Lieber unbekannter Vater,

der Du heute früh bei dm neben mir an der Kasse gestanden und Deine Einkäufe verpackt hast. Dein Kind saß im Kinderwagen, meins daheim bei seinem Papa. Beide waren wir schon früh unterwegs, wie so viele Eltern, beide trugen wir eine gewisse Müdigkeit in den Augenfalten. Wir kennen uns nicht. Aber Du hättest mir fast den Tag versaut.

Als wir so einträchtig nebeneinander unseren Kram verstauen, komme ich nicht umhin, einen neugierigen Blick auf Deine Einkäufe zu werfen. Das ist wie Nasepopeln – jeder macht es, keiner gibt es zu. Einen nette Auswahl hast Du da, hätte theoretisch auch meine sein können: Die tolle, aber arschteure Babylotion mit weißer Malve von Weleda, Stilleinlagen für Deine Frau, Bio-Fencheltee, Bio-Stilltee, Ecover Vollwaschmittel, einen Alana-Body aus Wolle/Seide. Schicke Sache. Kudos, Mann.

Von meinem Kassenband rutscht heute eine Auswahl, die dem gutbügerlich-alternativen Elter die Brauen hochzieht: Drei Gläschen HiPP Spaghetti Bolognese, weil das die einzige Fertigkost ist, die das Kiddo zuweilen als Notfall-Lunch akzeptiert, während ich Tiefkühlpizza esse. Solche Tage gibt es bei uns. Nicht oft, aber es gibt sie. Vielleicht kennst Du das ja. Hirsekringel für die Spielgruppe liegen außerdem auf dem Band, weil die anderen Kinder die auch essen, und weil das Kiddo die sonst skrupellos beklaut. Diese Obst-Quetschtütchen für unterwegs, weil das Kiddo mit denen einigermaßen sauber snacken kann. Ich gebe zu, ich bin nicht so die Wechselklamotten-Mom mit australiengroßer Wickeltasche. Liegt daran, dass ich das Kiddo meist in der Trage dabei habe und nicht noch mehr Ladung schaffe. Last but not least, zwei Früchteriegel Apfel-Banane für unsere seltenen, aber inbrünstig gehassten Autofahrten. Ja, als Bestechung. Ja, sowas mache ich.

Als ich hochschaue, ertappe ich Dich dabei, wie Du meinen Einkauf genauso neugierig inspizierst wie ich Deinen. Ich muss grinsen und nicke Dir zu. Du lächelst ein Lächeln, das Deine Augen verfehlt und sagst mit diesem komisch verzogenen Gesicht den Satz, der mir voll in mein müdes Gesicht klatscht: „Aber Du weißt schon, dass Selberkochen nicht soooo viel Arbeit macht, oder?“

BÄM. Mein Mund schaltet kurzerhand auf Autopilot und entscheidet sich für Deeskalation und guten Willen: „Ach weißt Du, wir waren über die Feiertage so viel auf Reisen. Da haben wir unser ganzes Unterwegs-Zeug aufgebraucht. Das musste ich jetzt mal nachkaufen. Auf Vorrat quasi.“ Ich schaue Dir ins Gesicht und erblicke: absolute Verständnislosigkeit. Eine Spur Herablassung. Vielleicht ist es auch mehr als eine Spur.

Ich sag Dir ehrlich – wäre ich nicht ganz so erschöpft gewesen, ich hätte es dabei belassen. Hätte ich nicht vier kranke Wochen, 1.800 Kilometer auf der Autobahn und enorm anstrengende Feiertage hinter mir, ich hätte nichts gesagt. So allerdings gewinnt meine Selbstachtung:

„Aber eigentlich geht Dich das einen Scheißdreck an.“

Ich lasse Dich stehen. Und fühle mich besser.

Diese Dinge habe ich gekauft. Verklagt mich doch.

Diese Dinge habe ich gekauft. Verklagt mich doch.

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Notizen aus dem Limbus.

Eigentlich müsste es heißen: Notizen aus dem Locus. Die ihr eintretet, laßt alle Hoffnung fahren.

