Lieber unbekannter Vater,

der Du heute früh bei dm neben mir an der Kasse gestanden und Deine Einkäufe verpackt hast. Dein Kind saß im Kinderwagen, meins daheim bei seinem Papa. Beide waren wir schon früh unterwegs, wie so viele Eltern, beide trugen wir eine gewisse Müdigkeit in den Augenfalten. Wir kennen uns nicht. Aber Du hättest mir fast den Tag versaut.

Als wir so einträchtig nebeneinander unseren Kram verstauen, komme ich nicht umhin, einen neugierigen Blick auf Deine Einkäufe zu werfen. Das ist wie Nasepopeln – jeder macht es, keiner gibt es zu. Einen nette Auswahl hast Du da, hätte theoretisch auch meine sein können: Die tolle, aber arschteure Babylotion mit weißer Malve von Weleda, Stilleinlagen für Deine Frau, Bio-Fencheltee, Bio-Stilltee, Ecover Vollwaschmittel, einen Alana-Body aus Wolle/Seide. Schicke Sache. Kudos, Mann.

Von meinem Kassenband rutscht heute eine Auswahl, die dem gutbügerlich-alternativen Elter die Brauen hochzieht: Drei Gläschen HiPP Spaghetti Bolognese, weil das die einzige Fertigkost ist, die das Kiddo zuweilen als Notfall-Lunch akzeptiert, während ich Tiefkühlpizza esse. Solche Tage gibt es bei uns. Nicht oft, aber es gibt sie. Vielleicht kennst Du das ja. Hirsekringel für die Spielgruppe liegen außerdem auf dem Band, weil die anderen Kinder die auch essen, und weil das Kiddo die sonst skrupellos beklaut. Diese Obst-Quetschtütchen für unterwegs, weil das Kiddo mit denen einigermaßen sauber snacken kann. Ich gebe zu, ich bin nicht so die Wechselklamotten-Mom mit australiengroßer Wickeltasche. Liegt daran, dass ich das Kiddo meist in der Trage dabei habe und nicht noch mehr Ladung schaffe. Last but not least, zwei Früchteriegel Apfel-Banane für unsere seltenen, aber inbrünstig gehassten Autofahrten. Ja, als Bestechung. Ja, sowas mache ich.

Als ich hochschaue, ertappe ich Dich dabei, wie Du meinen Einkauf genauso neugierig inspizierst wie ich Deinen. Ich muss grinsen und nicke Dir zu. Du lächelst ein Lächeln, das Deine Augen verfehlt und sagst mit diesem komisch verzogenen Gesicht den Satz, der mir voll in mein müdes Gesicht klatscht: „Aber Du weißt schon, dass Selberkochen nicht soooo viel Arbeit macht, oder?“

BÄM. Mein Mund schaltet kurzerhand auf Autopilot und entscheidet sich für Deeskalation und guten Willen: „Ach weißt Du, wir waren über die Feiertage so viel auf Reisen. Da haben wir unser ganzes Unterwegs-Zeug aufgebraucht. Das musste ich jetzt mal nachkaufen. Auf Vorrat quasi.“ Ich schaue Dir ins Gesicht und erblicke: absolute Verständnislosigkeit. Eine Spur Herablassung. Vielleicht ist es auch mehr als eine Spur.

Ich sag Dir ehrlich – wäre ich nicht ganz so erschöpft gewesen, ich hätte es dabei belassen. Hätte ich nicht vier kranke Wochen, 1.800 Kilometer auf der Autobahn und enorm anstrengende Feiertage hinter mir, ich hätte nichts gesagt. So allerdings gewinnt meine Selbstachtung:

„Aber eigentlich geht Dich das einen Scheißdreck an.“

Ich lasse Dich stehen. Und fühle mich besser.

Diese Dinge habe ich gekauft. Verklagt mich doch.

Diese Dinge habe ich gekauft. Verklagt mich doch.

Advertisements

Ein Mädchen.

„Ich kann es noch nicht beschwören, aber wie es aussieht, bekommen Sie ein kleines Mädchen!“ Die Frauenärztin schaut mich erwartungsvoll an. „Oh“, sage ich. „Scheiße“, denke ich.

Aus Gründen, die sich mir selbst im Nachhinein nicht mehr erschließen, war ich überzeugt, einen männlichen Fötus zu beherbergen. Ich hätte wissen müssen, dass ich falsch liege. In solchen halb-spirituellen intuitiven Dingen liege ich immer falsch. Nun. Also ein Mädchen. Ich löse meinen Blick vom Monitor, der eine komische kleine Kartoffel mit puckerndem Herzen zeigt, und sehe der Frauenärztin ins Gesicht. „Toll. Ein Mädchen“, sage ich apathisch, und sie lächelt. Den Mann schaue ich nicht an, aber ich spüre, dass er ebenfalls lächelt. Warum auch immer.

