Darf es etwas mehr sein?

(Diesen Text möchte ich meinem Bruder widmen. Es wäre so viel scheißer ohne Dich.)

2013-03-18 20.24.12

 

Ob wir schon Nummer 2 planen? „Nummer … ach so, ein zweites Kind. Ja. Nee. Eigentlich nicht.“

So oder ähnlich diffus fällt meine Antwort aus, wenn mich jemand fragt, wann bei uns denn Nummer 2 anstünde. Dass es um ein Wann geht, nicht um ein Ob, setzen die Fragenden selbstverständlich voraus (Nummer 2 … wie so ne Warencharge). Vielleicht sind zwei Kinder für die meisten Menschen das Normale.

Und ja, irgendwo in einer sehr geheimen, nur mir zugänglichen Gedankenkammer meines Enddreißigerhirns wohnen nicht nur zwei, sondern sogar drei Kinder. Tatsächlich, so ist es. Die drei Kinder in der Gedankenkammer haben mit meiner Lebensrealität rein gar nichts zu tun; sie existieren in einem Paralleluniversum, in dem ich vom Schreiben leben kann wie Gott in Frankreich, und das auf einem herrlichen alten Bauernhof im Voralpenland. Dort scheint immer die Sonne, niemand hat jemals Magen-Darm und die drei Kinder schlafen zwar nicht durch, wecken mich aber nachts maximal durch wohliges Kuscheln und Seufzen, bevor sie friedlich wieder einnicken. In der Gedankenkammer wohnt außerdem eine Version des Mannes, die allzeit heiter und außerdem wahnsinnig belastbar ist, große Lust auf Großfamilie verspürt und von einem unbekannten amerikanischen Onkel eine Million geerbt hat. Schön, gell? Und so realitätsfern.

Weiterlesen

Die Hölle, das sind die anderen.

2015-05-17 09.51.35

Angeblich ist Karstadt insolvent. Oder fast. Kann ich gar nicht glauben, wo doch gerade so viele Leute durch die Schwingtüren des Warenhauses ein und aus gehen, an einem ganz normalen Dienstagnachmittag. Seit bestimmt 15 Minuten stehen die Türen nicht still. Ich weiß das so genau, weil ich vom Mittelstreifen der vierspurigen Straße aus einen herrlichen Blick auf den Haupteingang habe. Leider hat der Haupteingang auch einen herrlichen Blick auf mich, was vor allem die Menschen zu schätzen wissen, die dort an der Haltstelle stehen und auf ihren Bus warten. Es ist nämlich so: Ich bin hier gerade die Hauptattraktion. Nicht, weil ich weltberühmt bin, oder wunderschön, oder ein Einhorn. Nein. Das Aufsehenerregende an mir befindet sich zu meinen Füßen, ist keinen Meter lang und brüllt seit einer Viertelstunde, als gäbe es kein Morgen. Es handelt sich nicht um einen pubertierenden Orang-Utan.

Weiterlesen

Unterwegs: Im Kaiserinnenreich.

Vor einigen Tagen erhielt ich eine Einladung, über die ich mich ganz besonders gefreut habe, denn es handelt sich hier um eine ausgesprochen noble Adresse: Das Kaiserinnenreich.

Für Mareice habe ich über die erste Begegnung mit ihrer behinderten Tochter geschrieben.

Überraschend für mich war, und das fand ich erst beim Schreiben heraus, dass sich einfach nicht die richtigen Worte einstellen wollten. So viele Gedanken, und dann war jeder Satz, den ich in die Tastatur tippte, blöd und belanglos. Nach einigen Tagen des Haareraufens habe ich aber doch noch ein paar zusammenhängende Absätze zustande gebracht.

Und überhaupt – wer das Kaiserinnenreich und seine drei Regentinnen nicht kennt, sollte das auf der Stelle nachholen. Essen, pinkeln gehen oder Abgabefristen einhalten kann man auch später noch.