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Samstag. Der allerschönste Tag der Woche. Jedem, der etwas anderes behauptet, höre ich einfach nicht zu. Erst Recht nicht, wenn der den Sonntag am allerschönsten findet. Der Samstag kann alles, hält noch alles offen, verspricht alles mögliche. An diesem Samstag fahren der Mann, das Kiddo und ich nach Berlin-Mitte, denn der Mann will sich etwas gönnen. Das tut er nur selten und sucht dafür meistens diesen einen, lachhaft teuren Laden mit besonders authentischen und unermesslich hochwertigen Männerklamotten auf. Da kaufen Leute ein, für die sind Jeans eine Weltanschauung. Aber nett ist es da doch, deshalb kommen wir gern mit. Der Mann probiert Kleidungsstücke an, ich esse die bereitgestellten Lebkuchen, der Verkäufer spaßt mit dem Kiddo. Alles so heimelig hier, hach.

Und dann kotzt das Kiddo plötzlich in hohem Bogen mitten in den Laden. So richtig mit Schmackes. Die Hälfte trifft mich, die andere beachtliche Hälfte den schicken Holzboden. Ich rufe „Scheiße“ und „Oh Gott, sie hat einen Virus“ und falle fast in Ohnmacht vor Schreck, ich alte Kotzphobikerin. Alle Anwesenden erstarren für einen Moment, das muss von draußen sehr lustig aussehen. Das andere Paar im Laden mustert uns aus den Augenwinkeln mit Todesverachtung. Der Verkäufer ist ein Schatz und bleibt sehr entspannt, holt einen Mop und wischt alles auf. Ich flüchte derweil mit dem Kiddo nach draußen und verstecke uns im Auto.

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Samstag Abend, der Mann und ich haben noch gekocht, das Kiddo ins Bett gebracht und des Mannes neue Hose gebührend bewundert. Der Tag war ja doch noch gut. Wie alle gesagt haben, Kinder spucken halt mal. Ich lege mich ins Bett zum Kiddo und bin gerade am einschlafen, da piepst es neben mir. Ich richte mich halb auf, und in diesem Moment erbricht mein niedliches Baby eine unfassbar riesige Lache genau da hin, wo gerade mein Kopf lag. Ich springe quasi an die Decke und brülle nach dem Mann, der mich natürlich nicht hört. Das arme Kiddo, was muss es sich da denken.

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Wir liegen im frisch bezogenen Bett, das Kiddo wollte nochmal stillen und ist sonst ganz fidel. Ist also alles nicht so schlimm. Es krabbelt auf mich drauf, legt den Kopf auf meinen Bauch und erbricht die nächste Wagenladung Brühe auf mich.

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Memo an mich: Wir müssen mehr Bettwäsche kaufen. Zwei Garnituren und ein paar verwaiste Einzelteile reichen offenbar gar nicht.

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Fun Fact: Die Waschmaschine sucht sich diese Nacht aus, um kaputtzugehen. Es ist ja mittlerweile schon Sonntag. Also wird auch keiner kommen, um den Notfall zu beheben. Sonntage, ey.

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Mir ist flau. Ich esse Sonntag kaum was. Naja. Ginge ja auch schlimmer, also will ich mich mal nicht beschweren. Montag früh ist alles wieder ganz gut. Das Kiddo leckt obenrum nicht mehr, wir gehen mit Freundin S und ihrem Sohn spazieren, die es virusmäßig viel mieser erwischt hatte. Tröstlich irgendwie. Kaum sind wir daheim, guckt das Kiddo panisch und produziert hässliche Windelgeräusche, die mich ob ihrer Unaufhörlichkeit und dem damit einhergehenden Geruch beunruhigen. Im Bad stellt sich heraus: Ah, der Virus (es ist doch einer! Sag ich ja!) nimmt jetzt den Hinterausgang. Auch hier in lächerlich großer Menge und Explosivität.

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Dürfen Duschvorhänge zur Kochwäsche? Nein? Dann muss ich einen neuen kaufen. Aber die Waschmaschine ist ja auch kaputt.

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Ich rufe den Mann an und schildere den Kackreaktorunfall, also kommt er heim und hilft mir beim Putzen. Außerdem schafft er es, die Waschmaschine zu reparieren. Ein Problem weniger, zumal die Wäscheberge allesamt furchtbar stinken.

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Irgendwie habe ich gar keinen Appetit mehr. Der Stress. Wirklich null Appetit. Sogar fast schon einen Widerwillen gegen ein Abendessen. Eventuell sogar schon Ekel. Hm.

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Komisch, wie gut sich das Kiddo vom Mann ins Bett bringen lässt, wenn ich wirklich nicht abkömmlich bin. Weil ich zum Beispiel zitternd vor dem WC knie.