Auf dem Heimweg bleibe ich stumm. Die erklärenden Sätze, die ich in meinem Kopf forme, klingen allesamt undankbar oder neurotisch oder beides. Schließlich habe ich auf Nachfrage immer behauptet, es sei mir schnurz, welches biologische Geschlecht das Kind habe, meinetwegen könne es auch gar keins haben. Das war gelogen. Ganz hinten im Kopf habe ich mir einen Jungen gewünscht. Ohne jemals darüber nachzudenken, damit meine naive Wunschblase nicht platzt. Es dauert ein paar Tage, bis ich meine Enttäuschung dem Mann gegenüber artikulieren kann. Der Mann ist nicht enttäuscht und auch nicht überrascht oder sonstwas – der freut sich einfach. Ich staune, weil er anscheinend so gar keine heimlichen Erwartungen gehegt hat. Einige weitere Tage vergehen, und dann freue mich mich mit, weil da echt ein Kind kommt, wirklich zu uns kommt, endlich unterwegs ist, und wir es nun mit Namen nennen können.

Warum ich kein Mädchen wollte, das muss ich wahrscheinlich erklären. Muss ich nicht, aber ich will es erklären, weil ich es wichtig finde. Die kürzeste und unbedarfteste Fassung lautet: Ich will „das“ nicht für mein Kind. Das, was das Mädchensein, und später das Frausein, fast zwingend mit sich bringt. Das, was ich am eigenen Leib und Herzen erfahre, wie so viele andere Mädchen und Frauen vor mir und mit mir.

Mein Mädchen, meine Tochter, mein Kiddo, ist in eine Welt geboren, die Frauen nicht besonders mag. Nehmen wir mal den Arbeitsmarkt. Da werden Frauen offenbar nicht geschätzt. Wie sonst können wir es erklären, dass wir auch heute noch 22% weniger Geld für die gleiche Arbeit bekommen als Männer? Wie sonst können wir es erklären, dass Frauen der Zugang zu Machtpositionen mit mehr und minder subtilen Mitteln verstellt wird? Wie sonst können wir es erklären, dass es mehr erfolgreiche Studentinnen als Studenten an den Unis gibt, letztere aber am Ende die schicken Vorstandsjobs absahnen? Wie sonst können wir erklären, dass die unendlich wichtigen Pflegeberufe, die hauptsächlich Frauen ausüben, so schlecht entlohnt werden? Und das sind nur wenige, willkürliche Beispiele.

Der Beruf ist also ein Lebensaspekt, der mit großer Wahrscheinlichkeit dem Mädchen-Kiddo weniger Chancen bietet als einem Jungs-Kiddo. Aber sonst ist doch alles supi, so im Privaten, ja? Nein. Ist nicht supi. Ein Mädchenhirn zu haben ist eine Sache – aber dazu gehört ja meist ein Mädchenkörper. Und auch der wird in unserer Gesellschaft nicht respektiert. Wie sonst können wir es erklären, dass der weibliche Körper als halböffentliches Eigentum durchgeht, das nach Herzenslust kommentiert, beglotzt und sogar angefasst werden darf? Wie sonst können wir es erklären, dass die Fallrate von Vergewaltigungen, die vor Gericht verhandelt UND verurteilt werden, im einstelligen Prozentbereich liegt? Wie sonst können wir es erklären, dass schon die Figuren kleiner Mädchen als Projektionsfläche für vermeintliche Schönheitsnormen dienen? Wieder sind dies nur wenige, willkürlich gewählte Beispiele.

Ja nun – aber in der Familie, da sind wir doch heute gleichberechtigt? Da machen doch die PartnerInnen unter sich aus, wie sie ihre Lohn- und Familienarbeit verteilen möchten? Hm, nein. Wie es scheint, wird der weibliche Einsatz auch hier nicht angemessen honoriert. Wie sonst können wir es erklären, dass Frauen im Haushalt trotz eigener Erwerbstätigkeit deutlich mehr arbeiten als Männer? Wie sonst können wir es erklären, dass die Frauen, die viel Sorgearbeit verrichten, weil der Gatte eben mehr Geld verdient (da schließt sich ein Kreis), dafür mit Altersarmut bestraft werden? Gleichberechtigung in der Partnerschaft: Das ist ein so komplexes Thema, dass es eigentlich viel mehr Platz braucht.

