müsse sich auch kurz umziehen und sei gleich wieder da. In der Zwischenzeit stellt sich die Anästhesistin vor und fragt mich ein paar Dinge. Sie hat eine sanfte Stimme. Die große Tür vor uns geht auf, das Bett und ich fahren in einen Raum, der mich im ersten Moment an einen Kellerraum erinnert. Oder an eine Lagerhalle. Irgendwie ist alles aus Stahl und wirkt wahnsinnig chaotisch. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich kapiere, dass das der OP ist. Komisch sieht er aus, der OP. Der Mann taucht wieder auf. Dann geht alles ineinander über, meine Erinnerung ist verhackstückt. Wie schlechter Empfang auf dem Handy.

Nächstes Bild: Ich werde festgebunden, meine Arme und meine Beine, in einem komischen Winkel. Bestimmt sehe ich von oben aus wie ein schwangeres Lebkuchenmännchen, haha. Oder wie Jesus. Ich zittere so sehr, dass sie Probleme haben, mich richtig festzugurten. Ich kann nicht stillhalten, obwohl ich es mit aller Kraft versuche. Mein Körper ist ein kleines Erdbeben. Leute tauchen hinter dem grünen Tuch auf, das vor mein Gesicht gespannt ist. Sie stellen sich nicht vor. Wer ist der Mann hinter dem Tuch, frage ich die Anästhesistin. Sie muss lachen, weil ich das so seltsam formuliere. Das ist Dr. Oberarzt, der holt jetzt Ihr Baby. Ach so. Sie nimmt meine Hand, spricht mit mir über meine Tätowierungen, um mich abzulenken. So schöne Tätowierungen. Wer hat die denn gemacht. Aha. Und das hat sicher wehgetan? Ja. Hat es. Na, dann sind Sie ja bestimmt sehr tapfer. Nein, ich glaube nicht. Und so weiter. Ich beantworte höflich alle Fragen, obwohl mir schrecklich übel ist und ich große Angst habe, dass ich mich im Liegen übergeben muss. Was hinter dem Tuch passiert, weiß ich nicht. Meiner Erinnerung fehlen hier wieder einige Minuten.

Plötzlich ruckelt es. So dolle, dass der Tisch wackelt und ich mit ihm. Mir wird klar, dass ich das bin, an dem da so geruckelt wird. Mein Bauch ist das. Ich gerate in Panik, denn es tut richtig weh. Hinter dem Tuch entsteht Unruhe. Ich verstehe nicht, was da geredet wird. Irgendjemand drückt auf meinen Bauch. Die Übelkeit wird unerträglich, die Schmerzen auch. Die Anästhesistin guckt beunruhigt. Es wird noch fester gedrückt. Ich winsele wie unser Hund, wenn er ganz aufgeregt ist – ach nein, ich weine. Die Leute hinter dem Tuch stemmen sich von oben gegen meinen Bauch, auf meinen Magen, auf meine Rippen. Alles verschwimmt, vor meinen Augen und in meinem Kopf. Ich bin nur noch Körper. Die brechen mich in der Mitte durch, denke ich, die brechen mich ja einfach durch. Ich schreie so laut, wie ich in den vielen Stunden davor nicht geschrien habe. Ich schreie in Todesangst. Wirklich. Jetzt sterbe ich also, denke ich auf einmal. Dann hört der Druck auf, die Übelkeit lässt nach. Der Mann verschwindet von meiner Seite, erleichterte Laute von hinter dem Tuch. Das Baby ist da.

„Wir nähen Sie jetzt noch zu“, sagt einer. „Dauert nicht lange.“ Näht Ihr mal, denke ich. Mir egal. Mir ist alles egal. Anscheinend geht es dem Baby gut, sonst hätte schon jemand Alarm geschlagen. Der Mann und die Hebamme sind mit ihm verschwunden. Ich kann also in Frieden verrecken. Mir ist immer noch sehr übel und jeder Körperteil, der nicht narkotisiert ist, schmerzt höllisch. Die Anästhesistin redet schon wieder, ich höre nichts.

Unruhe an der Tür. Die Hebamme ist wieder da. Und der Mann taucht neben mir auf. Er hat ein weißes Bündel im Arm. Alle sagen irgendwas. Er hält das Bündel neben meinen Kopf, den ich aber nur mit Mühe drehen kann, weil der Rest von mir immer noch fixiert ist. Sehr große kleine Augen schauen mir ins Gesicht. Na sowas, denke ich. Da war wirklich ein Baby drin. Der Mann guckt so, wie man es wahrscheinlich auch von mir erwartet: Er grinst ein bisschen debil, als hätte er gekifft.

