Bauchgefühle. Retrospektive.

Ich habe mir, endlich, den Film angeschaut. Den Kaiserschnitt-Film von Judith Raunig. Die Dokumentation wurde vor einer ganzen Weile schon einmal ausgestrahlt – und ich habe es nicht über mich gebracht, sie anzusehen. Warum, hätte ich nicht sagen können. Irgendein Widerstand war da.

Aber ein zweites Mal wollte ich ihn nicht verpassen, also: Augen auf und durch. Ich wünschte, noch viel mehr Menschen würden sich diesen Film anschauen. Menschen, die in beruflicher oder privater Hinsicht auf Kaiserschnittmütter treffen. Selbstverständlich sind nicht alle davon traumatisiert – ich kenne viele Frauen, die sogar ziemlich happy mit ihrem Kaiserschnitt sind. Klar, gibts. Es gibt aber auch die, die in dem Film zu Wort kommen. Die gar nicht happy sind. Denen unter der Geburt die Selbstbestimmung und ein gerüttelt Maß Würde genommen wurden. Ob man zu denen gehören wird, weiß man vorher nicht. Selbst mit Wunschkaiserschnitt weiß man es vorher nicht. Ich hätte von mir nie gedacht, dass ich so lange an der OP knabbern würde. War immer eine von der Fraktion „Hauptsache, dem Kind geht’s gut“ und „Man muss ja auch dankbar sein“. Wie es sich mit der Dankbarkeit verhält, habe ich in meinem Geburtsbericht aufgeschrieben.

Und heute? Wie geht es mir heute damit?

Besser. Ja, es geht besser. Ich fühle mich nicht mehr wie ein entzweigehackter Regenwurm. Alles wächst zusammen, fügt sich, beginnt wieder zu spüren. Das Regenwurmgefühl besserte sich maßgeblich nach einer Shiatsu-Behandlung – damit hätte ich im Leben nicht gerechnet, aber so war’s. Als ich die Praxis der Therapeutin verließ, hatte ich zum ersten Mal seit vielen Monaten wieder das Gefühl, ein ganzer Körper zu sein. Das war so schön, dass ich im Auto geweint habe.

Die Narbe finde ich immer noch enorm hässlich. Sie stört mich, wenn ich sie sehe. Ich bin wütend auf sie. Ich wünschte, ich könnte sie verschwinden lassen. Seit einer Weile denke ich darüber nach, sie tätowieren zu lassen. Weil ich Tätowierungen sowieso habe und liebe, wäre das ein harmonischer Schritt. Aber ich habe mich noch nicht entschieden – die Angst vor dem Schmerz an genau dieser Stelle ist zu groß.

Noch eine Überraschung: Diese vielbeschworene Dankbarkeit, die man als Kaiserschnittmutter gefälligst empfinden soll, die ist nun auch in meinem Kopf angekommen. In den letzten Monaten war ich oft sehr dankbar, dass das Kiddo wohlbehalten zu uns gekommen ist. In dem Maß, wie meine Trauer und Wut abflaute, wuchs die Dankbarkeit. Das ist schön, aber ich bin mir sicher: erzwingen hätte ich das nicht können, nicht mit noch so viel Denkarbeit und Demut.

Und trotzdem: Die Aussagen der Frauen in dem Film gingen mir nah. Näher als erwartet. Eine Frau spricht vom Gefühl des Ausgeweidet-werdens…oh ja, so fühlte ich das auch…eine andere erzählt, dass sie auf dem Weg in den OP dachte: Ich sterbe jetzt, ich komme nicht zurück. Dieser Gedanke: Ich sterbe jetzt. Der packte mich, als die Hebamme mir den OP-Kittel anzog, und er ließ mich erst wieder los, als ich Tage später zuhause in meinem eigenen Bett lag. Noch in der Klinik hatte ich immer wieder plötzlich den Gedanken: Ich sterbe jetzt. Ich weiß nicht, wie man sowas nennt. Flashback vielleicht? Keine Ahnung.

Wie geht es Euch in der Zwischenzeit, liebe Kaiserschnitten*? Mögt Ihr mir davon erzählen? Wenn Ihr einen Blogbeitrag zum Thema geschrieben habt oder Leselinks empfehlen möchtet: Ab in die Kommentare damit.

