Darf es etwas mehr sein?

(Diesen Text möchte ich meinem Bruder widmen. Es wäre so viel scheißer ohne Dich.)

2013-03-18 20.24.12

 

Ob wir schon Nummer 2 planen? „Nummer … ach so, ein zweites Kind. Ja. Nee. Eigentlich nicht.“

So oder ähnlich diffus fällt meine Antwort aus, wenn mich jemand fragt, wann bei uns denn Nummer 2 anstünde. Dass es um ein Wann geht, nicht um ein Ob, setzen die Fragenden selbstverständlich voraus (Nummer 2 … wie so ne Warencharge). Vielleicht sind zwei Kinder für die meisten Menschen das Normale.

Und ja, irgendwo in einer sehr geheimen, nur mir zugänglichen Gedankenkammer meines Enddreißigerhirns wohnen nicht nur zwei, sondern sogar drei Kinder. Tatsächlich, so ist es. Die drei Kinder in der Gedankenkammer haben mit meiner Lebensrealität rein gar nichts zu tun; sie existieren in einem Paralleluniversum, in dem ich vom Schreiben leben kann wie Gott in Frankreich, und das auf einem herrlichen alten Bauernhof im Voralpenland. Dort scheint immer die Sonne, niemand hat jemals Magen-Darm und die drei Kinder schlafen zwar nicht durch, wecken mich aber nachts maximal durch wohliges Kuscheln und Seufzen, bevor sie friedlich wieder einnicken. In der Gedankenkammer wohnt außerdem eine Version des Mannes, die allzeit heiter und außerdem wahnsinnig belastbar ist, große Lust auf Großfamilie verspürt und von einem unbekannten amerikanischen Onkel eine Million geerbt hat. Schön, gell? Und so realitätsfern.

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Die Hölle, das sind die anderen.

2015-05-17 09.51.35

Angeblich ist Karstadt insolvent. Oder fast. Kann ich gar nicht glauben, wo doch gerade so viele Leute durch die Schwingtüren des Warenhauses ein und aus gehen, an einem ganz normalen Dienstagnachmittag. Seit bestimmt 15 Minuten stehen die Türen nicht still. Ich weiß das so genau, weil ich vom Mittelstreifen der vierspurigen Straße aus einen herrlichen Blick auf den Haupteingang habe. Leider hat der Haupteingang auch einen herrlichen Blick auf mich, was vor allem die Menschen zu schätzen wissen, die dort an der Haltstelle stehen und auf ihren Bus warten. Es ist nämlich so: Ich bin hier gerade die Hauptattraktion. Nicht, weil ich weltberühmt bin, oder wunderschön, oder ein Einhorn. Nein. Das Aufsehenerregende an mir befindet sich zu meinen Füßen, ist keinen Meter lang und brüllt seit einer Viertelstunde, als gäbe es kein Morgen. Es handelt sich nicht um einen pubertierenden Orang-Utan.

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Kinder machen glücklich? Nope.

2016-01-06 18.22.29

Back in the days of 1992 hat mein 14-jähriges Ich einmal eine zweifelhafte Entscheidung getroffen: Dauerwelle. Noch am selben Tag habe ich das bitter bereut. Eine Zeitmaschine wünschte ich mir, mit jeder Faser meines pubertierenden Herzens.

Bereut habe ich auch, dass ich, ebenfalls im schicksalhaften Jahr 1992, mit meinem gleichaltrigen Freund geschlafen habe, weil ich ihn „halten wollte“. Es war richtig, richtig scheiße und tat sehr, sehr weh. Einige Monate später teilte er mir telefonisch mit, er müsse sich entscheiden: Freundin oder Tennisclub. Für beides reiche die Zeit nicht. Es war das Jahr von Agassis furioser Beinkleidung. Als ich den Telefonhörer auflegte, war ich wieder Single.

