Vom Blues.

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Monate vergingen, es waren 14. Es sind 14, genau heute. Das Kind wurde unter Heulen und Zähneklappern zur Welt gebracht und durch dieselbe getragen, stundenlang. Es wurde und wird gestillt, geliebt und familiengebettet. Soweit, so normal. 14 Monate neues Leben im alten Leben – oder nein, es fing ja schon früher an. Diese Schwangerschaft, die schon so weit weg scheint.

Nächste Woche wird, so Gott denn endlich will, für das Kiddo die Kita beginnen (mal wieder). Und ich arme Törin sitze hier und bin so schlau als wie zuvor. Weil ich nämlich dieser großen Veränderung, von der immer alle reden und von der immer alle behaupten, dass sie mit dem Kind passiere – ja, weil ich der nämlich nicht auf die Spur komme. Hat sich mein Leben verändert? Ja. Ich schlafe weniger, also quasi nie, bin so unspontan wie selten, mache mir dauernd Kindersorgen und Müßiggang ist nicht. Die offensichtlichen Dinge, sie machen auch vor mir nicht halt. Aber hat sich mein Leben verändert? Nein. Ich bin der Mensch, der ich bin, der ich war. Der hat jetzt halt ein Kind.

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Mein selbstreferenzieller Moment.

familista

Wer schon immer mal eine Menge Zeugs über uns lesen wollte, kann das heute hier bei familista tun. Die netten Menschen dort haben nämlich ein kleines Interview mit mir gemacht. Wen das gar nicht interessiert, bestellt sich statt dessen eine leckere Pizza und schickt mir die Rechnung. Nein, letzteres war gelogen.

#momsrock: Meine drei Mütter.

Das ist ein Beitrag zu #momsrock von Lucie Marshall. 

Momsrock

Ich habe drei Mütter. Eine hat mich auf die Welt gebracht. Und die anderen beiden durch die ersten stürmischen Jahre.

Als meine Mutter mit mir schwanger wurde, war sie 19 Jahre alt und hatte gerade eine Ausbildung begonnen, die man ihr kündigte, als sie mich ankündigte. Ein Kind befand wahrscheinlich ganz hinten auf ihrer Liste von erstrebenswerten Dingen für die unmittelbare Zukunft. Oder seien wir ehrlich, ein Kind befand sich wahrscheinlich überhaupt nicht auf der Liste. Aber weil meine Mutter, wie ich dann schnell feststellte, ein Mensch ist, der Dinge durchzieht, durfte ich zur Welt kommen. Noch in der Schwangerschaft fand sie einen neuen Ausbildungsplatz – so überzeugend muss man erstmal auftreten – und kehrte gleich nach dem Mutterschutz dorthin zurück. Mein Vater weilte inzwischen ein halbes Deutschland entfernt und studierte hektisch auf seinen Abschluss zu.

Und so kam ich zu zwei weiteren Müttern. Meinen Großmüttern, bei denen ich in meinen ersten Lebensjahren sehr viel Zeit verbracht, oder sagen wir doch einfach: gewohnt habe. Diese drei Frauen in meinem Leben – unterschiedlicher hätten sie kaum sein können. Den widrigen Umständen zum Trotz haben sie die Sache gewuppt. Haben sie mich gewuppt. Jede hat mir von sich gegeben, was sie konnte. Heraus kam die Mutter, die ich heute bin. Und die könnte, hier ein kurzes Eigenlob, doch nun wesentlich schlimmer geraten sein. Ich habe also zu danken:

Meiner Großmutter Erna mit ihren geschickten Händen und der Fähigkeit, ein‘ feste Burg für mich zu sein. Ich erinnere mich an ihre bärenmuttermäßigen Umarmungen; ihre ausgebreiteten Arme ein weicher Landeplatz für ein kleines Kind, das mit der Welt so oft überfordert war. Sie hat mir gezeigt, wie sich Geborgenheit anfühlt. Was Stabilität bedeutet. Wie es ist, sich auf einen Menschen verlassen zu können. Sie war, und manchmal ist sie es noch immer, meine Gluckenmutter.