Die Köpfe und Körper von Mädchen und Frauen müssen eine Menge Druck aushalten. Sie werden kategorisiert, bewertet, geformt. Auch wenn sie noch ganz, ganz klein sind. In den letzten 11 Monaten wurde ich zum Beispiel mehrfach darauf hingewiesen, dass meine Tochter ja „sehr wild sei für ein Mädchen“, dass ich sie ja gar nicht anzöge „wie ein Mädchen“ oder dass sie bestimmt mal „den Jungs den Kopf verdrehen wird mit ihren großen Augen“. Dieses ganze Elend der Geschlechterstereotype funktioniert, möchte ich hinzufügen, natürlich auch wunderbar in die andere Richtung, wie glücklich scheitern hier eindrucksvoll beschreibt.

Auch scheint es eine seltsame Front in vielen Köpfen zu geben, die heißt „Mädchenmütter vs. Jungsmütter“. Da werden Phrasen gedroschen, dass es nur so kracht: Mädchen sind viel emphatischer und sowieso „einfacher“ zu erziehen, die Jungs können hingegen auch mal was ab, Mädchen sind aber auch so empfindlich, Jungs sind so laut, bla bla bla blaaaaa. Ich muss immer sehr an mich halten, um der Gesprächspartnerin keine Kopfnuss zu verpassen und zu brüllen „Ey, jetzt hör doch mal auf mit dem Scheiß!!!11!!“ Denn Scheiß ist es. Scheiß, der unsere Kinder verformt und maßregelt, beschränkt und verletzt.

Wie ich meiner Tochter den Mädchenscheiß ersparen kann, weiß ich natürlich nicht. Verrückte These: Ich kann ihr nichts ersparen. Ich kann höchstens meinen kleinen Teil dazu beitragen, dass sie ein selbstbewusster Mensch wird, der seine Grenzen und Möglichkeiten gut kennt. Ich kann ihr zeigen, dass wir schön sind, wie wir sind. Ich kann niemals in ihrer Gegenwart schlecht über meinen Körper und meinen Kopf sprechen. Ich kann sie darin bestärken, „anders“ zu sein, wenn sie das möchte. Ich kann ihr beibringen, wie man ein gutes Gehalt verhandelt und wie man sich nicht dafür rechtfertigt. Ich kann ihr vorleben, dass es sich lohnt, sich für Menschen und Überzeugungen einzusetzen, immer und immer und immer wieder. Ich kann ihr vormachen, wie man trotzig bleibt.

Viel ist das wohl nicht, denke ich. Aber vielleicht ist es ein Anfang.

Lorbeeren für Papi.

Folgendes: Die Milch war alle. Weil ich über die Maßen faul bin, ging ich nicht in den Supermarkt, sondern zum Spätkauf nebenan, um dort eine Million Mark für einen Liter Bio-Milch zu berappen. Die nette Spätkaufdame so: „Wo ist denn Ihr süßes Baby?“ Ich so: „Das ist heut Nachmittag beim Papa.“ Spätkaufdame so: „Oh, das ist ja ganz toll von Ihrem Mann, dass er Ihnen das Kind auch mal abnimmt! Das würde nicht jeder machen! Da haben Sie aber Glück.“ Ich so: „Äh. Hier sind eine Million Mark.“

Beim Verlassen des Spätkaufs brannte mir ad hoc eine Sicherung durch und ich trat gegen die blöde Bierbank vor dem Laden (okay, ganz zaghaft). Weil das nämlich schon das drölfzigste Mal in dieser Woche war, dass mir irgendein Mensch versicherte, ich hätte es ja so unglaublich gut getroffen mit meinem aufopferungsvollen, selbstlosen Mann, dass ich mich quasi vor lauter Dankbarkeit sabbernd zu seinen Füßen winden müsste.

Ja sicher – der Mann ist ein guter Mann, ich hab den ja schließlich nicht nach dem Zufallsprinzip geheiratet (auch wenn es meinen Eltern anfangs so vorgekommen sein muss). Aber dass ihm ständig einer direkt oder indirekt einen Orden verleihen will, sobald er sich um sein Kind kümmert, das bringt mich glatt zum Überschnappen.