Seitdem gab es vieles zu bereuen. Liebschaften, Wohnorte, Berufe, Outfits, Autokäufe, Grausamkeit. Einige Entscheidungen konnte ich rückgängig machen (auch wenn der Dauerwelle eine auberginefarbene Intensivtönung folgen sollte), andere nicht. Ich bedaure oft und lange. Fruchtloses Grübeln über Dinge, die ich möglicherweise in einer anderen Realität hätte besser machen können, ist eine Anti-Superkraft von mir. Ich kann wahnsinnig gut und mit großer Geste unglücklich sein.

Was ich nicht bereut habe, ist meine Tochter. Weiterlesen

Thank God It’s Friday!

Ein Freitagabend aus besseren Zeiten.

Ein Freitagabend aus besseren Zeiten. Dieser Freitag  konnte sich wirklich sehen lassen.

Der Freitag ist eine wirklich schöne Einrichtung. Alles kann, nichts muss, wie sie in Swingerclubs angeblich sagen. Nicht, dass ich das aus erster Hand wüsste. Jedenfalls, der Freitag. Das Wochenende liegt noch ganz heil und vollkommen vor Dir. Unendliche Möglichkeiten. Zwar ohne das Ausschlafen, falls man ein Elter ist. Aber dennoch.

Also ging ich letzten Freitag, es war gegen 11, frohgemut zu dm. Wochenendwindeln kaufen. Als ich sinnend vor dem Windelregal stand und mir gerade die ominösen Schwimmdinger näher ansehen wollte, legte sich von hinten eine Hand auf meine Schulter. Die Hand fühlte sich warm und schwitzig an. Ich drehte mich um und schaute auf den nackten Brustkorb eines verdammt großen, verdammt hektischen jungen Mannes. Auch sonst trug er nicht viel am Körper. Eine abgeschnittene Jogginghose, die keine Unterbuxe, dafür aber halbe Pobacken preisgab. Was es gäbe, wollte ich wissen. Der hektische junge Mann antwortete in einer Sprache, die ich nicht spreche. Ich behaupte, dass sie auch sonst niemand spricht, weil sie offenbar in Echtzeit von den Drogen in seinen Synapsen erfunden wurde.

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Elternprekariat.

Es soll Eltern geben, deren Familienleben ist eine einzige Zauberwolke aus Vintagemöbeln, Wolle-Seide und Superfoods. Da gibt es auf Instagram und den Blogs allerlei schöne Dinge zu bewundern. Lustig geformte Glühbirnen an bunten Textilkabeln über sorgsam verwetzten Eichentischen. Eine Küche voller Jacobsen-Stühle; auf mindestens zweien sitzen stilsicher gekleidete Kinder, die mit trendigem Kupferbesteck säuberlich ihre Edamame picken. Strahlende, locker bleibende Mütter in authentisch zerrissenen Jeans, die das Elternleben so sehr lieben, jeden Tag. Und der Urlaub war so wunder-wunder-wunderschön.

Dieses Glück, überall und ständig. Da zählen die kleinen Unannehmlichkeiten des Kinderhabens doch gar nicht.

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Vom Blues.

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Monate vergingen, es waren 14. Es sind 14, genau heute. Das Kind wurde unter Heulen und Zähneklappern zur Welt gebracht und durch dieselbe getragen, stundenlang. Es wurde und wird gestillt, geliebt und familiengebettet. Soweit, so normal. 14 Monate neues Leben im alten Leben – oder nein, es fing ja schon früher an. Diese Schwangerschaft, die schon so weit weg scheint.

Nächste Woche wird, so Gott denn endlich will, für das Kiddo die Kita beginnen (mal wieder). Und ich arme Törin sitze hier und bin so schlau als wie zuvor. Weil ich nämlich dieser großen Veränderung, von der immer alle reden und von der immer alle behaupten, dass sie mit dem Kind passiere – ja, weil ich der nämlich nicht auf die Spur komme. Hat sich mein Leben verändert? Ja. Ich schlafe weniger, also quasi nie, bin so unspontan wie selten, mache mir dauernd Kindersorgen und Müßiggang ist nicht. Die offensichtlichen Dinge, sie machen auch vor mir nicht halt. Aber hat sich mein Leben verändert? Nein. Ich bin der Mensch, der ich bin, der ich war. Der hat jetzt halt ein Kind.

