Denkfragment #2

Bedürfnis, jetzt.

Beruf und Mutter, Mutter und Beruf: endlose Variationen eines Themas. Wahrscheinlich hätte ich doch Lehrerin werden sollen. Hatte ich ja auch eine Zeitlang vor, aber dann mussten wir im sechsten Semester diese grauenhafte Unterrichtssimulation machen, die vom Professorinnenteam* auf Video aufgezeichnet wurde. Ich schlug mich ganz gut im Angesicht von 40 Pubertierenden. Dachte ich zumindest, bis man mir die Videoauswertung vorführte. Darauf war eine zerraufte, schwitzende Anfangzwanzigerin zu sehen, die unangemessen oft „Scheiße“ sagt.

Weiterlesen

Voll intolerant.

Das ist Ironie. Ironie! Wirklich.

Das ist Ironie. Ironie! Wirklich.

Ich würde gern behaupten, ich sei tolerant in meinen Ansichten. Das scheint grundsätzlich eine erstrebenswerte Charaktereigenschaft zu sein. Dass man ehrlichen Herzens so etwas sagen kann wie: Ich bin okay, Du bist okay. Gut, vielleicht nicht gerade diesen Satz, der kommt straight from 1975. Aber unter Eltern – nein, streichen Sie das – unter Müttern ist es ja nicht selten die gegenseitige Toleranz, die uns fehlt. Mommy Wars und sowas.

Hinsichtlich der üblichen Kampfthemen – stillen, tragen, betten, ernähren, impfen – bin ich nicht sonderlich dogmatisch. Dazu ist mir das alles viel zu wurst. Denn die äußere Struktur des Elternseins sagt so gar nichts über die Beziehung zum Kind aus. Soll doch jede* sich das raussuchen, was jetzt gerade passt und funktioniert. Meist habe ich dazu nur eine milde, diffuse Meinung, eine von der Sorte: „Ah, ok, finde ich jetzt anders irgendwie besser, aus diesen und solchen Gründen, aber für die ist das anscheinend schöner auf jene Art.“

Aber manchmal finde ich andere Eltern einfach nur scheiße. Ja, ist so. Nein, ich will das nicht reflektieren. Weiterlesen

Vom Blues.

IMG_0384

Monate vergingen, es waren 14. Es sind 14, genau heute. Das Kind wurde unter Heulen und Zähneklappern zur Welt gebracht und durch dieselbe getragen, stundenlang. Es wurde und wird gestillt, geliebt und familiengebettet. Soweit, so normal. 14 Monate neues Leben im alten Leben – oder nein, es fing ja schon früher an. Diese Schwangerschaft, die schon so weit weg scheint.

Nächste Woche wird, so Gott denn endlich will, für das Kiddo die Kita beginnen (mal wieder). Und ich arme Törin sitze hier und bin so schlau als wie zuvor. Weil ich nämlich dieser großen Veränderung, von der immer alle reden und von der immer alle behaupten, dass sie mit dem Kind passiere – ja, weil ich der nämlich nicht auf die Spur komme. Hat sich mein Leben verändert? Ja. Ich schlafe weniger, also quasi nie, bin so unspontan wie selten, mache mir dauernd Kindersorgen und Müßiggang ist nicht. Die offensichtlichen Dinge, sie machen auch vor mir nicht halt. Aber hat sich mein Leben verändert? Nein. Ich bin der Mensch, der ich bin, der ich war. Der hat jetzt halt ein Kind.

Weiterlesen

Ein Mädchen.

„Ich kann es noch nicht beschwören, aber wie es aussieht, bekommen Sie ein kleines Mädchen!“ Die Frauenärztin schaut mich erwartungsvoll an. „Oh“, sage ich. „Scheiße“, denke ich.

Aus Gründen, die sich mir selbst im Nachhinein nicht mehr erschließen, war ich überzeugt, einen männlichen Fötus zu beherbergen. Ich hätte wissen müssen, dass ich falsch liege. In solchen halb-spirituellen intuitiven Dingen liege ich immer falsch. Nun. Also ein Mädchen. Ich löse meinen Blick vom Monitor, der eine komische kleine Kartoffel mit puckerndem Herzen zeigt, und sehe der Frauenärztin ins Gesicht. „Toll. Ein Mädchen“, sage ich apathisch, und sie lächelt. Den Mann schaue ich nicht an, aber ich spüre, dass er ebenfalls lächelt. Warum auch immer.

