Elternprekariat.

Es soll Eltern geben, deren Familienleben ist eine einzige Zauberwolke aus Vintagemöbeln, Wolle-Seide und Superfoods. Da gibt es auf Instagram und den Blogs allerlei schöne Dinge zu bewundern. Lustig geformte Glühbirnen an bunten Textilkabeln über sorgsam verwetzten Eichentischen. Eine Küche voller Jacobsen-Stühle; auf mindestens zweien sitzen stilsicher gekleidete Kinder, die mit trendigem Kupferbesteck säuberlich ihre Edamame picken. Strahlende, locker bleibende Mütter in authentisch zerrissenen Jeans, die das Elternleben so sehr lieben, jeden Tag. Und der Urlaub war so wunder-wunder-wunderschön.

Dieses Glück, überall und ständig. Da zählen die kleinen Unannehmlichkeiten des Kinderhabens doch gar nicht.

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Die Brigitte schießt sich ins Bein.

Holy Shit! Da sind ja gar keine Glitzerponysticker auf meinem Rechner! Bin ich vielleicht gar nicht Mutter?

Holy Shit! Da sind ja gar keine Glitzerponysticker auf meinem Rechner! Bin ich vielleicht gar nicht Mutter?

Na sowas! Die Brigitte macht jetzt auch auf Clickbaiting*. Anders kann ich mir diesen Artikel nicht erklären**. In „Mütter als Kolleginnen? Mehr Fluch als Segen!“ lamentiert Marion Hackl auf maximal unreflektierte Weise über diese schrecklichen Frauen, die trotz Kind tatsächlich eine Erwerbstätigkeit auf professioneller Augenhöhe anstreben. Egoistinnen! Und dann nerven die Muttis ihre vielbeschäftigten KollegInnen mit diesen Kitazeiten und diesem Ponyreiten und diesen Kinderfotos. Urgh. Frau Hackl klingt im Angesicht dieser Zumutungen ausgesprochen nölig.

Hackls Lösung: Mütterarbeitsplätze! Das sind quasi Katzentische im Büro, wo Mütter (nicht Eltern! Mütter!) im Kreise ihrer Genossinnen solcherlei Arbeiten ausführen dürfen, die für die richtigen MitarbeiterInnen zu unwichtig sind. Ein Ghetto aus dm-Tüten und Dinkelstangen und Windelgeruch.

Blöd ist nur: Hackl hat anscheinend so gar nicht verstanden, wie strukturelle Diskriminierung funktioniert. Das ist natürlich ungünstig in dem Job (zur Strafe: ab auf den Mütterarbeitsplatz!). Da sollte man sich vielleicht mal mit einem Moment Recherche belasten.

Auch nicht verstanden hat sie folgenden fun fact: Mütter werden ja gar nicht von ganz allein zu Müttern***. Dafür braucht es ja auch noch einen Vater. Huch! Kriegt der dann einen Väterarbeitsplatz? Ach nein, der ist ja Geschäftsführer. Oder Abteilungsleiter. Oder was man in der Hackl’schen Welt als Mann eben zu sein hat. Der Vater existiert im Büro selbstverständlich nicht als Vater, sondern als Arbeitnehmer, liebe Freunde. Der kann das professionell trennen und muss nicht alle Welt mit seinem Brechdurchfall langweilen.

Überraschung, Frau Hackl: ArbeitnehmerInnen werden Eltern. Frauen und Männer werden zu Müttern und Vätern. Und wollen und müssen und sollen trotzdem arbeiten. Ja, obwohl sie Kinder großziehen. Ja, obwohl sie Verpflichtungen haben, die mit Ihrem persönlichen, unflexiblen, verknöcherten Arbeitsentwurf kollidieren. Damit müssen Sie leben. Damit müssen Arbeitgeber leben. Damit muss die Gesellschaft leben.

Kapiert das doch endlich, Ihr Dinosaurier.

(Ich habe zu dem Thema auch schon alles gesagt, eigentlich.)