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Dein Kind ist’n Arsch.

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Die Welt wäre so unheimlich schön, wenn alle Menschen, die man leiden kann, auch Partner und Kinder hätten, die man leiden kann. Ist aber nicht so. Kennt man ja: Liebster Mensch, auf den man nimmermehr verzichten könnte, verliebt sich. Toll, denkt man. Liebster Mensch ist glücklich, also bin ich auch ein bisschen glücklich. Verknalltsein gönnt man dem liebsten Menschen sehr. Bis man dann den/die Partner/in kennenlernt. Der/die in so vieler Hinsicht saudoof ist, dass man es gar nicht fassen kann. Eine dramatische Situation, das.

Und wie ich mittlerweile feststellen durfte: Es gibt das auch mit Kindern. Es war da also dieses Elternteil (aus verständlichen Gründen nicht näher benannt), das ich ziemlich gut leiden kann. Ein entspanntes, witziges Elternteil. Gut angezogen auch noch. Es könnte alles so schön sein – hätte man sich nicht „zur Abwechslung mal“ samt Kinder getroffen. Es ist nämlich so: Das Kind ist’n Arsch.

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Wie wir einmal unseren Kitaplatz aufgaben.

Ich bin übrigens die, die im 6. Schwangerschaftsmonat eine Excel-Tabelle über in Frage kommende Kitas geführt hat. Ich bin die, die nach der Geburt sorgfältige Pläne über künftige Arbeitszeiten und Wiedereinstiegsoptionen für den Mann und mich erstellte. Ich bin die, die alle Hände über dem Kopf zusammenschlug, wenn eine hochschwangere Freundin gestand, noch bei keiner einzigen „Einrichtung“ angerufen zu haben.

Jetzt bin ich die ohne Kitaplatz.

Und das kam so: Wir bewarben uns schon in der Schwangerschaft bei etlichen Kitas, auf den dringenden Rat einer Freundin hin. Und zwar nur bei ziemlich großen Kitas. Auf den Rat ebendieser Freundin hin, die uns gruselige Geschichten über die ewigen Schließzeiten, den dauernden Elternzwist und die ständigen Notfälle kleiner Einrichtungen und Kinderläden erzählte. Brrrr, nein, das wollten wir nicht. Grundsatzdiskussionen über Plastikspielzeug oder Nachtisch? Na Danke. Da profitierten wir doch lieber vom Wissen der Eingeweihten. Also hörten wir auf die Freundestipps und schrieben wir uns auf zwei Handvoll Wartelisten ein, mit einem klaren Favoriten. Beim Rest war ich eher indifferent, der Mann jedoch optimistisch.

Tja nun, mit dem klaren Favoriten wurde es für dieses Jahr nichts. Dafür bot uns eine andere Kita einen Platz an, sogar ab Februar. Februar! Wo man uns doch überall versichert hatte, es ginge frü-hes-tens ab August. Und die Leiterin war sehr sympathisch. Richtig gut war die. Das Gebäude hätte schöner sein können, aber den Kindern ist so etwas ja eher wurscht. Die spielen auch auf einem Komposthaufen, wenn man sie lässt (wie jetzt – Eure etwa nicht? Unseres fände auch einen Atomreaktor oder eine Leichenhalle ganz klasse). Also fassten wir uns ein Herz und unterschrieben den Vertrag. Irgendwo in einem finsteren Bauchwinkel meldete sich ein Gefühl. Ein ganz kleines.

Dann kam das Vorgespräch mit der Bezugserzieherin. Wir kamen an und waren nervös – schließlich sollte es wenige Tage später losgehen. Eine große Veränderung, nicht nur für das Kiddo.

