Das Mädchen mit dem bösen Gesicht.

2017-06-02 12.43.06

„So klein und schon so ernst.“

„Guck doch nicht so böse!“

„Kann die auch lachen?“

„Die ist aber skeptisch!“

„Schon eher ein verschlossenes Kind, oder?“

„Lach doch mal!“

„Na Kleene, so wird dit später aba nüscht mit die Jungs.“

 

Ja, Menschen sagen diese Dinge zu meiner Tochter und über meine Tochter. Nein, das habe ich nicht erfunden. Tatsächlich war „skeptisch“ immer schon das, was Leuten als erstes einfällt, wenn sie mein Kind anschauen. Und dann klingt es ja auch gar nicht fies. Ist gar nicht böse gemeint, nee nee. Skeptisch guckte die Tochter anscheinend schon mit wenigen Wochen, glaubt man wildfremden Menschen an der Supermarktkasse. Und den Damen bei unserem Kinderarzt. Und irgendwelchen Spielplatzeltern. Und Verkäufer*innen und Passanten und Obdachlosen im Park. Skeptisch, böse, unlustig. Und wissta was: Ich kann’s nicht mehr hören. Ich kann es verdammt nochmal nicht mehr hören.  Weiterlesen

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Ohne Worte.

Die Bahn fährt gerade in den Tunnel, als ich die Treppen zum Gleis hinabsteige. In 7 Minuten kommt erst die nächste. Ferienfahrplan und alles. Ich schlendere die U-Bahnstation entlang, wenigstens ist es hier unten schön kühl.

Patsch, macht es plötzlich. Ich schaue mich um. Sehe eine Frau auf der Wartebank sitzen, ein Kleinkind im Buggy vor sich. Neben ihr ein Typ, ins Handy vertieft.

Patsch, macht es wieder, und diesmal sehe ich: Die Frau schlägt ihrem Kind auf sein nacktes Bein. Ich rücke unauffällig näher. So nah, dass ich in normaler Lautstärke zu der Frau sprechen könnte, sollte ich das denn wollen. Oder wagen.

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Kreuzberger Nächte.

2016-01-31 11.07.13

Geständnis Nummer 1: Vor der Schwangerschaft, also damals, in diesen jugendlich-unbeschwerten Zeiten, die niemals so jugendlich-unbeschwert waren wie in meiner Erinnerung, habe ich wirklich gern getrunken, ab und an. Wenn ich jetzt behaupte, das läge bei uns in der Familie, ist das zwar faktisch richtig, bringt aber meine Eltern in Verlegenheit.

Geständnis Nummer 2: Geraucht habe ich auch gern. Nicht sehr oft, aber mit Hingabe.

Geständnis Nummer 3: Bei passender Gelegenheit habe ich außerdem gekifft. Verklagen Sie mich doch.

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Unterwegs: Im Kaiserinnenreich.

Vor einigen Tagen erhielt ich eine Einladung, über die ich mich ganz besonders gefreut habe, denn es handelt sich hier um eine ausgesprochen noble Adresse: Das Kaiserinnenreich.

Für Mareice habe ich über die erste Begegnung mit ihrer behinderten Tochter geschrieben.

Überraschend für mich war, und das fand ich erst beim Schreiben heraus, dass sich einfach nicht die richtigen Worte einstellen wollten. So viele Gedanken, und dann war jeder Satz, den ich in die Tastatur tippte, blöd und belanglos. Nach einigen Tagen des Haareraufens habe ich aber doch noch ein paar zusammenhängende Absätze zustande gebracht.

Und überhaupt – wer das Kaiserinnenreich und seine drei Regentinnen nicht kennt, sollte das auf der Stelle nachholen. Essen, pinkeln gehen oder Abgabefristen einhalten kann man auch später noch.

Voll intolerant.

Das ist Ironie. Ironie! Wirklich.

Das ist Ironie. Ironie! Wirklich.