Körper. Bilder.

little kiddo-mom

Weil ich faul bin, meistens, und uninspiriert, manchmal, mache ich es mir leicht und beginne mit der Arbeit einer anderen. Auf Zehenspitzen schrieb kürzlich in „Medialer postpartum Fleischmarkt“ über die pseudojournalistische Verwurstung des königlichen Körpers von Herzogin Kate. Die hat bekanntermaßen erst vor wenigen Wochen entbunden.

Davon abgesehen, dass ich den Begriff „After-Baby-Body“ so sehr hasse wie kaum einen anderen, machten mich die verlinkten Artikel schon wieder so wütend. Schon wieder, weil ich es doch eigentlich besser wissen müsste: Frauenkörper sind mediales Freiwild. Und wütend, weil ich es einfach nicht mehr hören und lesen kann, obwohl ich es besser weiß: Frauen sind meistens zu fett oder befinden sich in der schlimmen Gefahr, demnächst fett zu werden. Und wenn sie nicht fett sind, haben sie asymmetrische Brüste oder schiefe Beine, sind zu groß oder zu klein oder weisen andere Makel auf, die sich im besten Fall mit ein paar modischen Kniffen „kaschieren“ lassen. Ach ja, „kaschieren“: Hasse ich fast ebenso dolle wie „After-Baby-Body“. Manchmal, und das meine ich ernst, habe ich große Lust, aus Protest fett zu werden. Fett und laut und leckt mich doch alle am Arsch.

Weiterlesen

Elternprekariat.

Es soll Eltern geben, deren Familienleben ist eine einzige Zauberwolke aus Vintagemöbeln, Wolle-Seide und Superfoods. Da gibt es auf Instagram und den Blogs allerlei schöne Dinge zu bewundern. Lustig geformte Glühbirnen an bunten Textilkabeln über sorgsam verwetzten Eichentischen. Eine Küche voller Jacobsen-Stühle; auf mindestens zweien sitzen stilsicher gekleidete Kinder, die mit trendigem Kupferbesteck säuberlich ihre Edamame picken. Strahlende, locker bleibende Mütter in authentisch zerrissenen Jeans, die das Elternleben so sehr lieben, jeden Tag. Und der Urlaub war so wunder-wunder-wunderschön.

Dieses Glück, überall und ständig. Da zählen die kleinen Unannehmlichkeiten des Kinderhabens doch gar nicht.

Weiterlesen

Die Brigitte schießt sich ins Bein.

Holy Shit! Da sind ja gar keine Glitzerponysticker auf meinem Rechner! Bin ich vielleicht gar nicht Mutter?

Holy Shit! Da sind ja gar keine Glitzerponysticker auf meinem Rechner! Bin ich vielleicht gar nicht Mutter?

Na sowas! Die Brigitte macht jetzt auch auf Clickbaiting*. Anders kann ich mir diesen Artikel nicht erklären**. In „Mütter als Kolleginnen? Mehr Fluch als Segen!“ lamentiert Marion Hackl auf maximal unreflektierte Weise über diese schrecklichen Frauen, die trotz Kind tatsächlich eine Erwerbstätigkeit auf professioneller Augenhöhe anstreben. Egoistinnen! Und dann nerven die Muttis ihre vielbeschäftigten KollegInnen mit diesen Kitazeiten und diesem Ponyreiten und diesen Kinderfotos. Urgh. Frau Hackl klingt im Angesicht dieser Zumutungen ausgesprochen nölig.

Hackls Lösung: Mütterarbeitsplätze! Das sind quasi Katzentische im Büro, wo Mütter (nicht Eltern! Mütter!) im Kreise ihrer Genossinnen solcherlei Arbeiten ausführen dürfen, die für die richtigen MitarbeiterInnen zu unwichtig sind. Ein Ghetto aus dm-Tüten und Dinkelstangen und Windelgeruch.

Blöd ist nur: Hackl hat anscheinend so gar nicht verstanden, wie strukturelle Diskriminierung funktioniert. Das ist natürlich ungünstig in dem Job (zur Strafe: ab auf den Mütterarbeitsplatz!). Da sollte man sich vielleicht mal mit einem Moment Recherche belasten.