Meiner Großmutter Hedwig, die sich immer ein Mädchen gewünscht hat und drei Söhne bekam. Von ihr habe ich Barmherzigkeit gelernt. Das ist ein großes Geschenk, und es bedeutet mir viel. Sie trug diese Liebe zu den Menschen in sich, die ich sehr bewundere, auch wenn ich sie selbst nicht aufzubringen vermag. Sie hat sich vehement für andere eingesetzt – man könnte auch sagen, sie hat sich vehement eingemischt. Oft und gern. Wenn ich wirklich genervt von ihr war, habe ich ihr das vorgeworfen. Ihre bedingungslose Loyalität hat mich zusammengehalten, wenn ich auseinanderzufallen drohte. Als sie vor einigen Jahren starb, geriet mein Mütterkosmos für lange Zeit aus dem Gleichgewicht.

Und meiner Mutter. Deren Vornamen ich hier nicht nenne, weil ihr so viel Aufmerksamkeit überhaupt nicht passt. Nicht selten ist sie mir noch heute ein Rätsel. Ich habe bis jetzt nicht herausgefunden, aus welcher Quelle sich ihre unfassbare Tatkraft speist. Meine Mutter ist die tatkräftigste Person, die ich kenne. Sie ist wie ein Eisbrecher mit einer Million PS. Sie tut, was getan werden muss, und eignet sich die dafür notwendigen Fähigkeiten gleich selbst an. Meine Mutter ist irgendwie Chuck Norris und MacGyver gleichzeitig. Pragmatismus habe ich von ihr gelernt. Wie man anpackt. Meine Mutter packt Sachen an, die schwierig bis aussichtslos scheinen – und reißt sie noch immer rum. Immer. Sie versucht schon mein ganzes Leben lang, einen mutigen Menschen aus mir zu machen, indem sie mir konsequent vorlebt: Man tut Dinge, vor denen man Angst hat, einfach trotzdem. Ganz leicht eigentlich. Aber so sieht eben alles aus, was sie anfasst.

Danke, meine drei Mütter. Ihr rockt.

Aus dem Bauch heraus.

Samstag Abend, beste Sendezeit.

„Zieh mal bitte Dein T-Shirt aus“ sagt die Hebamme. Sie steht neben mir und hält einen OP-Kittel in der Hand. Ich will mich nicht ausziehen, denke ich, und zerre mir mühsam mein Shirt über den Kopf. Ich fühle mich so dreckig wie noch nie in meinem Leben. „Darf ich mich noch kurz waschen“ frage ich die Hebamme. Nein, sagt sie, dafür wäre keine Zeit und nötig sei es auch nicht. Also sitze ich nackt auf dem Kreißsaalbett und warte auf das, was da kommen möge. Nachdem ich viele Stunden lang geschwitzt habe, friere ich plötzlich sehr.

Hinter mir liegen 16 Stunden Wehen, 12 davon waren richtig heftig. Einige davon habe ich auf dem Stationszimmer verbracht, auf der Klobrille sitzend, einige im Badezimmer des Kreißsaals, nachdem meine Hebamme mich in die Badewanne geschickt hat (in der es mitnichten entspannend, sondern apokalyptisch schmerzhaft war), und den Rest auf dem Kreißsaalbett, angebunden durch ein CTG und den Schlauch der PDA, die sie mir für die letzten Meter noch verpasst haben. Nur dass es eben nicht die letzten Meter waren. Seit drei Stunden tut sich nichts mehr. Ich darf von dem Bett nicht runter und fühle mich wie ein panisches Wildtier, dem in der Falle langsam die Kräfte schwinden. Auf Anweisung der Hebamme wechsele ich immer wieder meine Position. Linke Seite, rechte Seite, Vierfüßler, aufrichten, wieder von vorn. Zwischen den Wehen untersucht mich die Fachärztin. Das tut irre weh und bringt nichts. Ich befolge stoisch die Anweisungen. Man spricht über mich, aber nicht mit mir. Wie sich ein eigener Wille anfühlt, habe ich vergessen. Wie sich Würde anfühlt, auch.

„Sie müssen sich jetzt entscheiden“ sagt die Fachärztin plötzlich. Kaiserschnitt, das Wort steht auf einmal im Raum, überraschend wahrscheinlich nur für mich. Bis zuletzt habe ich geglaubt, wir schaffen das noch, das Baby und ich. Aber das Baby hat ein Problem: Es kann die entscheidenden paar Zentimeter nicht überwinden, keiner weiß warum. Später wird man mir sagen, dass es mit dem Kopf schief im Becken gelegen und außerdem die Nabelschnur straff um den Hals gehabt hätte. Die Ärztin drängt mich, dass wir da jetzt was unternehmen müssen. Ich soll mich also entscheiden – eine echte Entscheidung scheint es jedoch nicht zu geben, jedenfalls nennt mir keiner eine Alternative. Ich schaue die Hebamme fragend an. Sie glaubt auch nicht mehr, dass es noch von selbst kommt, das Baby. Also: Kaiserschnitt. Wenn es nicht anders geht, sage ich. Eine Sekunde lang bin ich erleichtert, dass die Quälerei jetzt ein Ende hat. Dann bekomme ich Angst.