Die Hebamme entführt uns schnellstmöglich aus dem OP und bringt uns in ein ruhiges Zimmer. Dort kann ich sie zum ersten Mal in den Arm nehmen. Meine Tochter. Sie liegt ganz ruhig da und schaut uns an. Endlich tut mir nichts mehr weh, das liegt natürlich an all den Mitteln in meinem Blut, aber es ist trotzdem schön. Meinetwegen muss ich diesen Körper nie wieder spüren.

Danach.

Die ersten Tage sind wahnsinnig schmerzhaft. Die ersten Wochen auch. Es tut mir so leid, dass ich das Kiddo nicht richtig selbst versorgen kann, weil ich bei jedem Scheiß Hilfe brauche. Dauernd sagt jemand zu mir, es sei die Hauptsache und ein großes Glück, dass das Kiddo gesund sei. Klar ist es das. Und ich bin sehr froh, dass dieser Kaiserschnitt das Kiddo nicht daran gehindert hat, sich auf der Stelle in mein Herz zu schleichen. Trotzdem war die Geburt ein höllisches Erlebnis. Ich habe Flashbacks. Die Therapeutin, mit der ich darüber spreche, sagt: „Natürlich, Sie sind traumatisiert.“ Traumatisiert? Aber ich bin doch dankbar. Muss es sein. Die Therapeutin behauptet, man könne (und dürfe) gleichzeitig dankbar UND traurig sein. Also bin ich dankbar und traurig, und immer wenn das Innenchaos überschwappt, atme ich mich hindurch. Das ist der Trick: Weiteratmen. Ein und aus. Ganz langsam werde ich wieder ich.

Nach dem Danach.

Die Schmerzen sind nach drei Monaten endlich weg. Fast. Vorsichtig beginne ich wieder mit meinen Yogaübungen. Aber irgendetwas stimmt da nicht: In meiner Körpermitte befindet sich ein Nichts. Meine Körperhälften sind zwei einzelne funktionierende Teile. Ich bin ein Regenwurm. Ich sage das meiner Hebamme, sie nickt. Die energetischen Bahnen seien durchtrennt, sagte sie, die müssten sich erst wieder finden, das dauere lange. Klingt voll esoterisch und alles, aber ganz genau so fühlt es sich an. Um die Narbe herum ist alles taub. Ich will sie weder sehen noch anfassen. Die Narbensalbe benutze ich deshalb nie.

Heute.

Ich bin immer noch ein Regenwurm, aber es wird besser. Die Narbe gehört nicht zu mir. Ich will sie nicht haben. Sie ist da, aber ich tue so, als wäre sie es nicht. Sie macht mich wütend und bockig. Wenn andere Frauen mir von ihrer tollen spontanen Geburt erzählen, werde ich ganz still. Da ist das Gefühl, irgendwo versagt zu haben. Mich grundsätzlich geirrt zu haben. Wenn ich mir überlege, dass ich gar keine Angst hatte vor der Geburt, dass ich ein großes Vertrauen in meinen Körper und meine Kraft hatte – dann muss ich ein bisschen lachen. Weil ja immer alles anders kommt am Ende. Da liegt offensichtlich noch ein Stückchen Weg vor mir. Na gut. Dann gehe ich ihn eben.

Diesen Text habe ich für alle Frauen geschrieben, denen es ähnlich geht und die dafür keine Worte finden. Wenn Ihr mögt, bedient Euch bei meinen.

Und diese Bücher haben mir geholfen:

Es ist vorbei, ich weiß es nur noch nicht von Tanja Sahib (über traumatische Geburten)

Kaiserschnitt und Kaiserschnittmütter von Brigitte Renate Meissner

Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht von Carolin Blasser et al.

The Bodies of Mothers von Jade Beall

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Edit:

Ich möchte noch diese Links ergänzen, weil sie gut passen.

Nach dem Kaiserschnitt (danke, Frische Brise)

Über das Bad zum Nachholen des Bondings

Lasst uns über Brüste sprechen.

Reißerische Headlines kann ich ja schon von Berufs wegen. Es geht, Ihr ahnt es, um das Stillen. Oh, dieses Stillen! Ein Quell endloser Diskurse, Rechtfertigungen und moralischer Zeigefingersituationen. Wie man’s macht, macht man’s offenbar verkehrt.