*Wer Brigitte keine Clicks vom Kiddo schenken möchte, kann den Kram auch googeln

**Der Ursprungsartikel wurde von der Brigitte-Redaktion entfernt. Auf Facebook entschuldigt man sich für die Unannehmlichkeiten. Damit Ihr nachvollziehen könnt, was in dem Artikel stand, hier eine kurze Zusammenfassung in meinen Worten als Gedächtnisprotokoll: Die Autorin ist genervt von Müttern als Kolleginnen. Denn Mütter sind dauernd krank, oder ihre Kinder sind es, oder die Kita streikt. Wenn die Kita nicht streikt, müssen sie trotzdem pünktlich gehen. Oft sind sie müde und unkonzentriert, weil das Kind schlecht geschlafen oder Magen-Darm hat. Außerdem organisieren sie all den Kinderkram von der Arbeit aus: Ponyreiten und Kinderarzt und all that jazz. Und dann nerven Mütter auch alle anderen mit blöden Anekdoten und blöden Kinderfotos. Kurzum: Sie sind mit dem Hirn nicht hundertprozentig im Job und maximal unflexibel. Deshalb sollte es „Mütterarbeitsplätze“ geben. Dort trägt man dann dieser gesellschaftlichen Last Rechnung. Weil Mütter eben keine Leistungsbringer sind. All das entspringt den subjektiven beruflichen Beobachtungen der Autorin. Der Artikel ist nicht etwa Satire, sondern versteht sich als eine Art sarkastisch formulierter Standpunkt. Sprachlich ist er an mehr als einer Stelle deutlich abwertend gegenüber seinem Sujet. Die inhaltliche Seite habe ich bereits oben besprochen.

***Der Ursprungsartikel geht von der heterosexuellen Kleinfamilie aus

Kind? Oder Karriere? Oder und?

Soll ich mich mal hochoffiziell zum Arsch machen? Ja? Wirklich? Na schön: Ich habe früher wahnsinnig ungern mit Müttern zusammengearbeitet. Sehr, sehr ungern. Ich fand das nämlich, sagen wir mal, kompliziert. Diese Teilzeitgeschichten. Der pünktliche Feierabend mitten am Tag. Das ebenso spontane wie unwiderrufliche Fehlen aufgrund von Kinderkrankheiten, von denen ich im Leben noch nie etwas gehört hatte. Hüftschnupfen, R U serious?! Maul-und Klauenseuche?! Geh mir fort.

Ich sag ja – Arsch. Und dumm. Und hochmütig. Was mir ja offenbar lange nicht in den Sinn kam, war der Zweifel am System. Da mussten erst eine Handvoll Freundinnen Mütter werden und vor meinen Augen vergeblich mit dem Vereinbarkeitsmythos ringen, bis bei mir der Groschen fiel: Oh, Kollege Supertexter ist vor einer Woche Vater geworden? Oh, der ist schon wieder im Büro? Oh, der nimmt gar keine Elternzeit? Oh, der macht ja Überstunden wie sonst auch? Oh, das findet ja gar niemand seltsam oder gar total ätzend? Ja nee, das findet keiner total ätzend, weil es nämlich gesellschaftlich total anerkannt ist, dass der Mann sich unterm Schreibtisch verkriecht, während die Kindesmutter zuhause Doppelschichten schiebt. Und dann noch gedankliche Arschtritte von Leuten wie mir kassiert, wenn sie sich erdreistet, in Teilzeit wieder in den Job zurückzukehren.

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Ein Mädchen.

„Ich kann es noch nicht beschwören, aber wie es aussieht, bekommen Sie ein kleines Mädchen!“ Die Frauenärztin schaut mich erwartungsvoll an. „Oh“, sage ich. „Scheiße“, denke ich.

Aus Gründen, die sich mir selbst im Nachhinein nicht mehr erschließen, war ich überzeugt, einen männlichen Fötus zu beherbergen. Ich hätte wissen müssen, dass ich falsch liege. In solchen halb-spirituellen intuitiven Dingen liege ich immer falsch. Nun. Also ein Mädchen. Ich löse meinen Blick vom Monitor, der eine komische kleine Kartoffel mit puckerndem Herzen zeigt, und sehe der Frauenärztin ins Gesicht. „Toll. Ein Mädchen“, sage ich apathisch, und sie lächelt. Den Mann schaue ich nicht an, aber ich spüre, dass er ebenfalls lächelt. Warum auch immer.