Überlegen wir mal – beglückwünscht mich vielleicht jemand dafür, dass ich ein Jahr lang Elternzeit genommen habe? Aus einer gut etablierten Freiberuflichkeit heraus? Mit dem Risiko im Nacken, dass mein Wiedereinstieg ein Fiasko wird? Na, niemand? Schade. Und beglückwünscht jemand den Mann, weil er die bescheuerten zwei „Vätermonate“ macht? Volltreffer. Man sorgte sich in der älteren weiblichen Verwandtschaft sogar um die möglichen „beruflichen Konsequenzen“, die das wohl habe. Hach. Dass ich die meiste Elternzeit nehme, war schlichtweg Ergebnis simpler Rechnerei: Ich bekomme mehr Elterngeld, also war die Zeit-Geld-Relation für uns so einfach am nettesten. Weil wir auf diese Weise viel Zeit zu dritt mit wenig Erwerbstätigkeit haben können. Interessiert aber keinen, der sich gerade daran erwärmt, dass der Mann das Kiddo abends auch mal allein zu Bett bringt (SO ein toller Vater! Schnell, Applaus!).

Und auch sonst: Ich beschwere mich, weil ich in der Nacht 9 Mal vom Kiddo geweckt wurde? Kein Mitleid für mich – ich hab es ja so gewollt. Ich schicke ihn mit dem Kiddo auf den Spielplatz und fahre selbst zum Friseur? Na das ist aber klasse von ihm, dass er Dir so viel ermöglicht. Er ist über Nacht weg, weil er in einer anderen Stadt zu einem Konzert möchte? Verständlich, er muss ja auch mal raus. Ich bin über Nacht weg, weil ich in einer anderen Stadt zu einem Konzert möchte? Wie, er macht das zuhause GANZ allein?! Ach, es gäbe eine Milliarde banaler Beispiele. Ihr habt’s ja kapiert, was ich damit ausdrücken will.

Ich finde es demotivierend, nervtötend und aggressionsfördernd, dass halbwegs engagierte Väter in der öffentlichen Wahrnehmung als Lichtgestalten über Wasser wandeln, während Mütter als Boxsäcke herhalten: Wie, Du stillst nicht? Wie, Du stillst noch? Gehst Du schon wieder arbeiten? Gehst Du immer noch nicht wieder arbeiten? Das Kind soll jetzt schon in die Kita? Das Kind ist immer noch nicht in der Kita? Bist Du verrückt, Dein Kind nicht impfen zu lassen? Bist Du verrückt, Dein Kind impfen zu lassen? – Wie Du es machst, machst Du es falsch. Wer ist schuld, wenn das Kind sich bei Edeka brüllend in die Konserven schmeißt? Na? Die Mama. Und was haben psychopathische Serienmörder meistens? Eine gestörte Mutterbeziehung. Und so weiter.

Schön und gut, höre ich meine innere Stimme sagen, aber dafür können die Väter ja nichts. Dass es ihnen als Heldentat ausgelegt wird, wenn sie sich einigermaßen gleichberechtigt um ihre Kinder kümmern möchten. Tja, nein. Dafür können sie wohl nichts (oder vielleicht doch, aber für solche Fragen bin ich eine zu schlechte Feministin). Ich fände es allerdings ganz wunderbar, wenn mal ein Vater den/die Lobhudler/in situativ darauf hinweisen würde, dass hier gerade mit zweierlei Maß gemessen wird. Wer sich das als Mutter traut, ist ja gleich zickig und wird somit nicht ernst genommen. Okay, so eine väterliche Maßnahme verändert bestimmt nicht die Welt. Für einen gesellschaftlichen Wandel müssen größere Brötchen von offizielleren Instanzen gebacken werden. Aber dieses konkrete Gegenüber denkt vielleicht kurz nach und lobt beim nächsten Mal entweder kein oder beide Elternteile. Wenigstens das. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

 

(Während ich das schreibe, trägt der Mann das brockenschwere Quengel-Kiddo in der Trage draußen herum. Seit einer Stunde. Bei Nieselregen und 8 Grad. Schleichende Schuldgefühle. Der arme Kerl. Ich glaube, mir ist nicht mehr zu helfen.)

 

 

 

Lasst uns über Brüste sprechen.

Reißerische Headlines kann ich ja schon von Berufs wegen. Es geht, Ihr ahnt es, um das Stillen. Oh, dieses Stillen! Ein Quell endloser Diskurse, Rechtfertigungen und moralischer Zeigefingersituationen. Wie man’s macht, macht man’s offenbar verkehrt.

Stillt die Frau gar nicht, muss sie sich dafür vor aller Welt erklären. Eine Freundin von mir wurde mehrfach (!) auf offener Straße gefragt, wieso sie ihrem Kind nicht die Brust gibt, als sie das Fläschchen zückte. Weil – eine gute Mutter stillt ja. Muttermilch ist DAS TOTAL ALLERBESTE für ein Baby. Wer so selbstbezogen ist, seinem Kind diese magische Wundernahrung vorzuenthalten, fahre sofort zur Mütterhölle!