Edit: Und wie im letzten Beitrag möchte ich noch einen tollen Link ergänzen, der vielleicht der ein oder anderen Leserin weiterzuhelfen vermag, ob Kaiserschnitte oder spontan Gebärende. Den Artikel „Was ist eigentlich ein Trauma?“ von der tollen Katja von Krachbumm las ich gestern, er passt sehr gut hierher. Zitat: „Es kommt nicht darauf an, was andere als „schlimm“ bewerten, sondern darauf, wie etwas erlebt wird.“  So ist es.

kaiserschnittnarbe

Ja. Das ist meine.

*(danke an Rike für diesen fabelhaften Ausdruck)

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34 Gedanken zu “Bauchgefühle. Retrospektive.

  1. M. schreibt:

    Bei meiner ersten Geburt kam es zu einem Geburtsstillstand, weil meine Tochter im Becken fessteckte und einfach nicht rauskam, es wurde alles mögliche ausprobiert und die halbe Klinik lag auf meinem Bauch: nichts passierte. Ein Kaiserschnitt stand plötzlich zur Debatte, was aber auch nicht einfach gewesen wäre, da der Kopf eben schon im mittleren Becken steckte. Zig Ärtze und Hebammen standen um mich herum im Kreißsaal und beratschlagten sich, alle guckten sehr ernst. Und ich dachte auch die ganze Zeit, dass das entweder ich oder mein Kind nicht überleben wird, oder wir beide nicht. Letztendlich kam es dann zu einer Zangengeburt mit hardcore Dammschnitt und hohem Blutverlust + Rippenprellung meinerseits, da massiv zusätzlich auf den Bauch gedrückt wurde. Ich hatte wochenlang Schmerzen! Zwar bin ich nun ja keine Kaiserschnitte 😉 aber ich kam mir auch sehr ausgeliefert vor und es hat eine Weile gedauert, bis ich wirklich meinen Frieden mit diesem Gemetzel geschlossen hatte. Auch bin ich mit ziemlicher Angst in die nächste Geburt gegangen, die dann allerdings ein totaler Spaziergang war, so auch die folgende. Zum Glück!

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    • Bei mir lief es sehr ähnlich. Ich hatte das Gefühl, dass nur noch über mich hinweg, wie über ein Objekt diskutiert und bestimmt wurde. Vielleicht ist es mein zu stark ausgeprägtes Kontrollbedürfnis, aber für mich war das ganz traumatisch. In ein paar Monaten soll nun Nr2 zur Welt kommen und ich merke langsam, dass ich meine erste Entbindung noch nicht verarbeitet habe. Ich habe Angst und werde zur Zeit von Hebammen und Ärzten noch nicht ernst genommen in dieser Hinsicht. Hoffe nur, ich kann meine Bedürfnisse und Interessen diesmal im Kreissaal besser vertreten. Was ich damit sagen will: ich glaube, Ähnliche Erfahrungen gibt es auch auf der anderen Seite. Vielleicht bringt das so eine Geburt aber auch mit sich und ich sollte mich mit diesem Gedanken vertraut machen:-(

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      • M. schreibt:

        Ja, ich habe mich ziemlich lange gefragt, ob ein Kaiserschnitt nicht vielleicht doch die bessere Alternative gewesen wäre… Plötzlich Im Kreißbett zu liegen, wie aufgebahrt, mit hochgeschnallten Beinen und lauter bis dahin fremde Leute gucken, tasten, reden, schütteln den Kopf usw. war schon kein schönes Erlebnis… Für meinen Mann übrigens auch nicht.
        Alles Gute für die zweite Geburt! Oftmals ist es ja wirklich so, dass bei Folgegeburten wirklich alles schneller und einfacher geht, das wünsche ich Dir!

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    • Ich glaub, im Grunde tut sich das nix. Ob Kaiserschnitte oder nicht. Beides kann total ätzend oder total gut laufen, oder irgendwas dazwischen. Rippenprellung möchte man auch echt nicht haben. Hatte ich auch, weil bei der OP noch kristellert wurde. Möh.