Ich würde gern behaupten, ich sei tolerant in meinen Ansichten. Das scheint grundsätzlich eine erstrebenswerte Charaktereigenschaft zu sein. Dass man ehrlichen Herzens so etwas sagen kann wie: Ich bin okay, Du bist okay. Gut, vielleicht nicht gerade diesen Satz, der kommt straight from 1975. Aber unter Eltern – nein, streichen Sie das – unter Müttern ist es ja nicht selten die gegenseitige Toleranz, die uns fehlt. Mommy Wars und sowas.

Hinsichtlich der üblichen Kampfthemen – stillen, tragen, betten, ernähren, impfen – bin ich nicht sonderlich dogmatisch. Dazu ist mir das alles viel zu wurst. Denn die äußere Struktur des Elternseins sagt so gar nichts über die Beziehung zum Kind aus. Soll doch jede* sich das raussuchen, was jetzt gerade passt und funktioniert. Meist habe ich dazu nur eine milde, diffuse Meinung, eine von der Sorte: „Ah, ok, finde ich jetzt anders irgendwie besser, aus diesen und solchen Gründen, aber für die ist das anscheinend schöner auf jene Art.“

Aber manchmal finde ich andere Eltern einfach nur scheiße. Ja, ist so. Nein, ich will das nicht reflektieren. Weiterlesen

Thank God It’s Friday!

Ein Freitagabend aus besseren Zeiten.

Ein Freitagabend aus besseren Zeiten. Dieser Freitag  konnte sich wirklich sehen lassen.

Der Freitag ist eine wirklich schöne Einrichtung. Alles kann, nichts muss, wie sie in Swingerclubs angeblich sagen. Nicht, dass ich das aus erster Hand wüsste. Jedenfalls, der Freitag. Das Wochenende liegt noch ganz heil und vollkommen vor Dir. Unendliche Möglichkeiten. Zwar ohne das Ausschlafen, falls man ein Elter ist. Aber dennoch.

Also ging ich letzten Freitag, es war gegen 11, frohgemut zu dm. Wochenendwindeln kaufen. Als ich sinnend vor dem Windelregal stand und mir gerade die ominösen Schwimmdinger näher ansehen wollte, legte sich von hinten eine Hand auf meine Schulter. Die Hand fühlte sich warm und schwitzig an. Ich drehte mich um und schaute auf den nackten Brustkorb eines verdammt großen, verdammt hektischen jungen Mannes. Auch sonst trug er nicht viel am Körper. Eine abgeschnittene Jogginghose, die keine Unterbuxe, dafür aber halbe Pobacken preisgab. Was es gäbe, wollte ich wissen. Der hektische junge Mann antwortete in einer Sprache, die ich nicht spreche. Ich behaupte, dass sie auch sonst niemand spricht, weil sie offenbar in Echtzeit von den Drogen in seinen Synapsen erfunden wurde.

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Dein Kind ist’n Arsch.

kackhaufen

 

Die Welt wäre so unheimlich schön, wenn alle Menschen, die man leiden kann, auch Partner und Kinder hätten, die man leiden kann. Ist aber nicht so. Kennt man ja: Liebster Mensch, auf den man nimmermehr verzichten könnte, verliebt sich. Toll, denkt man. Liebster Mensch ist glücklich, also bin ich auch ein bisschen glücklich. Verknalltsein gönnt man dem liebsten Menschen sehr. Bis man dann den/die Partner/in kennenlernt. Der/die in so vieler Hinsicht saudoof ist, dass man es gar nicht fassen kann. Eine dramatische Situation, das.

Und wie ich mittlerweile feststellen durfte: Es gibt das auch mit Kindern. Es war da also dieses Elternteil (aus verständlichen Gründen nicht näher benannt), das ich ziemlich gut leiden kann. Ein entspanntes, witziges Elternteil. Gut angezogen auch noch. Es könnte alles so schön sein – hätte man sich nicht „zur Abwechslung mal“ samt Kinder getroffen. Es ist nämlich so: Das Kind ist’n Arsch.

