Doppelleben.

2010-11-17 19.43.49

 

Ich stand mal in Kalifornien in der Wüste. Anza Borrego Desert State Park. Windstille, Flimmern, unglaubliche Weite, das Universum sang leise, hoch über mir und um mich herum. Die gleiche Leere stellte sich ein, wenn ich in den letzten Monaten an diesen Blog dachte.

Wann schreibst Du mal wieder was, fragen Menschen auf Instagram. Ich lese Dich so gern, wann schreibst Du wieder was, fragen Menschen per Mail. Was ist los, wann schreibst Du wieder mal was, fragen Menschen im echten Leben. Ich bin baff über so viel freundliche Großzügigkeit, denn ganz ehrlich, ich rechne nicht damit, dass Menschen an meine Texte denken, wenn sie sie nicht gerade lesen. Und dann fühle ich mich immer ein bisschen mies, weil ich nichts schreibe. Doch ja, ich komme noch zum Punkt, wait for it.

Tatsache ist: Ich schreibe. Nur eben nicht hier. Seit einem guten Jahr gibt es Schattentiere. Dort erzähle ich von meinem Leben als offiziell Verrückte. Bisher habe ich das anonym getan, aber ich habe keinen Bock mehr auf Heimlichkeit. Das, was in meinem Kopf nicht dem Mainstream entspricht, gehört zu mir. Das bin ich. Nicht nur, aber auch.

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Das Mädchen mit dem bösen Gesicht.

2017-06-02 12.43.06

„So klein und schon so ernst.“

„Guck doch nicht so böse!“

„Kann die auch lachen?“

„Die ist aber skeptisch!“

„Schon eher ein verschlossenes Kind, oder?“

„Lach doch mal!“

„Na Kleene, so wird dit später aba nüscht mit die Jungs.“

 

Ja, Menschen sagen diese Dinge zu meiner Tochter und über meine Tochter. Nein, das habe ich nicht erfunden. Tatsächlich war „skeptisch“ immer schon das, was Leuten als erstes einfällt, wenn sie mein Kind anschauen. Und dann klingt es ja auch gar nicht fies. Ist gar nicht böse gemeint, nee nee. Skeptisch guckte die Tochter anscheinend schon mit wenigen Wochen, glaubt man wildfremden Menschen an der Supermarktkasse. Und den Damen bei unserem Kinderarzt. Und irgendwelchen Spielplatzeltern. Und Verkäufer*innen und Passanten und Obdachlosen im Park. Skeptisch, böse, unlustig. Und wissta was: Ich kann’s nicht mehr hören. Ich kann es verdammt nochmal nicht mehr hören.  Weiterlesen

Fegefeuer, Marshmellowland.

bubbles

Triggerwarnung: Es wird flauschig.

Jawohl, ich liebe mein Kind. Die ein oder andere mag das sicher gar nicht glauben, weil ich mich doch andauernd über Kind und Schlaf, Kind und Brüllen, Kind und Karriere beklage. Das liegt aber weniger am Kind, eher liegt es an meinem von Natur aus grumpy Charakter. Ich bin Grumpy Cat.

Aber. Jedoch. Las ich gerade drüben beim Runzelfüßchen einen Text, der wiederum eine Replik auf diesen Text beim Stern ist (Spoiler: Kinderhaben ist geil vs. Kinderhaben ist saumäßig anstrengend). Und ja, Kinderhaben ist saumäßig anstrengend. Die Menschen, die hier mitlesen, wissen das, denen geht es nämlich auch so, dass sie gelegentlich heulend mit einem Glas Nutella/Schnaps auf dem Klo sitzen, weil das der einzige Raum ist, der sich noch abschließen lässt.

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94.608.000 Sekunden

2015-05-17 09.51.35

Jetzt. Jetzt vor 3 Jahren bist Du in meiner Welt angekommen. Deiner, unserer. Jetzt vor 3 Jahren habe ich Dich zum ersten Mal berührt. Große Augen, still suchend, das weiche Licht in dem viel zu kleinen Zimmer. Alles ist Bett, und in dem Bett sind wir. Deine Hebamme hat uns aus dem OP gestohlen und versteckt. Damit wir uns in Ruhe kennenlernen können. Aber wir kannten uns ja schon.

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Seifenblasen.

 

stormiscoming

Ich möchte in einer unsichtbaren Blase wohnen. Oder in einer sichtbaren Blase, Hauptsache ist: es kommt niemand rein. Bitte alle raus aus meinem Tanzbereich, der sich im Radius eines halbgestreckten Arms um mich herum befindet; wir kennen das aus Dirty Dancing. Im Tanzbereich soll es bitte ganz still sein, oder wahlweise soll laute Musik darin spielen. Meine Musik, nur meine, und ich tanze allein.

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Geisterstunde.

2016-10-14-18-22-46

„Komm, wir machen eine Kerze an“, hätte sie gesagt und die Heizung noch ein bisschen weiter aufgedreht.