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  2. Claudia schreibt:

    Ich finde deine Narbe schön. Wirkt so irgendwie klein. Meine erscheint mir riesig, dabei ist sie jetzt nachdem dritten Kaiserschnitt wenigstens grade. Die erste sah aus als hätte Rambo sie mit dem Buschmesser in aller Eile im Wald gemacht. Die zweite war deutlich schöner, gerader und weniger knubbelig, dabei war der erste in aller Ruhe gemacht worden und der zweite ein absoluter Turbo-Notkaiserschnitt.
    Mit dem ersten KS hatte ich auch lange Probleme. Körperlich und emotional. Es hat noch monatelang beim niesen, husten, lachen weh getan. Dazu kam das Gefühl versagt zu haben und das Gefühl entstellt zu sein.
    Den zweiten KS hab ich besser verkraftet. Wenige Tage später bin ich wieder rumgehopst wie der junge Frühling, von Schmerzen keine Spur. Das er unter vollnarkose stattfand War eher das Problem, das führte zu Bindungsproblemen, die aber heute überwunden sind.
    Der dritte war dann eigentlich Routine. Ich hatte alles versucht, alles gegeben aber mein Körper ist eben nicht zum gebähren gemacht. Also KS dachte ich mir dann, kennste ja, was solls.
    Von dem KS hatte ich dann allerdings flashbacks, er war schmerzhaft sehr schmerzhaft und ja ausgeweidet trifft es. Allerdings fühlte ich mich nie entmündigt, es geschah alles so wie ich es wollte, zumindest soweit ich das beeinflussen konnte. Aber es war trotzdem so unglaublich. .. krass.
    Am liebsten würde ich ja ein Bild von meiner heutigen Narbe anhängen und noch lieber wäre mir eine KS-Narbe-Parade.
    Heute bin ich jedenfalls sehr glücklich in meinem Leben. Das es nun drei Kaiserschnitten wurden kann ich nicht ändern und es spielt auch keine Rolle mehr. In Relation zu den 5 Jahren mit meinem Großen ist die fast 24stündige Geburt ein winziger Moment. Verglichen mit dem langen, schweren Kampf um das Leben meines viel zu früh geborenen zweiten Sohnes ist der Kaiserschnitt echt so dermaßen unwichtig für mich und nun ja, dass Mausi nun auch ne Kaiserschnitte ist, so what?
    So ist es für mich. Ich will mit dem Vergleich zur Frühgeburt nicht andeuten das andere es leichter hatten oder haben und deswegen nicht jammern dürfen, nur das es für mich persönlich eben genau diese Erkenntnis gab, das eben die Geburt nur ein Moment ist von so vielen bedeutenden Momenten im Leben mit Kind.

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    • Das stimmt, und so relativiert es sich auch bei mir gerade. Nur ein winziger Moment. Noch bin ich nicht so 100% cool damit, aber es wird.

      Und einer Narbenparade fände ich SO gut! Super Idee. Also jede, die möchte, kann mir gern ein Foto und ein paar Zeilen dazu schicken, und ich mach dann nen Sammelbeitrag. Vorausgesetzt, noch mehr Frauen haben Lust auf sowas. Irgendwo im Netz gibts ne Sammlung von Kaiserschnittnarben, aber eher so mit medizinischem Hintergrund.

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  3. Ich hatte mittlerweile zwei Stück. Der zweite Kaiserschnitt hat mich mit dem Trauma des ersten versöhnt… Beide Male hatte ich keine Wahl: beim ersten Kind hatte ich ein HELLP-Syndrom und innerhalb von 12 Stunden wurde zuerst von Einleitung und dann von sofortigem KS gesprochen. Der fand unter Vollnarkose statt. Die Vorbereitungen auf dem OP-Tisch fand ich entwürdigend, und die Tatsache dass „sie mir meinen Bauch genommen haben“, hat mich lange beschäftigt. Es dauerte eine Weile, bis ich eine vernünftige Bindung zu meinem Kind hatte… Beim zweiten war es dann eine Plazenta prävia, die eine vaginale Geburt unmöglich machte. Da hatte ich aber 20 Wochen, um mich mit der Tatsache abzufinden und die gleiche Therapeutin wie nach der ersten Geburt hat mir vor der zweiten sehr weitergeholfen. Diesmal war es dann eine PDA, ich war also zumindest „dabei“ und war auch insgesamt vielviel schneller danach wieder auf den Beinen. Ich wünsche mir noch immer, ich hätte eine vaginale Geburt erleben dürfen, habe aber meinen Frieden geschlossen.