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Wie wir einmal unseren Kitaplatz aufgaben.

Ich bin übrigens die, die im 6. Schwangerschaftsmonat eine Excel-Tabelle über in Frage kommende Kitas geführt hat. Ich bin die, die nach der Geburt sorgfältige Pläne über künftige Arbeitszeiten und Wiedereinstiegsoptionen für den Mann und mich erstellte. Ich bin die, die alle Hände über dem Kopf zusammenschlug, wenn eine hochschwangere Freundin gestand, noch bei keiner einzigen „Einrichtung“ angerufen zu haben.

Jetzt bin ich die ohne Kitaplatz.

Und das kam so: Wir bewarben uns schon in der Schwangerschaft bei etlichen Kitas, auf den dringenden Rat einer Freundin hin. Und zwar nur bei ziemlich großen Kitas. Auf den Rat ebendieser Freundin hin, die uns gruselige Geschichten über die ewigen Schließzeiten, den dauernden Elternzwist und die ständigen Notfälle kleiner Einrichtungen und Kinderläden erzählte. Brrrr, nein, das wollten wir nicht. Grundsatzdiskussionen über Plastikspielzeug oder Nachtisch? Na Danke. Da profitierten wir doch lieber vom Wissen der Eingeweihten. Also hörten wir auf die Freundestipps und schrieben wir uns auf zwei Handvoll Wartelisten ein, mit einem klaren Favoriten. Beim Rest war ich eher indifferent, der Mann jedoch optimistisch.

Tja nun, mit dem klaren Favoriten wurde es für dieses Jahr nichts. Dafür bot uns eine andere Kita einen Platz an, sogar ab Februar. Februar! Wo man uns doch überall versichert hatte, es ginge frü-hes-tens ab August. Und die Leiterin war sehr sympathisch. Richtig gut war die. Das Gebäude hätte schöner sein können, aber den Kindern ist so etwas ja eher wurscht. Die spielen auch auf einem Komposthaufen, wenn man sie lässt (wie jetzt – Eure etwa nicht? Unseres fände auch einen Atomreaktor oder eine Leichenhalle ganz klasse). Also fassten wir uns ein Herz und unterschrieben den Vertrag. Irgendwo in einem finsteren Bauchwinkel meldete sich ein Gefühl. Ein ganz kleines.

Dann kam das Vorgespräch mit der Bezugserzieherin. Wir kamen an und waren nervös – schließlich sollte es wenige Tage später losgehen. Eine große Veränderung, nicht nur für das Kiddo.

Die Erzieherin begrüßte uns an der Tür – nicht aber unsere Tochter. Seltsam, dachte ich. Aber vielleicht war das ja so ein Prinzip wie bei Hunden? Denen soll man zur Begrüßung auch nicht so viel Aufmerksamkeit schenken. Hunde. Hm. Wir setzten uns in einen freien Raum und füllten Zillionen Fragebögen aus. Das Kiddo turnte derweil durch das Zimmer, immer noch weitgehend ignoriert von der Frau, die bald eine enge Bindung zu ihm aufbauen würde. Hm. Aber wann eigentlich?

Einige irritierende Kommentare der Erzieherin, die ich hier nicht wortwörtlich wiedergeben möchte, gaben dem Gefühl im finsteren Bauchwinkel ein wenig Nahrung.

Abends sagte ich zum Mann, ich hätte da kein gutes Mojo. Der Mann warf mir Dramatik und Negativität vor. Einige Tage später brachen Vater und Kind morgens zur Kita auf. Eingewöhnung! Yay! Ich saß am Schreibtisch und dachte unentwegt an die beiden. Sicher würde unser Kiddo mit seinem unkomplizierten Gemüt schnell Anschluss finden. Und ich bin nun mal gelegentlich etwas melodramatisch.