Auf dem Heimweg bleibe ich stumm. Die erklärenden Sätze, die ich in meinem Kopf forme, klingen allesamt undankbar oder neurotisch oder beides. Schließlich habe ich auf Nachfrage immer behauptet, es sei mir schnurz, welches biologische Geschlecht das Kind habe, meinetwegen könne es auch gar keins haben. Das war gelogen. Ganz hinten im Kopf habe ich mir einen Jungen gewünscht. Ohne jemals darüber nachzudenken, damit meine naive Wunschblase nicht platzt. Es dauert ein paar Tage, bis ich meine Enttäuschung dem Mann gegenüber artikulieren kann. Der Mann ist nicht enttäuscht und auch nicht überrascht oder sonstwas – der freut sich einfach. Ich staune, weil er anscheinend so gar keine heimlichen Erwartungen gehegt hat. Einige weitere Tage vergehen, und dann freue mich mich mit, weil da echt ein Kind kommt, wirklich zu uns kommt, endlich unterwegs ist, und wir es nun mit Namen nennen können.

Warum ich kein Mädchen wollte, das muss ich wahrscheinlich erklären. Muss ich nicht, aber ich will es erklären, weil ich es wichtig finde. Die kürzeste und unbedarfteste Fassung lautet: Ich will „das“ nicht für mein Kind. Das, was das Mädchensein, und später das Frausein, fast zwingend mit sich bringt. Das, was ich am eigenen Leib und Herzen erfahre, wie so viele andere Mädchen und Frauen vor mir und mit mir.

Mein Mädchen, meine Tochter, mein Kiddo, ist in eine Welt geboren, die Frauen nicht besonders mag. Nehmen wir mal den Arbeitsmarkt. Da werden Frauen offenbar nicht geschätzt. Wie sonst können wir es erklären, dass wir auch heute noch 22% weniger Geld für die gleiche Arbeit bekommen als Männer? Wie sonst können wir es erklären, dass Frauen der Zugang zu Machtpositionen mit mehr und minder subtilen Mitteln verstellt wird? Wie sonst können wir es erklären, dass es mehr erfolgreiche Studentinnen als Studenten an den Unis gibt, letztere aber am Ende die schicken Vorstandsjobs absahnen? Wie sonst können wir erklären, dass die unendlich wichtigen Pflegeberufe, die hauptsächlich Frauen ausüben, so schlecht entlohnt werden? Und das sind nur wenige, willkürliche Beispiele.

Der Beruf ist also ein Lebensaspekt, der mit großer Wahrscheinlichkeit dem Mädchen-Kiddo weniger Chancen bietet als einem Jungs-Kiddo. Aber sonst ist doch alles supi, so im Privaten, ja? Nein. Ist nicht supi. Ein Mädchenhirn zu haben ist eine Sache – aber dazu gehört ja meist ein Mädchenkörper. Und auch der wird in unserer Gesellschaft nicht respektiert. Wie sonst können wir es erklären, dass der weibliche Körper als halböffentliches Eigentum durchgeht, das nach Herzenslust kommentiert, beglotzt und sogar angefasst werden darf? Wie sonst können wir es erklären, dass die Fallrate von Vergewaltigungen, die vor Gericht verhandelt UND verurteilt werden, im einstelligen Prozentbereich liegt? Wie sonst können wir es erklären, dass schon die Figuren kleiner Mädchen als Projektionsfläche für vermeintliche Schönheitsnormen dienen? Wieder sind dies nur wenige, willkürlich gewählte Beispiele.

Ja nun – aber in der Familie, da sind wir doch heute gleichberechtigt? Da machen doch die PartnerInnen unter sich aus, wie sie ihre Lohn- und Familienarbeit verteilen möchten? Hm, nein. Wie es scheint, wird der weibliche Einsatz auch hier nicht angemessen honoriert. Wie sonst können wir es erklären, dass Frauen im Haushalt trotz eigener Erwerbstätigkeit deutlich mehr arbeiten als Männer? Wie sonst können wir es erklären, dass die Frauen, die viel Sorgearbeit verrichten, weil der Gatte eben mehr Geld verdient (da schließt sich ein Kreis), dafür mit Altersarmut bestraft werden? Gleichberechtigung in der Partnerschaft: Das ist ein so komplexes Thema, dass es eigentlich viel mehr Platz braucht.