Stillt die Frau aber nun zu lange, ist das auch nicht in Ordnung. Ein 18 Monate altes Kind (oder ein Dreijähriges *Schock*) noch zu stillen – das ist ja pervers! Die Frau kann sich ja nicht lösen! So eine Egoistin. Das Kind wird am Ende mindestens zum psychopathischen Serienmörder mit Brustfixierung, oder noch schlimmer, landet in HartzIV.

Der gesellschaftlich akzeptable Weg des Stillens sieht anscheinend so aus: 6 Monate Vollstillen wegen Immunsystem, das ist aber dafür ein Muss. Und dann subito Abstillen auf Flaschennahrung. Oder für die Weicheier unter uns: Noch ein bisschen weiterstillen bis zum 1. Geburtstag, aber dann ist auch wirklich Schluss. Und: Bitte nicht so indiskret in der Öffentlichkeit, geht doch bitte mit Euren aufdringlichen Brüsten auf öffentliche Toiletten oder in ein schönes Gebüsch.

Seufz. SEUFZ. Warum  ist es denn nicht möglich, Mütter unbehelligt ihren eigenen Weg gehen zu lassen, wie auch immer der aussehen mag? Muss man einen (*hust* gewaltfreien) Lebens-/Familienentwurf, der anders funktioniert als der eigene oder der mainstreamigste, gleich als Affront missdeuten? Der Mutterkörper gilt ja ohnehin als öffentliches Eigentum. Und die Mutterseele gleich mit.

Ich möchte hier gern unsere Stillgeschichte teilen, einfach so. Weil ich diese persönlichen Berichte selbst immer hilfreich fand, und tröstend und aufbauend.

Processed with VSCOcam with b1 preset

Stillen am Gletschersee. Könnte schlimmer sein.

Vor der Geburt: Hm, Stillen. Ist mir ein bisschen unheimlich. Irgendwie komme ich mir jetzt schon so vereinnahmt vor. Aber ok, ich mach das ein paar Monate, für das Baby. Und die ganzen Kuchenkilos verschwinden ja angeblich durch das Stillen auch wieder (Spoiler: Dem war nicht so).

1 Stunde nach der langen und sehr anstrengenden Geburt, die in einem Notkaiserschnitt endete: Erstes Mal anlegen. Habe gelesen, dass man das möglichst bald machen soll. Kann mich kaum bewegen. Wie soll ich das Kiddo denn am besten hinlegen? Es ist noch so klein. Schließlich scheint es zu trinken. Das tut irre weh.

24 Stunden nach der Geburt: Das Kiddo schreit vor Hunger, das Anlegen klappt nicht. Die Schwestern auf der Station geben mir widersprüchliche Anweisungen. Eine nimmt einfach meine Brust und stopft sie dem Kiddo in den Mund. Das ist so demütigend, und es hilft gar nicht. Dezente Vorwürfe. Ich bin verzweifelt, das Kiddo sowieso, meine Brustwarzen schmerzen wie die Hölle. Blutig sind sie auch.

3 Tage nach der Geburt: Das Kiddo schreit immer noch. Kein Milcheinschuss in Sicht (was mir niemand sagte: das dauert nach einem Kaiserschnitt manchmal ’n paar Tage länger). Ich habe panische Angst vor jeder neuen Mahlzeit. Ich will das nicht mehr machen, es soll bitte jemand kommen und mir bestätigen, dass es okay ist, wenn ich jetzt abstille. Abends entlasse ich mich selbst aus der Klinik. Daheim googele ich erstmal. Finde die asymmetrische Anlegetechnik, die mir etwas Erleichterung verschafft.

3 Wochen nach der Geburt: Langsam wird’s besser. Wunden sind fast verheilt, Schmerzen lassen nach. Schön finde ich das Stillen aber nicht. Die Innigkeit, von der alle reden, stellt sich nicht ein. Mir hängt quasi rund um die Uhr ein Kind am Oberkörper, aber auf eine stressige Art. Immerhin, das Kiddo bekommt genug Nahrung und nimmt zu. Ich habe immer noch viele Fragen und gehe zu einer Stillgruppe.

3 Monate nach der Geburt: Wir sind ein routiniertes Stillteam geworden. Die Stillgruppe war ja gar keine Sekte! Nicht mal dogmatisch oder belehrend, sondern sehr hilfreich. Und erstaunlich tolle Mütter waren da auch. Die behalte ich. Das Stillen als solches ist meist unspektakulär, ich mach es halt. Oft fühle ich mich angebunden, weil das Kiddo jede Flasche verweigert. Das mühsam abgepumpte Zeug vergammelt im Gefrierfach. Noch 3 Monate, denk ich mir. Das reicht dann aber auch.