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  4. Sectio Mama schreibt:

    Mein Kind wurde auch per Sectio geholt. Dies, da Presswehen auf Grund von Blutdruckproblemen möglicherweise eine Hirnblutung bei mir ausgelöst hätten. Ich wusste das jedoch bereits einige Wochen zuvor und konnte mich innerlich darauf einstellen. Ich habe die Geburt sehr gut erlebt. Auch mag ich meine Narbe. Andere Mütter lassen sich die Namen ihrer Kinder tätowieren, ich brauche das nicht, ich habe meine Narbe. Sie erinnert mich jedesmal an mein wundervolles Kind. Sie gehört zu mir, ich möchte sie nicht mehr missen. Sie erinnert mich an alles was ich in den Wochen vor und nach der Geburt durchgemacht habe. Sie ist Teil meiner Geschichte. Mein Kind war auch eine Frühgeburt und ich sehe das wie Claudia. Was ist der Moment der Geburt im Vergleich was danach kam..
    Ich hatte auch nie ein Gefühl des Versagens oder sonst wie Mühe mit der Sectio. Eine normale Geburt hätte schwere Beeinträchtigungen für mich und wahrscheinlich auch mein Kind mit sich bringen können, also bin ih sehr froh und dankbar, dass es die Möglichkeit des Sectio gibt und es meinem Kind und mir heute so gut geht. Ich finde auch nicht, dass Sectio Mamas „nichts geleistet“ haben. Ein Sectio braucht viel Mut. Davor, während und danach. Die Schmerzen sind nicht ohne. Für mich ist ein Sectio nicht eine Geburt zweiter Klasse. Ich hatte aber auch ein super OP Team und fühlte mich gut aufgehoben. Dies trägt sicher auch dazu bei, dass ich nie das Gefühl hatte, mich mit meiner Geburt versöhnen zu müssen. Es gab keinen Grund.

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    • Je mehr ich lese, umso sicherer bin ich mir: Mit der Betreuung vor, im und nach dem OP steht und fällt die seelische Befindlichkeit der Frau. Ein gutes OP-Team und die richtige Unterstützung kann so viel abfedern. Schade, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.

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  5. mom schreibt:

    Mich hat Dein Bericht sehr berührt, eben, weil ich Dich eher auf der rationalen/nicht-so-flauschigen Seite des Lebens sehe, und wenn Du dann beschreibst, wie sehr Du an dem Kaiserschnitt zu knabbern hattest, wird mir klar, was das doch für ein enormer Eingriff für Dich war. Es freut mich sehr, dass Du nun damit Frieden schließen kannst!
    Vielleicht ist neben dem Kontrollverlust so traumatisierend, dass man sich plötzlich dem Tod so nahe wähnen kann – das Gefühl hat man ja bei uns eher nicht so oft? Da bricht das Unerwartete und Schwer-zu-Kontrollierende plötzlich mitten ins Leben ein, damit muss man erst mal fertig werden.

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    • Das stimmt – ich könnte diese Gefühle, die ich da hatte, mit keinen anderen Gefühlen in meinem Leben vergleichen. Aber das gilt wahrscheinlich für jede. Im Nachhinein sind es so einzelne Moment, die mir vorkommen wie aus nem Horrorfilm. Die Betrachtung ist auch ganz distanziert und ungläubig mittlerweile.

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  6. Roswita schreibt:

    Hallo! Ich schließe mich SectioMama an.
    Der Kaiserschnitt unserer Kurzen war nach 14 Std. Wehen und mehreren Komplikationen nötig. Als die ersten Wehen kamen habe ich gedacht, Wow!Super, du rockst das jetzt genauso wie tausendmillionen anderer Frauen. Und hey! ich hab verdammt lange Wehen gehabt. Nur fehlende Herztöne beim Baby machen nicht unbedingt entspannter. Ich hatte ein gutes OP Team, die sehr einfühlsam auf meine Ängste eingegangen sind & mir erklärt haben was kommt. Mein Mann durfte auch mit in den OP & anschließend habe ich die Kurze in den Arm bekommen. Klar durfte ich mich auch schon von Vaginalentbinderinnen anhören, dass uns jetzt total viel fehlt – das schätze ich für mich & mein Baby anders ein – und was genau da fehlt konnte mir auch keine erklären. Und ehrlich gesagt, bin ich mit meinem gesunden, zufriedenen Baby sehr glücklich, wir wollen nicht wissen, was hätte statt dessen passieren können.