Die Köpfe und Körper von Mädchen und Frauen müssen eine Menge Druck aushalten. Sie werden kategorisiert, bewertet, geformt. Auch wenn sie noch ganz, ganz klein sind. In den letzten 11 Monaten wurde ich zum Beispiel mehrfach darauf hingewiesen, dass meine Tochter ja „sehr wild sei für ein Mädchen“, dass ich sie ja gar nicht anzöge „wie ein Mädchen“ oder dass sie bestimmt mal „den Jungs den Kopf verdrehen wird mit ihren großen Augen“. Dieses ganze Elend der Geschlechterstereotype funktioniert, möchte ich hinzufügen, natürlich auch wunderbar in die andere Richtung, wie glücklich scheitern hier eindrucksvoll beschreibt.

Auch scheint es eine seltsame Front in vielen Köpfen zu geben, die heißt „Mädchenmütter vs. Jungsmütter“. Da werden Phrasen gedroschen, dass es nur so kracht: Mädchen sind viel emphatischer und sowieso „einfacher“ zu erziehen, die Jungs können hingegen auch mal was ab, Mädchen sind aber auch so empfindlich, Jungs sind so laut, bla bla bla blaaaaa. Ich muss immer sehr an mich halten, um der Gesprächspartnerin keine Kopfnuss zu verpassen und zu brüllen „Ey, jetzt hör doch mal auf mit dem Scheiß!!!11!!“ Denn Scheiß ist es. Scheiß, der unsere Kinder verformt und maßregelt, beschränkt und verletzt.

Wie ich meiner Tochter den Mädchenscheiß ersparen kann, weiß ich natürlich nicht. Verrückte These: Ich kann ihr nichts ersparen. Ich kann höchstens meinen kleinen Teil dazu beitragen, dass sie ein selbstbewusster Mensch wird, der seine Grenzen und Möglichkeiten gut kennt. Ich kann ihr zeigen, dass wir schön sind, wie wir sind. Ich kann niemals in ihrer Gegenwart schlecht über meinen Körper und meinen Kopf sprechen. Ich kann sie darin bestärken, „anders“ zu sein, wenn sie das möchte. Ich kann ihr beibringen, wie man ein gutes Gehalt verhandelt und wie man sich nicht dafür rechtfertigt. Ich kann ihr vorleben, dass es sich lohnt, sich für Menschen und Überzeugungen einzusetzen, immer und immer und immer wieder. Ich kann ihr vormachen, wie man trotzig bleibt.

Viel ist das wohl nicht, denke ich. Aber vielleicht ist es ein Anfang.

Seit ich ein Kind habe.

Seit ich ein Kind habe, bin ich ängstlicher. Das Kiddo könnte in meiner Abwesenheit auf diese bösartige Fliesenkante im Bad knallen und verbluten. Dasselbe könnte ihm auch in meiner Anwesenheit passieren. Es könnte eine ganz schlimme Krankheit haben, von der wir noch nichts wissen. Jemand könnte es versehentlich oder absichtlich umbringen. Es könnte später einen oder mehrere Menschen kennenlernen, die ihm das Herz brechen. Ich könnte selbst dieser Mensch sein. Das Kiddo könnte mir verloren gehen oder mit einem Fluch belegt werden. Ich könnte aus dem Fenster fallen und es zur Halbwaise machen. You name it.

Seit ich ein Kind habe, bin ich mutiger. Ich kann nicht mehr dauernd vor aller Unbill weglaufen. Ich muss und will für das Kiddo, für den Mann, für UNS als Familie einstehen und für das, was wir tun und wie wir es tun. Ich muss mich gerade machen und Kommentare teflonmäßig wegstecken. Ich trete meiner sozialen Inkompetenz regelmäßig in den Arsch (auch wenn ich oft heimlich dabei schwitze). Ich gehe auf Menschen zu und öffne ihnen meine Haustür und mein Herz. Ich fasse mir ebenjenes und lasse mir auch mal was sagen. Und wer mir die Butter vom Brot nehmen will, muss neuerdings ganz schön früh aufstehen.

