Doppelleben.

2010-11-17 19.43.49

 

Ich stand mal in Kalifornien in der Wüste. Anza Borrego Desert State Park. Windstille, Flimmern, unglaubliche Weite, das Universum sang leise, hoch über mir und um mich herum. Die gleiche Leere stellte sich ein, wenn ich in den letzten Monaten an diesen Blog dachte.

Wann schreibst Du mal wieder was, fragen Menschen auf Instagram. Ich lese Dich so gern, wann schreibst Du wieder was, fragen Menschen per Mail. Was ist los, wann schreibst Du wieder mal was, fragen Menschen im echten Leben. Ich bin baff über so viel freundliche Großzügigkeit, denn ganz ehrlich, ich rechne nicht damit, dass Menschen an meine Texte denken, wenn sie sie nicht gerade lesen. Und dann fühle ich mich immer ein bisschen mies, weil ich nichts schreibe. Doch ja, ich komme noch zum Punkt, wait for it.

Tatsache ist: Ich schreibe. Nur eben nicht hier. Seit einem guten Jahr gibt es Schattentiere. Dort erzähle ich von meinem Leben als offiziell Verrückte. Bisher habe ich das anonym getan, aber ich habe keinen Bock mehr auf Heimlichkeit. Das, was in meinem Kopf nicht dem Mainstream entspricht, gehört zu mir. Das bin ich. Nicht nur, aber auch.

Es ist unheimlich schwierig, Elternzeug zu schreiben, aber gleichzeitig große Themen auszuklammern, die mein Leben eben auch definieren. Es steckt immer noch große Scham in diesen Themen: Was denken die Leute von mir – warum kann ich mich nicht zusammenreißen – das darf doch die „Öffentlichkeit“ nicht erfahren – oh Gott wenn meine Familie das liest.

Diese Scham kostet Kraft. Sie teilt mein Schreiben und mein Leben. Und deshalb gibt es in Zukunft Kiddo the Kid UND Schattentiere. Ich werde von hier nach dort verweisen und umgekehrt. Vielleicht werde ich einige Leser*innen verlieren, die keinen Nerv auf Depressionspoesie haben. Vielleicht werden sich meine Eltern für mich genieren. Vielleicht werde ich mich schutzlos fühlen, wenn ich das nächste Mal einen Netzmenschen im meatspace treffe. Vielleicht habe ich morgen schon keine Lust mehr, überhaupt noch irgendetwas zu schreiben, weil ich immer ein bisschen durchknalle, wenn ich was soll. Vielleicht wird all das passieren oder nichts davon.

Das Nichtwissen ist beängstigend und schön. Es klopft zaghaft an die Tür. Ich hake die Sicherheitskette aus und drücke die Klinke.

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26 Gedanken zu “Doppelleben.

  1. Claudia schreibt:

    ((()))

    Ich bin hier, ich bleibe hier und ich werde deine Texte weiterhin lesen. Die sind nämlich toll.
    Ich finde deine Entscheidung großartig und mutig. Tu nur, was sich für dich gut oder wenigstens ok anfühlt.

    Gruß von einer anderen Verrückten (und jetzt fällt mir grade erstmal auf „verrückt“ ja irgendwie von „verrücken“ kommen muss und das das irgendwie ganz gut auf mein „neben der Spur“-Gefühl passt.)

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  2. Barbara schreibt:

    Liebe Liz,

    ich mag Deine beiden Seiten! Danke, dass Du uns beide zeigst, vielleicht hilfst Du uns allen, unsere „Schattenseiten“ auch zu zeigen. Bisschen mehr Normalität, weniger Show-off wär doch schön, oder? (Fass an die eigene Nase, hüstel…)😏
    Gruß, Barbara

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  3. Heidi schreibt:

    Ich bin auch offiziell verrückt. Mit so paar diversen Diagnosen. Und ich halte nicht mehr damit hinterm Berg. Ich hab es meinen Kindern erklärt, so das sie es verstehen können und es ist ok für sie. Niemals fehlt Ihnen etwas. Weder emotional noch materiell. Ich hab gelernt es so zu steuern das ich für sie jederzeit „erreichbar“ bin. Abdrehen kann ich in der Zeit wo sie nicht da sind oder schlafen. Therapie Therapie… Tabletten Tabletten… Ich bin ein bisschen durch….
    LG Heidi

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    • Puh ja, es ist einfach anstrengend, das Leben zwischen Therapie und Tabletten. Ich bin mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass für mich eine „ganzheitliche“ Herangehensweise am besten funktioniert. Was soll ich auch ein Fenster abdichten, wenn das verdammte Haus einen Schwamm hat (heute hab ich es mit Hausvergleichen). Also, alles zählt. Was ich esse, denke, wie ich mich bewege, wen ich treffe, was ich arbeite, wo ich lebe. Und viel mehr. All das sind meine Stellschrauben. Ein großer, fragiler Organismus.

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  4. Veronika schreibt:

    Ich denke tatsächlich immer wieder, in unregelmäßigen Abständen, daran, hier vorbeizuschauen, ob es einen neuen Text zu entdecken gibt. Ich lese die doch so gern, ich mag Deine Schreibe einfach. Und Deine Themen mag ich auch. Dann geh ich mich mal bei den Schattentieren umschauen. Vielen Dank, dass Du uns daran teilhaben lässt! Und es ist gut, wenn die Scham – bei Dir und vielleicht auch bei einigen anderen – weniger Raum einnimmt. Irgendwann müssen sich „offiziell Verrückte“ hoffentlich vor gar niemandem mehr schämen…

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  5. Mutig von Dir. Hoffe, dass das Schreiben drüben Dir hilft.