Stillt die Frau gar nicht, muss sie sich dafür vor aller Welt erklären. Eine Freundin von mir wurde mehrfach (!) auf offener Straße gefragt, wieso sie ihrem Kind nicht die Brust gibt, als sie das Fläschchen zückte. Weil – eine gute Mutter stillt ja. Muttermilch ist DAS TOTAL ALLERBESTE für ein Baby. Wer so selbstbezogen ist, seinem Kind diese magische Wundernahrung vorzuenthalten, fahre sofort zur Mütterhölle!

Stillt die Frau aber nun zu lange, ist das auch nicht in Ordnung. Ein 18 Monate altes Kind (oder ein Dreijähriges *Schock*) noch zu stillen – das ist ja pervers! Die Frau kann sich ja nicht lösen! So eine Egoistin. Das Kind wird am Ende mindestens zum psychopathischen Serienmörder mit Brustfixierung, oder noch schlimmer, landet in HartzIV.

Der gesellschaftlich akzeptable Weg des Stillens sieht anscheinend so aus: 6 Monate Vollstillen wegen Immunsystem, das ist aber dafür ein Muss. Und dann subito Abstillen auf Flaschennahrung. Oder für die Weicheier unter uns: Noch ein bisschen weiterstillen bis zum 1. Geburtstag, aber dann ist auch wirklich Schluss. Und: Bitte nicht so indiskret in der Öffentlichkeit, geht doch bitte mit Euren aufdringlichen Brüsten auf öffentliche Toiletten oder in ein schönes Gebüsch.

Seufz. SEUFZ. Warum  ist es denn nicht möglich, Mütter unbehelligt ihren eigenen Weg gehen zu lassen, wie auch immer der aussehen mag? Muss man einen (*hust* gewaltfreien) Lebens-/Familienentwurf, der anders funktioniert als der eigene oder der mainstreamigste, gleich als Affront missdeuten? Der Mutterkörper gilt ja ohnehin als öffentliches Eigentum. Und die Mutterseele gleich mit.

Ich möchte hier gern unsere Stillgeschichte teilen, einfach so. Weil ich diese persönlichen Berichte selbst immer hilfreich fand, und tröstend und aufbauend.

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Stillen am Gletschersee. Könnte schlimmer sein.

Vor der Geburt: Hm, Stillen. Ist mir ein bisschen unheimlich. Irgendwie komme ich mir jetzt schon so vereinnahmt vor. Aber ok, ich mach das ein paar Monate, für das Baby. Und die ganzen Kuchenkilos verschwinden ja angeblich durch das Stillen auch wieder (Spoiler: Dem war nicht so).

1 Stunde nach der langen und sehr anstrengenden Geburt, die in einem Notkaiserschnitt endete: Erstes Mal anlegen. Habe gelesen, dass man das möglichst bald machen soll. Kann mich kaum bewegen. Wie soll ich das Kiddo denn am besten hinlegen? Es ist noch so klein. Schließlich scheint es zu trinken. Das tut irre weh.

24 Stunden nach der Geburt: Das Kiddo schreit vor Hunger, das Anlegen klappt nicht. Die Schwestern auf der Station geben mir widersprüchliche Anweisungen. Eine nimmt einfach meine Brust und stopft sie dem Kiddo in den Mund. Das ist so demütigend, und es hilft gar nicht. Dezente Vorwürfe. Ich bin verzweifelt, das Kiddo sowieso, meine Brustwarzen schmerzen wie die Hölle. Blutig sind sie auch.

3 Tage nach der Geburt: Das Kiddo schreit immer noch. Kein Milcheinschuss in Sicht (was mir niemand sagte: das dauert nach einem Kaiserschnitt manchmal ’n paar Tage länger). Ich habe panische Angst vor jeder neuen Mahlzeit. Ich will das nicht mehr machen, es soll bitte jemand kommen und mir bestätigen, dass es okay ist, wenn ich jetzt abstille. Abends entlasse ich mich selbst aus der Klinik. Daheim googele ich erstmal. Finde die asymmetrische Anlegetechnik, die mir etwas Erleichterung verschafft.

3 Wochen nach der Geburt: Langsam wird’s besser. Wunden sind fast verheilt, Schmerzen lassen nach. Schön finde ich das Stillen aber nicht. Die Innigkeit, von der alle reden, stellt sich nicht ein. Mir hängt quasi rund um die Uhr ein Kind am Oberkörper, aber auf eine stressige Art. Immerhin, das Kiddo bekommt genug Nahrung und nimmt zu. Ich habe immer noch viele Fragen und gehe zu einer Stillgruppe.