Die Hebamme hilft mir in den Kittel. Ich habe ihn kaum an, da rollt schon ein Bett ins Zimmer. Es soll mich in den OP bringen. Ich schaue meinen Mann an, der seit vielen Stunden an meiner Seite sitzt. Kein einziges Mal ist er in den Hof gegangen, eine rauchen. Das finde ich beachtlich von ihm, denn der Mann muss unter Stress immer erstmal eine rauchen. Heute nicht. Heute sitzt er neben, hinter, vor mir und schweigt wohltuend. Wenigstens muss ich den ganzen Scheiß nicht allein aushalten.

Ich glaube, ich habe einen Schock, denn ich kann keinem der Anwesenden begreiflich machen, was da gerade in mir vorgeht. Meine Fassade nickt, gehorcht, redet ein bisschen Unsinn. Sie lächelt sogar. Mein Inneres schlägt derweil den Kopf gegen die Wände. Ich hab solche Angst, denke ich am laufenden Band, ich hab solche Angst, die schneiden mich auf, die schneiden meinen Bauch auf und zerren das Baby da raus, das arme Baby, mein armer Bauch, ich hab solche Angst, HILFE.

Ich werde mit dem Bett die Gänge entlang gefahren wie im Film, die Deckenlampen über mir, Leute in Kitteln neben mir. In einem Vorraum halten wir an. Plötzlich ist der Mann weg. Er muss sich umziehen, sagt die Hebamme, sie müsse sich auch kurz umziehen und sei gleich wieder da. In der Zwischenzeit stellt sich die Anästhesistin vor und fragt mich ein paar Dinge. Sie hat eine sanfte Stimme. Die große Tür vor uns geht auf, das Bett und ich fahren in einen Raum, der mich im ersten Moment an einen Kellerraum erinnert. Oder an eine Lagerhalle. Irgendwie ist alles aus Stahl und wirkt wahnsinnig chaotisch. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich kapiere, dass das der OP ist. Komisch sieht er aus, der OP. Der Mann taucht wieder auf. Dann geht alles ineinander über, meine Erinnerung ist verhackstückt. Wie schlechter Empfang auf dem Handy.

Nächstes Bild: Ich werde festgebunden, meine Arme und meine Beine, in einem komischen Winkel. Bestimmt sehe ich von oben aus wie ein schwangeres Lebkuchenmännchen, haha. Oder wie Jesus. Ich zittere so sehr, dass sie Probleme haben, mich richtig festzugurten. Ich kann nicht stillhalten, obwohl ich es mit aller Kraft versuche. Mein Körper ist ein kleines Erdbeben. Leute tauchen hinter dem grünen Tuch auf, das vor mein Gesicht gespannt ist. Sie stellen sich nicht vor. Wer ist der Mann hinter dem Tuch, frage ich die Anästhesistin. Sie muss lachen, weil ich das so seltsam formuliere. Das ist Dr. Oberarzt, der holt jetzt Ihr Baby. Ach so. Sie nimmt meine Hand, spricht mit mir über meine Tätowierungen, um mich abzulenken. So schöne Tätowierungen. Wer hat die denn gemacht. Aha. Und das hat sicher wehgetan? Ja. Hat es. Na, dann sind Sie ja bestimmt sehr tapfer. Nein, ich glaube nicht. Und so weiter. Ich beantworte höflich alle Fragen, obwohl mir schrecklich übel ist und ich große Angst habe, dass ich mich im Liegen übergeben muss. Was hinter dem Tuch passiert, weiß ich nicht. Meiner Erinnerung fehlen hier wieder einige Minuten.