Auf dem Heimweg bleibe ich stumm. Die erklärenden Sätze, die ich in meinem Kopf forme, klingen allesamt undankbar oder neurotisch oder beides. Schließlich habe ich auf Nachfrage immer behauptet, es sei mir schnurz, welches biologische Geschlecht das Kind habe, meinetwegen könne es auch gar keins haben. Das war gelogen. Ganz hinten im Kopf habe ich mir einen Jungen gewünscht. Ohne jemals darüber nachzudenken, damit meine naive Wunschblase nicht platzt. Es dauert ein paar Tage, bis ich meine Enttäuschung dem Mann gegenüber artikulieren kann. Der Mann ist nicht enttäuscht und auch nicht überrascht oder sonstwas – der freut sich einfach. Ich staune, weil er anscheinend so gar keine heimlichen Erwartungen gehegt hat. Einige weitere Tage vergehen, und dann freue mich mich mit, weil da echt ein Kind kommt, wirklich zu uns kommt, endlich unterwegs ist, und wir es nun mit Namen nennen können.

Warum ich kein Mädchen wollte, das muss ich wahrscheinlich erklären. Muss ich nicht, aber ich will es erklären, weil ich es wichtig finde. Die kürzeste und unbedarfteste Fassung lautet: Ich will „das“ nicht für mein Kind. Das, was das Mädchensein, und später das Frausein, fast zwingend mit sich bringt. Das, was ich am eigenen Leib und Herzen erfahre, wie so viele andere Mädchen und Frauen vor mir und mit mir.

Mein Mädchen, meine Tochter, mein Kiddo, ist in eine Welt geboren, die Frauen nicht besonders mag. Nehmen wir mal den Arbeitsmarkt. Da werden Frauen offenbar nicht geschätzt. Wie sonst können wir es erklären, dass wir auch heute noch 22% weniger Geld für die gleiche Arbeit bekommen als Männer? Wie sonst können wir es erklären, dass Frauen der Zugang zu Machtpositionen mit mehr und minder subtilen Mitteln verstellt wird? Wie sonst können wir es erklären, dass es mehr erfolgreiche Studentinnen als Studenten an den Unis gibt, letztere aber am Ende die schicken Vorstandsjobs absahnen? Wie sonst können wir erklären, dass die unendlich wichtigen Pflegeberufe, die hauptsächlich Frauen ausüben, so schlecht entlohnt werden? Und das sind nur wenige, willkürliche Beispiele.

Der Beruf ist also ein Lebensaspekt, der mit großer Wahrscheinlichkeit dem Mädchen-Kiddo weniger Chancen bietet als einem Jungs-Kiddo. Aber sonst ist doch alles supi, so im Privaten, ja? Nein. Ist nicht supi. Ein Mädchenhirn zu haben ist eine Sache – aber dazu gehört ja meist ein Mädchenkörper. Und auch der wird in unserer Gesellschaft nicht respektiert. Wie sonst können wir es erklären, dass der weibliche Körper als halböffentliches Eigentum durchgeht, das nach Herzenslust kommentiert, beglotzt und sogar angefasst werden darf? Wie sonst können wir es erklären, dass die Fallrate von Vergewaltigungen, die vor Gericht verhandelt UND verurteilt werden, im einstelligen Prozentbereich liegt? Wie sonst können wir es erklären, dass schon die Figuren kleiner Mädchen als Projektionsfläche für vermeintliche Schönheitsnormen dienen? Wieder sind dies nur wenige, willkürlich gewählte Beispiele.

Ja nun – aber in der Familie, da sind wir doch heute gleichberechtigt? Da machen doch die PartnerInnen unter sich aus, wie sie ihre Lohn- und Familienarbeit verteilen möchten? Hm, nein. Wie es scheint, wird der weibliche Einsatz auch hier nicht angemessen honoriert. Wie sonst können wir es erklären, dass Frauen im Haushalt trotz eigener Erwerbstätigkeit deutlich mehr arbeiten als Männer? Wie sonst können wir es erklären, dass die Frauen, die viel Sorgearbeit verrichten, weil der Gatte eben mehr Geld verdient (da schließt sich ein Kreis), dafür mit Altersarmut bestraft werden? Gleichberechtigung in der Partnerschaft: Das ist ein so komplexes Thema, dass es eigentlich viel mehr Platz braucht.

Die Köpfe und Körper von Mädchen und Frauen müssen eine Menge Druck aushalten. Sie werden kategorisiert, bewertet, geformt. Auch wenn sie noch ganz, ganz klein sind. In den letzten 11 Monaten wurde ich zum Beispiel mehrfach darauf hingewiesen, dass meine Tochter ja „sehr wild sei für ein Mädchen“, dass ich sie ja gar nicht anzöge „wie ein Mädchen“ oder dass sie bestimmt mal „den Jungs den Kopf verdrehen wird mit ihren großen Augen“. Dieses ganze Elend der Geschlechterstereotype funktioniert, möchte ich hinzufügen, natürlich auch wunderbar in die andere Richtung, wie glücklich scheitern hier eindrucksvoll beschreibt.

