Denkfragment #3

stay weird

Mantra. Muss ja.

Einer dieser Morgen. Ein Teil meines Hirns quält sich durch einen total sinnlosen Resttraum, ein anderer Teil registriert Schläge von kleinen Fäusten und Tritte von kleinen Füßen und ein schleppendes „Mamiiiiiiii, MAMIIIIII“ in schlecht zu ignorierender Lautstärke. Das Kind ist ebenfalls mit der falschen Hirnhälfte aufgestanden und muss seine ziellose Frustration an jemandem auslassen. Immer an mir, nie am Mann. Ich bin alles, darf alles, muss alles, ich bin der Boxsack und das Federbett und die dunkle Höhle und der Kratzbaum und Die Deren Name Nicht Genannt Werden Darf, denn ich habe mich spurlos aufgelöst in der mütterlichen Ursuppe.

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Denkfragment #2

Bedürfnis, jetzt.

Beruf und Mutter, Mutter und Beruf: endlose Variationen eines Themas. Wahrscheinlich hätte ich doch Lehrerin werden sollen. Hatte ich ja auch eine Zeitlang vor, aber dann mussten wir im sechsten Semester diese grauenhafte Unterrichtssimulation machen, die vom Professorinnenteam* auf Video aufgezeichnet wurde. Ich schlug mich ganz gut im Angesicht von 40 Pubertierenden. Dachte ich zumindest, bis man mir die Videoauswertung vorführte. Darauf war eine zerraufte, schwitzende Anfangzwanzigerin zu sehen, die unangemessen oft „Scheiße“ sagt.

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Die Brigitte schießt sich ins Bein.

Holy Shit! Da sind ja gar keine Glitzerponysticker auf meinem Rechner! Bin ich vielleicht gar nicht Mutter?

Holy Shit! Da sind ja gar keine Glitzerponysticker auf meinem Rechner! Bin ich vielleicht gar nicht Mutter?

Na sowas! Die Brigitte macht jetzt auch auf Clickbaiting*. Anders kann ich mir diesen Artikel nicht erklären**. In „Mütter als Kolleginnen? Mehr Fluch als Segen!“ lamentiert Marion Hackl auf maximal unreflektierte Weise über diese schrecklichen Frauen, die trotz Kind tatsächlich eine Erwerbstätigkeit auf professioneller Augenhöhe anstreben. Egoistinnen! Und dann nerven die Muttis ihre vielbeschäftigten KollegInnen mit diesen Kitazeiten und diesem Ponyreiten und diesen Kinderfotos. Urgh. Frau Hackl klingt im Angesicht dieser Zumutungen ausgesprochen nölig.

Hackls Lösung: Mütterarbeitsplätze! Das sind quasi Katzentische im Büro, wo Mütter (nicht Eltern! Mütter!) im Kreise ihrer Genossinnen solcherlei Arbeiten ausführen dürfen, die für die richtigen MitarbeiterInnen zu unwichtig sind. Ein Ghetto aus dm-Tüten und Dinkelstangen und Windelgeruch.

Blöd ist nur: Hackl hat anscheinend so gar nicht verstanden, wie strukturelle Diskriminierung funktioniert. Das ist natürlich ungünstig in dem Job (zur Strafe: ab auf den Mütterarbeitsplatz!). Da sollte man sich vielleicht mal mit einem Moment Recherche belasten.

Auch nicht verstanden hat sie folgenden fun fact: Mütter werden ja gar nicht von ganz allein zu Müttern***. Dafür braucht es ja auch noch einen Vater. Huch! Kriegt der dann einen Väterarbeitsplatz? Ach nein, der ist ja Geschäftsführer. Oder Abteilungsleiter. Oder was man in der Hackl’schen Welt als Mann eben zu sein hat. Der Vater existiert im Büro selbstverständlich nicht als Vater, sondern als Arbeitnehmer, liebe Freunde. Der kann das professionell trennen und muss nicht alle Welt mit seinem Brechdurchfall langweilen.

Überraschung, Frau Hackl: ArbeitnehmerInnen werden Eltern. Frauen und Männer werden zu Müttern und Vätern. Und wollen und müssen und sollen trotzdem arbeiten. Ja, obwohl sie Kinder großziehen. Ja, obwohl sie Verpflichtungen haben, die mit Ihrem persönlichen, unflexiblen, verknöcherten Arbeitsentwurf kollidieren. Damit müssen Sie leben. Damit müssen Arbeitgeber leben. Damit muss die Gesellschaft leben.

Kapiert das doch endlich, Ihr Dinosaurier.