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Der Mann und ich verbringen die Nacht abwechselnd im Bad. Während der Gatte über eine robuste Konstitution verfügt, bin ich ein ausgelaugter Mutterkörper und verliere jegliche Flüssigkeit, die ein Mensch mal eben so verlieren kann. Das Schlimmste ist: Ich muss ja auch das Kiddo noch stillen, trotz schrecklicher Übelkeit und allem. Fühle mich enorm schlecht behandelt vom Universum. Ein First-World-Gedanke, Mist. Ich sollte dankbar sein!

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Was ich auch nicht wusste: Wenn frau dehydriert ist, läuft die Milch nicht mehr so super. Will heißen, das angeschlagene Kiddo kriegt nicht genug ab, und Wasser will es nicht. Ups, wieder ein Problem mehr. Ich wanke fieberträumend durch die Wohnung und lalle dummes Zeug und ekele mich vor allem Essbaren, der Mann geht zum Kinderarzt.

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Ich versuche, eine dringende Mail zu beantworten. Es geht allen Ernstes nicht. In meinem fiebernden Kopf tauchen dauernd Wörter auf, die da nicht hingehören, und meine Finger tippen so präzise wie Presslufthämmer. Ich lese die Sätze eine Milliarde Mal Korrektur, endlich fertig, und sende sie an meine Kundin. Einen Tag später stelle ich fest: Ich werde ihr diese Mail erklären müssen.

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Wenn es einem selbst richtig mies geht, ist es einem glatt wurscht, wie man aussieht und wie der Partner aussieht. Wie grüßen uns im nächtlichen Flur wie müde Trucker. Ich finde ihn richtig süß in seiner Jogginghose. Irgendwann begegne ich ihm seltener. Muss ihm wohl besser gehen.

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Ich versuche ein Foto zu machen, das aussieht, wie ich das Kiddo sehe, wenn ich ganz hohes Fieber habe. Klappt bedingt.

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Heute ist Donnerstag. Ich fühle mich wieder menschlich. Es klingt bescheuert, aber ich bin immer noch nervös, wenn ich neben dem schlafenden Kiddo liege. Es ist ein bisschen so, das würde man neben einem winzigen und sehr unberechenbaren Vulkan schlafen. Als ob jederzeit das Inferno aus diesem zarten kleinen Mündchen hervorbrechen und mir genau ins Gesicht klatschen könnte.

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Ein Truckergruß an alle Eltern, die nachts auf dunklen Fluren herumwanken, niedergestreckt von den Noro-Rota-Adenoviren ihrer Kinder. Die wischen und trösten und kleine Gesichter streicheln. Die unendliche viele Spannbettlaken aufziehen, ohne den Verstand zu verlieren. Ihr seid meine Helden.

 

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Hyde-Mom.

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Der Tag fängt schon gut an. Und wenn ich sage: gut, dann meine ich eigentlich: schlecht. Der Tag fängt also schlecht an. Im Grunde fängt er auch gar nicht an, sondern geht einfach weiter, nahtlos aus dem letzten Abend heraus. Die Nacht dazwischen zählt nicht, denn die bestand nur aus Bruchstücken. Weil: Das Kiddo ist krank und kann nicht richtig atmen und zahnt und wasweißich. Es quengelt, rotzt, weint und schnaubt unaufhörlich vor sich hin, will stillen, doch nicht stillen, auf dem Arm, ach lieber doch nicht, aufstehen, aber aufstehen ist dann doch blöd. Gehen wir halt ins Bad, da ist es wenigstens warm. Beim Wickeln kackt mir das Kiddo auf die Hand. Der Mann taucht auf, guckt kurz, legt sich wieder hin. Ich gehe ihm nach und keife ein bisschen. Wir streiten auf der Stelle. Dies wird ein Tag für Hyde-Mom.

Hyde-Mom ist die, die schnell die Geduld verliert. Die das weinende Baby anraunzt, weil sie die Geräuschkulisse nicht mehr erträgt. Hyde-Mom ist weder einfühlsam noch langmütig, mag keine Menschen und würde am liebsten immerzu jemanden ohrfeigen. Hyde-Mom denkt Dinge wie: „Die XY hat ja auch ganz schön zugenommen in der Schwangerschaft, aber ich gönn’s ihr“ oder „Jetzt halt doch mal die Klappe, Du blödes Kind, wegen Dir kann ich nie denken!“ Ich kann sie nicht leiden, sie kann sich also selbst nicht leiden, aber da ist sie trotzdem. Auch wenn ich mich für sie schäme.