Heute ist der Geburtstag meiner Großmutter. Sie ist vor 6 Jahren gestorben, aber es ist (ist!) immer noch ihr Geburtstag. Überhaupt fällt es mir schwer zu sagen: Sie war. Weil sie für mich: ist. Sie ist der Fels für die Brandung in meinem Kopf. Sie ist das Adamantium, das mich inmitten nuklearer Explosionen zusammenhält, wie Wolverine; das ist übrigens sehr cool. Sie ist also da, aber dann auch wieder nicht, nicht genug, immer nur so um Haaresbreite an meinen Fingerspitzen vorbei, immer nur so ein Windstoß. Das reicht nicht, aber es muss ja.

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Ohne Worte.

Die Bahn fährt gerade in den Tunnel, als ich die Treppen zum Gleis hinabsteige. In 7 Minuten kommt erst die nächste. Ferienfahrplan und alles. Ich schlendere die U-Bahnstation entlang, wenigstens ist es hier unten schön kühl.

Patsch, macht es plötzlich. Ich schaue mich um. Sehe eine Frau auf der Wartebank sitzen, ein Kleinkind im Buggy vor sich. Neben ihr ein Typ, ins Handy vertieft.

Patsch, macht es wieder, und diesmal sehe ich: Die Frau schlägt ihrem Kind auf sein nacktes Bein. Ich rücke unauffällig näher. So nah, dass ich in normaler Lautstärke zu der Frau sprechen könnte, sollte ich das denn wollen. Oder wagen.

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Zieh Dich schon mal aus…

2015-09-11 10.46.40

 

Wie ich einmal versuchte, romantisch zu sein.

Es ist noch nicht sehr lange her, da torkelte ich aus dem Büro nach Hause, halb wahnsinnig vor Müdigkeit und dem Verlangen nach Weizentoast mit Erdnusscreme und Nutella. Mein Heimweg führt an einem Pornokino-Sexshop-Laden vorbei, dessen verblichene Sarah Young-Poster im Schaufenster mich rühren. Als ich mich gerade fragte, wie der Laden in dieser hippen Nachbarschaft überhaupt bestehen kann, weil da nie einer reingeht, ging direkt vor meiner Nase einer rein. Oder besser gesagt, zwei. Ein Paar. Und ich erlitt prompt einen Schock, als ich feststellte: Ich kenne dieses Paar! Aus dem Erste-Hilfe-Kurs für Babys. Die haben ein Kind in unserem Alter. Und jetzt gehen die ins Pornokino!? Abends und allein?! Okay, das Kind hätten sie wohl so oder so nicht mitgenommen. Aber: Die gehen ins Pornokino, ey! Die haben Sex! Oder zumindest die Absicht!

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Kinder machen glücklich? Nope.

2016-01-06 18.22.29

Back in the days of 1992 hat mein 14-jähriges Ich einmal eine zweifelhafte Entscheidung getroffen: Dauerwelle. Noch am selben Tag habe ich das bitter bereut. Eine Zeitmaschine wünschte ich mir, mit jeder Faser meines pubertierenden Herzens.

Bereut habe ich auch, dass ich, ebenfalls im schicksalhaften Jahr 1992, mit meinem gleichaltrigen Freund geschlafen habe, weil ich ihn „halten wollte“. Es war richtig, richtig scheiße und tat sehr, sehr weh. Einige Monate später teilte er mir telefonisch mit, er müsse sich entscheiden: Freundin oder Tennisclub. Für beides reiche die Zeit nicht. Es war das Jahr von Agassis furioser Beinkleidung. Als ich den Telefonhörer auflegte, war ich wieder Single.

Seitdem gab es vieles zu bereuen. Liebschaften, Wohnorte, Berufe, Outfits, Autokäufe, Grausamkeit. Einige Entscheidungen konnte ich rückgängig machen (auch wenn der Dauerwelle eine auberginefarbene Intensivtönung folgen sollte), andere nicht. Ich bedaure oft und lange. Fruchtloses Grübeln über Dinge, die ich möglicherweise in einer anderen Realität hätte besser machen können, ist eine Anti-Superkraft von mir. Ich kann wahnsinnig gut und mit großer Geste unglücklich sein.

Was ich nicht bereut habe, ist meine Tochter. Weiterlesen

Du, Kiddo

Du, Kiddo,

ich muss Dich warnen: Es kann schon sein, dass Du Dich später, irgendwann, in einer oh-so-fernen Zukunft … also, dass Du Dich ein bisschen genieren wirst, wenn Du dies hier liest. Falls Du es noch nicht gemerkt hast – Deine Mom ist eine, die ihr Herz auf der Zunge trägt. Weil es manchmal überquillt, dieses Herz, und dann muss alles raus, in Worte verpackt, oder in Tränen oder in viel zu feste Umarmungen.

Es ist nämlich so, Kiddo: Ich denke gerade an Dich und kann nicht damit aufhören. Dafür gibt es keinen besondereren Grund. Oder vielleicht sehr viele Gründe. Lass uns einfach sagen: Ich denke an Dich, weil Du super bist.

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