Auch scheint es eine seltsame Front in vielen Köpfen zu geben, die heißt „Mädchenmütter vs. Jungsmütter“. Da werden Phrasen gedroschen, dass es nur so kracht: Mädchen sind viel emphatischer und sowieso „einfacher“ zu erziehen, die Jungs können hingegen auch mal was ab, Mädchen sind aber auch so empfindlich, Jungs sind so laut, bla bla bla blaaaaa. Ich muss immer sehr an mich halten, um der Gesprächspartnerin keine Kopfnuss zu verpassen und zu brüllen „Ey, jetzt hör doch mal auf mit dem Scheiß!!!11!!“ Denn Scheiß ist es. Scheiß, der unsere Kinder verformt und maßregelt, beschränkt und verletzt.

Wie ich meiner Tochter den Mädchenscheiß ersparen kann, weiß ich natürlich nicht. Verrückte These: Ich kann ihr nichts ersparen. Ich kann höchstens meinen kleinen Teil dazu beitragen, dass sie ein selbstbewusster Mensch wird, der seine Grenzen und Möglichkeiten gut kennt. Ich kann ihr zeigen, dass wir schön sind, wie wir sind. Ich kann niemals in ihrer Gegenwart schlecht über meinen Körper und meinen Kopf sprechen. Ich kann sie darin bestärken, „anders“ zu sein, wenn sie das möchte. Ich kann ihr beibringen, wie man ein gutes Gehalt verhandelt und wie man sich nicht dafür rechtfertigt. Ich kann ihr vorleben, dass es sich lohnt, sich für Menschen und Überzeugungen einzusetzen, immer und immer und immer wieder. Ich kann ihr vormachen, wie man trotzig bleibt.

Viel ist das wohl nicht, denke ich. Aber vielleicht ist es ein Anfang.

Lorbeeren für Papi.

Folgendes: Die Milch war alle. Weil ich über die Maßen faul bin, ging ich nicht in den Supermarkt, sondern zum Spätkauf nebenan, um dort eine Million Mark für einen Liter Bio-Milch zu berappen. Die nette Spätkaufdame so: „Wo ist denn Ihr süßes Baby?“ Ich so: „Das ist heut Nachmittag beim Papa.“ Spätkaufdame so: „Oh, das ist ja ganz toll von Ihrem Mann, dass er Ihnen das Kind auch mal abnimmt! Das würde nicht jeder machen! Da haben Sie aber Glück.“ Ich so: „Äh. Hier sind eine Million Mark.“

Beim Verlassen des Spätkaufs brannte mir ad hoc eine Sicherung durch und ich trat gegen die blöde Bierbank vor dem Laden (okay, ganz zaghaft). Weil das nämlich schon das drölfzigste Mal in dieser Woche war, dass mir irgendein Mensch versicherte, ich hätte es ja so unglaublich gut getroffen mit meinem aufopferungsvollen, selbstlosen Mann, dass ich mich quasi vor lauter Dankbarkeit sabbernd zu seinen Füßen winden müsste.

Ja sicher – der Mann ist ein guter Mann, ich hab den ja schließlich nicht nach dem Zufallsprinzip geheiratet (auch wenn es meinen Eltern anfangs so vorgekommen sein muss). Aber dass ihm ständig einer direkt oder indirekt einen Orden verleihen will, sobald er sich um sein Kind kümmert, das bringt mich glatt zum Überschnappen.

Überlegen wir mal – beglückwünscht mich vielleicht jemand dafür, dass ich ein Jahr lang Elternzeit genommen habe? Aus einer gut etablierten Freiberuflichkeit heraus? Mit dem Risiko im Nacken, dass mein Wiedereinstieg ein Fiasko wird? Na, niemand? Schade. Und beglückwünscht jemand den Mann, weil er die bescheuerten zwei „Vätermonate“ macht? Volltreffer. Man sorgte sich in der älteren weiblichen Verwandtschaft sogar um die möglichen „beruflichen Konsequenzen“, die das wohl habe. Hach. Dass ich die meiste Elternzeit nehme, war schlichtweg Ergebnis simpler Rechnerei: Ich bekomme mehr Elterngeld, also war die Zeit-Geld-Relation für uns so einfach am nettesten. Weil wir auf diese Weise viel Zeit zu dritt mit wenig Erwerbstätigkeit haben können. Interessiert aber keinen, der sich gerade daran erwärmt, dass der Mann das Kiddo abends auch mal allein zu Bett bringt (SO ein toller Vater! Schnell, Applaus!).