Jekyll-Mom kann da nicht viel machen. Die ist zu menschenfreundlich. Die trägt das Kiddo stundenlang umher, singt ihm erfundenen Nonsens beim Wickeln vor, lässt sich Haare ausreißen und in die Nase beißen, wischt Essensreste von allen Oberflächen, bis zur Unendlichkeit und weiter. Jekyll-Mom ist die Chefin von dem Laden hier, was besser für alle ist, sie aber nicht vor Meuterei bewahrt. Es reichen ein paar beschissene Tage und Nächte hintereinander, zu wenig Sozialkontakt, eine schrecklich hohe Steuernachzahlung, eheliches Angenervtsein – und zack, schleicht Hyde-Mom durch die Hintertür und hasst alles und ist eine schlechte Mutter. So wie heute.

Ich schleiche also wie der Grinch höchstselbst um 6.30 zum Spätkauf, der in diesem Fall eher ein Frühkauf ist, und kaufe die taz und einen Liter Milch. Ob denn das süße Baby noch schlafe, will die nette Spätkaufdame wissen. Ich muss hysterisch lachen. Ohne zu antworten, lege ich das Geld hin und verlasse kopfschüttelnd den Laden. Hyde-Mom ist erfreut. Auf dem Rückweg stolpert eins dieser skandinavischen Touri-Pärchen aus der Bar nebenan. Das Mädchen mustert meine ungewaschene, übermüdete, schlafanzügige Erscheinung, kichert ein bisschen und fragt mich dann nach Feuer. Ich sage: „Ach, halt die Fresse.“ Sie sagt: „Sorry?“ Ich sage: „Shut the fuck up.“ Das Pärchen schweigt irritiert und geht wieder in die Bar. Ja. Nicht dass ich darauf stolz wäre. Aber Hyde-Mom ist es und richtet sich erstmal gemütlich ein.

Zuhause quengelt das Kiddo immer noch und lässt sich nicht beruhigen. Hyde-Mom denkt, dass es ohne Kind auch ganz schön war. Vielleicht sogar schöner. Stimmt ja gar nicht, denke ich dagegen an. Guck Dich doch mal um hier, erwidert Hyde-Mom. Ich gucke mich um. Die Küche ist voller Geschirr, das meiste davon dreckig, der Frühstückstisch sieht richtig uneinladend aus, mein Kaffee ist fast kalt und die taz liegt unaufgeschlagen in einer zermatschten Banane, während des Kiddos Quengeln und des Mannes genervtes Stöhnen den Backgroundgesang bilden. Hyde-Mom feixt.

Irgendwann erlöse ich mich selbst, indem ich das Kiddo und Jekyll-Mom ins Tragetuch packe und draußen im eisigen Wind herumstapfe. Macht überhaupt keinen Spaß, aber daheim halte ich es mit meinem bösen Zwilling nicht mehr aus. Es gibt solche Tage. Manchmal sind es auch mehrere am Stück. Tage, an denen ich mich als Mutter inkompetent und lieblos fühle. An denen ich mir die Schuldgefühle den Kopf unter Wasser drücken, weil ich so genervt und gleichzeitig hilflos bin, an denen ich einfach nur weg will – und dann doch wieder zurück, sobald ich die Tür hinter mir zuschlage. Das Kiddo erwacht im Tragetuch und legt den Kopf in den Nacken, damit es mir ins Gesicht gucken kann. Sein Blick ist ernst und lässt mein Herz erst schmerzen und dann schmelzen.

Als wir nach Hause kommen, ist Hyde-Mom weg. Wir bestellen Burger und Pommes und es gelingt mir, meine eigene Entspannung auf das Kiddo zu übertragen, irgendwie. Warum war ich heut vormittag eigentlich so am Limit? Für den Moment habe ich es vergessen. Ist ja auch alles nicht so schlimm, sage ich mir. Kinder sind halt mal quengelig und Ehemänner genervt, Kaffee wird halt mal kalt und so ein Handy fliegt halt mal vom Wickeltisch. Alles nicht so wichtig.

Sicher, Schätzchen, sagt Hyde-Mom aus dem Off. Und grinst.

Seit ich ein Kind habe.

Seit ich ein Kind habe, bin ich ängstlicher. Das Kiddo könnte in meiner Abwesenheit auf diese bösartige Fliesenkante im Bad knallen und verbluten. Dasselbe könnte ihm auch in meiner Anwesenheit passieren. Es könnte eine ganz schlimme Krankheit haben, von der wir noch nichts wissen. Jemand könnte es versehentlich oder absichtlich umbringen. Es könnte später einen oder mehrere Menschen kennenlernen, die ihm das Herz brechen. Ich könnte selbst dieser Mensch sein. Das Kiddo könnte mir verloren gehen oder mit einem Fluch belegt werden. Ich könnte aus dem Fenster fallen und es zur Halbwaise machen. You name it.