Es geschah dann aber vielmehr so, dass das Kiddo von seiner „Bezugserzieherin“ nicht wirklich beachtet wurde. Bindungsaufbau? Hallo? War da nicht was? Lange Rede, kurzer Sinn: Das änderte sich dann auch nicht mehr. Unsere Tochter, die fast jeden Menschen mag und deren Herz man in 10 Minuten gewinnen kann, wenn man denn möchte, machte einen zunehmend unglücklichen Eindruck. Und aus meinem kleinen Gefühl im finsteren Bauchwinkel wurden große, fiese Bauchschmerzen.

Also taten wir, was wir tun mussten: Wir kündigten den Vertrag.

Und jetzt? Jetzt sind wir wieder auf Null. Ich telefoniere täglich Kinderläden und sympathische Kitas und Tagesmütter durch. Wenn ich Glück habe, werde ich nur bemitleidet, wenn ich Pech habe, ausgelacht. Ich weiß nicht mehr, auf wie vielen Wartelisten wir mittlerweile stehen oder auch nicht. Ich weiß nur: Wir haben keine Kinderbetreuung und es ist auch keine in Sicht. Wie wir das hinkriegen sollen? Keine Ahnung.

Sind wir eigentlich bescheuert, unseren Kitaplatz einfach so wieder aufgegeben zu haben? Vielleicht. Würden wir es wieder so machen? Auf jeden Fall.

P.S. Liebe nette Kitas und Tagesmütter in Berlin Kreuzberg-Neukölln-in-der-Nähe. Solltet Ihr zufällig noch ein richtig liebes, einjähriges Mädchen mit einigermaßen unnervigen Eltern aufnehmen wollen, dann meldet Euch bitte. Und jeder sonst, der nen Tipp hat: meldet Euch bitte. Ja, ich weiß – ich muss schon selbst lachen, während ich das gerade tippe. Die Hoffnung stirbt halt zuletzt.

Kleine Scharade zur Mittagszeit.

Oder: Wie ich einmal versuchte, cool zu wirken.

Weil ich an diesem regnerischen Montag das dringende Bedürfnis habe, mich jung und unabhängig zu fühlen, treffe ich meinen Freund M zum Lunch in einem schicken japanischen Restaurant. M hat keine Kinder, dafür aber Wein, Weib und Gesang. Das Kiddo bleibt beim Papa, der sich dafür bestimmt bei der Spätkaufdame ein paar Lorbeeren abholen geht.

Jetzt folgt ein Cliffhanger. So, hier ist er. Genau da. Wer diesen Beitrag nämlich weiterlesen möchte, muss das heute hier bei Mamizeug tun.

Kommt schon, das war ein toller Cliffhanger. Oder? Kommt schon.

Das Kiddo isst übrigens schon seit Beikoststart mit Stäbchen. Kleckerfrei. Und rezitiert dabei Haikus. Bin ich jetzt ne geile Mutter oder was.

Das Kiddo isst übrigens schon seit Beikoststart mit Stäbchen. Kleckerfrei. Und rezitiert dabei Haikus. Bin ich jetzt ne geile Mutter oder was.

Stephen Kings Kindercafé

Es sollte mal jemand zur Korrelation von schlechtem Wetter und kindlicher Laune forschen. Muss da einen Zusammenhang geben. Das Kiddo jedenfalls hat einen eingebauten Sensor, der seine Stimmung parallel zum Luftdruck gen Hades drückt. Wie praktisch. Und wie überaus unpraktisch, dass bei uns heute die Handwerker ganztägig Angst und Chaos verbreiten. Also telefoniere ich wie eine fernmündliche Drückerkolonne in der Gegend herum und versuche, uns bei irgendeinem Kiddo-Kumpel einzuquartieren. Erfolglos. Wer Zeit hat, hat keinen Bock, und wer Bock hat, keine Zeit.