Und auch sonst: Ich beschwere mich, weil ich in der Nacht 9 Mal vom Kiddo geweckt wurde? Kein Mitleid für mich – ich hab es ja so gewollt. Ich schicke ihn mit dem Kiddo auf den Spielplatz und fahre selbst zum Friseur? Na das ist aber klasse von ihm, dass er Dir so viel ermöglicht. Er ist über Nacht weg, weil er in einer anderen Stadt zu einem Konzert möchte? Verständlich, er muss ja auch mal raus. Ich bin über Nacht weg, weil ich in einer anderen Stadt zu einem Konzert möchte? Wie, er macht das zuhause GANZ allein?! Ach, es gäbe eine Milliarde banaler Beispiele. Ihr habt’s ja kapiert, was ich damit ausdrücken will.

Ich finde es demotivierend, nervtötend und aggressionsfördernd, dass halbwegs engagierte Väter in der öffentlichen Wahrnehmung als Lichtgestalten über Wasser wandeln, während Mütter als Boxsäcke herhalten: Wie, Du stillst nicht? Wie, Du stillst noch? Gehst Du schon wieder arbeiten? Gehst Du immer noch nicht wieder arbeiten? Das Kind soll jetzt schon in die Kita? Das Kind ist immer noch nicht in der Kita? Bist Du verrückt, Dein Kind nicht impfen zu lassen? Bist Du verrückt, Dein Kind impfen zu lassen? – Wie Du es machst, machst Du es falsch. Wer ist schuld, wenn das Kind sich bei Edeka brüllend in die Konserven schmeißt? Na? Die Mama. Und was haben psychopathische Serienmörder meistens? Eine gestörte Mutterbeziehung. Und so weiter.

Schön und gut, höre ich meine innere Stimme sagen, aber dafür können die Väter ja nichts. Dass es ihnen als Heldentat ausgelegt wird, wenn sie sich einigermaßen gleichberechtigt um ihre Kinder kümmern möchten. Tja, nein. Dafür können sie wohl nichts (oder vielleicht doch, aber für solche Fragen bin ich eine zu schlechte Feministin). Ich fände es allerdings ganz wunderbar, wenn mal ein Vater den/die Lobhudler/in situativ darauf hinweisen würde, dass hier gerade mit zweierlei Maß gemessen wird. Wer sich das als Mutter traut, ist ja gleich zickig und wird somit nicht ernst genommen. Okay, so eine väterliche Maßnahme verändert bestimmt nicht die Welt. Für einen gesellschaftlichen Wandel müssen größere Brötchen von offizielleren Instanzen gebacken werden. Aber dieses konkrete Gegenüber denkt vielleicht kurz nach und lobt beim nächsten Mal entweder kein oder beide Elternteile. Wenigstens das. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

 

(Während ich das schreibe, trägt der Mann das brockenschwere Quengel-Kiddo in der Trage draußen herum. Seit einer Stunde. Bei Nieselregen und 8 Grad. Schleichende Schuldgefühle. Der arme Kerl. Ich glaube, mir ist nicht mehr zu helfen.)

 

 

 

Die Prophezeiungen.

Klingt wie der Titel eines sehr langweiligen historischen Romans, oder? Irgendwas mit der katholischen Kirche und einem fiesen Geheimorden. Gemeint sind aber diese in unheilvollem Ton vorgebrachten Weissagungen, die Schwangere und Neu-Eltern quasi minütlich ereilen. Der/die Prophezeiende kann meist eine gewisse Genugtuung nicht verhehlen. So ein Lehrjahre-sind-keine-Herrenjahre-Gesichtsausdruck. Ich habe mir mal in Erinnerung gerufen, was man uns bisher so alles prophezeit hat – und ob es dann auch eingetroffen ist.