Plötzlich ruckelt es. So dolle, dass der Tisch wackelt und ich mit ihm. Mir wird klar, dass ich das bin, an dem da so geruckelt wird. Mein Bauch ist das. Ich gerate in Panik, denn es tut richtig weh. Hinter dem Tuch entsteht Unruhe. Ich verstehe nicht, was da geredet wird. Irgendjemand drückt auf meinen Bauch. Die Übelkeit wird unerträglich, die Schmerzen auch. Die Anästhesistin guckt beunruhigt. Es wird noch fester gedrückt. Ich winsele wie unser Hund, wenn er ganz aufgeregt ist – ach nein, ich weine. Die Leute hinter dem Tuch stemmen sich von oben gegen meinen Bauch, auf meinen Magen, auf meine Rippen. Alles verschwimmt, vor meinen Augen und in meinem Kopf. Ich bin nur noch Körper. Die brechen mich in der Mitte durch, denke ich, die brechen mich ja einfach durch. Ich schreie so laut, wie ich in den vielen Stunden davor nicht geschrien habe. Ich schreie in Todesangst. Wirklich. Jetzt sterbe ich also, denke ich auf einmal. Dann hört der Druck auf, die Übelkeit lässt nach. Der Mann verschwindet von meiner Seite, erleichterte Laute von hinter dem Tuch. Das Baby ist da.

„Wir nähen Sie jetzt noch zu“, sagt einer. „Dauert nicht lange.“ Näht Ihr mal, denke ich. Mir egal. Mir ist alles egal. Anscheinend geht es dem Baby gut, sonst hätte schon jemand Alarm geschlagen. Der Mann und die Hebamme sind mit ihm verschwunden. Ich kann also in Frieden verrecken. Mir ist immer noch sehr übel und jeder Körperteil, der nicht narkotisiert ist, schmerzt höllisch. Die Anästhesistin redet schon wieder, ich höre nichts.

Unruhe an der Tür. Die Hebamme ist wieder da. Und der Mann taucht neben mir auf. Er hat ein weißes Bündel im Arm. Alle sagen irgendwas. Er hält das Bündel neben meinen Kopf, den ich aber nur mit Mühe drehen kann, weil der Rest von mir immer noch fixiert ist. Sehr große kleine Augen schauen mir ins Gesicht. Na sowas, denke ich. Da war wirklich ein Baby drin. Der Mann guckt so, wie man es wahrscheinlich auch von mir erwartet: Er grinst ein bisschen debil, als hätte er gekifft.

Die Hebamme entführt uns schnellstmöglich aus dem OP und bringt uns in ein ruhiges Zimmer. Dort kann ich sie zum ersten Mal in den Arm nehmen. Meine Tochter. Sie liegt ganz ruhig da und schaut uns an. Endlich tut mir nichts mehr weh, das liegt natürlich an all den Mitteln in meinem Blut, aber es ist trotzdem schön. Meinetwegen muss ich diesen Körper nie wieder spüren.

Danach.

Die ersten Tage sind wahnsinnig schmerzhaft. Die ersten Wochen auch. Es tut mir so leid, dass ich das Kiddo nicht richtig selbst versorgen kann, weil ich bei jedem Scheiß Hilfe brauche. Dauernd sagt jemand zu mir, es sei die Hauptsache und ein großes Glück, dass das Kiddo gesund sei. Klar ist es das. Und ich bin sehr froh, dass dieser Kaiserschnitt das Kiddo nicht daran gehindert hat, sich auf der Stelle in mein Herz zu schleichen. Trotzdem war die Geburt ein höllisches Erlebnis. Ich habe Flashbacks. Die Therapeutin, mit der ich darüber spreche, sagt: „Natürlich, Sie sind traumatisiert.“ Traumatisiert? Aber ich bin doch dankbar. Muss es sein. Die Therapeutin behauptet, man könne (und dürfe) gleichzeitig dankbar UND traurig sein. Also bin ich dankbar und traurig, und immer wenn das Innenchaos überschwappt, atme ich mich hindurch. Das ist der Trick: Weiteratmen. Ein und aus. Ganz langsam werde ich wieder ich.

Nach dem Danach.

Die Schmerzen sind nach drei Monaten endlich weg. Fast. Vorsichtig beginne ich wieder mit meinen Yogaübungen. Aber irgendetwas stimmt da nicht: In meiner Körpermitte befindet sich ein Nichts. Meine Körperhälften sind zwei einzelne funktionierende Teile. Ich bin ein Regenwurm. Ich sage das meiner Hebamme, sie nickt. Die energetischen Bahnen seien durchtrennt, sagte sie, die müssten sich erst wieder finden, das dauere lange. Klingt voll esoterisch und alles, aber ganz genau so fühlt es sich an. Um die Narbe herum ist alles taub. Ich will sie weder sehen noch anfassen. Die Narbensalbe benutze ich deshalb nie.

Heute.