Die Erzieherin begrüßte uns an der Tür – nicht aber unsere Tochter. Seltsam, dachte ich. Aber vielleicht war das ja so ein Prinzip wie bei Hunden? Denen soll man zur Begrüßung auch nicht so viel Aufmerksamkeit schenken. Hunde. Hm. Wir setzten uns in einen freien Raum und füllten Zillionen Fragebögen aus. Das Kiddo turnte derweil durch das Zimmer, immer noch weitgehend ignoriert von der Frau, die bald eine enge Bindung zu ihm aufbauen würde. Hm. Aber wann eigentlich?

Einige irritierende Kommentare der Erzieherin, die ich hier nicht wortwörtlich wiedergeben möchte, gaben dem Gefühl im finsteren Bauchwinkel ein wenig Nahrung.

Abends sagte ich zum Mann, ich hätte da kein gutes Mojo. Der Mann warf mir Dramatik und Negativität vor. Einige Tage später brachen Vater und Kind morgens zur Kita auf. Eingewöhnung! Yay! Ich saß am Schreibtisch und dachte unentwegt an die beiden. Sicher würde unser Kiddo mit seinem unkomplizierten Gemüt schnell Anschluss finden. Und ich bin nun mal gelegentlich etwas melodramatisch.

Es geschah dann aber vielmehr so, dass das Kiddo von seiner „Bezugserzieherin“ nicht wirklich beachtet wurde. Bindungsaufbau? Hallo? War da nicht was? Lange Rede, kurzer Sinn: Das änderte sich dann auch nicht mehr. Unsere Tochter, die fast jeden Menschen mag und deren Herz man in 10 Minuten gewinnen kann, wenn man denn möchte, machte einen zunehmend unglücklichen Eindruck. Und aus meinem kleinen Gefühl im finsteren Bauchwinkel wurden große, fiese Bauchschmerzen.

Also taten wir, was wir tun mussten: Wir kündigten den Vertrag.

Und jetzt? Jetzt sind wir wieder auf Null. Ich telefoniere täglich Kinderläden und sympathische Kitas und Tagesmütter durch. Wenn ich Glück habe, werde ich nur bemitleidet, wenn ich Pech habe, ausgelacht. Ich weiß nicht mehr, auf wie vielen Wartelisten wir mittlerweile stehen oder auch nicht. Ich weiß nur: Wir haben keine Kinderbetreuung und es ist auch keine in Sicht. Wie wir das hinkriegen sollen? Keine Ahnung.

Sind wir eigentlich bescheuert, unseren Kitaplatz einfach so wieder aufgegeben zu haben? Vielleicht. Würden wir es wieder so machen? Auf jeden Fall.

P.S. Liebe nette Kitas und Tagesmütter in Berlin Kreuzberg-Neukölln-in-der-Nähe. Solltet Ihr zufällig noch ein richtig liebes, einjähriges Mädchen mit einigermaßen unnervigen Eltern aufnehmen wollen, dann meldet Euch bitte. Und jeder sonst, der nen Tipp hat: meldet Euch bitte. Ja, ich weiß – ich muss schon selbst lachen, während ich das gerade tippe. Die Hoffnung stirbt halt zuletzt.

Stephen Kings Kindercafé

Es sollte mal jemand zur Korrelation von schlechtem Wetter und kindlicher Laune forschen. Muss da einen Zusammenhang geben. Das Kiddo jedenfalls hat einen eingebauten Sensor, der seine Stimmung parallel zum Luftdruck gen Hades drückt. Wie praktisch. Und wie überaus unpraktisch, dass bei uns heute die Handwerker ganztägig Angst und Chaos verbreiten. Also telefoniere ich wie eine fernmündliche Drückerkolonne in der Gegend herum und versuche, uns bei irgendeinem Kiddo-Kumpel einzuquartieren. Erfolglos. Wer Zeit hat, hat keinen Bock, und wer Bock hat, keine Zeit.