In der Zwischenzeit beginnen die Handwerker, unsere Badfliesen unter lautem Getöse von den Wänden zu kloppen. Ich rette mich halbnackt aus der Wohnung. Zumindest kommt es mir so vor, als ich mit dem Kiddo ratlos auf der Straße stehe und mir eisiger Ekelregen ins Gesicht klatscht. Bevor ich mich dem Selbstmitleid hingeben kann, biegt eine vermummte Gestalt um die Ecke. Die Gestalt winkt hektisch. Ich gucke doof. Die Gestalt nähert sich und winkt noch hektischer. Ich gucke irritiert. Die Gestalt entpuppt sich als ausgerechnet die eine Mutter von der Krabbelgruppe, die ich ein bisschen unheimlich finde, weil sie immer so überschwänglich auftritt. Sie begrüßt uns enthusiastisch, als könne sie sich nichts umwerfenderes vorstellen, als dem Kiddo und mir bei gefrierender Nässe auf einer menschenleeren Straße zu begegnen.

Auf Nachfrage erzähle ich ihr, dass wir aus der Wohnung geflüchtet sind, weil dort eine Horde Berserker die Kloschüssel aus dem Boden reißt. Sie flippt quasi aus vor Freude. So ein Zufall! Weil nämlich im Kindercafe heut ein Clown ist und ich da jetzt UNBEDINGT mitkommen muss. Muss! Weil, ein Clown! Wahnsinn! Wenn ich etwas aus ganzem Herzen hasse, dann ist es Erlebnisgastronomie. Ich schaue panisch zum Wohnzimmerfenster und sehe einen Handwerker den Balkon betreten. Er hält einen tropfenden, textilen Klumpen in der Hand, den ich als mein liebstes Badetuch identifiziere. Ich drehe mich zu Li-La-Laune-Mom um. Okay, gehen wir. Sie juchzt. Vielleicht deutet sie übermütig ein paar Tanzschritte an. Vielleicht auch nicht.

Allem Anschein nach gibt es viele Menschen, die Clowns richtig gut finden. Anders kann ich mir die Kinderwagenkolonne vor dem Café nicht erklären. Sieht ein bisschen nach bildungsbürgerlichem Harley-Treff aus. Plötzlich ist mir nach PS und Schnaps und lauter Gitarrenmusik. Statt dessen gibt’s vegane Dinkelwaffen und Getreidekaffee. Li-La-Laune-Mom sichert uns zähnebleckend die beiden letzten Sofaplätze.

Es riecht nach nassem Kind und Sellerie. In der Ecke türmen sich müffelnde Wollwalk-Overalls. Rotbackige Krabbler in Strumpfhosen gleiten auf ihren eigenen Rotzspuren vorbei. Im Hintergrund läuft eine dieser Platten, die sie einem neuerdings als elternverträgliche Kindermusik verkaufen (in Wirklichkeit gibt es keine elternverträgliche Kindermusik, aber jedem seine Lebenslüge, nicht wahr). Li-La-Laune-Mom findet alles wahnsinnig gemütlich. Ich finde alles wahnsinnig bedenklich, denn gerade biegt ein Schuh um die Ecke. Ich dachte ja, riesige Clownsschuhe seien in der Clownszene passé. Ich dachte ja, die ließen sich auch mal was Neues einfallen. Wegen, Ihr wisst schon, Zeitgeist und so. Zu dem Schuh, der um die Ecke biegt, gehört noch ein zweiter Schuh, und dazu gehört wiederum der von Li-La-Laune-Mom ekstatisch beklatschte Clown.

Ich komme nicht umhin, sachte Zeichen des Verfalls an ihm festzustellen. Die bunt rautierte Pumphose hat ein Kippenbrandloch oder fünf. Die Halbglatzenperücke leidet unter kreisrundem Haarausfall. Die ganze Erscheinung riecht leicht angeschweißt. Ich stelle mir vor, dass der Clown unter seinem Kostüm ein vergilbtes Rippunterhemd mit Eigelbflecken trägt. Der Clown fängt stante pede an, mit überschnappender Stimme irgendwelches Zeug in einer Phantasiesprache zu brüllen. Nach einer Minute stelle ich fest, dass es sich vielmehr um einen ausgeprägten russischen Akzent handelt.