Ich bin immer noch ein Regenwurm, aber es wird besser. Die Narbe gehört nicht zu mir. Ich will sie nicht haben. Sie ist da, aber ich tue so, als wäre sie es nicht. Sie macht mich wütend und bockig. Wenn andere Frauen mir von ihrer tollen spontanen Geburt erzählen, werde ich ganz still. Da ist das Gefühl, irgendwo versagt zu haben. Mich grundsätzlich geirrt zu haben. Wenn ich mir überlege, dass ich gar keine Angst hatte vor der Geburt, dass ich ein großes Vertrauen in meinen Körper und meine Kraft hatte – dann muss ich ein bisschen lachen. Weil ja immer alles anders kommt am Ende. Da liegt offensichtlich noch ein Stückchen Weg vor mir. Na gut. Dann gehe ich ihn eben.

Diesen Text habe ich für alle Frauen geschrieben, denen es ähnlich geht und die dafür keine Worte finden. Wenn Ihr mögt, bedient Euch bei meinen.

Und diese Bücher haben mir geholfen:

Es ist vorbei, ich weiß es nur noch nicht von Tanja Sahib (über traumatische Geburten)

Kaiserschnitt und Kaiserschnittmütter von Brigitte Renate Meissner

Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht von Carolin Blasser et al.

The Bodies of Mothers von Jade Beall

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Edit:

Ich möchte noch diese Links ergänzen, weil sie gut passen.

Nach dem Kaiserschnitt (danke, Frische Brise)

Über das Bad zum Nachholen des Bondings

Seit ich ein Kind habe.

Seit ich ein Kind habe, bin ich ängstlicher. Das Kiddo könnte in meiner Abwesenheit auf diese bösartige Fliesenkante im Bad knallen und verbluten. Dasselbe könnte ihm auch in meiner Anwesenheit passieren. Es könnte eine ganz schlimme Krankheit haben, von der wir noch nichts wissen. Jemand könnte es versehentlich oder absichtlich umbringen. Es könnte später einen oder mehrere Menschen kennenlernen, die ihm das Herz brechen. Ich könnte selbst dieser Mensch sein. Das Kiddo könnte mir verloren gehen oder mit einem Fluch belegt werden. Ich könnte aus dem Fenster fallen und es zur Halbwaise machen. You name it.

Seit ich ein Kind habe, bin ich mutiger. Ich kann nicht mehr dauernd vor aller Unbill weglaufen. Ich muss und will für das Kiddo, für den Mann, für UNS als Familie einstehen und für das, was wir tun und wie wir es tun. Ich muss mich gerade machen und Kommentare teflonmäßig wegstecken. Ich trete meiner sozialen Inkompetenz regelmäßig in den Arsch (auch wenn ich oft heimlich dabei schwitze). Ich gehe auf Menschen zu und öffne ihnen meine Haustür und mein Herz. Ich fasse mir ebenjenes und lasse mir auch mal was sagen. Und wer mir die Butter vom Brot nehmen will, muss neuerdings ganz schön früh aufstehen.

Seit ich ein Kind habe, bin ich gestresster. Ich kann weder in Ruhe aufs Klo noch eine Überweisung tätigen (sofern sie eine IBAN enthält). Ich werde nachts dreitausendmal und morgens zu einer Scheißzeit geweckt. Oft durch Minifaustschläge auf meine geschlossenen Lider. Ich habe ständig Flecken von irgendwas irgendwo. Ich trete im Dunkeln auf Holzbauklötze. Und mit einem Ohr bin ich immer beim Kiddo – eine ununterbrochene Standby-Funktion, die sich nicht ausschalten lässt.

Seit ich ein Kind habe, bin ich entspannter. Ich merke am Nachmittag, dass ich morgens nur ein Auge geschminkt habe? Ach, merkt ja eh keiner. Da klebt Banane in der Kaffeemaschine? Dann kauf ich mir halt einen in der Bäckerei. Taschenfarbe + Jackenfarbe = optische Kernschmelze? Mir doch egal. Das Finanzamt will eine sehr hohe Einkommenssteuernachzahlung? Och.

Seit ich ein Kind habe, bin ich effizienter. Ui, das Kiddo ist eingeschlafen! Während ich die Essensreste vom Küchenboden klaube, mache ich der Kitaleitung am Telefon schöne Augen, schubse mit dem Fuß ein paar Krümel unter den Schrank und stelle die Waschmaschine an. Beim Staubsaugen staubwische ich parallel, mache ein lustiges Foto für Instagram, sammele resigniert das unbenutzte Holzspielzeug ein und richte das Sofa wieder rechtwinklig aus (ein Muss. MUSS. MUSS!!!). Das Kiddo quengelt – fertig. Benötigte Zeit: 27 Minuten. Aber ich bin sicher, da ist noch Luft nach oben.