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    • Oh ja, ich hatte auch ewig lange Wehen. Und der Muttermund war auch schon früh offen. Weiß der Henker, woran es dann wirklich lag. Das mit der Dankbarkeit, wie gesagt, stellte sich so bewusst er später ein. Dafür aber umso nachhaltiger 🙂

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  7. alleswirdgut schreibt:

    Mein erster Kaiserschnitt fand nacht um halb zwei statt, nach 24 Stunden Wehen(tropf) und unklarem Befund (2 Hebammen und 1 Ärztin tasteten zum gleichen Zeitpunkt 2, 3 und 8 cm, Sterngucker oder auch nicht und 1 cm Gebärmutterhals). Die Ärztin hat mir die Wahl gelassen aber ich habe bereits um einen Kaiserschnitt gebettelt. Endlich tut mal jemand was, dachte ich, während ich seitlich in die Schüssel spuckte. 24 Stunden waren mein Freund und ich nämlich so gut wie unbetreut im Kreißsaal – die Hebammen waren alle im Einsatz, nur nicht bei mir. Es ist ja auch Vollmond, hieß es, da bekommen alle ihr Kind. Ach so. Nachdem die drei sich nun also berieten, wurden die Herztöne schwächer und es ging auf einmal ganz schnell. Nee, ein Kaiserschnitt ist nicht schön aber er beendet das Leiden. Und zwar relativ schnell. Deshalb bin ich dankbar. Ich wollte minutiös und über Wochen von meinem Freund diese Geburt rekapituliert bekommen, aber er hatte auch einen Blackout und mag sich nicht so richtig erinnern. Er wollte nach der Entbindung zwei Wochen lang keinen Menschen sehen, nur unsere Tochter und mich. Danach war es für ihn gegessen. Ich habe mir drei Monate lang alle Staffeln „One Born Every Minute“ (Channel 4) angeschaut. Ja, es ist Privatfernsehen. Ja, es ist emotional. Aber hier konnte ich unzählige Kaiserschnitte sehen. Meinen eigenen hab ich nur im Dämmerzustand im Kopf, und ich hab viel zu sehr gezittert um meine Tochter halten zu können. Also hab ich vor dem Bildschirm jedes mal geheult und mich jedes mal, wenn dort ein Baby auf die Welt kam, über mein eigenes gefreut.

    Dann kam, nicht lange nach dem ersten auch schon das zweite Kind. Großer, dicker Junge. Sah nicht gut aus in puncto Vaginalgeburt. Weil die Narbe noch zu frisch war. Hmmm. Am Anfang war ich noch wild entschlossen, den irgendwie rauszupressen. Hätten die Ärzte auch gemacht. Versucht zumindest. Aber ich wollte auf einmal nicht mehr. Ich hab gedacht, bis Tag X kann er kommen, danach will ich ihn holen lassen. Ich pack das nicht anders. Und so war es. Geplanter Kaiserschnitt ist auch nichts Schönes. Selbst wenn man keine Wehen hat. Das Procedere ist das gleiche, aber ne CPA unangenehmer als eine PDA. Der Kompromiss war eine Kaisergeburt: Sie heben das Baby also aus dem Bauch und über das Tuch und mein Freund kann die Nabelschnur durchschneiden und ich konnte ihn sehen, meinen kleinen Mann mit seinem riesigen Kopf und den großen Augen, die mich anschauten. Da war ich versöhnt. Obwohl ich Minuten vorher noch dachte, ich werde sterben, zitterte und spuckte und um Hilfe rief.

    Geburten sind nichts schönes, ahne ich. Ich kenn nur eine Frau, die gerne in den Wehen lag. Alle anderen fanden es viehisch. Egal ob vaginal oder Kaiserschnitt. Aber ich kenne einige, wahrscheinlich inklusive mir, denen der Kaiserschnitt das eigene Leben oder das ihrer Kinder gerettet hat. Von daher finde ich, wir sollten nicht zu hart sein, mit uns, unseren Narben, den Hebammen und Ärzten. Jeder tut doch was er kann.