In der Zwischenzeit beginnen die Handwerker, unsere Badfliesen unter lautem Getöse von den Wänden zu kloppen. Ich rette mich halbnackt aus der Wohnung. Zumindest kommt es mir so vor, als ich mit dem Kiddo ratlos auf der Straße stehe und mir eisiger Ekelregen ins Gesicht klatscht. Bevor ich mich dem Selbstmitleid hingeben kann, biegt eine vermummte Gestalt um die Ecke. Die Gestalt winkt hektisch. Ich gucke doof. Die Gestalt nähert sich und winkt noch hektischer. Ich gucke irritiert. Die Gestalt entpuppt sich als ausgerechnet die eine Mutter von der Krabbelgruppe, die ich ein bisschen unheimlich finde, weil sie immer so überschwänglich auftritt. Sie begrüßt uns enthusiastisch, als könne sie sich nichts umwerfenderes vorstellen, als dem Kiddo und mir bei gefrierender Nässe auf einer menschenleeren Straße zu begegnen.

Auf Nachfrage erzähle ich ihr, dass wir aus der Wohnung geflüchtet sind, weil dort eine Horde Berserker die Kloschüssel aus dem Boden reißt. Sie flippt quasi aus vor Freude. So ein Zufall! Weil nämlich im Kindercafe heut ein Clown ist und ich da jetzt UNBEDINGT mitkommen muss. Muss! Weil, ein Clown! Wahnsinn! Wenn ich etwas aus ganzem Herzen hasse, dann ist es Erlebnisgastronomie. Ich schaue panisch zum Wohnzimmerfenster und sehe einen Handwerker den Balkon betreten. Er hält einen tropfenden, textilen Klumpen in der Hand, den ich als mein liebstes Badetuch identifiziere. Ich drehe mich zu Li-La-Laune-Mom um. Okay, gehen wir. Sie juchzt. Vielleicht deutet sie übermütig ein paar Tanzschritte an. Vielleicht auch nicht.

Allem Anschein nach gibt es viele Menschen, die Clowns richtig gut finden. Anders kann ich mir die Kinderwagenkolonne vor dem Café nicht erklären. Sieht ein bisschen nach bildungsbürgerlichem Harley-Treff aus. Plötzlich ist mir nach PS und Schnaps und lauter Gitarrenmusik. Statt dessen gibt’s vegane Dinkelwaffen und Getreidekaffee. Li-La-Laune-Mom sichert uns zähnebleckend die beiden letzten Sofaplätze.

Es riecht nach nassem Kind und Sellerie. In der Ecke türmen sich müffelnde Wollwalk-Overalls. Rotbackige Krabbler in Strumpfhosen gleiten auf ihren eigenen Rotzspuren vorbei. Im Hintergrund läuft eine dieser Platten, die sie einem neuerdings als elternverträgliche Kindermusik verkaufen (in Wirklichkeit gibt es keine elternverträgliche Kindermusik, aber jedem seine Lebenslüge, nicht wahr). Li-La-Laune-Mom findet alles wahnsinnig gemütlich. Ich finde alles wahnsinnig bedenklich, denn gerade biegt ein Schuh um die Ecke. Ich dachte ja, riesige Clownsschuhe seien in der Clownszene passé. Ich dachte ja, die ließen sich auch mal was Neues einfallen. Wegen, Ihr wisst schon, Zeitgeist und so. Zu dem Schuh, der um die Ecke biegt, gehört noch ein zweiter Schuh, und dazu gehört wiederum der von Li-La-Laune-Mom ekstatisch beklatschte Clown.

Ich komme nicht umhin, sachte Zeichen des Verfalls an ihm festzustellen. Die bunt rautierte Pumphose hat ein Kippenbrandloch oder fünf. Die Halbglatzenperücke leidet unter kreisrundem Haarausfall. Die ganze Erscheinung riecht leicht angeschweißt. Ich stelle mir vor, dass der Clown unter seinem Kostüm ein vergilbtes Rippunterhemd mit Eigelbflecken trägt. Der Clown fängt stante pede an, mit überschnappender Stimme irgendwelches Zeug in einer Phantasiesprache zu brüllen. Nach einer Minute stelle ich fest, dass es sich vielmehr um einen ausgeprägten russischen Akzent handelt.