Seit ich ein Kind habe, bin ich langsamer. Okay, damit habe ich gerechnet. Schließlich haben alle meine FreundInnen vor mir Kinder bekommen. Ich habe mir also schon in diversen Treppenhäusern die Beine in den Bauch gestanden, während oben schwitzende Elternteile mit infernalisch kreischenden Babys rangen (oder rungen?). Aber wie langsam man tatsächlich werden kann, schockiert mich täglich neu. Banale Verrichtungen werden zum Kunstprojekt, wenn man dabei eine Million Mal unterbrochen wird. Ich überlege, mich in Echtzeit beim Spülmaschinenausräumen zu filmen und das 12-stündige Video dann als Performance zu vermarkten.

Seit ich ein Kind habe, bin ich weicher. Vor einigen Wochen wurde in meiner Nachbarschaft ein totes Neugeborenes gefunden. Nicht, dass mir sowas vorher egal gewesen wäre, aber seit das Kiddo auf der Welt ist, beschäftigen mich Ereignisse wie diese wochenlang. Beim Gedanken an dieses arme Geschöpf, dessen Leben in einer Plastiktüte von Lidl endete, muss ich Rotz und Wasser heulen. Oder neulich, als Eltern auf der Straße ihr Kleinkind anschrien, weil es sich nicht schnell genug die Nase geputzt hat (WTF?!). Kinder sind mein neuer soft spot. Und ich kann rein gar nichts dagegen tun.

Seit ich ein Kind habe, bin ich härter. Ständiges Kreisen um Befindlichkeiten und Nichtigkeiten war früher mein allerliebstes Hobby. Heute hab ich da meist keinen Nerv für. Es ist so anstrengend, Geld zu verdienen? Du hast einen schlimmen Kater? Er/Sie/Es hat bei WhatsApp Deine Nachricht gelesen, aber nicht geantwortet? Mein Lieblingspulli ist eingegangen? Jo. Shit happens, ne.

 

Und. Da ist noch was. Eine Kleinigkeit.

Seit ich ein Kind habe, bin ich glücklicher.

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Kitsch. Aber isso.

 

 

 

Die Prophezeiungen.

Klingt wie der Titel eines sehr langweiligen historischen Romans, oder? Irgendwas mit der katholischen Kirche und einem fiesen Geheimorden. Gemeint sind aber diese in unheilvollem Ton vorgebrachten Weissagungen, die Schwangere und Neu-Eltern quasi minütlich ereilen. Der/die Prophezeiende kann meist eine gewisse Genugtuung nicht verhehlen. So ein Lehrjahre-sind-keine-Herrenjahre-Gesichtsausdruck. Ich habe mir mal in Erinnerung gerufen, was man uns bisher so alles prophezeit hat – und ob es dann auch eingetroffen ist.

 

„Wenn Du stillst, nimmst Du automatisch ab!“

Lasst mich kurz … bahahahahahaaa! Oh Mann, was bin ich da reingefallen! Weil ausnahmslos jede Mutter in meinem weiteren Umfeld behauptet hat, ich könnte stillenderweise essen wie Rainer Calmund, flogen mir in der Schwangerschaft vielleicht ein oder zwei gebratene Täubchen zu viel in den gierigen Schlund. Nach der Entbindung harrte ich vertrauensvoll der zu erwartenden Gewichtsabnahme. Sie kam nicht. Obwohl ich wirklich (!) überschaubare Mengen verspeiste. Nach etwa drei Monaten war mir das dann zu blöd, und ich verspeiste lieber unüberschaubare Mengen. Und auch das blieb ohne Effekt, diesmal erfreulicherweise. Status quo: Ich verspeise beachtliche Mengen, der Zeiger auf der Waage klebt fest und ich übe mich in Zen. Eine von mir dazu interviewte Stillberaterin sagte folgendes: Nicht bei allem Frauen führt das Stillen bei normaler Nahrungsaufnahme zum Gewichtsverlust. Bei einigen bewirkt das Prolaktin auch, dass die Pölsterchen bleiben. Die nehmen dann nach dem Abstillen leichter wieder ab, falls sie das möchten. Gut. Ich bin wohl eine davon. War ja klar.