Seit ich ein Kind habe, bin ich mutiger. Ich kann nicht mehr dauernd vor aller Unbill weglaufen. Ich muss und will für das Kiddo, für den Mann, für UNS als Familie einstehen und für das, was wir tun und wie wir es tun. Ich muss mich gerade machen und Kommentare teflonmäßig wegstecken. Ich trete meiner sozialen Inkompetenz regelmäßig in den Arsch (auch wenn ich oft heimlich dabei schwitze). Ich gehe auf Menschen zu und öffne ihnen meine Haustür und mein Herz. Ich fasse mir ebenjenes und lasse mir auch mal was sagen. Und wer mir die Butter vom Brot nehmen will, muss neuerdings ganz schön früh aufstehen.

Seit ich ein Kind habe, bin ich gestresster. Ich kann weder in Ruhe aufs Klo noch eine Überweisung tätigen (sofern sie eine IBAN enthält). Ich werde nachts dreitausendmal und morgens zu einer Scheißzeit geweckt. Oft durch Minifaustschläge auf meine geschlossenen Lider. Ich habe ständig Flecken von irgendwas irgendwo. Ich trete im Dunkeln auf Holzbauklötze. Und mit einem Ohr bin ich immer beim Kiddo – eine ununterbrochene Standby-Funktion, die sich nicht ausschalten lässt.

Seit ich ein Kind habe, bin ich entspannter. Ich merke am Nachmittag, dass ich morgens nur ein Auge geschminkt habe? Ach, merkt ja eh keiner. Da klebt Banane in der Kaffeemaschine? Dann kauf ich mir halt einen in der Bäckerei. Taschenfarbe + Jackenfarbe = optische Kernschmelze? Mir doch egal. Das Finanzamt will eine sehr hohe Einkommenssteuernachzahlung? Och.

Seit ich ein Kind habe, bin ich effizienter. Ui, das Kiddo ist eingeschlafen! Während ich die Essensreste vom Küchenboden klaube, mache ich der Kitaleitung am Telefon schöne Augen, schubse mit dem Fuß ein paar Krümel unter den Schrank und stelle die Waschmaschine an. Beim Staubsaugen staubwische ich parallel, mache ein lustiges Foto für Instagram, sammele resigniert das unbenutzte Holzspielzeug ein und richte das Sofa wieder rechtwinklig aus (ein Muss. MUSS. MUSS!!!). Das Kiddo quengelt – fertig. Benötigte Zeit: 27 Minuten. Aber ich bin sicher, da ist noch Luft nach oben.

Seit ich ein Kind habe, bin ich langsamer. Okay, damit habe ich gerechnet. Schließlich haben alle meine FreundInnen vor mir Kinder bekommen. Ich habe mir also schon in diversen Treppenhäusern die Beine in den Bauch gestanden, während oben schwitzende Elternteile mit infernalisch kreischenden Babys rangen (oder rungen?). Aber wie langsam man tatsächlich werden kann, schockiert mich täglich neu. Banale Verrichtungen werden zum Kunstprojekt, wenn man dabei eine Million Mal unterbrochen wird. Ich überlege, mich in Echtzeit beim Spülmaschinenausräumen zu filmen und das 12-stündige Video dann als Performance zu vermarkten.

Seit ich ein Kind habe, bin ich weicher. Vor einigen Wochen wurde in meiner Nachbarschaft ein totes Neugeborenes gefunden. Nicht, dass mir sowas vorher egal gewesen wäre, aber seit das Kiddo auf der Welt ist, beschäftigen mich Ereignisse wie diese wochenlang. Beim Gedanken an dieses arme Geschöpf, dessen Leben in einer Plastiktüte von Lidl endete, muss ich Rotz und Wasser heulen. Oder neulich, als Eltern auf der Straße ihr Kleinkind anschrien, weil es sich nicht schnell genug die Nase geputzt hat (WTF?!). Kinder sind mein neuer soft spot. Und ich kann rein gar nichts dagegen tun.

Seit ich ein Kind habe, bin ich härter. Ständiges Kreisen um Befindlichkeiten und Nichtigkeiten war früher mein allerliebstes Hobby. Heute hab ich da meist keinen Nerv für. Es ist so anstrengend, Geld zu verdienen? Du hast einen schlimmen Kater? Er/Sie/Es hat bei WhatsApp Deine Nachricht gelesen, aber nicht geantwortet? Mein Lieblingspulli ist eingegangen? Jo. Shit happens, ne.