 6 Monate nach der Geburt: Ich wollte ja eigentlich abstillen. Hm. Jetzt wo es gerade irgendwie schön wird. Das Kiddo zeigt deutlich, dass ihm das Stillen etwas bedeutet. Es fängt an, sich dabei anzukuscheln. Kommt zur Ruhe, sucht Trost. Das rührt mich. Ich habe das Gefühl, ihr etwas ganz Wichtiges wegzunehmen, wenn ich jetzt abstille. Und vielleicht nehme ich auch mir etwas weg?

8,5 Monate nach der Geburt: Das ist heute. Wir stillen noch. Und ja, doch – ich finde das oft schön. Unter anderem, weil es sich freiwilliger und selbstbestimmter anfühlt. Das Kiddo isst nämlich mittlerweile auch andere Dinge und lässt sich gern vom Mann füttern, wenn ich ein paar Stunden raus möchte. Ich werde jetzt öfter mal gefragt, wie lange ich denn noch stillen will. Wenn ich sage, dass ich das nicht weiß, werden gelegentlich die Brauen gelüpft.

Ich habe mich nie und nimmer als „Langzeitstillerin“ gesehen, aber ich ertappe mich jetzt dabei, wie ich ebendiese verteidige. Und ebenso patzig verteidige ich die Frauen, die gar nicht stillen. Weil ich zu dem Schluss gekommen bin, dass das keinen was angeht, ob und wie lange wir unsere Kinder stillen. Wenn das Kiddo noch mit zwei Jahren zum Aufwachen oder Einschlafen die Brust möchte und ich das in Ordnung finde – wer hat denn bitte das Recht, darüber zu urteilen? Ich freu mich schon fast auf die Diskussionen.

Unsere Stillgeschichte ist also noch nicht am Ende, vorerst. Ich werde hier immer wieder einmal berichten, wie es weitergeht mit dem Kiddo und dem Busen. Vielleicht ist ja eine geplagte Mom da draußen, die gerade ihre wunden Nippel verflucht und dies hier gern lesen möchte.

Apropos lesen: Es gibt nicht nur hilfreiche, sondern auch brüllend komische Bücher (na gut, eins) zum Thema Stillen. „Mein Jahr als Säugetier“ von Theresa Thönissen hat meinen Beckenboden zum Wackeln und das in der Trage schlafende Kiddo zum Aufwachen gebracht – ich hätte mir vor Lachen fast in die Hose gepinkelt. Sehr ehrlich und sehr wahr!

Und nun zum, öh, Serviceteil (nein, wir sind immer noch nicht fertig!):

Wenn es gar nicht klappt mit dem Busenwunder, Du aber gern stillen möchtest und Dir keine Hilfe weißt: Eine Stillberaterin kann die Rettung sein. Gibt es bei der LLL oder der AFS (ehrenamtlich) oder auch beim Berufsverband (professionell). Wer keine Stillberaterin auftreiben kann oder keine braucht, aber einfach grundsätzlich viele Fragen hat, dem wird hier virtuell und kompetent geholfen.

Mit dem Nicht-Stillen kenn ich mich naturgemäß nicht so aus, aber der Vollständigkeit halber sei das Buch „Wie, Du stillst nicht“ erwähnt, das oben genannte Freundin gern gelesen hat.

Bei Schmerzen/Wundsein ist Lansinoh Salbe ein Klassiker. Gut fand ich auch die kühlenden MultiMam-Kompressen. Klingt öko, hilft aber: Nach dem Stillen den Speichel vom Baby und die Muttermilchreste auf dem Nippel trocknen lassen – das gilt jedoch nicht, wenn Du oder Dein Baby unter Soor leidet. Luft ist generell hilfreich, auch wenn ich es immer total panne fand, barbusig in der Gegend rumzusitzen. Damit die Kleidung nicht an den geschundenen Uschis festklebt, kann man sich einen Brustwarzenschutz in den BH legen.

Und mein Fazit? Stillen ist ein Geschenk ans Kind. Das heißt, es sollte freiwillig gegeben werden, nicht erzwungen. Und es ist bei weitem nicht das einzige, wichtigste, unverzichtbarste Geschenk, das eine Mutter ihrem Baby machen kann. Brust raus oder Brust rein? Geht einfach keinen was an.

 

 

Realitätsüberprüfung.