Auch nicht verstanden hat sie folgenden fun fact: Mütter werden ja gar nicht von ganz allein zu Müttern***. Dafür braucht es ja auch noch einen Vater. Huch! Kriegt der dann einen Väterarbeitsplatz? Ach nein, der ist ja Geschäftsführer. Oder Abteilungsleiter. Oder was man in der Hackl’schen Welt als Mann eben zu sein hat. Der Vater existiert im Büro selbstverständlich nicht als Vater, sondern als Arbeitnehmer, liebe Freunde. Der kann das professionell trennen und muss nicht alle Welt mit seinem Brechdurchfall langweilen.

Überraschung, Frau Hackl: ArbeitnehmerInnen werden Eltern. Frauen und Männer werden zu Müttern und Vätern. Und wollen und müssen und sollen trotzdem arbeiten. Ja, obwohl sie Kinder großziehen. Ja, obwohl sie Verpflichtungen haben, die mit Ihrem persönlichen, unflexiblen, verknöcherten Arbeitsentwurf kollidieren. Damit müssen Sie leben. Damit müssen Arbeitgeber leben. Damit muss die Gesellschaft leben.

Kapiert das doch endlich, Ihr Dinosaurier.

(Ich habe zu dem Thema auch schon alles gesagt, eigentlich.)

*Wer Brigitte keine Clicks vom Kiddo schenken möchte, kann den Kram auch googeln

**Der Ursprungsartikel wurde von der Brigitte-Redaktion entfernt. Auf Facebook entschuldigt man sich für die Unannehmlichkeiten. Damit Ihr nachvollziehen könnt, was in dem Artikel stand, hier eine kurze Zusammenfassung in meinen Worten als Gedächtnisprotokoll: Die Autorin ist genervt von Müttern als Kolleginnen. Denn Mütter sind dauernd krank, oder ihre Kinder sind es, oder die Kita streikt. Wenn die Kita nicht streikt, müssen sie trotzdem pünktlich gehen. Oft sind sie müde und unkonzentriert, weil das Kind schlecht geschlafen oder Magen-Darm hat. Außerdem organisieren sie all den Kinderkram von der Arbeit aus: Ponyreiten und Kinderarzt und all that jazz. Und dann nerven Mütter auch alle anderen mit blöden Anekdoten und blöden Kinderfotos. Kurzum: Sie sind mit dem Hirn nicht hundertprozentig im Job und maximal unflexibel. Deshalb sollte es „Mütterarbeitsplätze“ geben. Dort trägt man dann dieser gesellschaftlichen Last Rechnung. Weil Mütter eben keine Leistungsbringer sind. All das entspringt den subjektiven beruflichen Beobachtungen der Autorin. Der Artikel ist nicht etwa Satire, sondern versteht sich als eine Art sarkastisch formulierter Standpunkt. Sprachlich ist er an mehr als einer Stelle deutlich abwertend gegenüber seinem Sujet. Die inhaltliche Seite habe ich bereits oben besprochen.

***Der Ursprungsartikel geht von der heterosexuellen Kleinfamilie aus

Wie wir einmal unseren Kitaplatz aufgaben.

Ich bin übrigens die, die im 6. Schwangerschaftsmonat eine Excel-Tabelle über in Frage kommende Kitas geführt hat. Ich bin die, die nach der Geburt sorgfältige Pläne über künftige Arbeitszeiten und Wiedereinstiegsoptionen für den Mann und mich erstellte. Ich bin die, die alle Hände über dem Kopf zusammenschlug, wenn eine hochschwangere Freundin gestand, noch bei keiner einzigen „Einrichtung“ angerufen zu haben.

Jetzt bin ich die ohne Kitaplatz.