 

Und. Da ist noch was. Eine Kleinigkeit.

Seit ich ein Kind habe, bin ich glücklicher.

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Kitsch. Aber isso.

 

 

 

#unperfect #life_with_kids #instagram

Neulich klickte ich diesen lesenswerten Artikel auf Little Years an. Es geht um die Vorzeigemütter auf Instagram und ihre perfekten Kinder, Häuser, Ehemänner, Lidstriche – perfekte Leben. Natürlich, das ist alles kuratiert. Instagram ist eine wunderbare Plattform zur Fassadenpräsentation. Das ist sehr schön anzuschauen. Und sehr unecht. Oder aber, die sind Aliens. Oder zwangsneurotisch. Oder total reich. Oder alles zusammen.

Mir fehlt anscheinend das Gute-Menschen-Gönnen-Können-Gen, denn beim Betrachten dieser Feeds werde ich immer ein bisschen deprimiert. Gut, das ist nicht unnormal, denn es wohnt uns Menschen inne, dass wir uns nach oben vergleichen. Und gegen solche Hochglanz-Mütterleben sieht das eigene (also meins) ganz schön ranzig, unperfekt, unglamourös und falsch organisiert aus. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur eine neidzerfressene alte Hippe.

Zum Trost für alle, denen es ebenso geht, habe ich hier ein kleines Anti-Instagram gebastelt (auf dem echten Kiddo_Instagram zeige ich natürlich nur die schönen Bilder #joke).

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Guten Morgen #Sonnenschein! Huch, ich habe vergessen mich zu schminken. Und zu kämmen. Und zu schlafen.

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Erstmal an den #Arbeitsplatz. Endlich die #Steuererklärung verschicken. Wenn ich sie jemals finde.

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#stillife im #eingangsbereich. die tafel ist übrigens #diy

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Frühüüüstück! Ach nee, das steht da noch von gestern. Ob man den Kaffee wohl noch…och ja, geht. Oben links im Bild: Papiertüte mit verschimmelter #mandarine drin

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Unser Balkon ist total #boheme. Da wird nämlich geraucht #husband #bad_habits. Die ranzige Häkeldecke da ist übrigens auch voll #diy

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#kochende_ehemänner #verkohlt

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Nach dem #mittagessen. Ach nee, das war davor.

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Zum Nachtisch gibt es bei uns häufig #kabelsalat

 

 

Die Prophezeiungen.

Klingt wie der Titel eines sehr langweiligen historischen Romans, oder? Irgendwas mit der katholischen Kirche und einem fiesen Geheimorden. Gemeint sind aber diese in unheilvollem Ton vorgebrachten Weissagungen, die Schwangere und Neu-Eltern quasi minütlich ereilen. Der/die Prophezeiende kann meist eine gewisse Genugtuung nicht verhehlen. So ein Lehrjahre-sind-keine-Herrenjahre-Gesichtsausdruck. Ich habe mir mal in Erinnerung gerufen, was man uns bisher so alles prophezeit hat – und ob es dann auch eingetroffen ist.

 

„Wenn Du stillst, nimmst Du automatisch ab!“

Lasst mich kurz … bahahahahahaaa! Oh Mann, was bin ich da reingefallen! Weil ausnahmslos jede Mutter in meinem weiteren Umfeld behauptet hat, ich könnte stillenderweise essen wie Rainer Calmund, flogen mir in der Schwangerschaft vielleicht ein oder zwei gebratene Täubchen zu viel in den gierigen Schlund. Nach der Entbindung harrte ich vertrauensvoll der zu erwartenden Gewichtsabnahme. Sie kam nicht. Obwohl ich wirklich (!) überschaubare Mengen verspeiste. Nach etwa drei Monaten war mir das dann zu blöd, und ich verspeiste lieber unüberschaubare Mengen. Und auch das blieb ohne Effekt, diesmal erfreulicherweise. Status quo: Ich verspeise beachtliche Mengen, der Zeiger auf der Waage klebt fest und ich übe mich in Zen. Eine von mir dazu interviewte Stillberaterin sagte folgendes: Nicht bei allem Frauen führt das Stillen bei normaler Nahrungsaufnahme zum Gewichtsverlust. Bei einigen bewirkt das Prolaktin auch, dass die Pölsterchen bleiben. Die nehmen dann nach dem Abstillen leichter wieder ab, falls sie das möchten. Gut. Ich bin wohl eine davon. War ja klar.