(Ich habe zu dem Thema auch schon alles gesagt, eigentlich.)

*Wer Brigitte keine Clicks vom Kiddo schenken möchte, kann den Kram auch googeln

**Der Ursprungsartikel wurde von der Brigitte-Redaktion entfernt. Auf Facebook entschuldigt man sich für die Unannehmlichkeiten. Damit Ihr nachvollziehen könnt, was in dem Artikel stand, hier eine kurze Zusammenfassung in meinen Worten als Gedächtnisprotokoll: Die Autorin ist genervt von Müttern als Kolleginnen. Denn Mütter sind dauernd krank, oder ihre Kinder sind es, oder die Kita streikt. Wenn die Kita nicht streikt, müssen sie trotzdem pünktlich gehen. Oft sind sie müde und unkonzentriert, weil das Kind schlecht geschlafen oder Magen-Darm hat. Außerdem organisieren sie all den Kinderkram von der Arbeit aus: Ponyreiten und Kinderarzt und all that jazz. Und dann nerven Mütter auch alle anderen mit blöden Anekdoten und blöden Kinderfotos. Kurzum: Sie sind mit dem Hirn nicht hundertprozentig im Job und maximal unflexibel. Deshalb sollte es „Mütterarbeitsplätze“ geben. Dort trägt man dann dieser gesellschaftlichen Last Rechnung. Weil Mütter eben keine Leistungsbringer sind. All das entspringt den subjektiven beruflichen Beobachtungen der Autorin. Der Artikel ist nicht etwa Satire, sondern versteht sich als eine Art sarkastisch formulierter Standpunkt. Sprachlich ist er an mehr als einer Stelle deutlich abwertend gegenüber seinem Sujet. Die inhaltliche Seite habe ich bereits oben besprochen.

***Der Ursprungsartikel geht von der heterosexuellen Kleinfamilie aus

Vom Blues.

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Monate vergingen, es waren 14. Es sind 14, genau heute. Das Kind wurde unter Heulen und Zähneklappern zur Welt gebracht und durch dieselbe getragen, stundenlang. Es wurde und wird gestillt, geliebt und familiengebettet. Soweit, so normal. 14 Monate neues Leben im alten Leben – oder nein, es fing ja schon früher an. Diese Schwangerschaft, die schon so weit weg scheint.

Nächste Woche wird, so Gott denn endlich will, für das Kiddo die Kita beginnen (mal wieder). Und ich arme Törin sitze hier und bin so schlau als wie zuvor. Weil ich nämlich dieser großen Veränderung, von der immer alle reden und von der immer alle behaupten, dass sie mit dem Kind passiere – ja, weil ich der nämlich nicht auf die Spur komme. Hat sich mein Leben verändert? Ja. Ich schlafe weniger, also quasi nie, bin so unspontan wie selten, mache mir dauernd Kindersorgen und Müßiggang ist nicht. Die offensichtlichen Dinge, sie machen auch vor mir nicht halt. Aber hat sich mein Leben verändert? Nein. Ich bin der Mensch, der ich bin, der ich war. Der hat jetzt halt ein Kind.

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Wie wir einmal unseren Kitaplatz aufgaben.

Ich bin übrigens die, die im 6. Schwangerschaftsmonat eine Excel-Tabelle über in Frage kommende Kitas geführt hat. Ich bin die, die nach der Geburt sorgfältige Pläne über künftige Arbeitszeiten und Wiedereinstiegsoptionen für den Mann und mich erstellte. Ich bin die, die alle Hände über dem Kopf zusammenschlug, wenn eine hochschwangere Freundin gestand, noch bei keiner einzigen „Einrichtung“ angerufen zu haben.

Jetzt bin ich die ohne Kitaplatz.

Und das kam so: Wir bewarben uns schon in der Schwangerschaft bei etlichen Kitas, auf den dringenden Rat einer Freundin hin. Und zwar nur bei ziemlich großen Kitas. Auf den Rat ebendieser Freundin hin, die uns gruselige Geschichten über die ewigen Schließzeiten, den dauernden Elternzwist und die ständigen Notfälle kleiner Einrichtungen und Kinderläden erzählte. Brrrr, nein, das wollten wir nicht. Grundsatzdiskussionen über Plastikspielzeug oder Nachtisch? Na Danke. Da profitierten wir doch lieber vom Wissen der Eingeweihten. Also hörten wir auf die Freundestipps und schrieben wir uns auf zwei Handvoll Wartelisten ein, mit einem klaren Favoriten. Beim Rest war ich eher indifferent, der Mann jedoch optimistisch.