Seit ich ein Kind habe, bin ich gestresster. Ich kann weder in Ruhe aufs Klo noch eine Überweisung tätigen (sofern sie eine IBAN enthält). Ich werde nachts dreitausendmal und morgens zu einer Scheißzeit geweckt. Oft durch Minifaustschläge auf meine geschlossenen Lider. Ich habe ständig Flecken von irgendwas irgendwo. Ich trete im Dunkeln auf Holzbauklötze. Und mit einem Ohr bin ich immer beim Kiddo – eine ununterbrochene Standby-Funktion, die sich nicht ausschalten lässt.

Seit ich ein Kind habe, bin ich entspannter. Ich merke am Nachmittag, dass ich morgens nur ein Auge geschminkt habe? Ach, merkt ja eh keiner. Da klebt Banane in der Kaffeemaschine? Dann kauf ich mir halt einen in der Bäckerei. Taschenfarbe + Jackenfarbe = optische Kernschmelze? Mir doch egal. Das Finanzamt will eine sehr hohe Einkommenssteuernachzahlung? Och.

Seit ich ein Kind habe, bin ich effizienter. Ui, das Kiddo ist eingeschlafen! Während ich die Essensreste vom Küchenboden klaube, mache ich der Kitaleitung am Telefon schöne Augen, schubse mit dem Fuß ein paar Krümel unter den Schrank und stelle die Waschmaschine an. Beim Staubsaugen staubwische ich parallel, mache ein lustiges Foto für Instagram, sammele resigniert das unbenutzte Holzspielzeug ein und richte das Sofa wieder rechtwinklig aus (ein Muss. MUSS. MUSS!!!). Das Kiddo quengelt – fertig. Benötigte Zeit: 27 Minuten. Aber ich bin sicher, da ist noch Luft nach oben.

Seit ich ein Kind habe, bin ich langsamer. Okay, damit habe ich gerechnet. Schließlich haben alle meine FreundInnen vor mir Kinder bekommen. Ich habe mir also schon in diversen Treppenhäusern die Beine in den Bauch gestanden, während oben schwitzende Elternteile mit infernalisch kreischenden Babys rangen (oder rungen?). Aber wie langsam man tatsächlich werden kann, schockiert mich täglich neu. Banale Verrichtungen werden zum Kunstprojekt, wenn man dabei eine Million Mal unterbrochen wird. Ich überlege, mich in Echtzeit beim Spülmaschinenausräumen zu filmen und das 12-stündige Video dann als Performance zu vermarkten.

Seit ich ein Kind habe, bin ich weicher. Vor einigen Wochen wurde in meiner Nachbarschaft ein totes Neugeborenes gefunden. Nicht, dass mir sowas vorher egal gewesen wäre, aber seit das Kiddo auf der Welt ist, beschäftigen mich Ereignisse wie diese wochenlang. Beim Gedanken an dieses arme Geschöpf, dessen Leben in einer Plastiktüte von Lidl endete, muss ich Rotz und Wasser heulen. Oder neulich, als Eltern auf der Straße ihr Kleinkind anschrien, weil es sich nicht schnell genug die Nase geputzt hat (WTF?!). Kinder sind mein neuer soft spot. Und ich kann rein gar nichts dagegen tun.

Seit ich ein Kind habe, bin ich härter. Ständiges Kreisen um Befindlichkeiten und Nichtigkeiten war früher mein allerliebstes Hobby. Heute hab ich da meist keinen Nerv für. Es ist so anstrengend, Geld zu verdienen? Du hast einen schlimmen Kater? Er/Sie/Es hat bei WhatsApp Deine Nachricht gelesen, aber nicht geantwortet? Mein Lieblingspulli ist eingegangen? Jo. Shit happens, ne.

 

Und. Da ist noch was. Eine Kleinigkeit.

Seit ich ein Kind habe, bin ich glücklicher.

Foto 12.11.14 10 01 54

Kitsch. Aber isso.