Bei uns um die Ecke gibt es so einen Laden, der nennt sich „Sozialkaufhaus“. Wer viel oder genug Geld hat, kann dort Kleidung, Möbel oder Haushaltssachen abgeben. Wer wenig oder gar kein Geld hat, kann dort ebendiese umsonst oder gegen kleine Spende bekommen.

Heute morgen bin ich mit einem großen Karton unter dem Arm da rein. Das Kiddo wächst wie jedes Baby in Lichtgeschwindigkeit aus ihren Klamöttchen raus, und das Zeug stapelt sich daheim. Außerdem habe ich, weil ich so ein Ratgebergeek bin, noch etliche Schwangerschaftsbücher abzugeben. Da ist es doch besser, der Kram landet bei Menschen, die ihn gut gebrauchen können. Denke ich so bei mir.

Als ich der Mitarbeiterin im Laden den überquellenden Karton in den Arm drücke, ergibt sich zufällig ein kurzer Blickkontakt mit einer anderen Frau, die sich gerade ein paar Kindersachen mitnimmt. Dafür muss sie ihre Hartz IV-Bescheinigung vorzeigen. Ihr Baby liegt im Kinderwagen und schläft. Sie lächelt ganz zaghaft und sieht dann weg. Ich lächele zurück und erschrecke gleichzeitig, denn die Frau hat ein zugeschwollenes Auge, es ist rot-blau angelaufen. Sie ist mit Sicherheit nicht die Treppe heruntergefallen.

Ja ich WEISS, das klingt jetzt nach RTLII-Scripted-Reality. Und häusliche Gewalt ist ja kein Monopol des sogenannten Prekariats. Aber so steht sie halt da, mit ihrem in die Jahre gekommenen, ganz liebevoll dekorierten Kinderwagen. Ganz schöne Scheißsituation, um ein Baby zu bekommen. Kein Geld, also angewiesen auf Spenden anderer Leute, und dann noch nen Aggro-Typen daheim. Kann mir schwer vorstellen, dass der auf Familienbett steht, sie im Wochenbett gepflegt hat oder mal das weinende Kind nachts herumträgt. Mir wird eng in der Brust, wenn ich mir das so für mich selbst vorstelle. Ob sie ihrem Kind schon mal ein Spielzeug oder Kleidung gekauft hat, die sie selbst richtig schön fand? Spekulation.

Ich verlasse den Laden und fühle mich bescheuert. Gerade noch dümpelte ich gemütlich in meiner Filterblase durch den Kiez – das Kiddo in seinen gemütlichen Wolle-Seide-Hosen, gut aufgehoben in der schicken Babytrage. Noch schnell den Karton in den Laden bringen und dann noch kurz zum Bioladen…am Arsch!

In Momenten wie diesen wird mir schmerzhaft klar, wie privilegiert ich bin – auch und vor allem in meiner Mutterrolle. Ich bin gut ausgebildet, verdiene ganz okay, kann mir Zugang zu allen Informationen verschaffen, die ich so brauche. Ich wurde als Kind gefördert, lieb gehabt, beschützt. Ich weiß, wohin ich mich wenden muss, wenn ich mit irgendwas Hilfe brauche. Ich kann meinem eigenen Kind von dieser Basis aus einen guten Lebensanfang ermöglichen, denke ich. Und das ist ein dickes, fettes Privileg.

Bei dem Gedanken an die Frau und ihr Baby werde ich sauer und traurig. Weil denen viel weniger Türen offen stehen als mir. Ihr Kind wird, statistisch gesehen, die schlechtere Ausbildung bekommen, über weniger Geld und weniger gesellschaftliche Teilhabe verfügen als mein Kind. Und in der nächsten Generation geht es mit großer Wahrscheinlichkeit so weiter. Parallelwelten. Überschneidungen gibt wohl eher sporadisch. Im Bioladen treffe ich diese beiden jedenfalls bestimmt nicht. Und auch nicht beim Stilltreff. Dort sitzen großteils die spätgebärenden Akademikerinnen mit Ökotick – solche wie ich.

Zum zigsten Mal wünsche ich mir das bedingungslose Grundeinkommen – dafür würde ich gern mehr Steuern zahlen. Schließlich könnte auch ich mal darauf angewiesen sein, freiwillig oder zwangsläufig. Ich wünsche mir dazu eine grundlegende Neubewertung von (Sorge-)Arbeit und Leistungsethos. Wünsche mir mehr Verteilungsgerechtigkeit, ganz naiv. Darf ich mich überhaupt über „die Zustände“ empören? Hat das nicht auch was gönnerhaftes – mit meinem Karton voller abgelegter Babysachen kommen ich mir plötzlich so koloninalherrenmäßig vor. Ich frage mich, was ich wirklich tun kann. Mit Kleiderspende kann es ja nicht getan sein. Wie engagiere ich mich? Also so, dass es wirklich produktiv ist. Sollte ich das nicht von selbst wissen? Gedankensalat in meinem Kopf, Gefühlssalat im Herzen.