Tja nun, mit dem klaren Favoriten wurde es für dieses Jahr nichts. Dafür bot uns eine andere Kita einen Platz an, sogar ab Februar. Februar! Wo man uns doch überall versichert hatte, es ginge frü-hes-tens ab August. Und die Leiterin war sehr sympathisch. Richtig gut war die. Das Gebäude hätte schöner sein können, aber den Kindern ist so etwas ja eher wurscht. Die spielen auch auf einem Komposthaufen, wenn man sie lässt (wie jetzt – Eure etwa nicht? Unseres fände auch einen Atomreaktor oder eine Leichenhalle ganz klasse). Also fassten wir uns ein Herz und unterschrieben den Vertrag. Irgendwo in einem finsteren Bauchwinkel meldete sich ein Gefühl. Ein ganz kleines.

Dann kam das Vorgespräch mit der Bezugserzieherin. Wir kamen an und waren nervös – schließlich sollte es wenige Tage später losgehen. Eine große Veränderung, nicht nur für das Kiddo.

Die Erzieherin begrüßte uns an der Tür – nicht aber unsere Tochter. Seltsam, dachte ich. Aber vielleicht war das ja so ein Prinzip wie bei Hunden? Denen soll man zur Begrüßung auch nicht so viel Aufmerksamkeit schenken. Hunde. Hm. Wir setzten uns in einen freien Raum und füllten Zillionen Fragebögen aus. Das Kiddo turnte derweil durch das Zimmer, immer noch weitgehend ignoriert von der Frau, die bald eine enge Bindung zu ihm aufbauen würde. Hm. Aber wann eigentlich?

Einige irritierende Kommentare der Erzieherin, die ich hier nicht wortwörtlich wiedergeben möchte, gaben dem Gefühl im finsteren Bauchwinkel ein wenig Nahrung.

Abends sagte ich zum Mann, ich hätte da kein gutes Mojo. Der Mann warf mir Dramatik und Negativität vor. Einige Tage später brachen Vater und Kind morgens zur Kita auf. Eingewöhnung! Yay! Ich saß am Schreibtisch und dachte unentwegt an die beiden. Sicher würde unser Kiddo mit seinem unkomplizierten Gemüt schnell Anschluss finden. Und ich bin nun mal gelegentlich etwas melodramatisch.

Es geschah dann aber vielmehr so, dass das Kiddo von seiner „Bezugserzieherin“ nicht wirklich beachtet wurde. Bindungsaufbau? Hallo? War da nicht was? Lange Rede, kurzer Sinn: Das änderte sich dann auch nicht mehr. Unsere Tochter, die fast jeden Menschen mag und deren Herz man in 10 Minuten gewinnen kann, wenn man denn möchte, machte einen zunehmend unglücklichen Eindruck. Und aus meinem kleinen Gefühl im finsteren Bauchwinkel wurden große, fiese Bauchschmerzen.

Also taten wir, was wir tun mussten: Wir kündigten den Vertrag.

Und jetzt? Jetzt sind wir wieder auf Null. Ich telefoniere täglich Kinderläden und sympathische Kitas und Tagesmütter durch. Wenn ich Glück habe, werde ich nur bemitleidet, wenn ich Pech habe, ausgelacht. Ich weiß nicht mehr, auf wie vielen Wartelisten wir mittlerweile stehen oder auch nicht. Ich weiß nur: Wir haben keine Kinderbetreuung und es ist auch keine in Sicht. Wie wir das hinkriegen sollen? Keine Ahnung.

Sind wir eigentlich bescheuert, unseren Kitaplatz einfach so wieder aufgegeben zu haben? Vielleicht. Würden wir es wieder so machen? Auf jeden Fall.

P.S. Liebe nette Kitas und Tagesmütter in Berlin Kreuzberg-Neukölln-in-der-Nähe. Solltet Ihr zufällig noch ein richtig liebes, einjähriges Mädchen mit einigermaßen unnervigen Eltern aufnehmen wollen, dann meldet Euch bitte. Und jeder sonst, der nen Tipp hat: meldet Euch bitte. Ja, ich weiß – ich muss schon selbst lachen, während ich das gerade tippe. Die Hoffnung stirbt halt zuletzt.

Kind? Oder Karriere? Oder und?

Soll ich mich mal hochoffiziell zum Arsch machen? Ja? Wirklich? Na schön: Ich habe früher wahnsinnig ungern mit Müttern zusammengearbeitet. Sehr, sehr ungern. Ich fand das nämlich, sagen wir mal, kompliziert. Diese Teilzeitgeschichten. Der pünktliche Feierabend mitten am Tag. Das ebenso spontane wie unwiderrufliche Fehlen aufgrund von Kinderkrankheiten, von denen ich im Leben noch nie etwas gehört hatte. Hüftschnupfen, R U serious?! Maul-und Klauenseuche?! Geh mir fort.