 

„Wenn Du stillst, nimmst Du automatisch ab!“

Lasst mich kurz … bahahahahahaaa! Oh Mann, was bin ich da reingefallen! Weil ausnahmslos jede Mutter in meinem weiteren Umfeld behauptet hat, ich könnte stillenderweise essen wie Rainer Calmund, flogen mir in der Schwangerschaft vielleicht ein oder zwei gebratene Täubchen zu viel in den gierigen Schlund. Nach der Entbindung harrte ich vertrauensvoll der zu erwartenden Gewichtsabnahme. Sie kam nicht. Obwohl ich wirklich (!) überschaubare Mengen verspeiste. Nach etwa drei Monaten war mir das dann zu blöd, und ich verspeiste lieber unüberschaubare Mengen. Und auch das blieb ohne Effekt, diesmal erfreulicherweise. Status quo: Ich verspeise beachtliche Mengen, der Zeiger auf der Waage klebt fest und ich übe mich in Zen. Eine von mir dazu interviewte Stillberaterin sagte folgendes: Nicht bei allem Frauen führt das Stillen bei normaler Nahrungsaufnahme zum Gewichtsverlust. Bei einigen bewirkt das Prolaktin auch, dass die Pölsterchen bleiben. Die nehmen dann nach dem Abstillen leichter wieder ab, falls sie das möchten. Gut. Ich bin wohl eine davon. War ja klar.

 

„Geh nicht immer hin, wenn das Baby schreit, es gewöhnt sich sonst daran.“

Guter Witz. Das ist ja auch mein Ziel – das Kiddo soll ja eben nicht denken, es befände sich mutterseelenallein in der sibirischen Tundra. Es soll ja wissen, dass einer kommt, wenn es was hat. Gibt natürlich Leute, die da anders rangehen. Meine Erfahrung bislang: Das Kiddo war und ist sehr dankbar, wenn jemand nach ihm schaut, sobald es weint, und beruhigt sich so viel schneller, als wenn niemand reagiert (einmal ausprobiert und nach 5 Minuten abgebrochen, weil für alle Beteiligten unerträglich). Dass ein Baby zum vielzitierten Tyrannen wird, da glaube ich nicht dran. Unberechenbare Diktatoren mit lachhaften Frisuren mögen Tyrannen sein – aber mein Kind? Not so much.

 

„Von Holzspielzeug hast Du länger was.“

Stimmt. Weil es nämlich nie benutzt wird vom Kiddo. Ich habe mittlerweile einen stattlichen dreistelligen Betrag in wundertolles, altersgerechtes Holzspielzeug investiert. Sieht schnieke aus, wie es so auf dem Dielenboden liegt. Ganz allein. Und unbeachtet. Chancenlos gegen die Stapelbecher von dm und Verpackungsmüll aller Couleur.

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Krokodil: 0. Weichkäse: 1.

 

„Wenn das Baby da ist, ist Dein Hund abgemeldet.“

Come on, Leute! Was ist das denn für ein Quatsch. Ist in meinem Herzen vielleicht ein Wohnraummangel ausgebrochen, ohne dass ich es gemerkt habe? Mir war so, als hätten da sehr viele Menschen und Tiere und Babys drin Platz. Einfach so. Als unsere Hündin vor vier Monaten starb, war da auf einmal eine große Lücke in unserer Familie. Und ich finde es so schade, dass das Kiddo sich nicht an sie erinnern wird.

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Ein Herz auf vier Pfoten.

 

„Am Ende machst Du doch alles.“

Hmpf. Nicht ganz, aber es kommt mir zuweilen so vor.

 

„Eure Wohnung wird mit lauter hässlichem Spielzeug vollgemüllt sein.“

Nein – unsere Wohnung ist, siehe oben, mit ästhetischem Holzspielzeug vollgemüllt. Ich bin mir sicher, da ist noch Luft nach oben, denn das Kiddo beginnt seine Spielzeugkarriere gerade erst. Bislang schmeiße ich all den Kram abends einfach in eine Kiste. Die ist allerdings ein total hässliches Plastikding, was meine Bemühungen um eine schöne Wohnumgebung selbstverständlich konterkariert.

 

„Man kann die Liebe zum Kind nicht beschreiben, wenn man sie nicht erlebt hat.“

Das stimmt. Zumindest für mich. Und es hat mich unverhofft und knallhart erwischt. Ist mir unendlich peinlich, das zu schreiben, aber…mein Herz. Es läuft manchmal tatsächlich über. Vor Liebe. (*würg* Das klingt voll verzuckert)

 

(Und noch eine Anmerkung in eigener Sache: Die fabelhafte Rike Drust hat heute ganz viele neue BesucherInnen hierher geschickt. Das hat mich sehr sehr sehr gefreut – und auch ein bisschen nervös gemacht. Wo ich doch meine Texte nie Korrektur lese. Herzlich Willkommen, neue Menschen!)