    Und: Deine Narbe sieht super aus. Man fragt sich fast: Welche Narbe?

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    • Viele Sätze würde ich gern unterstreichen 🙂

      Ich bin auch überzeugt, dass eine Geburt in jeglicher Form traumatisieren kann, wenn es scheiße läuft. Ganz egal, ob vaginal oder KS. Total mistig finde ich immer, wenn man das den Frauen ausreden will. Der Mythos, dass eine Geburt im schönen Sinne überwältigend zu sein hat, macht doch nur Druck, sonst gar nichts.

      Das mit der Kaisergeburt find ich total super, wenn man nen Plan-KS hat. Eine sehr gute Innovation, das. Würde ich je wieder ein Kind bekommen, und es ginge nicht vaginal, dann wäre das meine Alternative.

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  8. Piotra schreibt:

    Wie immer sehr treffend!
    Ich konnte den Film nicht schauen. Ich könnte mir auch niemals nicht die Narbe tätowieren lassen…by the way ist sie dafür auch viel zu wulstig :). Es geht mir gut und mein Kind entwickelt sich super. Aber diese Narbe ist noch lange kein Teil von mir. Und obwohl ich dachte, „schlimmer kann ein Geburtserlebnis nicht sein“ und „mich schockt nix mehr“ hab ich eine nicht unerhebliche Angst davor, wenn sich ein zweites Wunschkind ankündigt, wie das wohl auf dieser Welt ankommen wird…
    Und abschließend noch: ich glaube, dass beide Geburtsarten traumatisch sein können. Und ich würde mir wünschen, dass es für diesen Fall viel mehr Hilfsangebote gibt. Und wenn ich soweit bin, möchte ich gern meinen Teil dazu beitragen…
    Ich kann mich nur anschließen: deine Narbe sieht super aus!!!

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    • Danke – man sieht sie nicht so richtig auf dem Foto, es war ein spontanes Badezimmer-Selfie am späten Abend 😀

      Objektiv ist sie nicht „schlimm“, aber ich kann sie einfach nicht ausstehen.

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      • Piotra schreibt:

        Kann ich verstehen, ich kann meine auch nicht ausstehen. Würde am liebsten was draufkleben…mir wird immer ganz blümerant, wenn mein Kleiner nachts in die Narbengegend tritt…ugs. Hoffe, das geht irgendwann vorbei…

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  9. Miss S. schreibt:

    Das ist vielleicht so halb Off-Topic (meine Geburt war „normal“), aber ich hatte vor vielen Jahren eine Schilddrüsen OP und dann eine schwulstige Narbe am Hals, die jeder sehen konnte.
    Damals habe ich viel gecremt und all das, und dann nach einem Jahr habe ich Cortison in die Narbe spritzen lassen beim Hautarzt, so dass aus einem Wulst eine feine, glatte, eingesunkene Narbe wurde. Das war kurz schmerzhaft, super effektiv und hat in zwei Sitzungen je 30 Euro gekostet.
    Man kann es dann auch noch lasern lassen, so dass jede Rötung weg ist; das war mir dann egal….
    Was ich sagen wollte: man kann da jedenfalls bißchen was machen lassen, kostet nicht die Welt und ist kein großer Eingriff. (nein, kein Werbeposting vom Hautarzt… hat für mich einen großen Unterschied gemacht)

    Achso, und zwei tolle Empfehlungen für Fotoprojekte von Mutterkörpern:
    4th Trimester Bodies
    http://4thtrimesterbodies.com/

    Und: The shape of a mother
    http://theshapeofamother.com/

    Da zeigen jeweils Frauen in Unterwäsche bzw. nackt ihre Körper als Mutter. Bei Shape of a Mother gibt es auch eine Cesarians Kategorie.

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  10. Ihr lieben „Kaiserschnitten“ (lustig und unpathetisch, toller Name, den ihr da gefunden habt! 😉

    Habt ihr den Blogpost von Anja gelesen? http://www.zockt.com/vonguteneltern/?p=4373
    Mit euren schlimmen Erfahrungen seid ihr nicht allein!