Ich sag ja – Arsch. Und dumm. Und hochmütig. Was mir ja offenbar lange nicht in den Sinn kam, war der Zweifel am System. Da mussten erst eine Handvoll Freundinnen Mütter werden und vor meinen Augen vergeblich mit dem Vereinbarkeitsmythos ringen, bis bei mir der Groschen fiel: Oh, Kollege Supertexter ist vor einer Woche Vater geworden? Oh, der ist schon wieder im Büro? Oh, der nimmt gar keine Elternzeit? Oh, der macht ja Überstunden wie sonst auch? Oh, das findet ja gar niemand seltsam oder gar total ätzend? Ja nee, das findet keiner total ätzend, weil es nämlich gesellschaftlich total anerkannt ist, dass der Mann sich unterm Schreibtisch verkriecht, während die Kindesmutter zuhause Doppelschichten schiebt. Und dann noch gedankliche Arschtritte von Leuten wie mir kassiert, wenn sie sich erdreistet, in Teilzeit wieder in den Job zurückzukehren.

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Ein Mädchen.

„Ich kann es noch nicht beschwören, aber wie es aussieht, bekommen Sie ein kleines Mädchen!“ Die Frauenärztin schaut mich erwartungsvoll an. „Oh“, sage ich. „Scheiße“, denke ich.

Aus Gründen, die sich mir selbst im Nachhinein nicht mehr erschließen, war ich überzeugt, einen männlichen Fötus zu beherbergen. Ich hätte wissen müssen, dass ich falsch liege. In solchen halb-spirituellen intuitiven Dingen liege ich immer falsch. Nun. Also ein Mädchen. Ich löse meinen Blick vom Monitor, der eine komische kleine Kartoffel mit puckerndem Herzen zeigt, und sehe der Frauenärztin ins Gesicht. „Toll. Ein Mädchen“, sage ich apathisch, und sie lächelt. Den Mann schaue ich nicht an, aber ich spüre, dass er ebenfalls lächelt. Warum auch immer.

Auf dem Heimweg bleibe ich stumm. Die erklärenden Sätze, die ich in meinem Kopf forme, klingen allesamt undankbar oder neurotisch oder beides. Schließlich habe ich auf Nachfrage immer behauptet, es sei mir schnurz, welches biologische Geschlecht das Kind habe, meinetwegen könne es auch gar keins haben. Das war gelogen. Ganz hinten im Kopf habe ich mir einen Jungen gewünscht. Ohne jemals darüber nachzudenken, damit meine naive Wunschblase nicht platzt. Es dauert ein paar Tage, bis ich meine Enttäuschung dem Mann gegenüber artikulieren kann. Der Mann ist nicht enttäuscht und auch nicht überrascht oder sonstwas – der freut sich einfach. Ich staune, weil er anscheinend so gar keine heimlichen Erwartungen gehegt hat. Einige weitere Tage vergehen, und dann freue mich mich mit, weil da echt ein Kind kommt, wirklich zu uns kommt, endlich unterwegs ist, und wir es nun mit Namen nennen können.

Warum ich kein Mädchen wollte, das muss ich wahrscheinlich erklären. Muss ich nicht, aber ich will es erklären, weil ich es wichtig finde. Die kürzeste und unbedarfteste Fassung lautet: Ich will „das“ nicht für mein Kind. Das, was das Mädchensein, und später das Frausein, fast zwingend mit sich bringt. Das, was ich am eigenen Leib und Herzen erfahre, wie so viele andere Mädchen und Frauen vor mir und mit mir.

Mein Mädchen, meine Tochter, mein Kiddo, ist in eine Welt geboren, die Frauen nicht besonders mag. Nehmen wir mal den Arbeitsmarkt. Da werden Frauen offenbar nicht geschätzt. Wie sonst können wir es erklären, dass wir auch heute noch 22% weniger Geld für die gleiche Arbeit bekommen als Männer? Wie sonst können wir es erklären, dass Frauen der Zugang zu Machtpositionen mit mehr und minder subtilen Mitteln verstellt wird? Wie sonst können wir es erklären, dass es mehr erfolgreiche Studentinnen als Studenten an den Unis gibt, letztere aber am Ende die schicken Vorstandsjobs absahnen? Wie sonst können wir erklären, dass die unendlich wichtigen Pflegeberufe, die hauptsächlich Frauen ausüben, so schlecht entlohnt werden? Und das sind nur wenige, willkürliche Beispiele.