Und das kam so: Wir bewarben uns schon in der Schwangerschaft bei etlichen Kitas, auf den dringenden Rat einer Freundin hin. Und zwar nur bei ziemlich großen Kitas. Auf den Rat ebendieser Freundin hin, die uns gruselige Geschichten über die ewigen Schließzeiten, den dauernden Elternzwist und die ständigen Notfälle kleiner Einrichtungen und Kinderläden erzählte. Brrrr, nein, das wollten wir nicht. Grundsatzdiskussionen über Plastikspielzeug oder Nachtisch? Na Danke. Da profitierten wir doch lieber vom Wissen der Eingeweihten. Also hörten wir auf die Freundestipps und schrieben wir uns auf zwei Handvoll Wartelisten ein, mit einem klaren Favoriten. Beim Rest war ich eher indifferent, der Mann jedoch optimistisch.

Tja nun, mit dem klaren Favoriten wurde es für dieses Jahr nichts. Dafür bot uns eine andere Kita einen Platz an, sogar ab Februar. Februar! Wo man uns doch überall versichert hatte, es ginge frü-hes-tens ab August. Und die Leiterin war sehr sympathisch. Richtig gut war die. Das Gebäude hätte schöner sein können, aber den Kindern ist so etwas ja eher wurscht. Die spielen auch auf einem Komposthaufen, wenn man sie lässt (wie jetzt – Eure etwa nicht? Unseres fände auch einen Atomreaktor oder eine Leichenhalle ganz klasse). Also fassten wir uns ein Herz und unterschrieben den Vertrag. Irgendwo in einem finsteren Bauchwinkel meldete sich ein Gefühl. Ein ganz kleines.

Dann kam das Vorgespräch mit der Bezugserzieherin. Wir kamen an und waren nervös – schließlich sollte es wenige Tage später losgehen. Eine große Veränderung, nicht nur für das Kiddo.

Die Erzieherin begrüßte uns an der Tür – nicht aber unsere Tochter. Seltsam, dachte ich. Aber vielleicht war das ja so ein Prinzip wie bei Hunden? Denen soll man zur Begrüßung auch nicht so viel Aufmerksamkeit schenken. Hunde. Hm. Wir setzten uns in einen freien Raum und füllten Zillionen Fragebögen aus. Das Kiddo turnte derweil durch das Zimmer, immer noch weitgehend ignoriert von der Frau, die bald eine enge Bindung zu ihm aufbauen würde. Hm. Aber wann eigentlich?

Einige irritierende Kommentare der Erzieherin, die ich hier nicht wortwörtlich wiedergeben möchte, gaben dem Gefühl im finsteren Bauchwinkel ein wenig Nahrung.

Abends sagte ich zum Mann, ich hätte da kein gutes Mojo. Der Mann warf mir Dramatik und Negativität vor. Einige Tage später brachen Vater und Kind morgens zur Kita auf. Eingewöhnung! Yay! Ich saß am Schreibtisch und dachte unentwegt an die beiden. Sicher würde unser Kiddo mit seinem unkomplizierten Gemüt schnell Anschluss finden. Und ich bin nun mal gelegentlich etwas melodramatisch.

Es geschah dann aber vielmehr so, dass das Kiddo von seiner „Bezugserzieherin“ nicht wirklich beachtet wurde. Bindungsaufbau? Hallo? War da nicht was? Lange Rede, kurzer Sinn: Das änderte sich dann auch nicht mehr. Unsere Tochter, die fast jeden Menschen mag und deren Herz man in 10 Minuten gewinnen kann, wenn man denn möchte, machte einen zunehmend unglücklichen Eindruck. Und aus meinem kleinen Gefühl im finsteren Bauchwinkel wurden große, fiese Bauchschmerzen.

Also taten wir, was wir tun mussten: Wir kündigten den Vertrag.

Und jetzt? Jetzt sind wir wieder auf Null. Ich telefoniere täglich Kinderläden und sympathische Kitas und Tagesmütter durch. Wenn ich Glück habe, werde ich nur bemitleidet, wenn ich Pech habe, ausgelacht. Ich weiß nicht mehr, auf wie vielen Wartelisten wir mittlerweile stehen oder auch nicht. Ich weiß nur: Wir haben keine Kinderbetreuung und es ist auch keine in Sicht. Wie wir das hinkriegen sollen? Keine Ahnung.