    Lasst uns gemeinsam etwas tun, um für die Rechte von werdenden Müttern zu kämpfen! Tretet unserem neu gegründeten Verein „Mother Hood“ bei oder engagiert euch bei Demos, Aktionen oder verfolgt einfach, was wir machen um die Situation zu verbessern und klärt Freunde über die Problematik auf! Mit einer besseren Versorgung in der Schwangerschaft, während der Geburt und im Wochenbett hätten viele eurer Geschichten wahrscheinlich einen anderen Verlauf genommen.

    Ihr findet Mother Hood derzeit noch unter dem Namen „Hebammenuntertsützung“ auf Facebook: https://www.facebook.com/groups/hebammenunterstuetzung/ oder zum „Liken“: https://www.facebook.com/Hebammenunterstuetzung?fref=ts oder die Website: http://www.hebammenunterstuetzung.de/

    Wir sind viele und wir müssen was tun, damit sich etwas ändert!

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  11. Dreifachschnitte schreibt:

    Kaiserschnitten! Grandioser Name!!! Ich bin auch eine, eine dreifache sogar.

    Zweimal vergeblicher Versuch einer Spontangeburt, die dann im OP endete. Schock, tiefe Traurigkeit, die plötzliche Erkenntnis dass ich gerade beinahe gestorben wäre und mein Kind mit mir, fiese Schmerzen und saublöde abfällige Kommentare vom OP-Pfleger.
    Die Nachsorgehebamme rümpfte auch verächtlich die Nase und ich habe mich als Totalversagerin gefühlt.

    Warum kann ich nicht, was alle anderen auch können?

    In der dritten Schwangerschaft wollte ich erneut einen Vesuch wagen, das Kind spontan zu bekommen. Wochenlange vorzeitige Wehen – dank Nierensteinen – setzten der Narbe aber zu sehr zu. Sie drohte sich zu öffnen und wir mussten 6 Wochen vor Termin einrücken und die Schwangerschaft per OP beenden. Diesmal aber bei Helligkeit, in aller Ruhe und Würde. Ein himmelweiter Unterschied!!! Ich habe mich erheblich schneller wieder erholt, hatte viel weniger Schmerzen und auch hinterher keine Angstattacken etc.

    Als die großen Brüder ihren kleinen Bruder zum erstenmal besuchten erklärte der Große dem Baby: „Wir sind nicht nur Brüder, wir sind auch alle drei Rotkäppchen -Kinder!“ Diese zusätzliche Gemeinsamkeit und Besonderheit ist ihnen bis heute wichtig und sie bitten mich immer mal wieder ihnen zu zeigen, wo sie aus mir „ausgestiegen“ sind.
    Irgendwie finde ich das echt schön und es versöhnt mich mit der inzwischen 12 Jahre alten Narbe
    (die ich im übrigen auch nicht ausstehen kann! Habe das mit dem Foto gerade versucht und konnte mich nicht überwinden abzudrücken…)

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    • Rotkäppchen-Kinder! Wie kommen sie denn auf den Begriff? Find ich schön. Diese Kommentare seitens des Pflegepersonals kenn ich. Ich glaube, die schotten sich da emotional total ab, müssen sie vielleicht. Ich hab am letzten Tag in der Klinik eine sehr bärbeißig auftretende Schwester quasi angeschrien und wollte wutschnaubend davonmarschieren – bloß war nach zwei Schritten Ende aufgrund irrer Schmerzen. Es wurde dann ein wutschnaubendes Davonhumpeln.

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      • Dreifachschnitte schreibt:

        Autsch, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich habe meinem Mann nach dem ersten Kaiserschnitt – als die PDA noch wirkte – gesagt, ich müsse jetzt wohl doch 2 Tage im Krankenhaus bleiben. Er war so klug das einfach so im Raum stehen zu lassen… Es wurden 6 Tage draus und die Schmerzen waren super ätzend. Beim zweiten und vor allem beim dritten Kaiserschnitt war es viel viel besser.

        Rotkäppchen-Kinder: das ist beim Vorlesen entstanden. Bei der Stelle wo der Jäger den Wolfsbauch aufschneidet und Rotkäppchen vergnügt herausspringt hat unser Großer (damals 5 Jahre alt) gesagt: „So wie Max und ich bei Dir!“ Seitdem identifizieren sie sich besonders stark mit dieser Geschichte (dicht gefolgt von den 7 Geisslein, wobei ihnen da die Menge der aussteigenden Geschwister ein bisschen unheimlich ist).