Der Beruf ist also ein Lebensaspekt, der mit großer Wahrscheinlichkeit dem Mädchen-Kiddo weniger Chancen bietet als einem Jungs-Kiddo. Aber sonst ist doch alles supi, so im Privaten, ja? Nein. Ist nicht supi. Ein Mädchenhirn zu haben ist eine Sache – aber dazu gehört ja meist ein Mädchenkörper. Und auch der wird in unserer Gesellschaft nicht respektiert. Wie sonst können wir es erklären, dass der weibliche Körper als halböffentliches Eigentum durchgeht, das nach Herzenslust kommentiert, beglotzt und sogar angefasst werden darf? Wie sonst können wir es erklären, dass die Fallrate von Vergewaltigungen, die vor Gericht verhandelt UND verurteilt werden, im einstelligen Prozentbereich liegt? Wie sonst können wir es erklären, dass schon die Figuren kleiner Mädchen als Projektionsfläche für vermeintliche Schönheitsnormen dienen? Wieder sind dies nur wenige, willkürlich gewählte Beispiele.

Ja nun – aber in der Familie, da sind wir doch heute gleichberechtigt? Da machen doch die PartnerInnen unter sich aus, wie sie ihre Lohn- und Familienarbeit verteilen möchten? Hm, nein. Wie es scheint, wird der weibliche Einsatz auch hier nicht angemessen honoriert. Wie sonst können wir es erklären, dass Frauen im Haushalt trotz eigener Erwerbstätigkeit deutlich mehr arbeiten als Männer? Wie sonst können wir es erklären, dass die Frauen, die viel Sorgearbeit verrichten, weil der Gatte eben mehr Geld verdient (da schließt sich ein Kreis), dafür mit Altersarmut bestraft werden? Gleichberechtigung in der Partnerschaft: Das ist ein so komplexes Thema, dass es eigentlich viel mehr Platz braucht.

Die Köpfe und Körper von Mädchen und Frauen müssen eine Menge Druck aushalten. Sie werden kategorisiert, bewertet, geformt. Auch wenn sie noch ganz, ganz klein sind. In den letzten 11 Monaten wurde ich zum Beispiel mehrfach darauf hingewiesen, dass meine Tochter ja „sehr wild sei für ein Mädchen“, dass ich sie ja gar nicht anzöge „wie ein Mädchen“ oder dass sie bestimmt mal „den Jungs den Kopf verdrehen wird mit ihren großen Augen“. Dieses ganze Elend der Geschlechterstereotype funktioniert, möchte ich hinzufügen, natürlich auch wunderbar in die andere Richtung, wie glücklich scheitern hier eindrucksvoll beschreibt.

Auch scheint es eine seltsame Front in vielen Köpfen zu geben, die heißt „Mädchenmütter vs. Jungsmütter“. Da werden Phrasen gedroschen, dass es nur so kracht: Mädchen sind viel emphatischer und sowieso „einfacher“ zu erziehen, die Jungs können hingegen auch mal was ab, Mädchen sind aber auch so empfindlich, Jungs sind so laut, bla bla bla blaaaaa. Ich muss immer sehr an mich halten, um der Gesprächspartnerin keine Kopfnuss zu verpassen und zu brüllen „Ey, jetzt hör doch mal auf mit dem Scheiß!!!11!!“ Denn Scheiß ist es. Scheiß, der unsere Kinder verformt und maßregelt, beschränkt und verletzt.

Wie ich meiner Tochter den Mädchenscheiß ersparen kann, weiß ich natürlich nicht. Verrückte These: Ich kann ihr nichts ersparen. Ich kann höchstens meinen kleinen Teil dazu beitragen, dass sie ein selbstbewusster Mensch wird, der seine Grenzen und Möglichkeiten gut kennt. Ich kann ihr zeigen, dass wir schön sind, wie wir sind. Ich kann niemals in ihrer Gegenwart schlecht über meinen Körper und meinen Kopf sprechen. Ich kann sie darin bestärken, „anders“ zu sein, wenn sie das möchte. Ich kann ihr beibringen, wie man ein gutes Gehalt verhandelt und wie man sich nicht dafür rechtfertigt. Ich kann ihr vorleben, dass es sich lohnt, sich für Menschen und Überzeugungen einzusetzen, immer und immer und immer wieder. Ich kann ihr vormachen, wie man trotzig bleibt.

Viel ist das wohl nicht, denke ich. Aber vielleicht ist es ein Anfang.