    Wenn Leser wegbleiben – was willst Du auch mit welchen, die nur die eine Fassade mögen und keinen Blick dahinter vertragen? Wenn Leute sich für Dich genieren – würden sie das auch, wenn Du, was weiß ich, Heuschnupfen hättest oder Reizdarm oder einen komplizierten Knochenbruch? Wenn Du wo, wie und warum auch immer kaputt bist, ist das nun wirklich kein Grund, sich für Dich zu genieren, egal wie schwierig der Umgang mit der Angelegenheit im Einzelnen vielleicht sein mag.

    Ich wünsche Dir, dass sich alle benehmen und dass Du mit allem zurandekommst. Lieben Gruß!

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    • Ich wünsche mir auch, dass sich alle benehmen. Mit „mutig“ bin ich mir nicht sicher – was ist mutig und warum? Vielleicht war‘s auch einfach nur bescheuert.
      Ich stand halt vor dem Punkt, an dem ich mich entscheiden musste, entweder gar nichts mehr ins Internet zu schreiben oder die ganze Packung. Gar nichts war die blödere Vorstellung.

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      • Naja, mutig und bescheuert schließt sich nicht unbedingt aus.

        Mutig war es, weil Du da viel mehr von Dir zeigst, als viele, mich bisher eingeschlossen. Bescheuert wird es nur, wenn genug Leute hier bzw. auf Schattentiere auftauchen, die sich nicht benehmen. Da hast Du natürlich wenig Einfluss drauf. Man könnte natürlich argumentieren, das macht den Schritt bescheuert.

        Andererseits, wenn die Alternative, hier ganz zuzumachen, für Dich nicht akzeptabel erscheint und das Schreiben im Internet Dir wichtig ist und auf irgendeine Art hilft, war es sicher der richtige Schritt.

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    • Ach ja – noch was: Die Gefahr bei sowas ist ja gegeben, dass man als Betroffenheitstussi gelabelt wird und das quasi für immer bleibt. Sollte das passieren, lösch ich den gesamten Scheiß gnadenlos weg. 😶

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      • Dann hoffe ich umsomehr, dass das Publikum sich benimmt. Es wäre schade um die schönen Beiträge hier. Ich habe hier viel mitgenommen, und die vielen tollen Texte würde ich ungern verschwinden sehen – ich kann ja nicht alles von Dir vorsorglich archivieren 😉

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  6. Judith schreibt:

    Du bist der einzige elternblog, den ich abboniert habe, einfach weil ich das was du schreibst authentisch und ehrlich finde und ich glaube, dass wir genau das als Eltern wirklich brauchen, das wir ehrlich zueinander sind. Danke deshalb für deine Offenheit und Ehrlichkeit, es macht Mut zu dem zu stehen was ist, in jeglicher Hinsicht. Viele herzliche Grüsse von einer ebenfalls ein klein wenig Ver-Rückten

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  7. MaMaMa schreibt:

    Ich lese hier sehr gerne mit, und ich werde auch die Schattentiere gerne lesen. Ich wünsche dir sehr, dass sich niemand für dich geniert, sondern dass dir Vertrauen gegeben wird und Verständnis und Kraft. Davon kann man als Kind (egal wie alt) nie genug haben!

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  8. jule schreibt:

    In Sachen Verrücktheiten: Neulich hab ich mich nach dem Einsteigen bei der S-Bahn-Ansage verhört:
    „Verrückt bleiben, bitte!“
    Mochte ich sehr. Ich kicherte spontan und hemmungslos und wurde von den umstehenden (zurückbleibenden) Menschen angeschaut, als wär ich verrückt geworden. (Oder geblieben?) Damit kann ich gut leben. Zwei ließen sich anstecken und lachten mit. Schön, mal wegen Lachens irritierte Blicke zu ernten statt wegen einer Heulattacke …

    Danke fürs Mitteilen. Die ersten bislang bei „schattentiere“ gelesenen Texte haben mich sehr berührt.
    Ich hab eine leichte Ahnung, was Depressivsein wirklich bedeuten kann und wie machtlos und leer es Menschen machen kann. Ich hatte Glück, dass ich nach der Einsicht, dass es sinnvoll wär, professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen, tatsächlich gute Hilfe fand.
    Hab Dir auf den Kommentar „drüben“ hin eine Mail gesandt, und zwar an die hier im Blog genannte Adresse (salut).
    Solltest Du den empfohlenen Arzt tatsächlich aufsuchen, kannst Du ihn gern von mir grüßen, wenn Dir das nicht zu doof oder zu sonstwas ist. Wobei ich nicht weiß, ob er sich noch an mich erinnert, war im Frühling zuletzt dort. Vielleicht würds beim Stichwort „Heulpraktikerin“ dämmern.

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  9. Lara schreibt:

    Schön, dass Du wieder da bist! Ich mag Deine Texte sehr und freue mich auf weitere. Ich werde auch Schattentiere lesen und finde es toll, dass Du dort schreibst. Damit leistest Du einen sehr wichtigen Beitrag. Ich bin mit einem manisch-depressiven Vater groß geworden und wir durften es viele Jahre niemandem erzählen aus Sorge, was andere Leute denken könnten. Ich wünsche mir, dass es noch viel mehr Leute gibt, die genau so mutig sein wie Du und offen über Ihre Verrücktheiten schreiben!

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