Sind wir eigentlich bescheuert, unseren Kitaplatz einfach so wieder aufgegeben zu haben? Vielleicht. Würden wir es wieder so machen? Auf jeden Fall.

P.S. Liebe nette Kitas und Tagesmütter in Berlin Kreuzberg-Neukölln-in-der-Nähe. Solltet Ihr zufällig noch ein richtig liebes, einjähriges Mädchen mit einigermaßen unnervigen Eltern aufnehmen wollen, dann meldet Euch bitte. Und jeder sonst, der nen Tipp hat: meldet Euch bitte. Ja, ich weiß – ich muss schon selbst lachen, während ich das gerade tippe. Die Hoffnung stirbt halt zuletzt.

Kind? Oder Karriere? Oder und?

Soll ich mich mal hochoffiziell zum Arsch machen? Ja? Wirklich? Na schön: Ich habe früher wahnsinnig ungern mit Müttern zusammengearbeitet. Sehr, sehr ungern. Ich fand das nämlich, sagen wir mal, kompliziert. Diese Teilzeitgeschichten. Der pünktliche Feierabend mitten am Tag. Das ebenso spontane wie unwiderrufliche Fehlen aufgrund von Kinderkrankheiten, von denen ich im Leben noch nie etwas gehört hatte. Hüftschnupfen, R U serious?! Maul-und Klauenseuche?! Geh mir fort.

Ich sag ja – Arsch. Und dumm. Und hochmütig. Was mir ja offenbar lange nicht in den Sinn kam, war der Zweifel am System. Da mussten erst eine Handvoll Freundinnen Mütter werden und vor meinen Augen vergeblich mit dem Vereinbarkeitsmythos ringen, bis bei mir der Groschen fiel: Oh, Kollege Supertexter ist vor einer Woche Vater geworden? Oh, der ist schon wieder im Büro? Oh, der nimmt gar keine Elternzeit? Oh, der macht ja Überstunden wie sonst auch? Oh, das findet ja gar niemand seltsam oder gar total ätzend? Ja nee, das findet keiner total ätzend, weil es nämlich gesellschaftlich total anerkannt ist, dass der Mann sich unterm Schreibtisch verkriecht, während die Kindesmutter zuhause Doppelschichten schiebt. Und dann noch gedankliche Arschtritte von Leuten wie mir kassiert, wenn sie sich erdreistet, in Teilzeit wieder in den Job zurückzukehren.

Weiterlesen

Von Busen und Menschen.

Bevor ich Euch den Text aufdränge, der zu dieser unglaublich stilvollen Headline gehört, erlaube man mir eine kurze Anmerkung: Der Beitrag ist kürzlich auch online bei Eltern erschienen, und zwar dort, im Rahmen der „Initiative für gesunden Mutterverstand“. Ich habe hier schon einmal über das Thema Stillen geschrieben und tue es wieder, weil mir die möpslich-mütterliche Selbstbestimmung ebenso am Herzen liegt wie ein allgemeines elterliches „live and let live“. Ich meine – hey, wir wischen allesamt regelmäßig Kotze und Rotze weg, stehen nachts kniebeugend mit weinenden Kleinkindern im Flur herum und überstehen total verbimmelt die pseudowichtige Telefonkonferenz. Das reicht doch echt an Stress (und ja, ich bin trotzdem manchmal besserwisserisch und finde andere Eltern kacke. Ich bin ein Mensch, kein Cyborg.)

Initiative für gesunden Mutterverstand

Oberweite. Busen. Möpse. Hupen. You name it. Es ist keine allzu gewagte These, wenn ich behaupte, dass die weibliche Brust im Allgemeinen mit wohlwollendem Interesse betrachtet wird. Frau kann sie via Kleidung wie Kunstwerke ausstellen, komische Gipsabdrücke davon machen, sie vergrößern oder verkleinern, sie beim Fotografen ihres Vertrauens für die Ewigkeit festhalten lassen, oder sie einfach freundlich ignorieren. All das ist in Ordnung bis ganz toll. Brüste sind super. Außer – ja außer, die Frau möchte zum Beispiel ein Kleinkind damit ernähren. Dann sind sie irgendwie suspekt bis eklig.