 

„Geh nicht immer hin, wenn das Baby schreit, es gewöhnt sich sonst daran.“

Guter Witz. Das ist ja auch mein Ziel – das Kiddo soll ja eben nicht denken, es befände sich mutterseelenallein in der sibirischen Tundra. Es soll ja wissen, dass einer kommt, wenn es was hat. Gibt natürlich Leute, die da anders rangehen. Meine Erfahrung bislang: Das Kiddo war und ist sehr dankbar, wenn jemand nach ihm schaut, sobald es weint, und beruhigt sich so viel schneller, als wenn niemand reagiert (einmal ausprobiert und nach 5 Minuten abgebrochen, weil für alle Beteiligten unerträglich). Dass ein Baby zum vielzitierten Tyrannen wird, da glaube ich nicht dran. Unberechenbare Diktatoren mit lachhaften Frisuren mögen Tyrannen sein – aber mein Kind? Not so much.

 

„Von Holzspielzeug hast Du länger was.“

Stimmt. Weil es nämlich nie benutzt wird vom Kiddo. Ich habe mittlerweile einen stattlichen dreistelligen Betrag in wundertolles, altersgerechtes Holzspielzeug investiert. Sieht schnieke aus, wie es so auf dem Dielenboden liegt. Ganz allein. Und unbeachtet. Chancenlos gegen die Stapelbecher von dm und Verpackungsmüll aller Couleur.

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Krokodil: 0. Weichkäse: 1.

 

„Wenn das Baby da ist, ist Dein Hund abgemeldet.“

Come on, Leute! Was ist das denn für ein Quatsch. Ist in meinem Herzen vielleicht ein Wohnraummangel ausgebrochen, ohne dass ich es gemerkt habe? Mir war so, als hätten da sehr viele Menschen und Tiere und Babys drin Platz. Einfach so. Als unsere Hündin vor vier Monaten starb, war da auf einmal eine große Lücke in unserer Familie. Und ich finde es so schade, dass das Kiddo sich nicht an sie erinnern wird.

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Ein Herz auf vier Pfoten.

 

„Am Ende machst Du doch alles.“

Hmpf. Nicht ganz, aber es kommt mir zuweilen so vor.

 

„Eure Wohnung wird mit lauter hässlichem Spielzeug vollgemüllt sein.“

Nein – unsere Wohnung ist, siehe oben, mit ästhetischem Holzspielzeug vollgemüllt. Ich bin mir sicher, da ist noch Luft nach oben, denn das Kiddo beginnt seine Spielzeugkarriere gerade erst. Bislang schmeiße ich all den Kram abends einfach in eine Kiste. Die ist allerdings ein total hässliches Plastikding, was meine Bemühungen um eine schöne Wohnumgebung selbstverständlich konterkariert.

 

„Man kann die Liebe zum Kind nicht beschreiben, wenn man sie nicht erlebt hat.“

Das stimmt. Zumindest für mich. Und es hat mich unverhofft und knallhart erwischt. Ist mir unendlich peinlich, das zu schreiben, aber…mein Herz. Es läuft manchmal tatsächlich über. Vor Liebe. (*würg* Das klingt voll verzuckert)

 

(Und noch eine Anmerkung in eigener Sache: Die fabelhafte Rike Drust hat heute ganz viele neue BesucherInnen hierher geschickt. Das hat mich sehr sehr sehr gefreut – und auch ein bisschen nervös gemacht. Wo ich doch meine Texte nie Korrektur lese. Herzlich Willkommen, neue Menschen!)

Liebes Kiddo,

ich wollte eigentlich keine Kinder. Also, sehr lange nicht. Ich konnte mir schlichtweg nicht vorstellen, jemand anderem so viel Energie, Zeit und Liebe zu opfern. Mit Anfang zwanzig sprang mich in allergrößter Verliebtheit einmal der Gedanke an ein Kind an – und dann bekam ich meinen ersten Hund. Zwei Tage nach Einzug der freundlichen Hundedame war jeglicher Kinderwunsch ausgelöscht. So viel Verantwortung! Für ein Lebewesen! Dauernd, rund um die Uhr! Krass. Ganz ernsthaft beschloss ich, dass ich jetzt noch viel weniger ein Kind haben wollen würde als vorher. Die Windhündin wurde gewissenhaft geliebt und versorgt, wurde alt und starb. Ich vermisste sie, aber nicht die Verantwortung, die mit ihr aus meinem Leben verschwand.