Die anwesenden Kinder lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Den einen ist der Clown scheißegal, den anderen nicht. Das Kiddo gehört glücklicherweise zur Scheißegal-Gruppe. Glücklicherweise sage ich, weil die Nicht-Scheißegal-Gruppe sich gerade vor Angst kollektiv in die Windeln kackt. Bis auf ein Windelfrei-Kind. Das kackt ohne Vorankündigung in seine Schurwollhose und muss sehr weinen. Der Clown oszilliert derweil zwischen den Sofas herum und brüllt Witze, die ich nicht verstehe, weil er dabei klingt wie ein kaputter russischer Stadionlautsprecher. Die ersten Kinder werden hysterisch. Der Sohn von Li-La-Laune-Mom gesellt sich zu mir und klaut die vegane Dinkelwaffel von meinem Teller, wofür ich ihm still danke. Been there, done that, sagt sein Blick.

Der Clown sieht inzwischen ein, dass er seine Strategie ändern muss. Er fokussiert sich jetzt auf die Scheißegal-Kinder. Die Scheißegal-Kinder möchten aber lieber das angeranzte Zeug in der Spielecke abchecken und ignorieren seine Faxen nonchalant. Das Kiddo sitzt auf dem räudigen Straßenverkehrsteppich und leckt an einem Plappertelefon, das nur noch ein Auge hat. Ausdruckslos fixiert es den Clown, dann streckt es ganz langsam den Arm und zeigt anklagend in seine Richtung. Der Anblick erinnert mich irgendwie an Stephen King.

Der plastiklockige Teufelskerl dreht noch einmal so richtig auf. Er wirft sich krachend in die duplo-Kiste, spritzt mit zwei Wasserpistolen um sich wie ein epileptischer Westernschurke und klettert dann katzengleich den Polsterturm hinauf. Den hat ein etwa vierjähriges Mädchen mühevoll errichtet, es thront ganz oben auf dem größten Polster und beobachtet die Sache mit Skepsis. Der Clown schnappt mit seiner weiß behandschuhten Hand spielerisch nach dem Knöchel des Mädchens, woraufhin diesem der Geduldsfaden reißt. Es zieht einen Rasselturm aus Massivholz hinter seinem Rücken hervor und donnert ihn dem Clown auf den Schädel. Der macht den Spaß mit und lässt sich theatralisch zu Boden sinken. Die Scheißegal-Kinder lachen sich scheckig.

Jetzt übertreibt es der Clown mit seiner Schauspielerei. Immer noch liegt er regungslos zwischen einem Bobbycar und dem Kiddo, das ihn interessiert beobachtet. Schließlich klopft es dem Clown mit dem Telefonhörer sanft auf die Nase. Keine Reaktion. Li-La-Laune-Mom steht auf und pikt dem Clown in die Rippen. Keine Reaktion. Die Kinder nehmen ihre Geschäfte wieder auf, die Eltern rufen nach der Bedienung, die wiederum nach dem Notarzt ruft. Bevor der erscheint, öffnet der Clown seine Augen und brabbelt vor sich hin. Wir sind uns nicht sicher, ob es an seinem Nuscheln oder seiner Gehirnerschütterung liegt, dass wir ihn nicht verstehen. Der Arzt trifft ein und macht ein völlig unbeeindrucktes Gesicht; vielleicht sieht er sowas täglich. Vorsichtshalber empfiehlt er dem Clown einen baldigen Feierabend.

Als wir durch den Eisregen nach Hause schlittern, entscheidet Li-La-Laune-Mom, dass wir das UNBEDINGT mal wiederholen müssen. Sicher.

Daheim erwarten mich zwei freudig erregte Handwerker, die mir einen stinkenden Klumpen Gewölle präsentieren, als wäre es ein Strauß Rosen. Den haben sie aus dem Abwasserrohr geholt. Der wird mir künftig keinen Ärger mehr machen.

Muss mein Glückstag sein heute.