Weiterlesen

Lieber unbekannter Vater,

der Du heute früh bei dm neben mir an der Kasse gestanden und Deine Einkäufe verpackt hast. Dein Kind saß im Kinderwagen, meins daheim bei seinem Papa. Beide waren wir schon früh unterwegs, wie so viele Eltern, beide trugen wir eine gewisse Müdigkeit in den Augenfalten. Wir kennen uns nicht. Aber Du hättest mir fast den Tag versaut.

Als wir so einträchtig nebeneinander unseren Kram verstauen, komme ich nicht umhin, einen neugierigen Blick auf Deine Einkäufe zu werfen. Das ist wie Nasepopeln – jeder macht es, keiner gibt es zu. Einen nette Auswahl hast Du da, hätte theoretisch auch meine sein können: Die tolle, aber arschteure Babylotion mit weißer Malve von Weleda, Stilleinlagen für Deine Frau, Bio-Fencheltee, Bio-Stilltee, Ecover Vollwaschmittel, einen Alana-Body aus Wolle/Seide. Schicke Sache. Kudos, Mann.

Von meinem Kassenband rutscht heute eine Auswahl, die dem gutbügerlich-alternativen Elter die Brauen hochzieht: Drei Gläschen HiPP Spaghetti Bolognese, weil das die einzige Fertigkost ist, die das Kiddo zuweilen als Notfall-Lunch akzeptiert, während ich Tiefkühlpizza esse. Solche Tage gibt es bei uns. Nicht oft, aber es gibt sie. Vielleicht kennst Du das ja. Hirsekringel für die Spielgruppe liegen außerdem auf dem Band, weil die anderen Kinder die auch essen, und weil das Kiddo die sonst skrupellos beklaut. Diese Obst-Quetschtütchen für unterwegs, weil das Kiddo mit denen einigermaßen sauber snacken kann. Ich gebe zu, ich bin nicht so die Wechselklamotten-Mom mit australiengroßer Wickeltasche. Liegt daran, dass ich das Kiddo meist in der Trage dabei habe und nicht noch mehr Ladung schaffe. Last but not least, zwei Früchteriegel Apfel-Banane für unsere seltenen, aber inbrünstig gehassten Autofahrten. Ja, als Bestechung. Ja, sowas mache ich.

Als ich hochschaue, ertappe ich Dich dabei, wie Du meinen Einkauf genauso neugierig inspizierst wie ich Deinen. Ich muss grinsen und nicke Dir zu. Du lächelst ein Lächeln, das Deine Augen verfehlt und sagst mit diesem komisch verzogenen Gesicht den Satz, der mir voll in mein müdes Gesicht klatscht: „Aber Du weißt schon, dass Selberkochen nicht soooo viel Arbeit macht, oder?“

BÄM. Mein Mund schaltet kurzerhand auf Autopilot und entscheidet sich für Deeskalation und guten Willen: „Ach weißt Du, wir waren über die Feiertage so viel auf Reisen. Da haben wir unser ganzes Unterwegs-Zeug aufgebraucht. Das musste ich jetzt mal nachkaufen. Auf Vorrat quasi.“ Ich schaue Dir ins Gesicht und erblicke: absolute Verständnislosigkeit. Eine Spur Herablassung. Vielleicht ist es auch mehr als eine Spur.

Ich sag Dir ehrlich – wäre ich nicht ganz so erschöpft gewesen, ich hätte es dabei belassen. Hätte ich nicht vier kranke Wochen, 1.800 Kilometer auf der Autobahn und enorm anstrengende Feiertage hinter mir, ich hätte nichts gesagt. So allerdings gewinnt meine Selbstachtung:

„Aber eigentlich geht Dich das einen Scheißdreck an.“

Ich lasse Dich stehen. Und fühle mich besser.

Diese Dinge habe ich gekauft. Verklagt mich doch.

Diese Dinge habe ich gekauft. Verklagt mich doch.