Ich gehe weiter zum Bioladen. Und schäme mich dafür.

Dieses Mütterding.

Nun ist also das Baby da. Hoffentlich wohlbehalten. Man hat sich das vorher alles schon so ausgemalt. Das gemeinsame Staunen über das Wesen, das noch kaum in der Welt angekommen ist. Die vielen ersten Male. Und Mama wird auch noch ein Ich bleiben, und dem Papa vertrauensvoll das kleine Bündel überlassen, während sie mit Freundinnen tiefsinnige Gespräche führt und er wird es fürsorglich mit abgepumpter Muttermilch füttern, weil die ja Das Ultimativ Beste ist. Und klar, man wird sich auch mal streiten, sagen ja auch alle. Schlafmangel und so.

Einmal Vollbremsung, bitte. 7 Monate später.

Nun ist also das Baby da. Schon etwas länger. Und wohlbehalten, Gott sei Dank. Es ist toll, das Baby. Und das Muttersein ist toll. Anstrengend ist es, aber das wusste ich, weil ich Mütterfreundinnen mit Freude an kassandramäßigen Weissagungen habe. Also, unterm Strich: Liebe. Ganz große sogar.

Was mich/uns hingegen kalt erwischt hat, ist dieses komische, ich nenne es mal, Mütterding. Das, von dem ich dachte: Das wird mir nicht passieren. Das wird uns nicht passieren. Wir haben ja keine konservativen Rollenmodelle. Wir sind ja hier gleichberechtigt. Tja – und dann ist es passiert. Anfangs dachte ich, das macht ja nix, das ist nun mal so in den ersten Wochen: Schließlich stille ich, das kann der Mann wohl schlecht. Ganz normal. Und dass ich nachts aufstehe bei vollgekackter Windel, auch normal, ich bin ja schon wach vom Stillen. Ganz normal, dass ich mich in den ersten Wochen so schlecht lösen kann vom Kiddo. Wir hatten ja eine dramatische Geburt. Da will ich sie jetzt besonders fest halten. Wird sich alles regeln. Ganz normal.

Aber es hat sich dann doch nicht ganz so geregelt, wie ich mir das gedacht habe. Warum eigentlich nicht? Warum ist das so, dass ich stillschweigend die Hauptverantwortung für das Kiddo trage? Dass ich die Kinderarzttermine mache, an die Vigantoletten denke (oder sie vergesse) mich in diesen Beikostkram einlese und ihn plane, dem Kiddo jahreszeitlich passende Kleidung kaufe? Warum ist das so, dass der Mann sich ganz selbstverständlich an den Rechner setzt, während ich beflissen frage, ob ich mal eben allein aufs Klo kann?

Vermutlich ist es so, weil ich nicht dauernd und lautstark einfordere, diskutiere, erzwinge. Einfordern fühlt sich so zermürbend an. Zum Beispiel die enorm miese Laune, die der Mann hat, wenn er morgens um 6 mit dem Kiddo aufstehen soll: Zermürbend. Immer darum bitten müssen, dass er mal eben das Kiddo betreut: Zermürbend. Ich muss gestehen – wäre ich in seiner Position, ginge es mir sicher ähnlich. Ich weiß nicht, ob ich mir aktiv Arbeit aufhalsen würde, wenn mein Partner das doch alles so schön macht. Zugegeben: Es wird besser. Ich fordere zähneknirschend mehr, wir reden mehr, der Mann bietet von sich aus mehr an, das Kiddo wird älter und überhaupt. Aber noch spüre ich Schieflage, es geht noch was, es muss.

Es treibt mich um, dieses Mütterding. Viele Gespräche lang. Geht ja nicht nur mir so, sondern auch anderen Frauen. Freundinnen mit durchaus feministischem Anspruch. Das wunderte mich früher immer sehr, so aus der Distanz. Es wundert mich auch jetzt noch, nur dass ich überraschenderweise eben auch eine von denen bin. Bleibt das jetzt für ewig so? Können wir uns doch noch vollständig gleichberechtigen? Wie macht man sowas? Hege ich Illusionen? Hat jemand Antworten, Tipps, Erfahrungen?