Why so serious?

Why so serious? Nimm Dir ne Dinkelwaffel, Schätzelein.

Lieber unbekannter Vater,

der Du heute früh bei dm neben mir an der Kasse gestanden und Deine Einkäufe verpackt hast. Dein Kind saß im Kinderwagen, meins daheim bei seinem Papa. Beide waren wir schon früh unterwegs, wie so viele Eltern, beide trugen wir eine gewisse Müdigkeit in den Augenfalten. Wir kennen uns nicht. Aber Du hättest mir fast den Tag versaut.

Als wir so einträchtig nebeneinander unseren Kram verstauen, komme ich nicht umhin, einen neugierigen Blick auf Deine Einkäufe zu werfen. Das ist wie Nasepopeln – jeder macht es, keiner gibt es zu. Einen nette Auswahl hast Du da, hätte theoretisch auch meine sein können: Die tolle, aber arschteure Babylotion mit weißer Malve von Weleda, Stilleinlagen für Deine Frau, Bio-Fencheltee, Bio-Stilltee, Ecover Vollwaschmittel, einen Alana-Body aus Wolle/Seide. Schicke Sache. Kudos, Mann.

Von meinem Kassenband rutscht heute eine Auswahl, die dem gutbügerlich-alternativen Elter die Brauen hochzieht: Drei Gläschen HiPP Spaghetti Bolognese, weil das die einzige Fertigkost ist, die das Kiddo zuweilen als Notfall-Lunch akzeptiert, während ich Tiefkühlpizza esse. Solche Tage gibt es bei uns. Nicht oft, aber es gibt sie. Vielleicht kennst Du das ja. Hirsekringel für die Spielgruppe liegen außerdem auf dem Band, weil die anderen Kinder die auch essen, und weil das Kiddo die sonst skrupellos beklaut. Diese Obst-Quetschtütchen für unterwegs, weil das Kiddo mit denen einigermaßen sauber snacken kann. Ich gebe zu, ich bin nicht so die Wechselklamotten-Mom mit australiengroßer Wickeltasche. Liegt daran, dass ich das Kiddo meist in der Trage dabei habe und nicht noch mehr Ladung schaffe. Last but not least, zwei Früchteriegel Apfel-Banane für unsere seltenen, aber inbrünstig gehassten Autofahrten. Ja, als Bestechung. Ja, sowas mache ich.

Als ich hochschaue, ertappe ich Dich dabei, wie Du meinen Einkauf genauso neugierig inspizierst wie ich Deinen. Ich muss grinsen und nicke Dir zu. Du lächelst ein Lächeln, das Deine Augen verfehlt und sagst mit diesem komisch verzogenen Gesicht den Satz, der mir voll in mein müdes Gesicht klatscht: „Aber Du weißt schon, dass Selberkochen nicht soooo viel Arbeit macht, oder?“

BÄM. Mein Mund schaltet kurzerhand auf Autopilot und entscheidet sich für Deeskalation und guten Willen: „Ach weißt Du, wir waren über die Feiertage so viel auf Reisen. Da haben wir unser ganzes Unterwegs-Zeug aufgebraucht. Das musste ich jetzt mal nachkaufen. Auf Vorrat quasi.“ Ich schaue Dir ins Gesicht und erblicke: absolute Verständnislosigkeit. Eine Spur Herablassung. Vielleicht ist es auch mehr als eine Spur.

Ich sag Dir ehrlich – wäre ich nicht ganz so erschöpft gewesen, ich hätte es dabei belassen. Hätte ich nicht vier kranke Wochen, 1.800 Kilometer auf der Autobahn und enorm anstrengende Feiertage hinter mir, ich hätte nichts gesagt. So allerdings gewinnt meine Selbstachtung:

„Aber eigentlich geht Dich das einen Scheißdreck an.“

Ich lasse Dich stehen. Und fühle mich besser.

Diese Dinge habe ich gekauft. Verklagt mich doch.

Diese Dinge habe ich gekauft. Verklagt mich doch.