Dieses Mütterding.

Nun ist also das Baby da. Hoffentlich wohlbehalten. Man hat sich das vorher alles schon so ausgemalt. Das gemeinsame Staunen über das Wesen, das noch kaum in der Welt angekommen ist. Die vielen ersten Male. Und Mama wird auch noch ein Ich bleiben, und dem Papa vertrauensvoll das kleine Bündel überlassen, während sie mit Freundinnen tiefsinnige Gespräche führt und er wird es fürsorglich mit abgepumpter Muttermilch füttern, weil die ja Das Ultimativ Beste ist. Und klar, man wird sich auch mal streiten, sagen ja auch alle. Schlafmangel und so.

Einmal Vollbremsung, bitte. 7 Monate später.

Nun ist also das Baby da. Schon etwas länger. Und wohlbehalten, Gott sei Dank. Es ist toll, das Baby. Und das Muttersein ist toll. Anstrengend ist es, aber das wusste ich, weil ich Mütterfreundinnen mit Freude an kassandramäßigen Weissagungen habe. Also, unterm Strich: Liebe. Ganz große sogar.

Was mich/uns hingegen kalt erwischt hat, ist dieses komische, ich nenne es mal, Mütterding. Das, von dem ich dachte: Das wird mir nicht passieren. Das wird uns nicht passieren. Wir haben ja keine konservativen Rollenmodelle. Wir sind ja hier gleichberechtigt. Tja – und dann ist es passiert. Anfangs dachte ich, das macht ja nix, das ist nun mal so in den ersten Wochen: Schließlich stille ich, das kann der Mann wohl schlecht. Ganz normal. Und dass ich nachts aufstehe bei vollgekackter Windel, auch normal, ich bin ja schon wach vom Stillen. Ganz normal, dass ich mich in den ersten Wochen so schlecht lösen kann vom Kiddo. Wir hatten ja eine dramatische Geburt. Da will ich sie jetzt besonders fest halten. Wird sich alles regeln. Ganz normal.

Aber es hat sich dann doch nicht ganz so geregelt, wie ich mir das gedacht habe. Warum eigentlich nicht? Warum ist das so, dass ich stillschweigend die Hauptverantwortung für das Kiddo trage? Dass ich die Kinderarzttermine mache, an die Vigantoletten denke (oder sie vergesse) mich in diesen Beikostkram einlese und ihn plane, dem Kiddo jahreszeitlich passende Kleidung kaufe? Warum ist das so, dass der Mann sich ganz selbstverständlich an den Rechner setzt, während ich beflissen frage, ob ich mal eben allein aufs Klo kann?

Vermutlich ist es so, weil ich nicht dauernd und lautstark einfordere, diskutiere, erzwinge. Einfordern fühlt sich so zermürbend an. Zum Beispiel die enorm miese Laune, die der Mann hat, wenn er morgens um 6 mit dem Kiddo aufstehen soll: Zermürbend. Immer darum bitten müssen, dass er mal eben das Kiddo betreut: Zermürbend. Ich muss gestehen – wäre ich in seiner Position, ginge es mir sicher ähnlich. Ich weiß nicht, ob ich mir aktiv Arbeit aufhalsen würde, wenn mein Partner das doch alles so schön macht. Zugegeben: Es wird besser. Ich fordere zähneknirschend mehr, wir reden mehr, der Mann bietet von sich aus mehr an, das Kiddo wird älter und überhaupt. Aber noch spüre ich Schieflage, es geht noch was, es muss.

Es treibt mich um, dieses Mütterding. Viele Gespräche lang. Geht ja nicht nur mir so, sondern auch anderen Frauen. Freundinnen mit durchaus feministischem Anspruch. Das wunderte mich früher immer sehr, so aus der Distanz. Es wundert mich auch jetzt noch, nur dass ich überraschenderweise eben auch eine von denen bin. Bleibt das jetzt für ewig so? Können wir uns doch noch vollständig gleichberechtigen? Wie macht man sowas? Hege ich Illusionen? Hat jemand Antworten, Tipps, Erfahrungen?