        Als ich mit Nummer 3 schwanger war haben sie den Babybauch manchmal gestreichelt und dem Baby erklärt wo der Ausgang (die Narbe) ist. Das es da eigentlich einen anderen Ausgang für gibt ist ihnen zwar bekannt, den ignorieren sie aber. Sie sind schließlich Rotkäppchen-Kinder. Das ist nicht jeder! Von Anfang an ’ne Extrawurst. 😉

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  12. MamaOTR schreibt:

    Ich hatte zwei Kaiserschnitte, der erste war ein Not-KS, der zweite freiwillig, da ich aufgrund von vorgängjgen Fehlgeburten zu viel Angst hatte. Der zweite KS war traumatisch, doch das habe ich fast ein Jahr lang verdrängt – bis es wieder hochgekommen ist. Das habe ich hier verbloggt:

    http://www.mama-on-the-rocks.blogspot.ch/2015/01/das-geburtstrauma-von-dem-ich-nichts.html

    Jetzt bin ich wieder mit mir im Reinen und mein Körper ist ganz. Aber manchmal habe ich wieder höllische Schmerzen, und ich weiss, wieso :-(.

    Ich drück Dich ganz fest <33

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    • Oh ja, Deinen Text hatte ich gelesen und gleich einen Kloß im Hals gehabt. Kann mir sehr gut vorstellen, wie diese plötzliche quasi körperliche Erinnerung Dich überrannt hat.

      Braucht kein Mensch. Urgh.

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  13. Liebste Liz, danke dir fürs Verlinken, ich wünsch dir ganz fest, dass du dich irgendwann mit deiner Narbe aussöhnen kannst. Meine behalte ich derweil „froh“ als Zeugnis, dass wirklich eine Geburt passiert ist und als Unterschrift. Deine Beschreibung des Regenwurmgefühls find ich echt ganz passend auch für mich. Meinen Text dazu kennst du vermutlich eh: http://www.krachbumm.com/2014/10/21/von-der-hausgeburt-zum-kaiserschnitt-wenn-liebe-ohne-herzchen-ist/

    Aber generell wird viel zu oft übersehen, dass Geburt wirklich ein Trauma auslösen kann oder auch retraumatisierend wirken kann, wenn früher schon mal Situationen des Ausgeliefertseins da waren. Irgendwie denk ich jetzt grad an den Wolf und die 7 Geißlein. Auch wenn ich vorm Wolf ne Wahnsinnsangst hatte, dass die dem den Bauch aufscheiden fand ich ebenso gruselig und schrecklich wie das Auffressen der Zicklein.

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  14. eliza schreibt:

    Meine Tochter kam per Kaiserschnitt zur Welt, weil sie zum Zeitpunkt des vorzeitigen Blasensprungs quer lag. Es ging alles unvorstellbar schnell – das hat mich so fertiggemacht. Weil sie zu leicht war, kam sie sofort auf die Säuglingsstation – innerhalb von 20 Minuten war ich Bauch und Kind los und konnte es weder begreifen noch ertragen. Die sehr nette Anästhesistin tröstete mich auch damit , dass es ja nur die ersten Stunden seien, denen ein ganzes Leben mit dem Kind gegenüber stehen. Hat mir in dem Moment nicht geholfen, inzwischen sehe ich es auch.
    Die fiesen Schmerzen in den nächsten Tagen hätte ich sicher mit mehr Zuversicht ertragen, wenn mir das Krankenhauspersonal mit etwas mehr Verständnis und Erklärung begegnet wäre. Ich glaube, man hielt mich für ein Weichei (o-ton Schwester: richtige Wehen haben sie ja nicht erlebt), während ich die ganze Zeit schlimme Komplikationen befürchtete, weil ich echt nicht darauf eingestellt war, dass es so lang so wehtun würde.
    Das liegt jetzt alles hinter mir, ich bin sehr glücklich mit der Kleinen und die Narbe ist okay für mich. Aber an eventuelle weitere Geburten mag ich nicht denken. Aber das geht sicher vielen so, auch ohne sectio.

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