3 Monate nach der Geburt: Wir sind ein routiniertes Stillteam geworden. Die Stillgruppe war ja gar keine Sekte! Nicht mal dogmatisch oder belehrend, sondern sehr hilfreich. Und erstaunlich tolle Mütter waren da auch. Die behalte ich. Das Stillen als solches ist meist unspektakulär, ich mach es halt. Oft fühle ich mich angebunden, weil das Kiddo jede Flasche verweigert. Das mühsam abgepumpte Zeug vergammelt im Gefrierfach. Noch 3 Monate, denk ich mir. Das reicht dann aber auch.

 6 Monate nach der Geburt: Ich wollte ja eigentlich abstillen. Hm. Jetzt wo es gerade irgendwie schön wird. Das Kiddo zeigt deutlich, dass ihm das Stillen etwas bedeutet. Es fängt an, sich dabei anzukuscheln. Kommt zur Ruhe, sucht Trost. Das rührt mich. Ich habe das Gefühl, ihr etwas ganz Wichtiges wegzunehmen, wenn ich jetzt abstille. Und vielleicht nehme ich auch mir etwas weg?

8,5 Monate nach der Geburt: Das ist heute. Wir stillen noch. Und ja, doch – ich finde das oft schön. Unter anderem, weil es sich freiwilliger und selbstbestimmter anfühlt. Das Kiddo isst nämlich mittlerweile auch andere Dinge und lässt sich gern vom Mann füttern, wenn ich ein paar Stunden raus möchte. Ich werde jetzt öfter mal gefragt, wie lange ich denn noch stillen will. Wenn ich sage, dass ich das nicht weiß, werden gelegentlich die Brauen gelüpft.

Ich habe mich nie und nimmer als „Langzeitstillerin“ gesehen, aber ich ertappe mich jetzt dabei, wie ich ebendiese verteidige. Und ebenso patzig verteidige ich die Frauen, die gar nicht stillen. Weil ich zu dem Schluss gekommen bin, dass das keinen was angeht, ob und wie lange wir unsere Kinder stillen. Wenn das Kiddo noch mit zwei Jahren zum Aufwachen oder Einschlafen die Brust möchte und ich das in Ordnung finde – wer hat denn bitte das Recht, darüber zu urteilen? Ich freu mich schon fast auf die Diskussionen.

Unsere Stillgeschichte ist also noch nicht am Ende, vorerst. Ich werde hier immer wieder einmal berichten, wie es weitergeht mit dem Kiddo und dem Busen. Vielleicht ist ja eine geplagte Mom da draußen, die gerade ihre wunden Nippel verflucht und dies hier gern lesen möchte.

Apropos lesen: Es gibt nicht nur hilfreiche, sondern auch brüllend komische Bücher (na gut, eins) zum Thema Stillen. „Mein Jahr als Säugetier“ von Theresa Thönissen hat meinen Beckenboden zum Wackeln und das in der Trage schlafende Kiddo zum Aufwachen gebracht – ich hätte mir vor Lachen fast in die Hose gepinkelt. Sehr ehrlich und sehr wahr!

Und nun zum, öh, Serviceteil (nein, wir sind immer noch nicht fertig!):

Wenn es gar nicht klappt mit dem Busenwunder, Du aber gern stillen möchtest und Dir keine Hilfe weißt: Eine Stillberaterin kann die Rettung sein. Gibt es bei der LLL oder der AFS (ehrenamtlich) oder auch beim Berufsverband (professionell). Wer keine Stillberaterin auftreiben kann oder keine braucht, aber einfach grundsätzlich viele Fragen hat, dem wird hier virtuell und kompetent geholfen.

Mit dem Nicht-Stillen kenn ich mich naturgemäß nicht so aus, aber der Vollständigkeit halber sei das Buch „Wie, Du stillst nicht“ erwähnt, das oben genannte Freundin gern gelesen hat.

Bei Schmerzen/Wundsein ist Lansinoh Salbe ein Klassiker. Gut fand ich auch die kühlenden MultiMam-Kompressen. Klingt öko, hilft aber: Nach dem Stillen den Speichel vom Baby und die Muttermilchreste auf dem Nippel trocknen lassen – das gilt jedoch nicht, wenn Du oder Dein Baby unter Soor leidet. Luft ist generell hilfreich, auch wenn ich es immer total panne fand, barbusig in der Gegend rumzusitzen. Damit die Kleidung nicht an den geschundenen Uschis festklebt, kann man sich einen Brustwarzenschutz in den BH legen.

Und mein Fazit? Stillen ist ein Geschenk ans Kind. Das heißt, es sollte freiwillig gegeben werden, nicht erzwungen. Und es ist bei weitem nicht das einzige, wichtigste, unverzichtbarste Geschenk, das eine Mutter ihrem Baby machen kann. Brust raus oder Brust rein? Geht einfach keinen was an.