Gelegentlich fand ich es schade, dass ich keine Kinder wollte. Dunkel schwante mir, dass ich das irgendwann in einem nebligen Später vielleicht einmal bereuen könnte. Aber deshalb jetzt ein Kind bekommen? Nee. Liebschaften kamen und gingen, der ein oder andere wäre dieser Familiensache nicht abgeneigt gewesen. Ich schon. Der Gedanke, da wüchse ein kleiner Mensch in meinem Inneren heran, einer, den ich dann lieben müsste, verursachte mir Beklemmungen. Sah ich eine Schwangere auf der Straße, strich ich oft über meinen eigenen leeren Bauch, voller Erleichterung.

Dann wurden die ersten Freundinnen schwanger. Das war jedes Mal ein Schock. Ja, ein Schock. Mir war bei jeder freudigen Nachricht, als verschwänden die Freundinnen in eine Parallelwelt, die ich niemals betreten würde. Mein Stellvertreterfreuen fühlte sich immer künstlich an. Statt dessen zog der zweite Hund ein. Das war mir genug Familie: Der Hund, und ich, und der Mann, der jetzt Dein Papa ist.

Irgendwann im Frühjahr beherbergten wir Deinen 16-jährigen Cousin, der damals noch nicht Dein Cousin war, für 2 Wochen in unserem Zuhause. Praktikum in Berlin. Ich muss dazu sagen, der Neffe vom Mann ist ein ganz Toller. Mit ihm zog ein unerwartetes Gefühl ein, für das ich gar kein richtiges Wort finde. Ein Familiengefühl? Mag sein. Der tollste Neffe akzeptierte uns unbefangen als Vertretungseltern, wir kochten zusammen (schwierig, wenn der Pubertist Obst und Gemüse verabscheut), ich „erlaubte“ ihm ein halbes Glas Wein, weil er behauptete, der schmecke ihm, und an seinem Ausgehabend saß ich allein im Wohnzimmer und sah mich schon nachts verzweifelt auf Pubertistensuche durch die Großstadt irren. Aber pünktlich um 22.00 klingelte es – und ich war erleichtert, und stolz auf ihn. Komische Gefühle. Warme Gefühle. Bei seiner Abreise wurde mir klar: Ich will das auch. Mit einem eigenen Kind. Und mit dem Mann. Nur mit dem.

Nach einer gefühlten Ewigkeit war der Test positiv. Ich wollte ihn schon routiniert in den Mülleimer werfen, da sah ich den zarten, ganz zarten rosa Streifen. Du hattest Dich also auf den Weg gemacht. Die Schwangerschaft war, das will ich Dir nicht verschweigen, nicht so toll. Ich hatte immer Angst um Dich. Konnte mir gar nicht vorstellen, dass mein Körper, der doch so lange gar nicht schwanger sein wollte, Dich versorgen und wachsen lassen kann. Außerdem war ich überzeugt, dass ich eine postnatale Depression bekommen würde. Wer, wenn nicht ich? Die Veranlagung habe ich, leider Gottes, schon immer. Und ständig dachte ich: Was, wenn ich Dich nicht liebhaben kann? Wenn ich Dich sehe und nichts spüre? Was, wenn ich meine eigene komplizierte Eltern-Kind-Beziehung ungebremst auf Dich blaupause?

Dann kamst Du zur Welt. Mit Wucht und Schwung, so wie Du alles angehst, wie ich heute weiß. Ein kleines Drama war Deine Geburt, aber das macht nichts, das passt zu uns. An einem Samstag Abend, zur PrimeTime, konnte ich Dich endlich in den Armen halten. So klein warst Du, so fremd, so vollkommen unbekannt und neu. Dein Papa konnte nachts nicht bei uns bleiben, den haben die Klinikschwestern rausgeworfen. Als sich die Tür hinter ihm schloss, hatte ich große Angst, mit Dir allein zu sein, mit Dir und der bodenlosen Erschöpfung und Leere, die ich fühlte. Ich saß einfach da und hielt Dich fest, weil ich nicht wusste, was ich jetzt machen soll. Stundenlang hielt ich Dich fest, während es draußen still wurde. Die Geräusche auf dem Gang wurden leiser und verstummten, und ich hielt Dich fest und sah in Dein winziges Gesicht, ratlos.

Plötzlich gingen Deine Augen auf und schauten mich an, ganz ruhig und ganz lange, forschend. Ich weiß nicht, wie lange wir uns so angesehen haben. Irgendwann schliefen wir beide ein. Als ich am nächsten Morgen erwachte, hatte ich mich verändert. Ich war Deine Mutter geworden. Da war auf einmal ein Raum in meinem inneren Haus, um den ich bis dahin nicht wusste. Du wohnst darin. Bleib bitte für immer.

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