 

„Geh nicht immer hin, wenn das Baby schreit, es gewöhnt sich sonst daran.“

Guter Witz. Das ist ja auch mein Ziel – das Kiddo soll ja eben nicht denken, es befände sich mutterseelenallein in der sibirischen Tundra. Es soll ja wissen, dass einer kommt, wenn es was hat. Gibt natürlich Leute, die da anders rangehen. Meine Erfahrung bislang: Das Kiddo war und ist sehr dankbar, wenn jemand nach ihm schaut, sobald es weint, und beruhigt sich so viel schneller, als wenn niemand reagiert (einmal ausprobiert und nach 5 Minuten abgebrochen, weil für alle Beteiligten unerträglich). Dass ein Baby zum vielzitierten Tyrannen wird, da glaube ich nicht dran. Unberechenbare Diktatoren mit lachhaften Frisuren mögen Tyrannen sein – aber mein Kind? Not so much.

 

„Von Holzspielzeug hast Du länger was.“

Stimmt. Weil es nämlich nie benutzt wird vom Kiddo. Ich habe mittlerweile einen stattlichen dreistelligen Betrag in wundertolles, altersgerechtes Holzspielzeug investiert. Sieht schnieke aus, wie es so auf dem Dielenboden liegt. Ganz allein. Und unbeachtet. Chancenlos gegen die Stapelbecher von dm und Verpackungsmüll aller Couleur.

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Krokodil: 0. Weichkäse: 1.

 

„Wenn das Baby da ist, ist Dein Hund abgemeldet.“

Come on, Leute! Was ist das denn für ein Quatsch. Ist in meinem Herzen vielleicht ein Wohnraummangel ausgebrochen, ohne dass ich es gemerkt habe? Mir war so, als hätten da sehr viele Menschen und Tiere und Babys drin Platz. Einfach so. Als unsere Hündin vor vier Monaten starb, war da auf einmal eine große Lücke in unserer Familie. Und ich finde es so schade, dass das Kiddo sich nicht an sie erinnern wird.

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Ein Herz auf vier Pfoten.

 

„Am Ende machst Du doch alles.“

Hmpf. Nicht ganz, aber es kommt mir zuweilen so vor.

 

„Eure Wohnung wird mit lauter hässlichem Spielzeug vollgemüllt sein.“

Nein – unsere Wohnung ist, siehe oben, mit ästhetischem Holzspielzeug vollgemüllt. Ich bin mir sicher, da ist noch Luft nach oben, denn das Kiddo beginnt seine Spielzeugkarriere gerade erst. Bislang schmeiße ich all den Kram abends einfach in eine Kiste. Die ist allerdings ein total hässliches Plastikding, was meine Bemühungen um eine schöne Wohnumgebung selbstverständlich konterkariert.

 

„Man kann die Liebe zum Kind nicht beschreiben, wenn man sie nicht erlebt hat.“

Das stimmt. Zumindest für mich. Und es hat mich unverhofft und knallhart erwischt. Ist mir unendlich peinlich, das zu schreiben, aber…mein Herz. Es läuft manchmal tatsächlich über. Vor Liebe. (*würg* Das klingt voll verzuckert)

 

(Und noch eine Anmerkung in eigener Sache: Die fabelhafte Rike Drust hat heute ganz viele neue BesucherInnen hierher geschickt. Das hat mich sehr sehr sehr gefreut – und auch ein bisschen nervös gemacht. Wo ich doch meine Texte nie Korrektur lese. Herzlich Willkommen, neue Menschen!)

Nach einer wahren Begebenheit.

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Gestern lagen zwei Mahnungen bei uns im Briefkasten. Nein, das ist gelogen, sie lagen natürlich schon seit zwei drei Wochen auf dem Schränkchen neben der Wohnungstür und blickten stumm auf unser Küchenchaos. Jedenfalls beschloss ich heute nach dem Frühstück in einem ungewohnten Anfall von Entschlossenheit, die Mahnungen jetzt sofort zu begleichen. Weil sonst zweite Mahnung und Mahngebüren und Schufa und Inkasso und Gosse und alles. Ist ja auch schnell erledigt.