 

 

 

Liebes Kiddo,

ich wollte eigentlich keine Kinder. Also, sehr lange nicht. Ich konnte mir schlichtweg nicht vorstellen, jemand anderem so viel Energie, Zeit und Liebe zu opfern. Mit Anfang zwanzig sprang mich in allergrößter Verliebtheit einmal der Gedanke an ein Kind an – und dann bekam ich meinen ersten Hund. Zwei Tage nach Einzug der freundlichen Hundedame war jeglicher Kinderwunsch ausgelöscht. So viel Verantwortung! Für ein Lebewesen! Dauernd, rund um die Uhr! Krass. Ganz ernsthaft beschloss ich, dass ich jetzt noch viel weniger ein Kind haben wollen würde als vorher. Die Windhündin wurde gewissenhaft geliebt und versorgt, wurde alt und starb. Ich vermisste sie, aber nicht die Verantwortung, die mit ihr aus meinem Leben verschwand.

Gelegentlich fand ich es schade, dass ich keine Kinder wollte. Dunkel schwante mir, dass ich das irgendwann in einem nebligen Später vielleicht einmal bereuen könnte. Aber deshalb jetzt ein Kind bekommen? Nee. Liebschaften kamen und gingen, der ein oder andere wäre dieser Familiensache nicht abgeneigt gewesen. Ich schon. Der Gedanke, da wüchse ein kleiner Mensch in meinem Inneren heran, einer, den ich dann lieben müsste, verursachte mir Beklemmungen. Sah ich eine Schwangere auf der Straße, strich ich oft über meinen eigenen leeren Bauch, voller Erleichterung.

Dann wurden die ersten Freundinnen schwanger. Das war jedes Mal ein Schock. Ja, ein Schock. Mir war bei jeder freudigen Nachricht, als verschwänden die Freundinnen in eine Parallelwelt, die ich niemals betreten würde. Mein Stellvertreterfreuen fühlte sich immer künstlich an. Statt dessen zog der zweite Hund ein. Das war mir genug Familie: Der Hund, und ich, und der Mann, der jetzt Dein Papa ist.

Irgendwann im Frühjahr beherbergten wir Deinen 16-jährigen Cousin, der damals noch nicht Dein Cousin war, für 2 Wochen in unserem Zuhause. Praktikum in Berlin. Ich muss dazu sagen, der Neffe vom Mann ist ein ganz Toller. Mit ihm zog ein unerwartetes Gefühl ein, für das ich gar kein richtiges Wort finde. Ein Familiengefühl? Mag sein. Der tollste Neffe akzeptierte uns unbefangen als Vertretungseltern, wir kochten zusammen (schwierig, wenn der Pubertist Obst und Gemüse verabscheut), ich „erlaubte“ ihm ein halbes Glas Wein, weil er behauptete, der schmecke ihm, und an seinem Ausgehabend saß ich allein im Wohnzimmer und sah mich schon nachts verzweifelt auf Pubertistensuche durch die Großstadt irren. Aber pünktlich um 22.00 klingelte es – und ich war erleichtert, und stolz auf ihn. Komische Gefühle. Warme Gefühle. Bei seiner Abreise wurde mir klar: Ich will das auch. Mit einem eigenen Kind. Und mit dem Mann. Nur mit dem.

Nach einer gefühlten Ewigkeit war der Test positiv. Ich wollte ihn schon routiniert in den Mülleimer werfen, da sah ich den zarten, ganz zarten rosa Streifen. Du hattest Dich also auf den Weg gemacht. Die Schwangerschaft war, das will ich Dir nicht verschweigen, nicht so toll. Ich hatte immer Angst um Dich. Konnte mir gar nicht vorstellen, dass mein Körper, der doch so lange gar nicht schwanger sein wollte, Dich versorgen und wachsen lassen kann. Außerdem war ich überzeugt, dass ich eine postnatale Depression bekommen würde. Wer, wenn nicht ich? Die Veranlagung habe ich, leider Gottes, schon immer. Und ständig dachte ich: Was, wenn ich Dich nicht liebhaben kann? Wenn ich Dich sehe und nichts spüre? Was, wenn ich meine eigene komplizierte Eltern-Kind-Beziehung ungebremst auf Dich blaupause?