Die anwesenden Kinder lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Den einen ist der Clown scheißegal, den anderen nicht. Das Kiddo gehört glücklicherweise zur Scheißegal-Gruppe. Glücklicherweise sage ich, weil die Nicht-Scheißegal-Gruppe sich gerade vor Angst kollektiv in die Windeln kackt. Bis auf ein Windelfrei-Kind. Das kackt ohne Vorankündigung in seine Schurwollhose und muss sehr weinen. Der Clown oszilliert derweil zwischen den Sofas herum und brüllt Witze, die ich nicht verstehe, weil er dabei klingt wie ein kaputter russischer Stadionlautsprecher. Die ersten Kinder werden hysterisch. Der Sohn von Li-La-Laune-Mom gesellt sich zu mir und klaut die vegane Dinkelwaffel von meinem Teller, wofür ich ihm still danke. Been there, done that, sagt sein Blick.

Der Clown sieht inzwischen ein, dass er seine Strategie ändern muss. Er fokussiert sich jetzt auf die Scheißegal-Kinder. Die Scheißegal-Kinder möchten aber lieber das angeranzte Zeug in der Spielecke abchecken und ignorieren seine Faxen nonchalant. Das Kiddo sitzt auf dem räudigen Straßenverkehrsteppich und leckt an einem Plappertelefon, das nur noch ein Auge hat. Ausdruckslos fixiert es den Clown, dann streckt es ganz langsam den Arm und zeigt anklagend in seine Richtung. Der Anblick erinnert mich irgendwie an Stephen King.

Der plastiklockige Teufelskerl dreht noch einmal so richtig auf. Er wirft sich krachend in die duplo-Kiste, spritzt mit zwei Wasserpistolen um sich wie ein epileptischer Westernschurke und klettert dann katzengleich den Polsterturm hinauf. Den hat ein etwa vierjähriges Mädchen mühevoll errichtet, es thront ganz oben auf dem größten Polster und beobachtet die Sache mit Skepsis. Der Clown schnappt mit seiner weiß behandschuhten Hand spielerisch nach dem Knöchel des Mädchens, woraufhin diesem der Geduldsfaden reißt. Es zieht einen Rasselturm aus Massivholz hinter seinem Rücken hervor und donnert ihn dem Clown auf den Schädel. Der macht den Spaß mit und lässt sich theatralisch zu Boden sinken. Die Scheißegal-Kinder lachen sich scheckig.

Jetzt übertreibt es der Clown mit seiner Schauspielerei. Immer noch liegt er regungslos zwischen einem Bobbycar und dem Kiddo, das ihn interessiert beobachtet. Schließlich klopft es dem Clown mit dem Telefonhörer sanft auf die Nase. Keine Reaktion. Li-La-Laune-Mom steht auf und pikt dem Clown in die Rippen. Keine Reaktion. Die Kinder nehmen ihre Geschäfte wieder auf, die Eltern rufen nach der Bedienung, die wiederum nach dem Notarzt ruft. Bevor der erscheint, öffnet der Clown seine Augen und brabbelt vor sich hin. Wir sind uns nicht sicher, ob es an seinem Nuscheln oder seiner Gehirnerschütterung liegt, dass wir ihn nicht verstehen. Der Arzt trifft ein und macht ein völlig unbeeindrucktes Gesicht; vielleicht sieht er sowas täglich. Vorsichtshalber empfiehlt er dem Clown einen baldigen Feierabend.

Als wir durch den Eisregen nach Hause schlittern, entscheidet Li-La-Laune-Mom, dass wir das UNBEDINGT mal wiederholen müssen. Sicher.

Daheim erwarten mich zwei freudig erregte Handwerker, die mir einen stinkenden Klumpen Gewölle präsentieren, als wäre es ein Strauß Rosen. Den haben sie aus dem Abwasserrohr geholt. Der wird mir künftig keinen Ärger mehr machen.

Muss mein Glückstag sein heute.

Why so serious?

Why so serious? Nimm Dir ne Dinkelwaffel, Schätzelein.