Ich setze das Kiddo auf seinen Spielteppich und mich vor den Laptop. Öffne die erste Mahnung. Kacke, da hat sich schon wieder das Zeitschriftenabo verlängert, das ich vor zwei Jahren kündigen wollte. Na, jetzt isses zu spät. Unter dem Tisch knistert es. Das Kiddo hat sich irgendwie den Briefumschlag geschnappt und versucht, ihn samt Sichtfenster zu verspeisen. Ich krieche unter den Tisch und pule dem Kiddo das Papier-Plastik-Gemisch aus dem Schlund. Das Kiddo kreischt empört in einer menschenfeindlichen Tonlage. Ich stehe wieder auf, stoße mir den Kopf heftig an der Tischkante und greife erneut nach der Mahnung.

Zurück am Laptop. Fix beim Onlinebanking anmelden. Oh, wieso ist da so wenig auf dem Konto? Egal jetzt. IBAN abtippen. Das Kiddo kreischt immer noch. IBAN ungültig. Was, wieso denn das? Ah, Zahlendreher. Ich tippe nochmal. Das Kiddo kreischt. IBAN ungültig. Stelle fest: Es ist quasi unmöglich, eine sehr lange Zahlenfolge korrekt abzutippen, während man bekreischt wird. Ich nehme das Kiddo auf den Schoß und kitzele es ein bisschen. Es freut sich und erklärt sich bereit, auf dem Teppich weiterzuspielen.

Zurück am Laptop. Ich tippe die IBAN richtig ein, und ich schaffe die Zahlenkolonne im Verwendungszweck beim ersten Versuch, woah! Die TAN. Meehh, die TANs sind noch im Schrank. Ich gehe zum Schrank und trete dabei auf die megahäßliche Plastiksonnenrassel, die wir von irgendeinem, äh, Wohlmeinenden zur Geburt des Kiddos bekommen haben. Der eine Sonnenstachel bohrt sich stumpf in meine Fußsohle, das hämisch grinsende Sonnengesicht knackt und bricht entzwei. Plastiksplitter! Lebensgefährlich! Klemme das Kiddo unter dem Arm und hole den Staubsauger. Unter großem Hurra wird gesaugt. Was wollte ich…die TANs. Da im Schrank. Bei den Kontoauszügen. Müssten eigentlich schon längst beim Steuerberater liegen. Mach ich morgen.

Zurück am Laptop. TAN eintippen, Weiter klicken. „Aus Sicherheitsgründen wurden Sie nach 12 Minuten vom System abgemeldet. Bitte loggen Sie sich erneut ein.“ Ich habe 12 Minuten lang gestaubsaugt?! Und wieso melden die einen nach 12 Minuten vom System ab? Warum nicht nach 10 oder 5 oder meinetwegen 15? Muss ich nicht verstehen, das. Also erneut einloggen, alles wieder von vorn. Rumms, das Kiddo kracht zu Boden, es hat sich todesmutig am Sofa hochgezogen und ist abgestürzt. Infernalisches Kreischen. Ich stelle mir vor, dass Velociraptorbabys so geklungen haben müssen. Kein Wunder, dass die ausgestorben sind. Ich nehme das Kiddo auf den Arm, tröste es mit Gesumme und Gewippe.

Zurück am Laptop. Ich mache meinen Kopf möglichst leer und tippe wie ein Roboter die verdammte IBAN vom Überweisungsträger ab, und – sie stimmt tatsächlich. Schnell die TAN, so lange ich den Flow habe. Mittlerweile bin ich ganz schön verschwitzt und kann mir das nicht erklären. Muss dieser berüchtigte Stress-Schweiß sein, vom dem sie in der Werbung immer reden.

Jetzt die zweite Überweisung. Oh Gott, ist das ein langer Verwendungszweck. Bestimmt 30 Ziffern. Für den brauche ich sicher Stunden. Es klingelt, das muss der DHL-Mann sein, der hoffentlich endlich die Winterjacke vom Kiddo bringt. Es ist der DHL-Mann, aber er bringt nur eine Tonne Druckerpapier für meinen Nachbarn, die er gern in meinem Flur lagern möchte. Ich bin zu genervt und zu nett, um ihn abzuwehren. Gerade als ich die Tür schließe, höre ich ein seltsames Geräusch aus dem Wohnzimmer. Das Velociraptorbaby hat sich in meinen einen Hausschuh erbrochen und reibt die Pampe freudestrahlend in den Stoff. Egal, Hauptsache es beschäftigt sich noch einen Moment.

Zurück am Laptop. „Aus Sicherheitsgründen wurden Sie nach 12 Minuten…“

Ich gebe auf und rolle kraftlos zu Boden. Das Kiddo legt mir sanft meinen Hausschuh auf den Kopf. Alles ist erleuchtet.