Dann kamst Du zur Welt. Mit Wucht und Schwung, so wie Du alles angehst, wie ich heute weiß. Ein kleines Drama war Deine Geburt, aber das macht nichts, das passt zu uns. An einem Samstag Abend, zur PrimeTime, konnte ich Dich endlich in den Armen halten. So klein warst Du, so fremd, so vollkommen unbekannt und neu. Dein Papa konnte nachts nicht bei uns bleiben, den haben die Klinikschwestern rausgeworfen. Als sich die Tür hinter ihm schloss, hatte ich große Angst, mit Dir allein zu sein, mit Dir und der bodenlosen Erschöpfung und Leere, die ich fühlte. Ich saß einfach da und hielt Dich fest, weil ich nicht wusste, was ich jetzt machen soll. Stundenlang hielt ich Dich fest, während es draußen still wurde. Die Geräusche auf dem Gang wurden leiser und verstummten, und ich hielt Dich fest und sah in Dein winziges Gesicht, ratlos.

Plötzlich gingen Deine Augen auf und schauten mich an, ganz ruhig und ganz lange, forschend. Ich weiß nicht, wie lange wir uns so angesehen haben. Irgendwann schliefen wir beide ein. Als ich am nächsten Morgen erwachte, hatte ich mich verändert. Ich war Deine Mutter geworden. Da war auf einmal ein Raum in meinem inneren Haus, um den ich bis dahin nicht wusste. Du wohnst darin. Bleib bitte für immer.

IMG_1725

Oberhalb der 97. Perzentile.

Neulich schrieb mir meine Freundin A, direktemang vom Kinderarzt kommend, eine etwas prahlerisch anmutende SMS. Die Tochter wöge nun 8,4 Kilo mit zarten 18 Wochen! Damit habe sie das Kiddo (das wir zärtlich schwäbelnd »Öchsle« nennen) knallhart vom Brockenthron gestoßen. Zugegeben. Aber es ist ein knapper, geradezu haarscharfer Etappensieg.

Wir haben quasi Monsterkinder. Godzilla und Gargantua. Höhnisch blicken sie aus der Vogelperspektive auf sämtliche Wachstumskurven hinab. Ameisen sind wir für die. Wenn das mal so weitergeht, malten Freundin A und ich uns aus. Das kann ja heiter werden! Die gründen demnächst eine Gang, spätestens mit Kita-Beginn. Erzieherinnen werden mit beiläufigem Zucken der kleinkindlichen Bizepse zur Räson gebracht. Wenn wir die Kolossinnen abholen, tragen sie neue schicke Markenjacken. Wo sie die her hätten, fragen wir – nicht. Lieber die Wahrheit gar nicht erst kennen.

***

Beim Mittagessen:

»MAMA, SPAGHETTI!!!!!!«

Eilig schmeißt man ein paar Kilo Pasta in den Topf.

»Die sind AL DENTE!!!!!«

Der Schwung des Nudelteller hinterlässt Hämatome auf der mütterlichen Stirn.

***

Freundin A stellt sich vor, wie sie bald ihr riesiges Baby im Ergo durch den Kiez schleppt. Oder doch eher: von ihm mitgeschleift wird. Als würde sie eine durchgeknallte Dogge Gassi führen.

***

Abends muss der Papa dann Pony spielen:

„PAPAAA! HÜAAA!“

„Aber Schätzelein, der Papa hat schon vier Bier…“ –

„ROOOOAAAAARRRHHH!!!!!“ –

„….ist ja gut, steig auf.“

Papa galoppiert schwankend durch die Bude, in ängstlicher Erwartung des kindlichen Stiefeltrittes. Wie ein überzüchteter Vollblüter gurkt er mit seiner Last übers Fischgrätparkett. Die Sporen sind von Lillifee.

***

Selbstredend schlafen Godzilla und Gargantua auch bei Schulbeginn noch im Familienbett. Wir Eltern müssen uns derweil zu zweit im Beistelldings arrangieren. Beim Mann haben sich die Abdrücke der Gittersprossen dauerhaft ins Hinterteil gegraben.

***

In der Zwischenzeit wachsen die Kinder. Und wachsen. Und wachsen. Das Echo ihrer Hüpfspiele donnert von Neukölln bis in den Wedding. Die Sonne verdunkelt sich apokalyptisch. Ein heißer Wind bläst direkt aus dem Fegefeuer. Asche regnet vom Himmel. Betend sinken die Menschen zu Boden. Heulen und Zähneklappern.

***

The End.